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Natürlicher Zustand: Erwachen zur nichtdualen Realität

29.06.2026
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Natürlicher Zustand: Erwachen zur nichtdualen Realität

Kommentar zum Text „Sutra vom Podest des sechsten Patriarchen“

„Was wird Paramita genannt?

Dies ist ein Sanskritwort, das das Erreichen des ‚anderen Ufers‘ bedeutet. Wenn ihr seinen Sinn erfasst, befreit ihr euch von Geburt und Tod. Doch wenn ihr euch an äußere Umstände klammert, entstehen Geburt und Tod.“

Ich hoffe, jeder von euch erinnert sich ständig an seine Wahl. Diese Wahl besteht darin, sich aus dem Kreislauf von Geburt und Tod zu befreien.

Das andere Ufer ist Befreiung. Um dem Weg der Befreiung zu folgen, muss unsere Motivation sehr tief sein, denn wir befreien uns von uns selbst, die wir in Unwissenheit verweilen. Wenn wir erkennen, dass wir einem Wanderer über einem Abgrund im unermesslichen Ozean von Geburt und Tod gleichen, wählen wir den Weg, um das „andere Ufer“ zu erreichen. Solange wir das „andere Ufer“ nicht erreicht haben, irren wir in Bezug auf uns selbst.

Wissenschaftler führten ein Experiment mit einem Floh durch. Sie setzten ihn unter Glas. Zuerst sprang der Floh hoch, doch wenn er sprang, stieß er gegen das Glas, das sich über ihm befand. Da das Glas ihn begrenzte, gewöhnte er sich daran, niedrig zu springen. Das Glas wurde immer tiefer und tiefer gesenkt. Nach einiger Zeit sprang der Floh nicht mehr, sondern kroch nur noch.

Ebenso verweilen auch wir, nachdem wir unsere wahre Natur vergessen haben, in einem verengten, begrenzten Bewusstsein. Wir wissen selbst nicht, wer wir sind, solange wir die Erleuchtung nicht erreichen. Wir ahnen nichts von jenem grenzenlosen schöpferischen Potenzial, von jenem größten tiefgründigen, lichtvollen Gut, das wir alle besitzen. Es ist wie bei einem Armen, der nicht ahnt, dass er bereits Millionär ist, weil Gold in sein Futter eingenäht ist.

Verborgenes Gold der wahren Natur

Die Natur der Wirklichkeit und das Erwachen

„Wie Wellen, die sich auf dem Wasser erheben, — das ist unser Leben an ‚diesem Ufer‘.“

Wenn wir in Unwissenheit verweilen, gibt es dieses Leben, diese Welt, Subjekt, Objekt, Handlung, Aktivität, Leidenschaften, Kleshas, Anhaftungen, und wir nehmen all dies für bare Münze. Wenn der Spiegel unseres Geistes gereinigt wird, entdecken wir die Leerheit von uns selbst, die Leerheit äußerer Objekte, die Leerheit von Gedanken, Emotionen, Kleshas, weltlichen Wünschen und Anhaftungen. Wir entdecken, dass sie nicht aus sich selbst heraus existieren, dass sie aus der einen Quelle hervorgehen.

Wenn zum Beispiel dieser Saal ganz aus Gold bestünde, wäre es nicht so wichtig, ob es der Boden, der Leuchter oder das Glas ist. Das Material wäre nicht so wichtig, die Form wäre nicht so wichtig. Die Quelle (das Gold) würde unsere Aufmerksamkeit fesseln.

Ebenso wird hinter allen Objekten die Leerheit erkannt, sobald wir den Strom unseres Bewusstseins reinigen. Vom Standpunkt der absoluten Leerheit aus existieren weder Objekte noch Subjekte, weder Karma noch Geburt, noch Tod, weder Höllen unten noch Götter oben. Im relativen Sinn existieren sie natürlich. Und solange wir einen Körper besitzen, wirkt das Gesetz des Karma absolut. Doch vom Standpunkt dieser absoluten Leerheit aus sind sie so unwirklich, so unwesentlich, als wären sie Luftspiegelungen am Himmel.

Diese Welt gleicht Träumen. Wenn ein Mensch schläft, sieht er Träume. Alle Erscheinungen im Traum sind für ihn real: Er leidet, hasst oder flieht, doch dabei verlässt er sein Bett nicht. Ebenso erkennt der Erwachte die Unwirklichkeit dieser Welt. Diese Welt ist ebenso wie ein Traum unwirklich. Wir werden geboren, lieben und hassen, suchen den Dharma, leiden, praktizieren, doch wenn wir klar sehen, stellt sich heraus, dass wir nicht einmal aus unserem Bett aufgestanden sind. Es stellt sich heraus, dass unsere leere, erwachte Klarheit immer existierte, während all unsere Karmas, Aktivitäten, Emotionen, Anhaftungen und Illusionen solchen Träumen glichen. Leben und Tod gleichen solchen Träumen. Wenn ein Mensch schläft, erkennt er das Leben nicht. Wenn er lebt, erkennt er den Traum nicht. Doch wenn wir die grenzenlose Leerheit der Kontemplation eröffnen, leben wir wie in einem Traum mit Träumen. Wir sterben jeden Tag und werden jede Sekunde geboren. Ein solch großer Zustand ist das! Wir treten aus dem Zustand der Spiegelungen heraus, während wir ununterbrochen in der Quelle verweilen. Wir entdecken diese tiefe, selbsterwachte, spontan vollkommene, ewig reine Klarheit, die Natur, die Grundlage von allem — den nichtdualen Atman, der die Essenz von allem ist. Atman, die selbstgeborene Weisheit (Prajñāna), ist lediglich ein Konzept, ein bestimmtes Etikett des menschlichen Geistes; ihrem Wesen nach jedoch lässt sie sich nicht in Worte fassen.

Wenn wir in der Quelle verweilen, entdecken wir die Leerheit aller Objekte. Leerheit bedeutet nicht irgendeine Negativität oder Leblosigkeit. Im Gegenteil, diese Leerheit enthält das gewaltigste Potenzial der Manifestation, des Spiels der Energie, des Tanzes der Shakti. Alles, was wir sehen, alles Gefühlte und Wahrgenommene ist die Ausstrahlung dieser Leerheit, die Ausstrahlung unseres eigenen Bewusstseins. Auf den niedrigeren Ebenen wird diese Ausstrahlung nicht anerkannt.

Purusha ist Leere, Prakriti ist materielle Energie, Ausstrahlung, Shakti. Auf den niederen Ebenen, sagen die Sutras, muss man zunächst den Zustand des Stillstands, des Aufhörens der Ausstrahlung (Kaivalya), erreichen, indem man Prakriti verwirft, um Purusha zu verwirklichen.

Auf dem Weg des Laya-Yoga sagen wir jedoch etwas anderes: Prakriti ist von Purusha nicht verschieden, die manifestierten Ausstrahlungen sind von der Leere nicht verschieden, alles ist eine Manifestation unseres Bewusstseins. Solange wir in den illusorischen Projektionen Prakritis umherirren, werden wir Purusha, das eigene „Ich“, den Herrn, niemals finden. Wir werden von diesen Projektionen verzaubert sein und niemals Zufriedenheit oder auch nur etwas dem Befreiung Ähnliches erfahren.

Ein Mensch kam zu einem Psychologen in die Sprechstunde und klagte, dass er Depressionen habe. Der Psychologe sagte:

— Wissen Sie, in unsere Stadt ist ein Komiker gekommen, ein großer Meister, ein Narr, Bob Parker. Gehen Sie zu seiner Vorstellung, dann wird Ihre Depression verschwinden.

Dieser Mensch sah den Psychologen an und sagte:

— Sie verstehen gar nichts, ich bin eben jener Bob Parker.

Komiker mit einer Maske der Freude und innerer Einsamkeit

Solange wir in äußeren Projektionen umherirren, solange wir uns nicht uns selbst zuwenden, werden wir immer in solchen Illusionen verweilen, wie ein Narr, der sich selbst verloren hat. Wenn wir aber in diese Quelle eindringen, fügt sich alles an seinen Platz. Plötzlich entdecken wir, dass die Jagd nach materiellen oder sogar spirituellen Errungenschaften ein Traum war, eine Chimäre, die aus der Dualität unseres „Ich“ hervorgeht, vom Subjekt erzeugt. Das Subjekt selbst war eine Chimäre, eine Illusion, und wenn irgendeine Illusion gewisse Ziele hervorbringt, dann sind auch diese Ziele illusorisch. Plötzlich entdecken wir, dass es nicht um Erreichen ging, sondern um das Entdecken der Wesenlosigkeit dieses Subjekts, seiner Leerheit, seiner Unwirklichkeit. Wenn wir die Wesenlosigkeit und Leerheit dieses Subjekts entdecken, sehen wir, dass es das Subjekt als solches niemals gegeben hat, dass es eine gewisse Idee von der Ganzheit der Persönlichkeit und des Egos gab, diese Idee aber auf nichts beruhte.

Dann erwachen wir plötzlich zu dem, was jenseits der Dualität liegt, wo es weder Subjekt noch Objekt gibt: ein einheitliches Feld des Bewusstseins, und wir alle sind dieses einheitliche Feld des Bewusstseins. Jemand mag sagen: „Ja, natürlich, wir alle baden, wie Schiffe im Meer, in diesem Feld des Bewusstseins, wir alle sind eins.“ Nein, so ist es nicht. So zu sprechen ist eine Profanierung. Das bedeutet nicht, dass wir alle eins sind wie Schiffe in einem Meer, wie Fische in einem Ozean. Es bedeutet, dass es keine Fische gibt, sondern nur einen Ozean, und dort ist niemand, der sagen könnte: „Wir sind eins!“ Selbst der Begriff des Ozeans ist eine Bedingtheit. Wenn ihr dieses Feld des Bewusstseins entdeckt, werdet ihr zu ihm, und deshalb gibt es außer euch niemanden, mit dem man irgendwelche Beziehungen herstellen könnte. Denn sowohl die Fische als auch die Schiffe und alle fühlenden Wesen des Universums, die Götter, die Höllen und die Geister — alles wird zu eurem großen Körper der Glückseligkeit.

Deshalb sagt man, dass die transzendente Realität eine ist. Sie ist nicht einsam, sie ist einzigartig, einmalig. Es gibt keine Alternative zu ihr, es gibt nichts anderes. Wenn wir dies erkannt haben, entdecken wir plötzlich das tiefste Gefühl der Verwandtschaft mit dem ganzen Universum, als würden alle Lebewesen zu euren Müttern.

Befreiung von Geburten und Toden

„Frei von äußeren Umständen zu sein und Geburten und Toden nicht unterworfen zu sein — das ist so, wie wenn die Wasseroberfläche sich beruhigt und die Wellen zu einem einzigen großen Strom verschmelzen.“

Unser Leben gleicht einer Welle. Das Leben eines Menschen gleicht einer Welle: hier die Flut, hier die Ebbe, und dann — eine glatte Oberfläche. Eine Geburt gleicht einer Welle. Solcher Wellen gibt es unzählige. Im kurzen Moment der Flut, wenn der Wellenkamm seinen Höhepunkt erreicht, blickt eine Welle die andere an und sagt: „Wir werden zusammen sein“, ohne auch nur zu ahnen, dass die nächste Flut kommen wird, dass es weder diese Welle noch die andere mehr geben wird, sondern nur den Ozean. Im kurzen Moment der Erregung blickt die Welle in den Spiegel der Meeresglätte und bewundert sich, in dem Gedanken, sie stelle etwas dar. Doch die nächste Ebbe kommt — und es gibt nichts außer dem Spiegel des Ozeans. So sind Geburten und Tode.

Welle und Ozean als Bild von Geburten und Toden

Erleuchtung bedeutet zu verstehen, dass die Welle eine Fiktion ist. Sie selbst ist untrennbar vom einen ozeanischen Gewahrsein. Wenn wir Kontemplation praktizieren — die grundlegende Praxis des Laya-Yoga —, ist das keine Art Achtsamkeit gegenüber dem Zustand der Welle. Am Anfang kann es eine gewisse Achtsamkeit gegenüber dem Körper, gegenüber dem eigenen „Ich“ sein. Doch je tiefer ihr in die Kontemplation eindringt, desto besser versteht ihr, dass wahre Kontemplation bedeutet, den ozeanischen Zustand aufrechtzuerhalten, und nicht den Zustand der Welle. Mit der Zeit erkennen wir das Wesen des Ozeans und entdecken, dass die Welle an sich kein Wesen hat, und dass wir immer dieser große Ozean sind und waren. Wenn ihr dies entdeckt, könnt ihr ausrufen: „Hölle, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ Ihr werdet vollkommen frei von Illusionen, Karma, Unwissenheit, Kleshas, Leidenschaften, der Bedingtheit durch das eigene „Ich“, den Körper und anderes. Selbst die Götter haben keine Macht über euch, selbst die Gesetze des Karmas sind nun nicht mehr auf euch anwendbar. Dies geschieht, wenn die Wasseroberfläche sich beruhigt und die Wellen in einen einzigen großen Strom verschmelzen. Deshalb nennt man dies „das andere Ufer erreichen“.

Die wahre Natur der Kontemplation

„Wenn während des Denkens Unwissenheit vorhanden ist, dann ist dies nicht das wahre Sein“.

Hier werden subtile Aspekte der Kontemplation betrachtet. Ich kommentiere dies mit absoluter Gewissheit, da die Prinzipien der Kontemplation auf der Ebene des Sutra dieselben sind.

Wenn wir meditieren, richten wir einen Zwischenraum zwischen zwei Gedanken ein. Wenn wir uns bewusst lange im Zwischenraum zwischen zwei Gedanken befinden, spüren wir ein Gewahrsein, das nicht vom Denken abhängt. Wenn wir es ertasten, verstehen wir ungefähr, woran wir uns in der Meditation halten müssen. Wir verstehen, dass dies der richtige Weg ist und dass dieser Zwischenraum weiter ausgedehnt werden muss. Wir verstehen, dass alles auf diesen Zwischenraum ankommt, wenn wir Mahashanti praktizieren. Das gleicht dem Reinigen eines Spiegels. Wenn wir jedoch aus der Meditation herauskommen, verlieren wir diesen Zwischenraum zwischen den Gedanken, und zugleich verlieren wir auch das Gewahrsein. Dann kommt zusammen mit den Gedanken erneut Unwissenheit, wieder werden wir zu einem gewöhnlichen samsarischen Wesen, als würden wir einschlafen.

Doch das Prinzip der Kontemplation hängt nicht vom Sitzen in Meditation ab. Es hängt auch nicht davon ab, ob wir den Zwischenraum zwischen den Gedanken beobachten oder nicht. Wenn wir richtig kontemplieren, sind Gedanken und Handlungen kein Hindernis. Deshalb sagt der sechste Patriarch: „Wenn Denken euer Gewahrsein unterbricht, wenn ihr eure Präsenz in der Kontemplation verliert, dann ist dies nicht das wahre Sein, dies kann man nicht wahre Praxis nennen. Wenn ihr aber im ununterbrochenen Strom der Gedanken ständig Prajna praktiziert, dann wird genau dies wahres Sein genannt“.

Präsenz im Handeln inmitten des Gedankenstroms

Die wahre Weise der Kontemplation bedeutet, dass wir, selbst wenn Ausstrahlung, äußere Shakti, Wahrnehmung entsteht, weiterhin die Weisheit der Kontemplation aufrechterhalten. Die Weisheit der Kontemplation trennt sich nicht von Gedanken, von sichtbaren, fühlbaren und hörbaren Objekten.

Unser Geist gleicht einem grenzenlosen leeren Raum. Dieser grenzenlose leere Geist umfasst alles in sich, darunter befinden sich auch äußere Objekte in ihm. Zu denken, dass die Wahrnehmung äußerer Objekte unseren grenzenlosen Raum trüben kann, bedeutet, sich zu irren.

Die drei Körper des Erwachens

„Wer durch diese Lehre erleuchtet wurde, der ist durch die Lehre der Weisheit erleuchtet und praktiziert Weisheit. Wer aber nicht praktiziert, der ist ein Laie. Bei demjenigen, der die Erleuchtung des Bewusstseins praktiziert, ist der Dharma-Körper identisch mit dem Körper des Buddha“.

Wenn wir diese erleuchtete Weisheit entdecken und aufhören, den Objekten zu folgen, ohne uns weiterhin in Projektionen zu verlieren, entdecken wir Leerheit im Innern, Leerheit im Äußeren, Leerheit als solche, die ursprüngliche Reinheit und Vollkommenheit ist.

Wenn wir uns in dieser Leerheit festigen und mit ihr verschmelzen, ist unser Weisheitskörper identisch mit dem Körper aller großen Heiligen. Im Wesentlichen unterscheidet er sich in nichts von ihm. Die drei erwachten Körper, die wir verwirklichen, sind folgende:

Jnana-deha — der Körper der Weisheit, der der Leerheit des grenzenlosen Raumes im traumlosen Schlaf gleicht.

Pranava-deha — der Körper der kostbaren Energie, der dem Körper im Traum gleicht. Zum Beispiel könnt ihr den illusorischen Körper des Guru oder eine Gottheit in goldenem Licht sehen. Dies erinnert an Pranava-deha, wenn ihr einen solchen Körper verwirklicht. Dieser Körper ist aus reinem Karma und nur aus Prana und Geist geschaffen, und in seinem Inneren ist er von der Energie des Klaren Lichts erfüllt.

Schließlich ist der manifestierte Körper dem Körper eines Avatars ähnlich, einer Verkörperung, die in der materiellen Welt handelt.

Drei erwachte Körper: Weisheit, Licht und Manifestation

Kleshas als Erleuchtung

„Wohlweise Freunde! Eure Kleshas sind Bodhi (Erleuchtung). Wenn vergangene Gedanken durch Unwissenheit verdunkelt sind, dann seid ihr ein gewöhnlicher Mensch; wenn aber künftige Gedanken erleuchtet sind, dann seid ihr erwacht.“

Der Satz „Kleshas sind Bodhi“ klingt mit der Aussage aus den Tantras zusammen: „Yoga bhogayate, mokshayate samsarah“ („Yoga ist Bhoga, Moksha ist Samsara“).

„Kleshas sind Bodhi“ ist einer der berühmtesten Aussprüche, der verschiedenen Schulen eigen ist, darunter auch der unseren. Das ist die höchste Kunst des Verstehens. Wenn ihr es falsch versteht, könnt ihr leicht für viele Leben in die niederen Welten geraten. Wenn ihr es jedoch richtig versteht, werdet ihr schon in diesem Leben erwacht sein.

Wenn die Essenz des Spiegels unseres Geistes vollständig verwirklicht ist, sind die entstehenden Gedanken kein Hindernis, die hervorgebrachten Emotionen keine Bedingtheit, die ausstrahlenden Energien nicht unrein. Sie befreien sich augenblicklich im Moment ihres Entstehens. Daher sind sie vollständig erleuchtet und trennen sich niemals vom ursprünglichen Spiegel unseres Geistes.

Dies gilt selbstverständlich nur dann, wenn wahres Erwachen vorhanden ist. Bei gewöhnlichen Menschen ist es nicht so. Wenn unsere Leerheit Kraft erlangt hat, entdecken wir, dass alle Gedanken, die Unwissenheit hervorbringen, von der Leerheit untrennbar sind; sie sind ihr Spiel. Alle Emotionen, Manifestationen, sichtbaren und hörbaren Objekte, das, was früher als Hindernis, Samsara, Unwissenheit erschien, offenbaren ihre Reinheit, ihre Makellosigkeit, ihre Vollkommenheit. Plötzlich verstehen wir, was der Ausspruch bedeutet: „Sarvam Eva Brahman“. Plötzlich sehen wir, dass alles die absolute Wahrheit ist, alles ist wie Gold. Nirgendwo existiert auch nur ein Tropfen Unreinheit, nirgendwo existiert auch nur ein Tropfen Nicht-Erleuchtetheit. Alles ist vollkommen, alles ist erwacht, alles ist erleuchtet, alles ist von Gott erfüllt, alles ist absolut. Wohin wir auch unseren Blick richten, alles ist rein und heilig. Dies ist die wahre Sicht aller Heiligen, dies ist die Quintessenz aller mystischen Erfahrungen der Heiligen verschiedener Religionen, wenn sie sagen: „Alles atmet Gott. Bäume, Vögel und Tiere preisen Gott und sind seine reinen Hingebungsvollen. Ein Hund besitzt die Buddha-Natur.“

Heilige Vision der Welt als rein und erwacht

Deshalb heißt es: „Kleshas sind Bodhi“. Im gewöhnlichen Zustand sind Kleshas nicht Bodhi. Emotionen und Leidenschaften, die uns an die Illusionen dieser Welt binden, sind keinesfalls Erleuchtung. Sie sind das, was sie sind — Verunreinigungen, die uns zwingen, geboren zu werden und den Körper eines Gottes, eines Tieres, einen Höllenkörper oder einen menschlichen Körper zu erhalten, weil dies Karma ist. Doch im Zustand wahren Erwachens entdecken wir plötzlich, dass Gedanken die Leerheit als ihre Quelle haben, dass auch alle Gefühle und äußeren Objekte die Leerheit als ihre Quelle haben. Sie sind ihre Erscheinung, ihr Spiel, ihre Manifestation. Sie sind nichts Falsches, Unreines oder Sündiges. Sündig sind sie nur, wenn das Bewusstsein sich an sie bindet und durch sie bedingt wird. Sie tragen keine Unwissenheit nach sich; sie sind an sich vollkommen rein und leer, weil sie aus einer reinen Quelle hervorgehen. Dies entdecken wir, wenn wir das leere Bewusstsein verwirklichen.

Befreiung von vergangenen Erfahrungen

„Wenn vergangene Gedanken durch Unwissenheit verdunkelt sind, dann seid ihr ein gewöhnlicher Mensch.“

Was bedeutet der Satz „vergangene Gedanken sind durch Unwissenheit verdunkelt“? Es ist geformte Erfahrung. Wenn wir über uns selbst im Rahmen der Vergangenheit denken und uns auf unsere geformte Erfahrung stützen, bestätigen wir von Anfang an gewissermaßen unsere eigene Unwissenheit.

Zu einem Weisen kamen Menschen und sagten:

— Ich habe diese und jene Probleme, bei mir ist dies und das geschehen.

Dieser Weise fragte:

— Versuchen wir, die Wurzel dieser Probleme zu finden. Ihr sagt, dass ihr Probleme habt, aber woher ist bei euch überhaupt der Begriff von Problemen, von Problemhaftigkeit entstanden?

Da antwortete der Mensch:

— Aber ich denke so, ich fühle das, ich habe es gelesen.

Der Weise fragte wieder:

— Ihr stützt euch auf eure vergangene geformte Erfahrung, auf etwas Künstliches, auf etwas Hervorgebrachtes. Aber als ihr noch nicht geboren wart, wusstet ihr das?

Der Mensch antwortete:

— Nein, wahrscheinlich wusste ich es nicht.

Da schlug der Weise ihm vor:

— Dann versucht doch, in den Zustand vor der Geburt zurückzukehren und von dort aus mit den Augen dieses ungeborenen Zustands zu schauen. Habt ihr dort diese Probleme oder nicht?

Der Mensch versank für eine Weile in sich selbst und sagte dann:

— Dort gibt es nicht einmal den Begriff eines Ich, das Probleme haben könnte. Wie könnten dort irgendwelche Probleme sein?

Dann sagte dieser Weise:

— Sehen Sie! Bleiben Sie einfach in diesem Zustand, und Sie werden nie wieder Probleme haben.

Der ungeborene Zustand, in dem der Träger der Probleme verschwindet

Im Wesentlichen ist dies identisch mit der direkten Einführung in Laya-Yoga, Pratyabhijna-Darshana. Die ganze Frage besteht darin, in diesen ungeborenen Zustand einzutreten und in ihm zu verweilen. Dann werdet ihr nicht durch eure geformte Erfahrung verdunkelt sein.

„Wenn die zukünftigen Gedanken erleuchtet sind, seid ihr ein Buddha“.

Erleuchtete zukünftige Gedanken

Was bedeutet der Satz „die zukünftigen Gedanken sind erleuchtet“? Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Bei gewöhnlichen Menschen sind ihre zukünftigen Gedanken nicht erleuchtet. Ihre zukünftigen Gedanken sind wie Ketten um den Hals. Ihre zukünftigen Gedanken sind wie Käfige. Ihre zukünftigen Gedanken sind wie Gewichte an den Beinen.

Sie bauen sich mit ihren zukünftigen Gedanken den Weg zu einer neuen Geburt, denn wenn sie denken, wissen sie nicht, dass Gedanken leer sind. Sie identifizieren sich mit den Gedanken, und indem sie sich mit den Gedanken identifizieren, erzeugen sie Karma. Indem sie Karma erzeugen, erschaffen sie einen feinstofflichen Körper, der in der nächsten Existenz die Form dieses Gedankens annehmen wird. Deshalb sind ihre zukünftigen Gedanken nicht erleuchtet.

So wie bei den Siddhas aus dem „Gorokho Bidjoy“, die von Shakti verzaubert waren und etwas begehrten, alle Gedanken in Erfüllung gingen, so erhalten auch Menschen, wenn sie etwas begehren, das Gewünschte. Wenn ihr von Macht träumt, erzeugt ihr entsprechende Gedanken, die, wenn sie sich angesammelt haben, euch in der nächsten Existenz ein solches Vergnügen verschaffen werden; zugleich aber werdet ihr auch das gesamte Karma erhalten, das der Macht entspricht. Wenn ihr von Genüssen träumt, werden diese Gedanken, nachdem sie sich im feinstofflichen Körper angesammelt haben, in der nächsten Existenz aus dem Kausalkörper (Karana-Sharira) hervortreten, und ihr werdet das Gewünschte erhalten, zusammen mit den Genüssen aber auch das gesamte Karma, das sie mit sich bringen.

Der Mechanismus der Wiedergeburt

Im Moment der Wiedergeburt bleibt der Kausalkörper bestehen, während sich der Astralkörper zerstreut. Da jedoch im Kausalkörper, in der universellen Quelle unseres „Ich“, feinstoffliche Information in Form von Lichtteilchen (Biji) vorhanden ist, die Informationen über unser Karma tragen, manifestiert sich nach einiger Zeit aus unserem Kausalkörper — so wie ein Fisch aus dem Wasser springt — erneut unser Astralkörper, entsprechend unseren Wünschen. So wie ihr euch im Traum augenblicklich in einem bestimmten Traum wiederfindet, obwohl zuvor nichts da war, so erhalten wir auch bei der Wiedergeburt einen solchen feinstofflichen Körper. Dieser feinstoffliche Körper wird durch zukünftige Gedanken erschaffen.

Der Kausalkörper und die Biji des Karmas im Mechanismus der Wiedergeburt

Erleuchtetes Denken

In welchem Fall sind zukünftige Gedanken erleuchtet? Wenn sie nicht von der Kontemplation getrennt sind, wenn wir alles mit der Kontemplation integrieren. Es gibt einen großen Unterschied darin, wie man denkt. Ein gewöhnlicher Mensch fällt, wenn er etwas wahrnimmt, Bewertungen und Urteile. Indem er Bewertungen und Urteile fällt, haftet er an ihnen; und indem er anhaftet, verfällt er den Kleshas und der Dualität.

Was geschieht aber mit demjenigen, der erwacht ist oder in der Kontemplation verweilt? Wenn er Objekte wahrnimmt, fällt er keine Urteile. Selbst wenn er Urteile fällt, haftet er nicht an ihnen. Und selbst wenn er zufällig anhaftet, lässt er nicht zu, dass sich daraus irgendwelche verderblichen Leidenschaften entwickeln.

„Die zukünftigen Gedanken sind erleuchtet“ bedeutet: Obwohl wir denken, befinden wir uns ununterbrochen im Zustand des Ozeans. Dann sind alle Gedanken wie Wellen, Farben, ein magisches Spiel der Illusionen. Sie werden nicht zu Karma; wir haften nicht an ihnen und werden durch unsere Gedanken nicht bedingt. Sie sind wie ein Echo in den Bergen oder das Lallen eines Wahnsinnigen, sie sind wie die Gedanken eines Kindes. Sie sind wie Kreise auf dem Wasser, die im Moment ihres Entstehens auseinanderlaufen. Sie sind wie Tau, der augenblicklich verdunstet, wenn die Sonne scheint.

Auf diese Weise wird, was auch immer ein Yogi denkt, nicht zu seinem Karma. Alles zerstreut sich augenblicklich, verdunstet durch die Kraft seiner befreienden Präsenz. Die Frage ist, ob im Moment des Entstehens der Gedanken Präsenz vorhanden ist oder nicht. Das ist die Wurzel aller Unterweisungen. Wenn Präsenz vorhanden ist, dann sind die Gedanken wie Schmuck; sie tragen keinerlei Karma, sondern sind ein schöpferisches Spiel der Energie. Wenn keine Präsenz vorhanden ist, dann tragen die Gedanken Karma, wie bei gewöhnlichen Menschen.

Gedanken lösen sich in der Gegenwart ohne karmische Spur auf

„Zukünftige Gedanken sind erleuchtet“ bedeutet, dass wir eine gewaltige Wahl treffen, wenn wir uns in der Kontemplation befinden. Es ist die Wahl, ohne Zukunft zu leben, nicht an der Vergangenheit festzuhalten, zu kontemplieren, während man in der Nicht-Dualität verweilt, im wahlfreien Gewahrsein zu verweilen, sich nicht mit Gedanken, Emotionen oder irgendetwas anderem außer der Kontemplation zu identifizieren. Und welche Gedanken dann auch immer entstehen, wir sind erwacht.

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