Namaste!

Karmische Vision und Befreiung von der illusionären Welt

11.08.2026
0 мин. чтения
0
Teilen
Karmische Vision und Befreiung von der illusionären Welt

Kommentar zum Text „Tripura Rahasya“, Kapitel 18 „Über die Einheit und Unteilbarkeit des höchsten Wesens“.

„Denn das höchste Wesen ist stets selbstleuchtend und nichtdual, und es zeigt die Vielfalt der Erscheinungen, so wie in einem Spiegel verschiedene Reflexionen sichtbar sind.“

Das ursprüngliche Gewahrsein wird in der Lehrtradition häufig mit einem Spiegel verglichen. Die Metapher des „Spiegels“ wird auch im tibetischen Anuttara-Tantra häufig verwendet. Sie verweist auf die fundamentale Grundlage, die allen Erscheinungen zugrunde liegt. Alle Erscheinungen gleichen Spiegelbildern. Der Spiegel selbst wird von den Spiegelbildern nicht befleckt. Wenn wir beispielsweise einen Gegenstand, zwei Gegenstände, tausend oder eine Million Gegenstände vor einen Spiegel stellen, kann man nicht sagen, dass sich der Spiegel irgendwie mit diesen Gegenständen identifiziert oder beschmutzt wird. Ganz gleich, wie viele Gegenstände sich im Spiegel widerspiegeln, im Grunde genommen haben sie keinerlei Einfluss auf ihn. Diese Metapher veranschaulicht das Prinzip der Unbeflecktheit des ursprünglichen Gewahrseins.

Wenn wir mit verschiedenen Objekten in Kontakt kommen, nehmen wir nicht die Wirklichkeit wahr, sondern lediglich Spiegelbilder. Spiegelbilder wahrzunehmen bedeutet, in der Dualität und in der Wahrnehmung einer Vielfalt von Objekten zu verweilen. Wenn wir die Wirklichkeit wahrnehmen, sehen wir den Spiegel als die wahre Grundlage, und alles, was erscheint, sehen wir als das Spiel eben dieser Spiegelbilder.

Radikale Veränderung des Weltbildes

Die Aufgabe unserer spirituellen Praxis besteht darin, unser gewohntes Weltbild radikal zu verändern. Was wir über die Welt denken, ist in Wirklichkeit lediglich unser gewohntes Weltbild. Doch das von uns gewählte gewohnte Weltbild ist nicht unbedingt falsch, sondern nur eines von vielen verschiedenen. Es ist mangelhaft, bringt Leiden hervor und macht uns begrenzt und sterblich. Deshalb müssen wir uns im Laufe der spirituellen Praxis so verändern, dass sich auch unser Weltbild verändert.

Aus der Sicht des gewöhnlichen Weltbildes ist ein Hund ein Hund, ein Mensch ein Mensch und ein Mönch ein Mönch; sie alle leben mit ihren eigenen kleinen Sinnvorstellungen und Zielen. Aus der Sicht des Advaita hingegen erscheint alles völlig anders. Der heilige Weise betrachtet einen Hund, einen Hundeesser, einen demütigen Brahmanen-Weisen und einen Mönch mit denselben Augen. Er sieht sie mit den Augen der Einheit. Für ihn existieren sie gewissermaßen nicht oder nur bedingt, denn der Jnani sieht sie in ihrer Einheit, er sieht sie als Brahman. Weder der Hund noch der Brahmane noch der Mönch tun aus sich selbst heraus irgendetwas. Mehr noch: Aus der Sicht des Advaita gibt es sie überhaupt nicht, sondern nur den einen Absoluten, der durch seine Energien spielt und sich als Hund, Brahmane, Mönch, Laie usw. manifestiert. Dies ist das radikalste Weltbild, das man sich überhaupt vorstellen kann. Doch die Heiligen behaupten, dass gerade dieses Weltbild uns von Leiden, Illusionen und Unwissenheit befreit.

Der Jnani sieht alle Formen als Manifestationen des einen Brahman

Die Sichtweise als Grundlage des spirituellen Weges

Das Weltbild zu verändern bedeutet im Grunde, eine Sichtweise zu erlangen. Wir haben bereits gesagt, dass die Sichtweise einen Aspekt des Weges darstellt. In der Tradition des Laya-Yoga und des Anuttara-Tantra heißt es allgemein: „Nicht so sehr die Meditation ist wichtig, sondern vielmehr die Gewöhnung an die Sichtweise.“ Das heißt, wir müssen uns an ein anderes Weltbild gewöhnen und uns vollständig darin festigen, damit wir uns nicht länger täuschen lassen. Eine andere Bezeichnung für das Weltbild, die Sichtweise, ist karmische Sicht, Loka-Drishti, also eine Sicht, die mit einem Loka, mit einer bestimmten Ebene der Welt, verbunden ist.

Die karmische Sicht verschiedener Welten

Allen Lebewesen ist ein bestimmtes Weltbild, eine bestimmte karmische Sicht eigen. Hungrige Geister beispielsweise verweilen in einer verengten Weltanschauung. Ihr Weltbild ist derart, dass sie selbst dann, wenn man ihnen ein Glas Wasser reichen wollte, nicht in der Lage wären, es zu trinken, weil ihr Bewusstsein dieses Wasser verderben würde und sie beim Trinken entsetzliche Schmerzen und ein brennendes Gefühl verspüren würden. In ihrer karmischen Sicht, in ihrem Weltbild, verwandelt sich das Wasser in eine ätzende Säure oder in etwas anderes Unangenehmes. Dieses Weltbild haben sie selbst durch ihre vergangenen Handlungen erschaffen. Man kann sagen, dass sie sich selbst in einen solchen Realitätstunnel getrieben haben. Und es wird ungeheuer viel Zeit erfordern, ihr Bewusstsein von diesem gewohnten Weltbild zu reinigen.

Was ist mit den Asuras? In der Welt der Asuras wird alles, was Sie sagen, mit großem Misstrauen aufgenommen: entweder als Aufforderung zum Kampf oder als Ausdruck von Feindseligkeit. Und so sehr Sie auch versuchen, andere von Ihren reinen Absichten und Ihrer Aufrichtigkeit zu überzeugen, man wird Ihnen nicht recht glauben, versuchen, Ihre Intrigen zu durchschauen, und gleichzeitig Verschwörungen schmieden, um sie zu neutralisieren. Das ist das Weltbild der Asuras, und daran lässt sich nichts ändern. Sie selbst haben sich in einen solchen Realitätstunnel versetzt, in dem die Welt aus Rivalität, Feindseligkeit, Misstrauen, raffinierten Tricks, großer Klarheit und anderem besteht.

Die karmische Sicht verwandelt eine Welt in verschiedene Realitätstunnel

Ebenso gibt es auch in der Welt der Götter eine besondere Sichtweise. Wenn die Götter mit Lebewesen interagieren, nehmen sie diese auf erhabene Weise wahr, obwohl sie deren Begrenzungen sehen.

Realitätstunnel und Befreiung

Die Lebewesen versetzen sich durch ihre früheren Handlungen in einen bestimmten Realitätstunnel. Das ist die karmische Sicht, Loka-Drishti. Es gibt ebenso viele solcher Realitätstunnel, wie es Einheiten in der Unendlichkeit gibt, und unser Realitätstunnel, der des Menschen oder der Praktizierenden, ist einer von unendlich vielen. Menschen, die mehr oder weniger dieselbe karmische Sicht und einen gemeinsamen Realitätstunnel teilen, finden zusammen. Sie bilden eine Rasse, eine Zivilisation, eine Ethnie oder eine ganze Welt, eine Loka. Die grundlegende Basis, die Lokas entstehen lässt, ist gerade das Vorhandensein einer bestimmten karmischen Sicht. Mit anderen Worten: Nicht die Materie, sondern das Bewusstsein bestimmt das Sein. Gerade das Bewusstsein, die karmische Sicht, bestimmt die Struktur der Elemente, die Materie und anderes.

Wenn wir von Befreiung sprechen, bedeutet das, dass wir uns vom gewohnten Weltbild, von der gewohnten Anschauung und von der gewohnten karmischen Sicht befreien müssen, denn wenn wir weiterhin daran festhalten, wird sie fortbestehen, da sie ebenso unendlich ist wie jede andere karmische Sicht. Das heißt, dieses Universum der Anhaftung wird kein Ende haben, denn diese Energie ist unendlich, da sie aus dem Absoluten ausstrahlt. Es gibt eine unendliche Energie der Unwissenheit, der Stumpfheit und des Tamas, eine unendliche Energie des Kampfes, der Spiele, der sexuellen Begierden und der verfeinerten Genüsse, und es gibt eine unendliche Energie der Klarheit – all dies sind Lokas, die durch nichts begrenzt sind. Wenn wir Lebewesen, die Jivas, in diese Energien geraten, treten wir darin jedoch in begrenzter Form in Erscheinung, das heißt als endliche Wesen, die dem Gesetz der Wiederverkörperung unterliegen. Genau deshalb heißt es, dass solche Realitätstunnel für uns ungeeignet sind. Mit anderen Worten: Die sechs Welten des Samsara sind eine Stätte des Kummers und des Leidens, das Los der Verblendung, das schreckliche Rad des Kreislaufs von Geburt und Tod. Es handelt sich nicht etwa um Welten, durch die sich die Seele bewegt; vielmehr sind es verschiedene Realitätstunnel oder Ebenen karmischer Sicht, und sie alle sind unbefriedigend. Gewöhnlich beginnen wir die spirituelle Praxis gerade mit Betrachtungen über diese für uns unbefriedigende Natur all jener Realitätstunnel, in die unser Bewusstsein versetzt wird. Infolge solcher Betrachtungen entsteht der starke Wunsch, sich aus dem Kreislauf von Geburt und Tod zu befreien, dem Samsara zu entkommen und Befreiung zu erlangen.

Die Illusionshaftigkeit von Geburt und Tod

Warum gibt es überhaupt Geburt und Tod? Warum müssen wir geboren werden, sterben und wiedergeboren werden? Wer hat das so festgelegt? Hätte sich all das denn nicht vermeiden lassen? In Wirklichkeit sind Geburt und Tod nichts Unabänderliches. Sie existieren nur in unserer karmischen Sicht, in unserem Weltbild, in unserem Realitätstunnel. In der Welt der Götter gibt es weder Geburt noch Tod. Die Götter sind unsterblich, sie werden nicht wie Menschen geboren. In der Welt der Heiligen, Götter und Rishis gibt es solche Begriffe überhaupt nicht. Dort gelten andere Vorstellungen von Raum und Zeit, und es gibt kein Gesetz von Ursache und Wirkung. In höheren Dimensionen bestehen die Welten aus Spiel, Liebe, Harmonie, Unsterblichkeit, schöpferischen Energien und Gewahrsein. Im Vergleich zu diesen Welten ist unsere Welt ein Gefängnis, etwas wie eine verlassene Baracke für Verbrecher, die ihre Strafe verbüßen; mehr noch, sie verstehen nicht ganz, wie sie mit ihrem Bewusstsein arbeiten, wie sie sich verhalten und was sie tun müssen, um aus ihr herauszukommen.

Jenseits von Geburt und Tod offenbart sich eine Welt der Harmonie und Unsterblichkeit

Diejenigen hingegen, die diese Welt für einen Ort der Unterhaltung und des Genusses halten, irren sich gewaltig, und das Leben wird ihnen dies unweigerlich vor Augen führen. Früher oder später werden sie erkennen, dass sie in einer Welt leben, die sie überhaupt nicht kontrollieren, sondern dass diese Welt im Gegenteil sie kontrolliert; sie werden dies unweigerlich erkennen, doch dann wird es bereits sehr spät sein. Welche Pläne ein Mensch auch schmieden und welche Träume er auch verwirklichen wollen mag, es wird ein Zeitpunkt kommen, an dem er nicht einmal seinen eigenen Körper kontrollieren kann und nicht mehr in der Lage ist, seinen gewohnten Tätigkeiten nachzugehen oder sich fortzubewegen. Andere werden Macht über ihn erlangen (zum Beispiel Verwandte oder Menschen in weißen Kitteln), während er selbst weder sein Leben noch seinen Körper kontrollieren kann, ganz zu schweigen davon, irgendwelche Genüsse zu erfahren.

Die Notwendigkeit, die universellen Energien zu kontrollieren

Nur ein kurzsichtiger Mensch strebt in dieser Welt nach Genuss. Ein weitsichtiger Mensch erkennt die unbefriedigende Natur dieser Realität; er versteht, dass er in einer Welt unkontrollierbarer Energien lebt, dass seine Persönlichkeit hier überhaupt nicht zählt und jederzeit von diesen universellen Kräften hinweggefegt werden kann. Und da er sich all dessen bewusst ist, unternimmt er alle erdenklichen Anstrengungen, um seine karmische Sichtweise zu verändern und sich selbst (sein Bewusstsein) in einen solchen Realitätstunnel zu versetzen, in dem er beginnt, diese universellen Kräfte selbst zu kontrollieren, sodass sie ihm keine Probleme bereiten.

Das einfachste Beispiel: Alexander der Große eroberte die halbe Welt, doch konnte er seinen Tod, seine Wiedergeburt kontrollieren? All seine Errungenschaften waren in dieser Hinsicht nutzlos. Die Welt kennt große Herrscher und Begründer ganzer Zivilisationen, doch nicht einmal ihre gewaltige Macht ermöglichte es ihnen, ihren Körper, ihr Leben oder ihren Tod zu kontrollieren. Sie alle hatten grandiose Pläne, dennoch dachten sie nicht darüber nach, wie all dies enden würde. Ihnen fehlte die Klarheit, die Lage richtig einzuschätzen; ihre Einschätzung der Welt war falsch. Wenn Hitler beispielsweise im Voraus gewusst hätte, wie sein Feldzug gegen die Sowjetunion und der Zweite Weltkrieg insgesamt enden würden, hätte er dann die ganze Geschichte mit dem Dritten Reich überhaupt begonnen?

Man kann sagen, dass die meisten Unternehmungen in der materiellen Welt scheitern, weil die Lebewesen, die sich mit ihrer Verwirklichung befassen, früher oder später mit der Tatsache konfrontiert werden, dass sie die Energien, die in dieser Welt vorherrschen, nicht kontrollieren können. Eine der stärksten Energien ist insbesondere die Energie der Zerstörung des physischen Körpers, der Krankheiten, des Leidens, des Alters und des Todes. Wenn wir darüber nachdenken, erkennen wir, dass sich in dieser karmischen Sichtweise kein Glück finden lässt. Wir haben uns selbst in einen solchen Realitätstunnel getrieben, in dem man trotz aller Bemühungen keine vollständige Zufriedenheit erlangen kann, weil man die Energien dieser Welt nicht kontrollieren kann. Und genau dann entsteht das Verständnis für die Notwendigkeit, sich von einer solchen Sichtweise zu befreien. Wir gelangen zu dem Schluss, dass wir unser gewohntes Weltbild ändern müssen, denn solange wir es nicht ändern, sind wir zum Leiden verdammt, ganz gleich, was wir tun oder was wir darüber denken.

Die Befreiung beginnt mit der Veränderung des gewohnten Weltbildes

Die Überwindung der Illusionen der Bedingtheit

Oft haben Menschen bestimmte Vorstellungen oder Illusionen: „Meine Bestimmung ist diese oder jene“ oder „Jeder Mensch muss ein Haus bauen, einen Baum pflanzen und einen Sohn großziehen“. All dies sind Illusionen innerhalb des uns vertrauten Weltbildes. Das heißt, wir alle, die Lebewesen, sind durch dieses Weltbild vollständig bedingt und an es gebunden. Und was wir auch denken, wie wir auch fantasieren, was wir auch im Laufe unserer Erziehung oder unter dem Einfluss der Gesellschaft aufnehmen mögen – all dies ist angesichts unserer grundlegenden Begrenztheit nutzlos, weil geringfügige Veränderungen in diesem Fall nichts bewirken. Genau deshalb geben uns die Heiligen der alten Zeit ein äußerst radikales Beispiel, indem sie uns dazu bewegen, das gewohnte Weltbild aufzugeben und die vollständige Befreiung von den sechs Welten des Samsara zu erlangen. Unter vollständiger Befreiung verstehen sie die Herausbildung eines neuen Weltbildes, das wesentlich umfassender und tiefgründiger ist. Es ist ein Zustand, in dem das Subjekt mit dem Objekt vereint ist; es ist die Welt der Nichtdualität. Und nur in diesem Fall können Sie durch die Kraft des Bewusstseins die universellen Energien ohne jegliche Probleme oder Leiden kontrollieren.

Die Illusionshaftigkeit der Schöpfung

„Schließe daher die Schöpfung als bloßen Gedanken oder als eine Reihe von Gedanken aus und erkenne den nichtdualen, verbleibenden und reinen Geist als das höchste Wesen“.

Die Theorie von der Erschaffung der Erde und des Universums, die Sicht auf die Erde, die Sterne und die Planeten, die Gesetze der Physik, Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge, Ethik, Ästhetik, verwandtschaftliche und eheliche Beziehungen, Wissenschaft, Kultur, Kunst, Philosophie und Lebensweise – all dies sind Teile unserer karmischen Sicht, unseres Realitätstunnels. Sie erscheinen nur so lange real, wie wir uns in einer solchen karmischen Sicht befinden. Sobald sich jedoch die karmische Sicht ändert, kann all dies als Illusion betrachtet werden. Und wenn die Heiligen sagen, die Welt sei eine Illusion, meinen sie genau das: Die Welt ist für euch nur in dem Maße real, wie eure karmische Sicht real ist, wie sehr ihr in einen bestimmten Realitätstunnel, in das gewohnte Weltbild, eingetaucht seid. Doch sobald ihr daraus heraustretet, löst sich diese Welt spurlos auf.

Der unterbewusste Glaube an die gewohnte Realität

Mit anderen Worten: Auf der unterbewussten Ebene glauben wir sehr stark an diese Welt; wir erneuern und festigen diesen Glauben unablässig, der sich ungefähr bis zum Erreichen der Geschlechtsreife herausbildet. Man könnte sagen, dass wir gleichsam ständig eine Art „Glaubensbekenntnis“ aufsagen: „Ich glaube, dass ich ein Mensch dieses oder jenes Geschlechts bin. Ich glaube, dass die Erde rund ist, dass es die Sonne, Tag und Nacht gibt. Ich glaube, dass ich sterblich bin.“ Und so weiter. Eine solche Sicht auf uns selbst ist der Gegenstand unseres unablässigen Glaubens, über den wir vierundzwanzig Stunden am Tag „meditieren“. Dieser Glaube ist sehr tief im Unterbewusstsein verwurzelt, und genau deshalb ist der spirituelle Weg so schwierig. Selbst wenn wir versuchen, das wahre „Ich bin“-Gewahrsein zu erlangen, lässt uns unser unterbewusster Glaube an das gewohnte Weltbild dies ständig vergessen. Und das wird so lange fortdauern, bis wir schließlich den alten Glauben an den samsarischen Realitätstunnel vollständig verdrängen und ihn durch eine neue Ebene des Gewahrseins ersetzen.

Der unterbewusste Glaube an Samsara wird durch das Gewahrsein „Ich bin“ abgelöst

Reine Sicht als Lebensweise

In den Zustand des Advaita einzutreten bedeutet, an ein anderes Weltbild zu glauben und den eigenen Glauben vollständig zu verändern. Wir meinen damit nicht den religiösen Glauben in Form von Dogmen oder eines bestimmten theologischen Systems. Wir meinen den Glauben an ein bestimmtes Weltbild, an das wir gewöhnt sind und dem wir vertrauen. Wenn man gewöhnlich von reiner Sicht spricht, lächeln alle: „Oh, wie großartig! Was für eine interessante Technik.“ Doch die Heiligen sprechen von reiner Sicht nicht als einer besonderen Technik, die nur unmittelbar während der Praxis angewandt wird; sie sprechen von reiner Sicht als einer Art, die Welt zu sehen, das heißt, ihre reine Sicht zeigt sich tatsächlich im Verlauf ihres Lebens – sie leben wirklich so!

Methoden zur Veränderung des Weltbildes

Was ist nun der Schlüssel zur Veränderung des gewohnten Weltbildes? Man sollte nicht irrtümlich glauben, wir könnten unser Weltbild mühelos ändern, indem wir einfach ein wenig Atma-Vichara praktizieren. Das ist unmöglich, denn den gewohnten Realitätstunnel teilen wir mit Milliarden anderer Lebewesen. Er ist in unserem genetischen Gedächtnis und im kollektiven Unbewussten „gespeichert“, daher wird er uns nicht ohne Weiteres loslassen.

Zunächst wird ein solches Weltbild durch ein eingehendes Studium der heiligen Schriften vermittelt, das so lange fortgesetzt werden muss, bis sie zu unserer Denkweise geworden sind. Mit dem Studium der heiligen Schriften ist nicht das Auswendiglernen wie bei einem Schüler gemeint, sondern vielmehr die Einstimmung auf ihren Geist. Zumindest ist dies das Einzige, was wir in der Anfangsphase tun können. Danach erfolgt das Eintauchen in das neue Weltbild durch den Austausch mit einem spirituellen Lehrer und erst anschließend durch Meditation und die Entwicklung des Gewahrseins, denn Meditation und die Entwicklung des Gewahrseins sind das Schwierigste. Genau deshalb bestehen die heiligen Schriften auf intellektueller Schulung, auf Guru-Yoga und auf Übertragung. Wenn wir eine höhere karmische Sicht nicht durch die Schriften und den Austausch in uns aufgenommen haben, fällt es uns sehr schwer, sie durch Gewahrsein aufzunehmen; der Prozess des Gewahrseins ist sehr subtil, weshalb man leicht zahlreiche Fehler begehen kann, was auch die überwiegende Mehrheit der Praktizierenden tut.

Die neue Sicht erschließt sich durch die Schriften, die Übertragung des Lehrers und Meditation

Guru-Yoga als Synchronisierung der Sicht

Guru-Yoga ist der Prozess der Synchronisierung des Weltbildes des spirituellen Lehrers, der Gottheit oder des Heiligen, mit dem man sich vereint, mit dem des Schülers. Im Verlauf einer solchen Synchronisierung stellt der Schüler fest, dass er sich allmählich in einen anderen Realitätstunnel bewegt, in dem er die Wirklichkeit anders zu beurteilen beginnt. Mit anderen Worten: Aus der Sicht eines Siddhas werden bestimmte Ereignisse auf die eine Weise wahrgenommen, aus der Sicht eines gewöhnlichen Menschen hingegen auf eine andere.

Das wahre Ziel der spirituellen Praxis

„Wenn Körper und Schöpfung transzendiert wurden und das höchste Wesen auch nur ein einziges Mal erkannt wurde, entsteht daraus Weisheit, die die Unwissenheit vernichtet und den Kreislauf von Geburt und Tod beendet.“

Viele glauben, dass das Ziel der spirituellen Praxis irgendwelche Visionen oder energetischen Erfahrungen sein sollten. Tatsächlich ist das natürlich nicht so. Weder Visionen noch energetische Erfahrungen, ja nicht einmal das Anhalten des Atems und das Versinken in Samadhi sind Ziele der spirituellen Praxis. Es sind lediglich Zwischenetappen und Stufen, die zeigen, dass Sie sich in die richtige Richtung bewegen. Sie können ein Buddha werden, ohne auch nur eine einzige Vision erlebt und den Atem auch nur für eine Sekunde angehalten zu haben, denn dies sind körperliche Prozesse, die mit den Pranas zusammenhängen. So wurden beispielsweise in der Gemeinschaft Buddhas Arhats ohne Anzeichen von Siddhis beschrieben. Das heißt, sie besaßen weder die sechs göttlichen Kräfte noch Hellsehen, waren aber dennoch vollständig erwacht; an der Vollständigkeit ihrer Erleuchtung bestand kein Zweifel, sie war von Buddha selbst festgestellt und bestätigt worden.

Die fünfgliedrige Formel zur Veränderung der karmischen Sicht

Das Ziel der spirituellen Praxis besteht gerade darin, das gewohnte Weltbild zu verändern, in eine andere karmische Sicht und eine andere Anschauung einzutreten und sich vollständig mit dieser neuen Anschauung zu identifizieren. Natürlich sind mit einer anderen Anschauung und einem anderen Weltbild sehr viele Erfahrungen verbunden, doch diese müssen sich nicht unbedingt als Visionen oder irgendwelche energetischen Erlebnisse zeigen. Für uns ist das Prinzip der Aufrechterhaltung von Gewahrsein, die Kontemplation, der wichtigste Weg zur Veränderung der karmischen Sicht.

Gewöhnlich beginnt alles damit, dass der Schüler für sich logisch die fünfgliedrige Formel klären muss, die zeigt, wie genau die karmische Sicht verändert werden kann. Es heißt, dass man zunächst lernen muss, alles auf den Geist zurückzuführen, das heißt, man muss verstehen, dass alles von einem selbst abhängt, dass alles, was geschieht, unmittelbar mit einem selbst, mit dem eigenen „Ich-bin“-Gewahrsein verbunden ist. Wenn ein Mensch leidet, gereizt ist und äußere Objekte für die Ursache seiner Schwierigkeiten hält, bedeutet dies, dass er schlicht das erste Glied dieser fünfgliedrigen Formel nicht versteht. Wenn ein Mensch das Prinzip „alles auf den Geist zurückführen“ versteht, weiß er, dass es in Wirklichkeit keinerlei Probleme gibt, sondern nur die Abwesenheit des Zeugen (Sakshi), des Beobachters. „Alles auf den Geist zurückführen“ ist die Praxis des Atma-Vichara oder die Praxis des unverhüllten Gewahrseins. Wenn Sie das Prinzip „alles auf den Geist zurückführen“ verstanden und verwirklicht haben, sind Sie nun der unberührte Zeuge, der Beobachter, der sich jenseits von Bewertungen und Vorstellungen befindet.

Beispielsweise entsteht irgendeine disharmonische Situation. Wenn Sie jedoch alles auf den Geist zurückführen, bedeutet dies, dass Sie diese Situation beobachten, anstatt Bewertungen hervorzubringen und sich in sie hineinziehen zu lassen. Im Zustand des Beobachtens sehen Sie, dass zwischen Ihnen und der Situation ein Abstand besteht, dass die Situation gewissermaßen für sich besteht und Sie für sich. Wenn Sie das Bewusstsein entdeckt haben, das für sich selbst existiert, wie kann die Situation dann zur Ursache Ihrer Leiden oder Schwierigkeiten werden? Die meisten Praktizierenden, die dieses Prinzip nicht verstehen können, befinden sich auf der allerersten Stufe der spirituellen Praxis und erleben zahlreiche Schwierigkeiten.

Der zweite Teil der fünfgliedrigen Formel besagt, dass der Geist auf Leerheit zurückgeführt werden muss. Das bedeutet Folgendes: Wenn wir das unabhängige Bewusstsein des Zeugen entdecken, das für sich selbst existiert, müssen wir es gründlich analysieren und feststellen, dass der Zeuge als solcher nicht vorhanden ist, sondern eine dem Raum ähnliche Leere existiert; sie hat schon immer existiert, wurde von uns früher jedoch nicht erkannt, weil wir ihr keine Aufmerksamkeit schenkten. Allein die Tatsache, dass ein Mensch dieser leeren Grundlage Aufmerksamkeit schenkt, beginnt sie zu aktualisieren und lässt alle Probleme illusorisch werden; die Unaufmerksamkeit ihr gegenüber hingegen drängt sie in den Hintergrund, und dann treten die materiellen Probleme erneut hervor und verwandeln sich von illusorischen in reale. Darin liegt das Wesen der beiden Wege: Nirvana und Samsara.

Das Zeugenbewusstsein löst sich in der leeren Grundlage auf

Warum leiden hungrige Geister, Menschen, Tiere oder Asuras? Weil es ihnen nicht gelingt, das bezeugende „Ich bin“-Gewahrsein und dessen Leerheit richtig zu erkennen. Es gelingt ihnen nicht, aus diesem Gewahrsein Inspiration und Kraft zu schöpfen, obwohl es eine gewaltige Quelle schöpferischer Inspiration und sogar von Kraft und Energie (Shakti) ist. Eben dieses Gewahrsein und nichts anderes ist die unerschöpfliche Quelle der Macht der Götter (Aishvarya-Shakti) und einer mächtigen Shakti, die sogar die Elemente beherrschen kann. Wenn ein Mensch beispielsweise die Leerheit dieses Gewahrseins erkennt, erlangt er große Klarheit, seine schöpferischen Kräfte entfalten sich, geniale Fähigkeiten treten zutage, und er kann sich in jeder Situation erfolgreich verwirklichen. Unabhängig davon, um welche materielle Situation es sich handelt, ist er fähig, sie zu zähmen und zu seinem Vorteil zu gestalten. Erkennt ein Mensch dieses Gewahrsein und dessen Leerheit jedoch nicht, ist er selbstverständlich von der Höchsten Quelle abgeschnitten; daher fehlt ihm die inspirierende Kraft, und er kann Entscheidungen nur auf der Ebene des Manas (des begrifflichen Geistes) treffen.

Befreiung von Sankalpas

„Moksha (Befreiung) sollte weder im Himmel noch auf Erden oder in den niederen Sphären gesucht werden. Sie ist gleichbedeutend mit Selbstverwirklichung. Befreiung ist lediglich die Offenbarung (Verwirklichung) des reinen natürlichen Zustands des eigenen höchsten Wesens infolge der Befreiung von Sankalpas (Gedanken oder Vorstellungen).“

Gewöhnlich teilen wir alle sehr stark die in der Welt der Menschen übliche Sicht der Wirklichkeit, ohne es selbst zu ahnen. Wir haben uns sehr lange mit diesen Vorstellungen identifiziert, weshalb sie sich fest in uns verwurzelt haben. Dennoch sind all diese gewohnten Vorstellungen in Wirklichkeit nichts weiter als eine Illusion.

Als der Kaiser mit seinem Gefolge hinausging, um Bodhidharma zu empfangen, setzte Bodhidharma sich einen Schuh auf den Kopf. Damit wollte er zeigen, dass sein Weltbild, seine karmische Sicht, sich radikal von der des Kaisers unterschied und er daher keinen Anlass für einen Kontakt sah. Als der Kaiser fragte, welche Belohnungen er dafür erhalten werde, dass er viele Stupas und Statuen errichtet und zahlreiche Opfergaben dargebracht hatte, antwortete Bodhidharma: „Die siebte Hölle.“ Das missfiel dem Kaiser sehr. Nach unserem gewohnten Weltbild sollte der Kaiser selbstverständlich viele Verdienste für die Opfergaben, die Anfertigung von Statuen und Stupas sowie andere tugendhafte Handlungen erhalten. Aus Bodhidharmas Sicht war all dies jedoch völlig unwichtig und unbedeutend. Auf diese Weise wollte er dem Kaiser sagen, dass diese Verdienste ihn ohnehin nicht retten würden, weil all dies ohne eine grundlegende Veränderung des Weltbildes nutzlos sei. Er sagte: „Für die Befreiung ist viel mehr nötig – du musst alles verändern! Deine Illusionen werden dir in keiner Weise helfen.“ Bodhidharmas Denken lag um mehrere Größenordnungen über dem Denken Kaiser Wus.

Gewöhnlich müssen wir Tugenden pflegen, Verdienste ansammeln und positives Karma schaffen, und dies ist absolut notwendig, um Sattva, das Leuchten, anzusammeln. An sich ist dies jedoch keine Befreiung. Hat man genügend Sattva angesammelt, kann man in reinen Ländern wiedergeboren werden. Die Befreiung, von der wir sprechen, setzt jedoch eine Veränderung der karmischen Sicht voraus, und die karmische Sicht lässt sich nur durch die Entwicklung des Prinzips des Gewahrseins verändern.

Hier heißt es: „Infolge der Befreiung von Sankalpas.“ Befreiung kann als Offenbarung des reinen natürlichen Zustands erlangt werden, wenn wir uns von Sankalpas befreien. Sankalpas sind unsere dualistischen Zustände, die uns erfüllen. Der reine natürliche Zustand wird stets von ihnen verdunkelt. Er kann sich nicht offenbaren, solange uns Sankalpas erfüllen, mit denen wir uns identifizieren. Mit anderen Worten: Die Anhäufungen unserer dualistischen Vorstellungen müssen sich auflösen, und genau dann kann sich der ursprüngliche natürliche Zustand offenbaren.

Oft bemerkt ein Mensch diese dualistischen Vorstellungen nicht einmal. Er braucht sehr viel Zeit oder sehr große Klarheit, um sie in seinem Inneren erkennen zu können. Sie aufzulösen ist eine noch schwierigere Aufgabe. Sie erfordert eine beständige, unablässige Wachsamkeit bei der Aufrechterhaltung der Präsenz. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, dass das Dach genau jetzt verschwindet und zehn Tonnen eiskaltes Wasser über Sie gegossen werden. Ihr Verstand wird sofort reagieren: „Was ist das? Warum?“ Er beginnt, die Situation zu bewerten, sich zu empören und irgendwelche Gedanken darüber hervorzubringen. Das eiskalte Wasser ist in diesem Fall eine sekundäre Ursache, die Ihre verborgenen Sankalpas aktiviert. Nur wenn im Augenblick einer solchen Wahrnehmung keinerlei Bewertungen in Ihnen entstehen und Ihr Gewahrsein nicht getrübt wird, kann man sagen, dass Sie keinerlei Sankalpas haben. Ebenso verhält es sich mit allen anderen Situationen.

Sankalpas lösen sich in ununterbrochener Wachsamkeit auf

Auflösung dualistischer Vorstellungen

Der Mensch als solcher ist von inneren Sankalpas und dualistischen Vorstellungen erfüllt, doch erst wenn eine bestimmte Situation entsteht, können sich diese Sankalpas manifestieren; in anderen Fällen treten sie nicht in Erscheinung, sondern bleiben verborgen. Gewöhnlich sagen die Heiligen, dass das Erlangen des einheitlichen „Geschmacks“, bei dem sich alle dualistischen Vorstellungen im Strom unseres Geistes auflösen, die Befreiung ist. Vorstellungen von Gut und Böse, Rein und Unrein, Richtig und Falsch, Wahrheit und Lüge, Heiligem und Alltäglichem, Vergangenheit und Zukunft, Endlichem und Unendlichem – all dies sind dualistische Vorstellungen, die durch unser gewohntes Weltbild hervorgebracht werden. Nichtdualität zu verwirklichen bedeutet, all diese dualistischen Vorstellungen zu einer Einheit zu synthetisieren, zusammenzuführen und sich von ihnen zu befreien. Doch unter welcher Voraussetzung können solch fundamentale dualistische Vorstellungen wie etwa Vergangenheit und Zukunft aufgelöst werden? Nur wenn wir in die eine Sphäre eintauchen, die sich stets in der Gegenwart befindet. Dann verstehen wir, dass es Zeit als solche nicht gibt, sondern nur Fluktuationen des Geistes und des Bewusstseins, die sich in verschiedene Richtungen bewegen. Das bedeutet, dass sie alle eine einheitliche Masse bilden, in der es keine Trennung zwischen Vergangenheit und Zukunft gibt. Genau auf dieser Stufe erlangt der Yogi Prakamya-Siddhi (Unabhängigkeit vom Lauf der Zeit).

Die Bewegung hin zur Heiligkeit ist eine Bewegung in Richtung einer immer tieferen Integration mit der Sichtweise der Heiligen, der Götter und des Advaita. Wenn die karmische Sicht eines Yogis beginnt, ziemlich tief zu werden, werden die Götter und Heiligen auf ihn aufmerksam und besuchen ihn in Träumen oder Meditationen – dies ist eines der Zeichen des Fortschritts, das darauf hinweist, dass sich sein Bewusstsein erhebt.

Advaita
Nichtdualität
Karmische Sicht
Befreiung
Gewahrsein
Samsara
Tripura Rahasya
Guru-Yoga
Loka-drishti
Sankalpa
divider
i
Dieses Material ist im Abonnement verfügbar
Откройте для себя сотни часов эксклюзивных материалов, которые поддержат вас на пути духовного роста. Ваша подписка — это мгновенный доступ.
Ваша поддержка помогает распространять духовные знания на благо всех существ.
Artikel
Vidya AI
Suche
Vorträge