Die Eigenschaften eines Schülers und drei Sichtweisen auf die Realität im Advaita
11.08.2026
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Kommentar zum Text „Der befreiende Nektar kostbarer Unterweisungen“
Wenn ihr einer Lehre zuhört, solltet ihr sie auf der intuitiven und nicht auf der konzeptuellen Ebene aufnehmen, denn wenn ihr sie auf der konzeptuellen Ebene wahrnehmt, geht der Geist der Lehre höchstwahrscheinlich an euch vorbei. Wenn ihr dagegen in der Gegenwärtigkeit, in wacher Gewahrheit verweilt und nicht nur die Worte, sondern auch das erfasst, was hinter den Worten steht, enthüllt sich in euch eine innere Klarheit, die das Wesen und den Geist der Lehre vollkommen offenbart. Daher besteht die einzig richtige Weise, eine Lehre aufzunehmen, darin, sich zu bemühen, ihr in intuitiver Gewahrheit und kontemplativer Gegenwärtigkeit zuzuhören.
Der Text „Der Glanz der kostbaren Geheimnisse des Laya-Yoga“ („Laya Amrita Upadesha Chintamani“).
Der Yogi sagte: „Menschen mit beschränkter Sicht halten an Gedanken fest und halten sie für die Wahrheit. Wenn sie Lehren hören, die über den Verstand hinausgehen, zittern sie wie Blätter in der Regenzeit.
Die Eigenschaften des Schülers und die Tiefe der Wahrnehmung der Lehre
Wenn wir uns entschließen, das ursprüngliche Gewahrsein zu enthüllen, müssen wir zunächst die Eigenschaften eines Schülers verstehen, der bereit ist, die Lehre zu studieren. Das Anuttara-Tantra besagt, dass Befreiung innerhalb eines einzigen Lebens erlangt werden kann, das heißt, dass es möglich ist, in einem einzigen Leben das vollständige Erwachen zu verwirklichen, bis hin zur Vollendung des „großen Übergangs“ (Kaya-Vyuha), des leuchtenden Regenbogenkörpers. Es wäre jedoch naiv anzunehmen, dass dies etwas Einfaches sei.
Die Lehre verlangt von uns eine tiefe Wahrnehmung, eine den menschlichen Verstand übersteigende Intelligenz und intuitive Klarheit, die es ermöglicht, mit Kategorien wie Selbstbefreiung, Spiel, Paradox, Ewigkeit, Unendlichkeit und Verweilen jenseits von Konzepten umzugehen. Wenn wir uns auf jener Ebene befinden, auf der wir an Gedanken festhalten, sind wir begrenzt, verharren in beschränkter Sicht und können mit solchen Kategorien nicht umgehen, denn mit den für das Erlangen von Unsterblichkeit und Erwachen notwendigen Kategorien der Ewigkeit, Unendlichkeit, des Spiels, des Paradoxes und der Selbstbefreiung kann man nur auf der Ebene nichtkonzeptueller Gewahrheit umgehen.
Damit wir mit solchen Kategorien umgehen können, ist es notwendig zu lernen, das heißt, wir müssen eine angemessene Schulung durchlaufen, denn ohne Schulung ist dies unmöglich.
Das Prinzip der Schulung und die Zuflucht
Was bedeutet das Prinzip der Schulung?
Es bedeutet, dass wir in eine tiefgründige, authentische Übertragungslinie eintreten, die von den heiligen Mahasiddhas ausgeht. Unsere Übertragungslinie umfasst beispielsweise den heiligen Avadhuta Dattatreya, die Siddhas Matsyendranath und Gorakshanath sowie viele weitere Heilige, die durch ihre eigene Erfahrung die Möglichkeit gezeigt haben, vollständige Verwirklichung zu erlangen. Außerdem müssen wir mit einem Lehrer in Verbindung treten, der Träger oder Repräsentant der Übertragungslinie ist. Selbstverständlich sollten wir uns auf bestimmte heilige Texte der Tradition stützen. Wenn wir eine solche Verbindung mit der Lehre haben, heißt es, dass wir Zuflucht finden. Zuflucht bedeutet, dass wir festlegen, worauf wir unser Bewusstsein ausrichten, worin wir Zuflucht finden und wodurch wir wachsen sollen.
Unsere Haltung gegenüber der Lehre muss sehr tiefgehend und ernsthaft sein, denn die Lehre berührt sehr tiefe Aspekte unseres „Ichs“, von denen unser Leben oder Tod und unser nächstes Schicksal abhängen. Die einzig angemessene Weise, sich zur Lehre zu verhalten, besteht darin, eine würdige Beziehung zur Lehre aufzubauen. Eine solche würdige Beziehung wird heilige Verbindung oder das Prinzip des Samaya genannt. Wenn wir eine heilige Verbindung herstellen und das Prinzip des Samaya mit der Lehre und dem Lehrer haben, können wir aus der Lehre wirklichen Nutzen ziehen. Wenn wir keine solche heilige Verbindung haben, wird unsere Praxis fruchtlos bleiben. Mit anderen Worten: Wir können viel Zeit aufwenden, ohne jemals die erwarteten Ergebnisse zu erzielen.
Sieben Eigenschaften des Schülers
Welche Eigenschaften besitzt ein Schüler, der für die spirituelle Praxis geeignet ist?
So könnt ihr beispielsweise irgendwo im weltlichen Leben eine Stellenanzeige mit etwa folgendem Inhalt hören: „Ein Forschungsinstitut sucht eine Fachkraft für die Position des Lehrstuhlleiters. Anforderungen: Hochschulabschluss, akademischer Grad, Berufserfahrung, praktische Erfahrung, bestimmte Eigenschaften, Beherrschung bestimmter Fertigkeiten und so weiter.“ Ebenso heißt es beim Eintritt in die Lehre, dass an den Schüler bestimmte Anforderungen gestellt werden. Wenn er durch die Lehre voranschreiten möchte, aber nicht über die erforderlichen Eigenschaften verfügt, muss er sich bemühen, diese in sich zu entwickeln.
Die erste Eigenschaft – Viveka (Unterscheidungsvermögen)
Die erste notwendige Eigenschaft ist Viveka (Unterscheidungsvermögen, unterscheidende Weisheit). Mit anderen Worten: Sie müssen über genügend Weisheit verfügen, um zu verstehen, was in dieser Welt von Wert ist und was nicht. Für einen Yogi beispielsweise, der dem Weg der Befreiung folgt, sind die spirituelle Praxis, das Streben nach Befreiung, das Ansammeln von Verdiensten, seine Verbindung zu seinem spirituellen Lehrer und die mystische Erfahrung, die Samadhi schenkt, von Wert. Das heißt, wertvoll ist für ihn das, was aus dem Kreislauf von Geburt und Tod befreit. Macht, Geld, Beziehungen, Anhaftungen und Karriere – all das, was wir weltlich nennen – sind für ihn nicht von Wert.
Mit anderen Worten: Für uns ist das wertvoll, was zur Befreiung führt, während die Pläne für dieses Leben für uns überhaupt nicht wichtig sind, obwohl wir sie nicht ablehnen, da wir in dieser Welt leben. Und wenn Sie über dieses Unterscheidungsvermögen verfügen, grenzen Sie klar voneinander ab, wo Samsara und wo Nirvana ist. Wenn Sie jedoch von Anfang an kein Viveka (unterscheidende Weisheit) erlangt haben, dann haben Sie, selbst wenn Sie Übertragungen und zahlreiche Lehren erhalten, kein Fundament gelegt, weshalb Ihre Praxis von Anfang an nicht gelingen wird. Mit anderen Worten: Auf einer tiefen Ebene müssen wir uns darüber klar werden: „Was will ich eigentlich vom spirituellen Leben?“ Zum Beispiel können wir uns entscheiden: „Ich möchte dem Befreiungsweg der heiligen Siddhas folgen und ein Heiliger werden, der die Erleuchtung erlangt hat.“
Um das Vorhandensein dieser Eigenschaft (Viveka) zu prüfen, unterzogen die Heiligen der alten Zeit ihre Schüler über sehr lange Jahre hinweg Prüfungen. So prüfte Tilopa beispielsweise Naropa zwölf Jahre lang. Viele Lehrer der alten Zeit weigerten sich sogar, mit Schülern über die Lehre zu sprechen, wenn diese noch kein Unterscheidungsvermögen erlangt hatten, und gaben ihnen so die Möglichkeit, selbst eine solche Sichtweise zu entwickeln.
Die zweite Eigenschaft – Mumuksha (Streben nach Befreiung)
Die zweite notwendige Eigenschaft ist Mumuksha (Streben nach Befreiung). Damit die Lehre Nutzen bringt, müssen wir uns über den Sinn des Lebens klar werden und darüber, worauf wir den Vektor unseres Bewusstseins ausrichten. Wir müssen für uns eindeutig entscheiden, ob wir nach Ruhm, Reichtum und Erfolg in dieser Welt, nach einem Sexualpartner, einem guten Familienleben oder einer Führungsposition streben oder ob wir tatsächlich nur nach Befreiung streben und alles andere lediglich diesem Ziel dient. Mumuksha ist das Streben nach Befreiung. Wenn Sie sich entschieden haben, dem Weg der Befreiung zu folgen, sind Sie bereit, dafür den vollen Preis zu zahlen; wenn nötig, sind Sie bereit, bis ans Ende der Welt zu reisen, um die Lehre zu empfangen; wenn nötig, sind Sie bereit, jahrelang beharrlich zu praktizieren – genau das ist das Streben nach Befreiung.
Die dritte Eigenschaft – Vairagya (Leidenschaftslosigkeit)
Die dritte Eigenschaft ist Vairagya (Leidenschaftslosigkeit). Leidenschaftslosigkeit bedeutet die Fähigkeit, alle Ereignisse, die in dieser Welt oder unmittelbar mit Ihnen geschehen, mit Gleichmut zu betrachten; losgelöst zu sein und tief im Inneren Freude und Kummer, Gut und Böse, Glück und Unglück als Veränderungen wahrzunehmen, die dem Wechsel von Tag und Nacht oder dem Wechsel der Jahreszeiten gleichen.
Die vierte Eigenschaft – Glaube
Die vierte notwendige Eigenschaft ist der Glaube. Glaube bedeutet, dass Sie offen sind und Vertrauen in das haben, was Sie praktizieren; dann tritt das Prinzip des Samaya in Kraft, das heißt, es wird eine heilige Verbindung hergestellt. Ohne Glauben, Vertrauen und Offenheit kann man nicht in die Lehre eintreten. Selbst wenn Sie versuchen, ohne Glauben in die Lehre einzutreten, werden Sie im besten Fall keinen Nutzen daraus ziehen, und im schlimmsten Fall können bei Ihnen sogar große psychische Probleme oder Hindernisse entstehen.
Glaube entsteht nicht einfach so, sondern aus dem Umgang mit heiligen Menschen – dies wird Sadhu-Sangha genannt. Glaube entsteht aus dem gründlichen Studium der heiligen Texte der Tradition und aus dem Verständnis dafür, wie tiefgründig sie sind. Glaube entsteht aus der eigenen intensiven Praxis, wenn persönliche mystische Erfahrungen auftreten, sodass Sie sich davon überzeugen, dass das, wovon in den heiligen Schriften und in den Vorträgen der Lehrer gesprochen wird, tatsächlich möglich und real ist.
Vor etwa zwanzig Jahren las ich verschiedene Texte wie die „Hatha Yoga Pradipika“, die „Shiva Samhita“, die „Gheranda Samhita“ und die „Shat Chakra Nirupana“, und sie kamen mir wie irgendwelche alten Manuskripte vor. Doch als ich begann, das dort Beschriebene anzuwenden – mit den Kanälen, Winden und Pranas zu arbeiten –, als ich am eigenen Leib das Erwachen der Kundalini erfuhr, lernte, den feinstofflichen Körper herauszulösen und den Atem anzuhalten, und für mich den Bereich der feinstofflichen Welt entdeckte, erkannte ich, dass die Texte tatsächlich funktionieren. Das heißt, ihre Übertragungen können das Leben wirklich verändern und eine völlig neue Sicht auf die Welt eröffnen. Auf diese Weise entsteht Vertrauen in sie, da man erkennt, dass die Heiligen und Mahasiddhas eine sehr tiefe Dimension des Universums erschlossen haben.
Die fünfte Eigenschaft – Fleiß
Die fünfte wichtige Eigenschaft ist Fleiß. Es reicht nicht aus, Glauben, Unterscheidungsvermögen, Leidenschaftslosigkeit und das Streben nach Befreiung zu besitzen; wichtig ist, dass all dies tatsächlich zu wirken beginnt, das heißt, man muss anfangen, es anzuwenden, und dafür ist Fleiß notwendig. Mit anderen Worten: Wir sollten nicht nur ein rein deklaratives Bewusstsein haben, etwa: „Ich glaube, ich strebe nach Befreiung.“ Das wird nicht helfen. Wir müssen fleißig sein, das heißt, wir müssen in der Lage sein, alles, wovon die Rede ist, in der Praxis anzuwenden.
Es gibt den Begriff „Bienenkrankheit“. Die „Biene“ ist die erste der neun Stufen tantrischen Verhaltens. Avadhuta Dattatreya beschrieb die Stufe der Biene als die erste Stufe des spirituellen Wachstums. So wie eine Biene von Blüte zu Blüte fliegt und überall Nektar sammelt, fliegt auch der spirituell Suchende zu verschiedenen Organisationen und Lehrern, liest Bücher und sammelt den Nektar unterschiedlicher Lehren, das heißt, er sättigt sich mit spirituellen Informationen. Diese Stufe ist sehr wichtig, aber man darf bei ihr nicht stehen bleiben.
Wenn ich über Jahre und sogar Jahrzehnte hinweg viele Schüler unter den Laien oder denjenigen beobachte, die zu Vorträgen kommen, sehe ich, dass sich die Stufe der Biene bei ihnen in die Länge gezogen hat. Das heißt, die Stufe der Biene ist in den ersten fünf Jahren gut, doch danach muss man weitergehen. Wenn aber siebzehn Jahre vergangen sind und Sie immer noch nicht mit der Praxis begonnen haben, sondern nur studieren, kann man das nicht als spirituelle Praxis bezeichnen. Mit anderen Worten: Es ist so, als käme jemand in ein Restaurant und würde mehrere Stunden lang die Speisekarte studieren, um auszuwählen, welches Gericht er essen soll. Doch die Aufgabe eines Restaurantbesuchers besteht nicht darin, stundenlang die Speisekarte zu studieren, sondern darin, zu essen und satt zu werden. Ebenso müssen wir, nachdem wir verschiedene spirituelle Systeme studiert haben, entscheiden, in welchem System wir praktizieren wollen, und beginnen, darin tatsächlich voranzukommen.
Fleiß zu zeigen bedeutet, in der Lage zu sein, alle Vorgaben zu erfüllen, die das Ausbildungssystem macht. Beispielsweise gibt es die zwölfjährige Ausbildungsregel, das Retreat-System und das Prinzip des Ansammelns von Verdiensten – all dies beinhaltet die Notwendigkeit, verschiedene Techniken, Praktiken und anderes auszuführen. Genau darin besteht das Prinzip des Fleißes.
Fleiß bedeutet, beim Training beharrlich zu sein. Wenn Sie Sport getrieben haben, verstehen Sie, worum es geht. Alles hängt von Ihnen ab: Wenn Sie bei Ihrem Training fleißig und bereit sind, entsprechend den Vorschriften der Tradition und den Anweisungen des Meisters intensiv zu üben, werden Sie ganz sicher Fortschritte machen.
Die sechste Eigenschaft – Achtsamkeit
Die sechste Eigenschaft ist Achtsamkeit. Sie ist ein grundlegendes Prinzip, das wir in der Praxis benötigen. Achtsamkeit ist die Fähigkeit zur Kontemplation und zur Aufrechterhaltung des Gewahrseins. Eine solche Fähigkeit entsteht nicht über Nacht, wir müssen sie uns erarbeiten. Heute wird beispielsweise die Technik des Gehens mit den Sankalpas „Traum“ und „Atma Vichara“ übertragen. Man kann sagen, dass dies ein Schlüssel ist, der es ermöglicht, eine solche Achtsamkeit zu entwickeln, doch mit diesem Schlüssel muss man arbeiten. Das heißt, man sollte wenigstens einige Tage seines Lebens der Technik des Gehens in Kontemplation widmen, damit man von morgens bis abends das Gefühl des „Ich“ und das Sankalpa „Traum“ aufrechterhalten kann, ohne sich von irgendetwas ablenken zu lassen, und bei jeder Ablenkung zur Kontemplation zurückkehrt. Sie werden feststellen, dass Sie innerhalb eines einzigen Tages dank der Praxis der Achtsamkeit einen neuen Bereich des Gewahrseins erschlossen haben. Sie werden einen Vergleichsmaßstab haben. Und dann werden Sie diese Achtsamkeit in Ihr Leben einbringen, selbst wenn Sie nicht im Retreat-Modus praktizieren, sondern Ihrem Alltag nachgehen.
Die siebte Eigenschaft – die Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit einem spirituellen Lehrer
Die siebte Eigenschaft ist die Fähigkeit, mit einem spirituellen Lehrer zusammenzuarbeiten. Damit die Lehre uns wirklich von Nutzen ist, müssen wir eine Verbindung zu einem spirituellen Lehrer haben und sie beständig aufrechterhalten. Es genügt nicht, die Lehre einfach aus Büchern zu studieren oder, nachdem man bestimmte Techniken erhalten hat, mit ihnen zu arbeiten. In der Lehre gibt es etwas, das weder gehört noch gesehen werden kann. Und dieses Etwas kann dank einer solchen Verbindung auf nonverbaler Ebene übertragen werden. Es ist ähnlich wie bei einem Menschen, der Geige spielt und bestimmte Feinheiten des Spiels nur dann übernehmen kann, wenn er mit einem Meister in Kontakt tritt, unmittelbar mit ihm kommuniziert und seine Kunst in ihren subtilen, unsichtbaren Aspekten beobachtet.
Wenn Sie keine Verbindung zu einem Meister haben, werden Sie wohl kaum von selbst auf die Idee kommen, sich für ein halbes Jahr in ein Dunkelretreat zu begeben. Sie werden Yoga praktizieren und Bücher lesen, doch der Gedanke, sechs Monate in der Dunkelheit zu verbringen, wird Ihnen nicht einmal in den Sinn kommen. Wenn Sie hingegen Kontakt zu einem Meister und zur Lehre selbst haben, wird Ihnen der Lehrer nach einigen Jahren, sofern sich Ihre Praxis ausreichend entwickelt hat, von sich aus sagen: „Weißt du, es ist an der Zeit, dass du dich mit dieser oder jener Praxis beschäftigst. Richte deine Aufmerksamkeit darauf.“ Dies wird Ihnen einen völlig neuen Bereich der Wahrnehmung eröffnen, von dessen Existenz Sie nicht einmal etwas ahnen konnten. Und in der Lehre gibt es eine ungeheure Vielzahl solcher Bereiche. Oder der Meister kann sagen: „Weißt du, deine Kontemplation ist gut. Fahr auf jenen Berg, dort gibt es einen guten Kraftort. Dort wirst du einer Dakini begegnen; wenn du standhältst, wirst du von ihr eine Übertragung in die Lehre erhalten.“ Uns selbst würde nicht einmal in den Sinn kommen, dass es einen Berg gibt, auf dem sich eine Dakini befindet, von der man die Lehre des einen „Geschmacks“ empfangen kann. Das ist die subtile Verbindung zum Meister, die aus der Beziehung und Zusammenarbeit hervorgeht. Wenn sie jedoch fehlt, sind wir schlicht nicht in der Lage, in diese Dimension einzutreten.
Der Weg des Laya und die nichtkonzeptuelle Wahrnehmung
Um die konzeptuelle Sichtweise abzuschneiden, studiere alle verfügbaren Lehren und wirf sie dann wie eine alte Haut ab; folge dem Gleichmut jenseits von Begrenzungen und Schulen, um den Weg des Laya zu betreten.
Wenn von den Eigenschaften eines Schülers die Rede ist, ist es außerdem wichtig, dass er imstande ist, zwei gegensätzliche Sichtweisen gleichzeitig anzunehmen. Wenn wir uns auf der intuitiven Ebene des Gewahrseins befinden, ist dies tatsächlich möglich. Man sollte so viele heilige Texte und verschiedene Bücher wie möglich studieren und anschließend zu einer nichtkonzeptuellen Ebene jenseits der Worte gelangen, auf der „A“ gleich „B“ sein kann und dabei dennoch „A“ bleibt. Das heißt, man gelangt auf die Ebene des Paradoxons, auf der man gleichzeitig zwei oder drei gegensätzliche Sichtweisen einnehmen kann, ohne dabei Verwirrung zu empfinden. Wenn wir uns im intuitiven Bewusstsein befinden, ist dies tatsächlich möglich; im gewöhnlichen konzeptuellen Bewusstsein hingegen, das durch Manas (den begrifflichen Verstand) bedingt ist, ist dies selbstverständlich unmöglich.
Wenn Sie die Fähigkeit erlangt haben, eine oder zwei gegensätzliche Sichtweisen einzunehmen, ohne sich dabei an eine von ihnen zu binden, ist dies ein sicheres Zeichen dafür, dass Sie begonnen haben, den Raum der Kontemplation und das nichtkonzeptuelle Gewahrsein zu erschließen. Das bedeutet, dass Sie nicht mehr an Worte oder an ein buchstäbliches, doktrinäres Verständnis der Lehre gebunden sind.
Die Sichtweise des Advaita
Wenn wir den Weg der Lehre betreten, nehmen wir zwangsläufig eine bestimmte Art von Sichtweise oder Weltanschauung an. In der Tradition des Laya-Yoga wird dies Drishti genannt. Dieser Begriff wird auch als Sicht übersetzt, also als eine bestimmte Sicht auf die Welt, auf sich selbst und auf das Universum. Gewöhnlich sagen wir, dass wir die Sichtweise des Advaita einnehmen.
Die Sichtweise des Advaita ist paradox. Selbst wenn wir sie auf der Ebene der Konzepte studieren, bedeutet dies noch nicht, dass wir sie verstanden haben. Die Sichtweise des Advaita besagt, dass alles Brahman ist, dass alles transzendente Wirklichkeit ist. Aus der Sicht des Advaita beispielsweise bin ich nicht zum Vortrag gekommen, und Sie sind ebenfalls nicht gekommen; dies ist kein Vortrag, sondern das Spiel Brahmans. Und aus dieser Sicht unterscheide ich mich nicht von Ihnen. In gewissem Sinne bin ich Sie, und Sie sind ich. Es gibt keinerlei Trennung, das heißt, wir sind eine einzige, ungeteilte Ganzheit, die sich vergnügt und spielt. Ihre Spiele (Lilas) sind unendlich. Seminar, Unterweisung, Lehrer und Schüler – all dies ist Spiel (Lila). Es gibt auch andere Arten von Spielen: bei weltlichen Menschen, in der Welt der Götter und so weiter. Doch all dies sind Spiele oder Vergnügungen einer einzigen transzendentalen Wesenheit.
Im Verlauf dieser Spiele schränkt das Grenzenlose, das Absolute, sich selbst ein, um eine solche Lila zu beginnen. So hat beispielsweise das Absolute in Ihrem Körper sein Bewusstsein eingeschränkt und die Erinnerung an sich selbst als das Absolute genommen, wobei es nur teilweise Erinnerungen zurückließ. Wozu hat es das getan? Damit Ihr Geist und Ihr Körper einen eigenen freien Willen erlangen, durch den Sie sich selbst als das Absolute erkennen würden, und damit das Absolute selbst in Ihrem Körper eine neue Dimension des Gewahrseins erlangt.
Aus der Sicht des Advaita ist alles eins. Die äußeren Unterschiede, die gesamte äußere Welt, sind eine Illusion. Es gibt den Ausspruch „Brahman sat jagat mithya“, der übersetzt bedeutet: „Das Absolute ist wirklich, und alles, was wir sehen, ist unwirklich, eine Illusion, ein Traum.“
Es gibt den Ausspruch „Sarvam Eva Brahman“, der bedeutet, dass alles, was wir sehen, alles, was sich manifestiert, die höchste Quelle ist.
Der dritte Ausspruch „Aham Brahmasmi“ bedeutet: „Ich bin Gott, ich bin der Höchste.“
Wenn wir über diese Aussagen nachdenken, vermitteln sie eine völlig andere Sicht auf die Welt. Im absoluten Sinne gibt es weder mich noch Sie, sondern nur das Absolute, das verschiedene Rollen spielt. In manchen Körpern erinnert Es sich vollständig an sich selbst, in anderen spielt Es, als hätte Es sich selbst vergessen. Und wenn Es Spiele spielt, in denen Es sich scheinbar selbst vergessen hat, nennt man dies die unreine Dimension – Samsara.
Die Natur des Vergessens und des Erwachens
Somit sind wir alle Götter oder die eine höchste Quelle, Gott, der sich selbst vergessen hat. Mit anderen Worten: Wenn wir uns in der unreinen Dimension des Samsara befinden, sind wir Götter, die sich selbst vergessen haben; wir sind Gefangene der Träume des Geistes. Wir sind in die Gefangenschaft unseres eigenen Geistes geraten, weil wir unsere absolute Natur vergessen haben, und versuchen nun, uns an diese absolute Natur zu erinnern, um uns aus der Gefangenschaft der Trugbilder und Träume des Geistes zu befreien.
Aus der Sicht des Advaita sind wir weder Vater noch Mutter, weder Mann noch Frau, weder Mensch noch irgendjemand anderes. Wir sind der Höchste, der sich bewusst selbst in die Irre geführt hat, der bewusst Trugbilder und Träume des Geistes erschaffen hat, um zu spielen. Er hat dem freien Willen bewusst gestattet, sich zu irren, und beobachtet, wie sich dieses Spiel entwickeln und wie Er sich daraus befreien würde.
Doch für unser relatives „Ich“ macht das die Sache natürlich nicht leichter. Wir können denken: „Das Absolute spielt, aber wir selbst haben uns ganz konkret verirrt.“ Schließlich empfinden wir uns nicht als das Absolute, sondern als eine begrenzte Persönlichkeit, als ein Wesen mit zwei Armen und zwei Beinen, das Einschränkungen unterliegt. Wir empfinden uns weder als Götter noch als derjenige, der mit Raum und Zeit spielt, noch als unsterblich. Natürlich empfinden wir uns als Menschen. Genau darin besteht das Paradox. Das Absolute wollte sich als Mensch fühlen und erlaubte sich daher, sich vollständig zu verirren. Es gab seinen Teilen einen freien Willen, damit diese Teile sich bewusst befreien konnten. Und nun müssen wir uns, allein mithilfe unseres eigenen freien Willens, der auf dem Ego, dem Geist und unserer Erfahrung beruht, aus dieser Illusion, aus der Gefangenschaft der Träume des Geistes befreien und wieder zum Absoluten werden.
Das gegenwärtige Seminar ist genau ein solches Spiel des Absoluten, bei dem Ihr eigener freier Wille zum Einsatz kommt.
Die drei Grundlagen der Lehre
Wir setzen also unsere Erörterung der Sichtweise des Advaita fort.
In der Lehre gibt es drei grundlegende Kategorien: Sicht (Jnana, Drishti), Meditation (Dhyana) und Verhalten (Kriya). Die Sicht bestimmt die Weltanschauung, also wie wir die Welt insgesamt betrachten (wir haben gerade darüber gesprochen). Meditation bezeichnet das, was wir im täglichen Leben praktizieren, die Bewusstseinshaltung, die wir einnehmen. Verhalten schließlich bezeichnet, wie wir die Lehre im Leben verwirklichen, wie wir Gewahrsein in den Alltag einbringen.
Die drei Schulen der Sichtweise
Es gibt drei Hauptschulen, welche die Sichtweise in der Tradition der indischen Schulen bestimmen. Sie heißen: Srishti-Drishti-Vada, Drishti-Srishti-Vada und Ajata-Vada. (Es ist nicht notwendig, sich die Sanskrit-Begriffe zu merken; wichtig ist vielmehr, ihr Wesen zu erfassen.)
Srishti-Drishti-Vada: allmähliche Schöpfung
Die erste Auffassung (oder die erste Sichtweise) besagt, dass das Universum allmählich erschaffen wurde, das heißt, aus der absoluten Leere begannen sich dank des feinstofflichen schöpferischen Tattva die drei Gunas zu entfalten, und das Element des Raumes entstand. Durch Tamas (Trägheit), Rajas (Bewegung) und Sattva (Leuchten) entstand im ursprünglichen Vakuum eine Schwingung. Dieses Vakuum begann, sich selbst wahrzunehmen, spiegelte sich in sich selbst und brachte die ursprüngliche Begrenzung hervor – das Element des Raumes. Im Element des Raumes setzten feine Schwingungen und Wirbel ein, Bewegung begann. So entstand das Element der Luft – der Wind. Wind ist, könnte man sagen, feinstoffliches Prana, Energie.
Als sich der Wind zu bewegen begann, entstanden durch die Reibung feiner subatomarer Teilchen Wärmereaktionen, die sich zu einem dichteren, eigenständigen Bereich absonderten, und so entstand das Element Feuer. Als das Element Feuer zu kondensieren und sich zu verdichten begann, sonderten sich seine trägeren Bestandteile ab, die nicht mehr so dynamisch sein konnten, dafür aber fließfähig wurden; man könnte sagen, es handelte sich um flüssiges Plasma. So entstand das Element Wasser aus subatomaren Teilchen, die nicht mehr zu starken Übergängen und Subtransformationen fähig waren. Als schließlich das Element Wasser kondensierte und erstarrte, entstand das Element Erde, das die Eigenschaften der Trägheit besaß und zu starken Transformationen nicht fähig war. Auf diese Weise entstanden die fünf Urelemente.
Indem sich die fünf Urelemente in verschiedenen Aspekten (Sattva, Rajas und Tamas) miteinander verbanden, begannen sie, Kombinationen zu bilden. Der sattvische Anteil der fünf Urelemente bildete den Geist, unser „Ich“, das Gedächtnis und das feinstoffliche intuitive Bewusstsein. Der strahlendste, lichtvollste Anteil der Urelemente bildete Chitta, Manas, Buddhi und Ahamkara, also die feinstofflichen Bestandteile unserer Psyche. Der rajasische Anteil der fünf Urelemente verband sich und bildete die fünf grundlegenden und fünf zusätzlichen Lebenskräfte. Prana, Apana, Samana, Udana und Vyana sind die grundlegenden Pranas, mit denen wir im Kundalini-Yoga arbeiten. Daneben gibt es weitere: Naga, Kurma, Krikara, Devadatta und Dhananjaya (auch sie werden im Kundalini-Yoga studiert). Schließlich bildete der tamasische Anteil der fünf Urelemente unseren physischen Körper: das Element Erde das Fleisch, das Element Wasser das Blut, das Element Wind das Prana, das Element Feuer das Verdauungsfeuer und das Element Raum die Hohlräume im Körper sowie die fünf Karma-Indriyas und die fünf Jnana-Indriyas, also die fünf Sinnesorgane und die fünf Handlungsorgane. So wird die Erschaffung des Universums aus der Sicht von Srishti-Drishti-Vada beschrieben, der zufolge sich das Universum allmählich und gesetzmäßig entwickelte und zyklisch lebt und wirkt.
Die der Quantenphysik eigenen Urknalltheorien vertreten ungefähr denselben Standpunkt. Darüber hinaus sind alle jüngsten Errungenschaften der Quantenphysik streng genommen keine Entdeckungen, sondern vielmehr Neuformulierungen alter tantrischer und vedischer Theorien.
Wenn ich die Entdeckungen Hugh Everetts und die paradoxen Theorien der Physiker lese, sehe ich einfach, dass das, was als die neuesten Entdeckungen der Quantenphysik gilt, bereits vor langer Zeit in den Veden, Upanishaden und Tantras beschrieben wurde. Die Rishis des Altertums wussten weit mehr als die heutigen Wissenschaftler; sie konnten Zeit und Raum zusammenfalten.
Drishti-Srishti-Vada: augenblickliche Schöpfung durch das Bewusstsein
Eine andere Art der Sichtweise wird Drishti-Srishti-Vada genannt. Dies ist eine vollkommen paradoxe Theorie, die besagt, dass die Welt, der Raum und die Zeit auf andere Weise existieren. Aus der Sicht von Drishti-Srishti-Vada gibt es keine allmähliche Erschaffung des Universums durch den Urknall und keinen konkreten Anfang oder Abschluss des Universums. Das Universum wird in jeder Sekunde, in jedem Augenblick durch jeden Akt unseres Bewusstseins erschaffen.
Mit anderen Worten: Das Universum existiert so lange, wie unser Bewusstsein existiert. Warum existiert zum Beispiel dieser Saal? Er existiert nicht aus sich selbst heraus, sondern nur, weil wir eine karmische Sicht haben. Man kann sagen, dass dieser Saal in unserer Wahrnehmung existiert. Wenn wir auseinandergehen und niemand mehr hier bleibt, wird es keinen Saal geben. Das scheint paradox, doch tatsächlich wird es ihn nicht geben. Sie können sagen: „Nein, warum denn? Er wird da sein. Wenn irgendein Fremder hierherkommt und nachsieht, wird er feststellen, dass dieser Saal nirgendwohin verschwunden ist und weiterhin an seinem Platz steht.“ Ich werde antworten: „Um die Existenz dieses Saals zu bestätigen, muss jemand hierherkommen. Und wenn er kommt, wird er diesen Saal durch die Kraft seiner karmischen Sicht erschaffen, denn dieser Saal ist in seinen Kanälen vorhanden.“
Wenn aber niemand kommt und die Existenz des Saals bestätigt, wird es diesen Saal nicht geben, denn dieser Saal existiert gerade in unseren Kanälen, in unserem Karma als menschliche Wesen. Sobald es keine menschlichen Wesen gibt, fehlt von diesem Saal jede Spur, denn dieser Saal ist eine Art kollektive Visualisierung, die wir aufrechterhalten.
Wenn hungrige Geister aus der Welt der Pretas kommen, um sich diese Halle anzusehen, werden sie sie völlig anders wahrnehmen, da sie eine andere karmische Sicht haben. Diese Halle wird ihnen als etwas Kleines, Beengtes, Zerstörtes und dergleichen erscheinen. Das heißt, sie werden nicht jene Halle sehen, die die Menschen gesehen haben, denn durch ihr Bewusstsein werden sie ein anderes Universum erschaffen, und da ihr Bewusstsein begrenzt und verkümmert ist, werden sie ein diesem Bewusstsein entsprechendes Universum erschaffen. Wenn Götter kommen, um sich diese Halle anzusehen, werden sie sie nicht so sehen, wie wir Menschen sie sehen. Sie werden diese Halle als einen riesigen, majestätischen und wunderschönen Palast wahrnehmen; durch die Kraft ihrer karmischen Sicht werden sie genau eine solche Halle erschaffen. Wenn Asuras kommen, um sich diese Halle anzusehen, werden sie sie als eine Halle für irgendeine intensive Praxis wie Ringen oder Kampfkünste wahrnehmen, das heißt, es wird eine dynamische, energiegeladene Halle sein, aber keine menschliche Halle.
Die Vielzahl variabler Universen
Es heißt, dass das Universum in jeder Sekunde gerade durch unser Bewusstsein erschaffen wird. Beispielsweise gibt es eine Vielzahl variabler Universen, die sich von unserem unterscheiden. All diese Universen existieren gleichzeitig. Es gibt ein Universum, in dem Christus nicht gekreuzigt wurde, das heißt, in dem er sein ganzes Leben lang erfolgreich predigte. Es gibt ein Universum, in dem es keine tatarisch-mongolische Invasion gab. Es gibt ein Universum, in dem Russland die Heimat des Anuttara-Tantra und des Laya-Yoga ist und dies die vorherrschende Staatsreligion darstellt. Das heißt, es gibt eine unendliche Vielzahl variabler Universen, wobei diese Universen gleichzeitig existieren. Einige Universen existieren lediglich als Bewusstseinsakte, als Potenzial, andere hingegen als vollständig manifestierte, entfaltete physische Energien.
Es gibt ein Universum, in dem Sie bereits ein Buddha, ein Heiliger sind. Es gibt ein Universum, in dem Sie ein gewöhnlicher Laie sind, der überhaupt nicht an das spirituelle Leben denkt, sondern völlig von weltlichen Sorgen in Anspruch genommen wird. Es gibt ein Universum, in dem Sie ein Mönch sind, der eine bestimmte Stufe der Befreiung erreicht hat. Es gibt auch ein Universum, in dem Sie nicht in der Welt der Menschen, sondern in der Welt der Götter oder in der Welt der Asuras leben. Es gibt ein Universum, in dem Sie einen ähnlichen Lebensstil führen, aber etwas in Ihrem Schicksal anders ist. Diese Universen existieren gleichzeitig, genau jetzt, als Möglichkeiten oder verborgene Spuren. Und die spirituelle Praxis besteht nicht darin, etwas zu erschaffen, sondern darin, eine bestimmte Variante des Universums auszuwählen und sie zu manifestieren.
Jeder Akt unseres Bewusstseins ist eine Art Wahl. Jeder unserer subtilen Gedanken, jede subtile Bewegung ist eine Art Bewegung der karmischen Sicht. Und wir bewegen uns als Bewusstseinssphäre durch verschiedene Universen in der unendlichen Sphäre, die weder ein Zentrum noch Grenzen hat.
Jede unserer Bewegungen eröffnet neue Möglichkeiten, neue variable Universen. Wenn Sie beispielsweise tausend Niederwerfungen ausgeführt haben, haben Sie dadurch die Möglichkeit der Manifestation eines Universums nähergebracht, in dem Sie ein Heiliger sind. Wenn Sie ein Gebot verletzt, sich zornig verhalten oder etwas getan haben, das dem spirituellen Leben widerspricht und dessen Sie sich später schämen müssen, haben Sie begonnen, eine andere Variante eines alternativen Universums zu eröffnen, in dem sich die Ereignisse zum Schlechten entwickeln und in dem es keinen Dharma gibt. Wenn Sie das Ritual der Darbringung eines Räucherstäbchens vollziehen, beginnt sich ein anderes, mit den Siddhas verbundenes Universum zu öffnen; es beginnt, sich zu manifestieren und zu aktualisieren.
Heute haben wir beispielsweise einen Bhajan für Dattatreya gesungen und sind dadurch ein wenig in ein Universum eingetreten, in dem es Dattatreya gibt und in dem er Übertragungen in Form von Segnungen erteilt. Wenn Sie im Lotossitz gesessen haben, haben Sie begonnen, jenes Universum zu aktualisieren, in dem Sie bereits ein Heiliger oder ein Buddha sind; es ist Ihnen ein wenig nähergekommen. Wenn Sie hingegen etwas Tadelnswertes oder Alltägliches getan haben, haben Sie begonnen, jenes Universum zu öffnen, in dem es niemals Befreiung gibt und in dem nicht einmal das Wort „Dharma“ existiert. Das erscheint paradox, aber es ist tatsächlich so. Ich habe mich beispielsweise aus eigener Erfahrung davon überzeugt, dass es Welten gibt, in denen der Kommunismus in Russland gesiegt hat, und Welten, in denen Russland die Heimat tantrischer Lehren ist; es gibt Welten, in denen China und nicht die USA der vorherrschende Staat ist. Es gibt unendlich viele solcher Welten, und jeder Akt unseres Bewusstseins öffnet die Tür zu irgendeinem Universum. Wenn solche Bewusstseinsakte von einer starken Absicht (Sankalpa) begleitet werden, beginnt sich ein bestimmtes Universum zu materialisieren.
Dattatreyas Lehre von der Erschaffung der Welt durch das Bewusstsein
Diese Lehre erläuterte der Avadhuta Dattatreya in dem grundlegenden Text „Tripura Rahasya“, den ich hinsichtlich seiner Bedeutung mit der „Bhagavad Gita“ oder der „Bibel“ vergleichen würde.
Der Avadhuta Dattatreya sagt in seinen Unterweisungen zu Parashurama Folgendes:
Die Welt wird so, wie du sie in deinen Gedanken entwirfst. Das Universum ist ein Produkt des Geistes, ein Produkt des Bewusstseins. Es gibt kein von dir unabhängiges Universum, und wenn dein Entwurf kraftvoll ist, wirst du nach einiger Zeit sehen, wie er sich manifestiert.
Mit anderen Worten: Jeder eurer Gedanken, selbst der absurdeste und unglaublichste, kann sich manifestieren. Jeder Akt eures Bewusstseins ist eine potenzielle Möglichkeit, ein neues Universum zu erschaffen, in dem sich diese Tendenz verwirklicht. Somit hängt alles davon ab, wie kraftvoll euer Bewusstsein ist und wie stark die Absicht ist, die ihr hervorbringt.
Um die eine oder andere mögliche Entwicklung der Ereignisse zu verwirklichen, müssen wir eine sehr starke Absicht besitzen. Jemand könnte sagen: „Ich möchte Befreiung erlangen, der beste Praktizierende werden, aber aus irgendeinem Grund sehe ich nicht, dass sich meine Absicht materialisiert, dass sie sich manifestiert hat.“ Tatsächlich liegt der Grund dafür darin, dass eure Absicht schwach ist; sie unterliegt der kollektiven Absicht der menschlichen Gesellschaft und der kollektiven Absicht der Götter, die das Universum erschaffen.
Der Avadhuta Dattatreya sagt zum Beispiel: „Dein Wille wird vom Willen Brahmas verdrängt.“
Dieses Universum wird von Schöpfergöttern, von Gottheiten gelenkt. Das Universum wird auch durch die kollektive karmische Weltsicht der Menschen erschaffen. Und wenn unser Wille schwach ist, können wir unsere Absicht nicht verwirklichen. Mit anderen Worten: Wir können unser Universum nur dann beeinflussen, wenn unser Wille und unsere Absicht über genügend Kraft verfügen.
Was ist nun aus dieser Sicht Befreiung?
Befreiung zu erlangen bedeutet, das eigene Universum so zu beeinflussen, dass es sich uns in reiner Sicht als Mandala offenbart, in dessen Zentrum wir selbst stehen. Es bedeutet, unser eigenes inneres und äußeres Universum so zu beeinflussen, dass wir uns als Schöpfer dieses Universums erkennen können, das heißt, zur Gottheit im Zentrum des Mandalas werden. Um dies zu erreichen, sollten wir uns in Kontemplation und im natürlichen Zustand üben, denn wir können nur dann in dieses Zentrum des Universums eintreten, wenn wir intuitives Gewahrsein entfaltet und gelernt haben, nicht aus ihm herauszufallen. Dann beginnt es, sich zu entfalten.
Die paradoxe Natur von Ursache und Wirkung
Aus Sicht der Drishti-Srishti-Vada-Theorie existieren auch Ursache und Wirkung nicht. In der relativen Dimension existieren Ursache und Wirkung natürlich, und das Gesetz des Karmas existiert. Das heißt, wenn ihr etwas tut, werdet ihr unweigerlich ein Ergebnis erhalten. Wenn man zum Beispiel Tiere tötet, werden Krankheiten oder eine kurze Lebensdauer in der nächsten Wiedergeburt die Folge sein. Wenn man Heiligen und Mönchen Opfergaben darbringt, heilige Bilder druckt, Statuen erschafft oder Tempel baut, wird die Folge davon in der nächsten Wiedergeburt sein, dass man ständig den Segen von Heiligen, Göttern und Mönchen empfängt oder selbst in diesen Strom eintritt. Wenn man darüber nachdenkt, wie man reich werden kann, und entsprechende Pläne schmiedet, wird Reichtum in der nächsten Wiedergeburt das Ergebnis solcher Gedanken sein, das heißt, man wird beispielsweise in der Familie eines wohlhabenden Millionärs geboren. So funktioniert das Gesetz von Ursache und Wirkung auf der relativen Ebene.
Die Drishti-Srishti-Vada-Theorie ist eine höhere Sichtweise, die besagt, dass es keine direkten Ursachen und unmittelbaren Wirkungen als solche gibt, sondern dass alles wesentlich komplizierter ist: Eine Ursache bringt nicht unmittelbar eine Wirkung hervor, sondern ist lediglich ein Akt der Bewusstseinsveränderung, der ein anderes mögliches Universum eröffnet, in dem das, was wir für die Wirkung halten, bereits existiert.
Ein Mensch arbeitet zum Beispiel hart, verdient Geld und wird schließlich reich. Er denkt: „Weil ich hart gearbeitet habe, bin ich reich geworden.“ In Wirklichkeit ist das jedoch nicht so. Er wird nicht reich, weil er hart gearbeitet hat, sondern weil er eine bestimmte Absicht geschaffen hat, während die Arbeit lediglich ein Mittel war, diese Absicht zu festigen. Genau diese Absicht (Sankalpa) veränderte sein Bewusstsein, und das Bewusstsein erschloss daraufhin jenen Bereich des möglichen Universums, in dem er schon immer reich war. Mit anderen Worten: Es gibt ein Universum, in dem dieser Mensch schon immer reich war, doch zuvor konnte er mit seinem Bewusstsein einfach nicht in dieses Universum eintreten. Die intensive Arbeit diente als Mittel, um die Absicht zu fokussieren, die diese Variante des Universums eröffnete, in die der Mensch eintrat. Hätte dieser Mensch die Fähigkeit zur Erkenntnis besessen, hätte er sofort in diese Variante des Universums eintreten können, indem er einfach sein Bewusstsein veränderte.
Die göttliche Wahrnehmung von Zeit und Raum
Wie Sie sehen, ist die Theorie des Drishti-Srishti-Vada sehr radikal. Sie verändert all unsere Vorstellungen von der Welt. Es ist eine paradoxe Sichtweise, die jenseits der gewöhnlichen Theorien von Zeit und Raum liegt. Diese Sicht ist den Heiligen, den Mahasiddhas, eigen, also jenen, die sich nicht im gewöhnlichen Geist befinden, sondern den natürlichen Zustand verwirklicht haben. Solche Heiligen operieren mit den Kategorien der Ewigkeit und Unendlichkeit; sie befinden sich jenseits von Raum, Zeit, Spiel und Paradoxon. So sehen sie beispielsweise die Zeit als einen einzigen Faden. Vergangenheit und Zukunft liegen auf diesem Faden beieinander, das heißt, es handelt sich lediglich um bestimmte Samskaras, in die man eintreten kann. So wie man ein Videoband vor- oder zurückspulen kann, kann man auf dieselbe Weise vergangene und zukünftige Samskaras zurück- oder vorspulen und erneut in jede beliebige Situation eintreten.
Aus der Sicht des Drishti-Srishti-Vada kann auch die Vergangenheit mehrere Varianten haben und mehrdeutig sein. Es gibt beispielsweise eine Vergangenheit, in der China Tibet nie angegriffen und den tibetischen Buddhismus nie verdrängt hat. Oder es gibt eine Vergangenheit, in der es weder die Oktoberrevolution noch den Kommunismus in Russland gab. Mehr noch: Wir können diese Vergangenheit aktualisieren, indem wir konkrete kollektive Absichten hervorbringen. Das heißt, wenn alle Menschen intuitives Bewusstsein erlangen, in die alten Samskaras eintreten und die entsprechende Sankalpa hervorbringen, können sie die Vergangenheit verändern. Und wenn sich die Vergangenheit verändert, wird sich plötzlich auch die Geschichte, in der wir leben, verändern.
Wenn beispielsweise alle in die alten Samskaras eintreten wollen und die Sankalpa hervorbringen, dass Russland die Heimat des Advaita ist, wird sich dies nach einiger Zeit manifestieren. Mehr noch: Bei allen wird sich augenblicklich die Erinnerung daran manifestieren, dass Russland schon immer die Heimat des Advaita war, denn auch die Erinnerung an das Alte wird sich entsprechend der Erinnerung an die Vergangenheit dieses neuen variablen Universums manifestieren. Genau darin besteht die paradoxe Sicht der Theorie des Drishti-Srishti-Vada. Sie erfordert intuitive Bewusstheit und einen nicht menschlichen, sondern göttlichen Intellekt. Ungefähr so denken die Götter.
Die Theorie des Ajata-Vada
Doch die Theorie des Drishti-Srishti-Vada ist noch nicht die höchste Theorie; sie stellt eine Zwischenstufe dar. Tatsächlich gibt es eine noch höhere Theorie: Ajata-Vada. Die Theorie des Ajata-Vada ist ein vollkommenes Paradoxon. Sie besagt, dass die Erschaffung des Universums niemals stattgefunden hat und dass auch das Universum selbst nicht existiert. Es gibt weder Lebewesen noch Gebundenheit, weder Befreiung noch Leben oder Tod. Dies ist eine transzendente Sichtweise, ein Paradoxon, das selbst für Götter und Heilige schwer zu verstehen ist. Doch erst wenn wir das höchste Verständnis der Theorie des Ajata-Vada erlangen, können wir die vollständige Erleuchtung erfahren.
Erleuchtung zu erlangen bedeutet, das Verständnis des Ajata-Vada vollständig zu verwirklichen. Mit anderen Worten: Ihre Weltanschauung entwickelt sich von der gewöhnlichen Auffassung einer allmählichen Erschaffung des Universums hin zur Theorie der augenblicklichen Erschaffung des Universums, wenn Sie verstehen, dass das Universum formbar ist, vom Bewusstsein und durch nichts anderes erschaffen wird. Anschließend gehen Sie zu einer transzendenten Sicht über, die besagt, dass es weder das Universum noch Sie, weder Gebundenheit noch Befreiung jemals gegeben hat, sondern dass etwas Absolutes und Paradoxes bestand, dessen Name das Absolute ist.
Die zwei Seiten des Absoluten
Man kann auch darüber sprechen, dass das Absolute zwei Seiten hat. Im traditionellen Hinduismus werden diese beispielsweise Shiva und Shakti genannt. Bei uns heißen sie Gewahrsein (Prajnana) und Energie (Shakti). Gewahrsein ist das Prinzip der Leerheit. Energie ist das Prinzip der Schöpfung, das Prinzip der Manifestation, das sich durch Schwingungen (Spanda) verwirklicht. Mit anderen Worten: Der höchsten Quelle sind zwei Eigenschaften eigen. Die eine Eigenschaft ist das Unmanifestierte (Leerheit, Nirguna, Nirakara, Niranjana); es ist vollkommen rein und unbefleckt, ohne Gunas und Eigenschaften. Die zweite Eigenschaft ist die Fähigkeit zur Offenbarung, zur Manifestation. Das heißt, das Absolute besitzt die ihm innewohnende Eigenschaft, sich zu manifestieren, auszustrahlen und zu erschaffen. Dies ist das Prinzip der Energie (Shakti), und eine solche Schöpfung geschieht mittels Spanda (Schwingung). Indem sich die Schwingung ausbreitet, erschafft sie im Einklang mit den universellen Rhythmen. Das Gesetz der universellen Rhythmen wird Rita genannt, das Gesetz der kosmischen Harmonie.
Wenn wir praktizieren, ist für uns dieser Aspekt sehr wichtig: Das Absolute, der höchste Geist, kann sich manifestieren und besitzt dabei eine Tendenz zur Ausstrahlung und Manifestation. Wenn wir uns jedoch ausschließlich auf die unmanifestierte, leere Seite des Absoluten konzentrieren, ignorieren wir die Hälfte des Seins.
Es gibt hierzu sogar Unterweisungen von Saraha, in denen er Folgendes sagt:
Gewöhnliche Wesen, deren Geist von den fünf Sinnesorganen gefangen ist und an materiellen Objekten haftet, gleichen einer Kuh. Und diejenigen, die vom Unmanifestierten gefangen sind, sind noch schlimmer.
Mit anderen Worten: Wenn wir praktizieren, dürfen wir nicht in Extreme verfallen. Wir dürfen weder an Objekten noch am Unmanifestierten haften. Wir dürfen diese Welt weder für Realität noch für Illusion halten. Wir dürfen weder dem Irrtum des Eternalismus noch dem des Nihilismus verfallen. Wir befinden uns in der Mitte und sagen, dass diese Welt zugleich Illusion und Realität ist; das Universum ist illusorisch, zugleich aber ist es als Energie, als Spiel des Absoluten real.
Die fünf Kräfte und die drei Potenzen des Absoluten
In der Lehre heißt es, dass das Absolute das Universum durch seine fünf Kräfte erschafft: die Kraft der Schöpfung (Srishti), die Kraft der Erhaltung (Sthiti), die Kraft der Zerstörung (Samhara), die Kraft der Verhüllung (Tirodhana) und die Kraft der Erleuchtung des Göttlichen (Anugraha).
Es heißt außerdem, dass das Absolute über drei schöpferische Potenzen verfügt, die als drei ursprüngliche Kräfte beschrieben werden: Jnana-Shakti, Iccha-Shakti und Kriya-Shakti.
Jnana-Shakti ist die Bewusstseinsenergie des Absoluten, durch die es sich selbst erkennt. Auf der subjektiven Ebene bedeutet Jnana-Shakti, dass wir meditieren und allmählich erkennen, dass das Wesen unseres „Ichs“ Leerheit ist.
Wenn Sie die Worte „das Absolute“ oder „die Erschaffung des Universums“ hören, denken Sie nicht, dass ich über irgendwelche globalen Vorgänge spreche, die eine Million Lichtjahre von uns entfernt stattfinden. Dies ist keineswegs eine Lehre der Physik. Ich spreche von unserem eigenen Absoluten, vom Mikrokosmos, denn jeder Mensch ist ein Mikrokosmos. Es geht also um Sie selbst, um die Kräfte, die in Ihnen vorhanden sind. Wir sprechen nicht von irgendeinem Gott im Himmel, der unabhängig von uns etwas erschafft, sondern gerade von den Aspekten unseres Bewusstseins, denn der menschliche Körper ist Brahmanda – das kosmische Ei, in dem sowohl die Götter als auch die Himmel existieren. Unser eigenes Bewusstsein und nichts anderes ist das Absolute.
Es gibt also drei Hauptkräfte: die Kraft des Wissens (Jnana-Shakti), die Kraft des Willens (Iccha-Shakti) und die Kraft des Handelns (Kriya-Shakti). Wenn wir etwas erkennen und uns dessen bewusst werden, wirkt die Kraft des Wissens. Wenn wir eine Absicht (Sankalpa) bilden und versuchen, unseren Willen zu manifestieren, wirkt Iccha-Shakti (die Willenskraft des Absoluten). Wenn wir etwas tun, wirkt Kriya-Shakti. So bildet das Absolute beispielsweise durch Iccha-Shakti die Absicht, verschiedene Welten zu erschaffen, und durch Kriya-Shakti erschafft es sie.
Diese drei ursprünglichen Kräfte entsprechen den drei Gunas, den drei fundamentalen Energien: Tamas, Rajas und Sattva. Und die Handlungsenergie des Absoluten (Kriya-Shakti) gliedert sich in die Kraft der Schöpfung (Srishti-Shakti), die Kraft der Zerstörung (Samhara-Shakti), die Kraft der Aufrechterhaltung oder Bewahrung (Sthiti-Shakti), die Kraft der Verhüllung (Tirodhana-Shakti) sowie die Kraft der Erleuchtung und Manifestation des Göttlichen (Anugraha-Shakti).
Die Kraft der Erleuchtung und der spirituelle Dienst
Für uns ist die Kraft der Erleuchtung, die Kraft der Manifestation des Göttlichen (Anugraha), sehr wichtig. Auf genau diese Kraft stützen wir uns in unserer spirituellen Praxis, während die anderen Kräfte für uns nicht so wichtig sind. Die Kraft der Zerstörung ist feindlich, die Kraft der Verhüllung ist manchmal feindlich und manchmal nicht.
Im Mahayana-Buddhismus ist meiner Ansicht nach Bodhichitta – die schöpferische Kraft der Erleuchtung – das Gegenstück zu Anugraha. Wenn wir über den herabsteigenden Impuls meditieren und spirituellen Dienst leisten, kann man sagen, dass wir diese universelle Kraft der Erleuchtung und der Offenbarung des Göttlichen anrufen.
Was bedeutet es, „spirituellen Dienst zu leisten“? Es bedeutet, diese universelle Kraft der Erleuchtung bewusst anzurufen. Wenn beispielsweise Lehren weitergegeben und der Dharma verbreitet wird, werden diese universelle Kraft der Offenbarung des Göttlichen angerufen und manifestiert. Die herabsteigende Kraft wird mit der Gnade des Absoluten verglichen – mit dem, was herabsteigt und sich manifestiert. Dank ihr entstehen Texte, Traditionen, Lehrer, Retreats, Mönche und Klöster, Gottheiten erteilen Unterweisungen usw.
Je mehr wir uns dieser Kraft öffnen und je mehr wir anderen bei der Erleuchtung helfen, desto mehr Energie gibt uns diese Kraft und desto stärker entfaltet sie sich in uns – genau darin besteht der Sinn des spirituellen Dienstes und der Hilfe für andere. Wenn Sie sich daher freiwillig dazu entschließen, anderen zu helfen, und mit der Lehre, dem Lehrer und der Gemeinschaft zusammenwirken, verbinden Sie sich mit dieser Energie, mit dieser Kraft der Erleuchtung.
Was ist nötig, um diese Kraft anzurufen?
In den traditionellen Texten wird diese Kraft als launische Göttin dargestellt. Auf diese Weise wird die Tatsache zum Ausdruck gebracht, dass es nicht einfach ist, sie anzuziehen. Sie kann nur dann angezogen werden, wenn wir originell denken, nicht egozentrische Einstellungen besitzen, globale Pläne und Absichten haben, eine überpersönliche Ebene erreichen, nicht uns selbst dienen, sondern versuchen, über uns selbst hinauszugehen.
Die Einheit von Sichtweise, Meditation und Verhalten
Wir haben also bestimmte Elemente der Sichtweise besprochen.
Die nächste Stufe ist die Meditation. Das heißt, um all das zu verwirklichen, worüber wir gerade gesprochen haben, müssen wir meditieren und durch die Ausführung entsprechender Praktiken eine neue Bewusstseinsebene in uns erschließen.
Der dritte Aspekt der Lehre ist schließlich das Verhalten. Verhalten bedeutet, wie Sie Ihre neue Ebene der Bewusstheit, Ihre neue Sicht auf sich selbst und die Welt sowie Ihre neue, im Prozess der Meditation gewonnene Erfahrung in Ihren Alltag einbringen werden.
Yogis leben so, dass Sichtweise, Meditation und Verhalten miteinander harmonieren und vollständig verschmelzen. Wenn die Sichtweise mithilfe der Meditation in das Bewusstsein eindringt und die Meditation das Verhalten durchdringt, tritt Somarasya ein – der Zustand des einheitlichen „Geschmacks“. Das bedeutet, dass für uns nun alles eins und miteinander verschmolzen ist, dass es keinen Unterschied zwischen Weltanschauung, Bewusstseinszustand und unseren Handlungen gibt. Den einheitlichen „Geschmack“ (Somarasya) zu erreichen, bedeutet, Befreiung zu erlangen. Und das ist unser Ziel.
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Autor Гуру
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Ekadashi der Befreiung. Hilft, spirituelle Erleuchtung zu erlangen.