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Grundlagen der spirituellen Praxis: Motivation, Reinigung und Achtsamkeit

22.06.2026
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Grundlagen der spirituellen Praxis: Motivation, Reinigung und Achtsamkeit

Kommentar zum Text „Der befreiende Nektar der kostbaren Unterweisungen“

Der Yogi sagte: „Dieser Samsara ist so beschaffen, dass du, ob du als Gott, Mensch, Geist oder Tier geboren wirst, solange keine Erleuchtung erlangt ist, dem Leiden nicht entgehen kannst. Lass allen weltlichen Trubel hinter dir, o Weiser, und lenke unverzüglich dein Boot zum Ufer der Erleuchtung.“

Kontemplative Erinnerung an die Vergänglichkeit und den Weg zur Befreiung

Die vier Achtsamkeiten als Grundlage der Motivation

Bevor wir ernsthaft mit der spirituellen Praxis beginnen, müssen wir wiederholt über unsere Motivation in der Praxis nachdenken. Um Motivation in der Praxis zu entwickeln, empfiehlt man gewöhnlich die Betrachtung der vier Achtsamkeiten:

  • die Betrachtung der Vergänglichkeit, insbesondere dessen, dass es einen unerbittlichen Lauf der Zeit gibt, den man nicht verhindern kann, der uns altern, sterben und wiedergeboren werden lässt;
  • die Betrachtung der Kostbarkeit der menschlichen Geburt, wenn wir die Chance erhalten, in diesem physischen Körper Erwachen zu erlangen und aus dem Kreislauf von Geburt und Tod auszutreten; eine solche Chance ist so selten wie ein Lottogewinn;
  • die Betrachtung von Ursachen und Wirkungen, das heißt des Gesetzes des Karma;
  • die Betrachtung der Leiden, die entstehen, wenn wir nicht den Weg des Erwachens gehen, sondern den entgegengesetzten Weg.

Man sagt, dass diese vier Betrachtungen das Leben umkehren, das heißt, sie verändern die Werte vollständig. Das ist tatsächlich so.

Solange unser Leben sich durch diese Betrachtungen nicht in eine bestimmte Richtung gewendet hat, wird unsere Motivation zur spirituellen Praxis oberflächlich und nicht ernsthaft sein. Und umgekehrt, wenn wir dank solcher Betrachtungen die Vergänglichkeit sehr tief erkannt haben, sehen wir, dass wir mit jedem Tag älter werden und dem Tod um einen Tag näher kommen. Was immer wir tun, dieser Prozess läuft ab, ob wir uns daran erinnern oder nicht. All unsere Angelegenheiten, selbst die dringendsten und „wichtigsten“, werden eines Tages unterbrochen, enden und sich nie wieder wiederholen, weil es den Tod gibt. Nichts ist entschieden, solange wir diese große Aufgabe nicht gelöst haben — die Befreiung vom Tod. Genau eine solche Motivation verleiht uns einen gesunden Radikalismus im spirituellen Leben und die Abwesenheit von Kompromissen. Solange eine solche Motivation nicht entwickelt ist, gibt es bei uns immer Kompromisse. Wenn man sie aus weltlicher Sicht betrachtet, kann man sie als das eine oder andere bewerten, doch im spirituellen Leben sind solche Kompromisse ein fataler Fehler.

Es gibt einen Lauf der Zeit, der unvermeidlich alles verändert, uns unvermeidlich transformiert. Doch wir messen ihm keine Bedeutung bei, weil unser Bewusstsein nicht sehr tief ist. Wenn aber der Lauf der Zeit uns stärker transformiert, als wir kontrollieren können, entdecken wir plötzlich, dass wir alles versäumt haben. Wenn wir zur rechten Zeit keine Anstrengungen unternommen haben, werden wir plötzlich feststellen, dass es bereits zu spät ist.

Oft geschieht es, dass ein Mensch in seiner Jugend große Hoffnungen weckt, große Ambitionen hat, Pläne schmiedet und dergleichen. Er denkt: „Ich habe noch alles vor mir.“ Auch andere denken über ihn: „Er hat noch alles vor sich.“ Dann verbringt er einen Teil seines Lebens in Geschäftigkeit, und wenn er ein wenig versucht zu erkennen, wohin er gelangt ist, sieht er plötzlich, dass die Jahre vergangen sind, die Lebenskraft schwindet, die Fähigkeiten nachlassen, die Situation außer Kontrolle zu geraten beginnt und er einfach langsam von der Bühne abtritt. Vielleicht wäre er nun sogar bereit, Anstrengungen zu unternehmen und sich der Praxis zu widmen, doch der unerbittliche Lauf der Zeit wirkt — der Schwarze Kala (so nennt man die Zeit in ihrem zerstörerischen Aspekt). Und daran lässt sich nichts mehr ändern. All seine herausragenden Pläne, Hoffnungen und Ambitionen erscheinen plötzlich wie ein Traum, weil irgendeine neue Realität eintritt, die man nicht kontrollieren kann. Das ist Vergänglichkeit. Und ein solches Erkennen der Vergänglichkeit schenkt dem spirituell Praktizierenden große Reife.

„Reichtum, Jugend, Söhne — schenken sie wahres Glück? O Geist, jage nicht den sinnlichen Vergnügungen nach, schmiede keine Pläne, suche lieber Gott“, — so sang einer der großen Heiligen.

Man kann dies so umformulieren: Reichtum, Jugend, Söhne, Familienglück, Geld haben Sinn, wenn du unsterblich bist; wenn du aber nicht unsterblich bist, hat all dies keinen großen Sinn, weil es bald alles verschwinden wird. Wichtige Arbeit, Beziehungen und anderes — all das hat Sinn, wenn du unsterblich bist; wenn du aber sterblich bist, wird auch all dies bald verschwinden. Daher ist es viel wichtiger, Unsterblichkeit zu suchen als all diese Dinge, denn wenn du Unsterblichkeit erlangst, kannst du all diese Dinge bewahren. Wenn du sie aber nicht erlangst, wird all dies nutzlos sein.

Im Vergleich zum Leben der Götter ist das menschliche Leben so kurz, dass es einem Blitz gleicht. Ein Tag der Götter dauert 10.000 Menschenjahre, doch leider sind sich die Menschen dessen nicht bewusst. Ich denke, wir werden eine eigene Vorlesung über die Bewusstwerdung der Zeit und eine Meditation über die Zeit haben. Gerade das Nichtbewusstsein des Laufs der Zeit bringt den Menschen dazu, seine Aufmerksamkeit auf unwesentliche, augenblickliche Dinge zu richten. Weil wir den Lauf der Zeit nicht erkennen, sind wir nicht fähig, irgendwelche großen Pläne zu schmieden und irgendwelche wichtigen Ziele zu erreichen. In der Regel sind unsere Pläne augenblicksbezogen, sie werden vielleicht von zehn Jahren bestimmt, höchstens von dreißig, und 70–80 Jahre sind für uns der Ereignishorizont, wir können das nicht einmal begreifen. Doch gerade eine solche Unbewusstheit und Bewusstlosigkeit kommt jeden Menschen sehr teuer zu stehen. Am Ende verlässt er diese Welt, ohne überhaupt etwas verwirklicht zu haben, ohne auch nur etwas über sich selbst und das Universum verstanden zu haben.

Die Vorstellungen des Menschen von sich selbst, von der Welt, vom Universum sind noch sehr unreif, sehr kindlich. Und entsprechend ist das ganze Leben des Menschen aus diesen unreifen Vorstellungen aufgebaut. In Wirklichkeit ist es jedoch viel wichtiger, diese kostbare menschliche Geburt für Selbsterkenntnis und Bildung zu nutzen, um höhere Vorstellungen von der Welt, von sich selbst und vom Universum zu entwickeln und einen bestimmten Handlungsvektor auszuarbeiten.

Wenn wir über die vier Bewusstheiten nachdenken, hilft das, den notwendigen Handlungsvektor auszuarbeiten. Das bedeutet nicht, in Depression zu verfallen und zu denken: „Ja, alles ist vergänglich. Welchen Sinn hat das alles?“ Der Praktizierende versteht all dies und bewahrt dennoch einen freudigen Geisteszustand, denn ohne einen freudigen Geisteszustand kann er nicht praktizieren, sondern wird nur in Niedergeschlagenheit verweilen oder weinen. Das Leben eines Menschen auf dem spirituellen Weg erinnert an ein Lächeln durch Tränen. Er versteht die Grenzenlosigkeit der Welt, die Grenzenlosigkeit der Zeit, seine Sterblichkeit und Vergänglichkeit, er versteht, dass er fast keine Hoffnung hat. Dennoch tut er so, als wäre alles in Ordnung, lächelt und geht voran, ohne in Niedergeschlagenheit oder Verwirrung zu verfallen, denn Niedergeschlagenheit und Verwirrung sind nicht die besten Freunde auf dem Weg der spirituellen Praxis. Wir denken über die vier Bewusstheiten nicht nach, um den Geist in Niedergeschlagenheit oder Verwirrung zu versetzen, wir denken darüber nach, um nüchtern zu werden. In einem solchen unbewussten Zustand sind wir gleichsam von Maya und Samsara berauscht, was immer wir auch tun, und die vier Bewusstheiten sind wie eine kalte Dusche über den Kopf, die einen ein wenig „ausnüchtern“ lässt und hilft, den richtigen Vektor des Lebens auszuarbeiten.

Die vier Bewusstheiten als nüchterne und freudige Hinwendung zur Praxis

Wenn wir mit der Lehre in Berührung kommen, entdecken wir sie plötzlich als den größten Schatz. Wenn wir mit der Praxis, mit der Methode in Berührung kommen, muss all dies ebenso als der größte Schatz geschätzt werden, denn Lehre und Praxis sind das, was uns wirklich aus diesem verworrenen Labyrinth herausführen kann — dem Kreislauf von Geburt und Tod. Die Lehre, die Praxis, die drei Juwelen, die Sangha — das ist es, was uns wirklich Unsterblichkeit schenken kann. Dabei nicht nur Unsterblichkeit als unsterbliches Bewusstsein, sondern sogar physische Unsterblichkeit. Selbst das ist möglich, wenn wir in angemessener Weise praktizieren und Bewusstheit zeigen. Ich denke, wir werden Zeit haben, um den Methoden zur Erlangung der Unsterblichkeit eigens eine Vorlesung zu widmen.

Davon, in welchem Maße wir jetzt Bewusstheit zeigen, spirituelle Praxis ausüben und unsere Absicht konzentrieren, hängt ab, an welchem Ort wir uns in 80 Jahren, in 200 Jahren befinden werden. Es wird irgendwelche neuen Menschen und neue Generationen geben, doch in 200 Jahren werden wir für diese Generationen Geschichte geworden sein. Und man wird sagen: „Ja, das ist die Geschichte der Entstehung und Verbreitung der Advaita-Lehre in Russland. Vor 200 Jahren brachte der Mönch Vishnu Dev die Advaita-Lehre nach Russland, und so verbreitete sie sich.“ Künftige Generationen werden uns anders sehen, als wir uns jetzt selbst sehen, denn jetzt sind wir für uns selbst die Gegenwart, die jetzige Zeit, doch für künftige Generationen werden wir Geschichte sein, eine Zeile in einer Enzyklopädie, Erinnerungen der Urenkel, nicht mehr als das, wenn wir nicht unsterblich werden. Wenn wir jedoch unsterblich werden, dann wird auch die Zeit für uns zur Gegenwart. Wir werden nicht nur Geschichte sein, wir werden Wirklichkeit sein.

Die Kostbarkeit der Lehre des Laya-Yoga

„Die kostbare Lehre des Laya-Yoga führt jene in die Irre, deren Geist unreif ist. Der Weise aber, der sie hört, wird vor Freude tanzen.“

Die Kostbarkeit der Lehre und der Übergang vom Studium zur lebendigen Meisterschaft

Die Lehre ist kostbar, weil sie, wenn man sie versteht und richtig anwendet, alle Segnungen schenkt, und zwar in kurzer Zeit, sogar ohne irgendwelche besonderen asketischen Heldentaten. Die Heiligen der alten Zeiten wie auch der heutigen Zeit unternahmen kolossale Anstrengungen, um Erleuchtung, Befreiung zu erlangen. Wenn wir lesen, welch atemberaubende Praxis die Siddhas der alten Zeit ausführten, sehen wir, dass wir ihnen nicht einmal nahekommen. Dennoch ermöglicht die Lehre, durch ihre geschickte Beherrschung wirklich alle Zeichen der Verwirklichung zu erlangen. Selbst wenn ihr Laien seid, aber die Lehre geschickt gemeistert habt, hört ihr auf, Laien zu sein, und werdet zu Meistern. Die Aufgabe eines jeden Praktizierenden besteht nicht einfach darin, die Lehre zu studieren und sie zu einem Teil seiner spirituellen Suche zu machen, sondern sie so zu studieren, dass er Nutzen aus ihr zieht. Ich möchte, dass ihr alle Nutzen aus der Lehre zieht. Nutzen aus der Lehre zu ziehen ist nur dann möglich, wenn du selbst zu einem Praktizierenden auf der Ebene eines Meisters wirst und Meisterschaft erlangst.

Es gibt eine Art, die Lehre so zu praktizieren, dass man zwar praktiziert, aber keinerlei Nutzen daraus zieht, außer vielleicht befriedigter Neugier und dem Austausch auf „spirituellen Treffen“. Doch in Wirklichkeit ist ein solcher Ansatz natürlich unseriös.

Es gibt eine andere Art der Lehre — man kann so praktizieren, dass man sich sogar Schaden zufügt. Zum Beispiel, indem man beim Praktizieren die Samaya verletzt oder irgendwelche schwerwiegenden Fehler begeht. Dann ist es besser, überhaupt nicht zu praktizieren, denn in einem solchen Fall kann man in die unteren Dimensionen geraten und in ihnen nicht nur in diesem Leben, sondern sogar im nächsten steckenbleiben, wenn es sich um ernsthafte Verblendungen handelt.

Man kann so praktizieren, dass man einen kleinen Nutzen erhält: ein wenig Klarheit entwickeln, den Intellekt reinigen usw. Aber auch das ist nicht genug, denn die Rettung der Seele ist auf diese Weise nicht zu erreichen. Im Grunde ist das Arbeit für das nächste Leben.

Man kann so praktizieren, dass man echten Nutzen erhält, das heißt nach der spirituellen Praxis in dieser Welt in ein reines Land hinübergeht, die Stufe der Heiligkeit erlangt, im nächsten Leben als Gottheit wiedergeboren wird und seine Praxis in den reinen Ländern im Status einer Gottheit fortsetzt, seinen Körper, seine Rede und seinen Geist verwandelt und reinigt.

Schließlich kann man aus der Praxis den wahren Nutzen ziehen — in diesem Leben die vollständige Verwirklichung der Nichtdualität erlangen. Selbstverständlich ist es immer besser, so zu praktizieren, dass man aus der Lehre den größten, maximalen Nutzen zieht.

Die Wichtigkeit der Reinigung vor spirituellen Erfahrungen

Am Anfang streben wir, wenn wir praktizieren, oft danach, spirituelle Erfahrungen zu erleben, in der Annahme, dass wir gerade durch spirituelle Erfahrungen großen Nutzen erlangen können. Doch oft sage ich den Schülern: „Strebt zunächst nicht allzu sehr nach spirituellen Erfahrungen, sondern strebt danach, euch zu reinigen, Bewusstheit, Kontemplation und Selbstbefreiung zu entwickeln.“ Selbst wenn ihr keine spirituelle Erfahrung habt, wird eure Reife wachsen, wenn ihr euch reinigt und Bewusstheit entwickelt. Spirituelle Erfahrungen machen alle Geister im Zwischenzustand, Hellseher und Zauberer. Die Aufgabe besteht jedoch darin, eine wahre Reife des Bewusstseins zu entwickeln. Und dafür ist es zunächst viel wichtiger, sich zu reinigen, die Qualitäten von Sattva, der Heiligkeit, in sich hineinzubringen. Was bedeutet es, sich zu reinigen? Es bedeutet, die Guna Sattva (Strahlen, Güte) in sich vorherrschend zu machen und Tamas und Rajas zu verdrängen.

Wenn wir spirituelle Erfahrungen haben, unser Geist aber in Rajas ist, einem Affen gleicht, bringen solche spirituellen Erfahrungen keinen Nutzen. In einer spirituellen Schule sah ich einmal folgende Szene: Alle übten Pranayama (eine yogische Technik) und machten die Tribandha-Mudra. Sie beschäftigten sich damit sehr ernsthaft, da sie sehr stark auf Pranayamas und technische Praktiken setzten. Eine Mataji machte Kumbhaka in der Tribandha-Mudra, und es warf sie hoch. Solange sie in Kumbhaka war, stand sie ganz normal zusammen mit allen anderen, doch sobald Kumbhaka endete, begann sie, um Atem zu holen, zu reden und sich mit den danebenstehenden Praktizierenden zu streiten. Eine andere, erfahrenere Mataji sagte zu ihr: „Wahrscheinlich sollten Sie in diesem Fall keine Pranayamas und Kumbhakas machen.“ Sie antwortete in einem so aufbrausenden, gereizten Zustand: „Doch, das werde ich, und niemand wird es mir verbieten.“ Das ist Rajas. Wenn Rajas nicht gezähmt ist, werden Pranayamas und Techniken es nur verstärken, und unsere Unruhe, unsere Nervosität und Gereiztheit werden nur zunehmen, wenn wir die Sinne nicht kontrollieren und uns nicht selbst befreien können.

Reinigung ist in erster Linie die Ansammlung von Sattva, die Überwindung von Rajas in sich selbst. Man muss Rajas in sich wirklich verdrängen, es buchstäblich ununterbrochen kontrollieren, ihm nirgendwo erlauben, sich zu zeigen, und selbstverständlich auch Tamas.

Das Nächste, was unter Reinigung zu verstehen ist, ist die Befreiung von Egoismus und Kleshas, der sogenannten Pancha-Klesha, das heißt den fünf verdunkelten Zuständen: Zorn, Stolz, Begierde, Neid, Anhaftung. Kleshas sind Verdunkelungen, das, was ihn verdunkelt, bindet, begrenzt, ihn dazu bringt, in einen groben, düsteren Zustand zu verfallen. Und auf all dem baut der Egoismus auf. Eine solche Reinigung erfordert ununterbrochene Arbeit an sich selbst, und sie ist viel wichtiger als das Erleben irgendwelcher Erfahrungen. Denn man kann erfolgreich in irgendeiner ungünstigen Welt wiedergeboren werden, selbst wenn man zahlreiche Erfahrungen erlebt, wenn solche Kleshas vorhanden sind. Reinigung bedeutet die alltägliche Kontrolle der eigenen Stolzes, Anhaftung, Zorns und so weiter, wenn Sie sich jeden Tag keine Nachsicht gewähren. Eine solche Kontrolle wird in der Lehre des Laya-Yoga hauptsächlich durch Selbstbefreiung erreicht. Und das Leben bringt uns manchmal in Situationen, die heftiger sind als mystische Erfahrungen, wenn Sie mit etwas konfrontiert werden, das Sie in Wut versetzen könnte, Sie es dabei aber selbstbefreien. Das ist die beste mystische Erfahrung.

Schließlich ist Reinigung mit der Befreiung des Geistes von weltlichen Stereotypen und Vorstellungen verbunden, denn das Betreten des spirituellen Weges bedeutet, dass wir eine globale Wahl getroffen haben, wir sind Yogins, Sadhakas geworden, diejenigen, die die absolute Wahrheit suchen. Das bedeutet, dass wir allmählich beginnen, uns dem Einfluss aller weltlichen, sozialen Konventionen, Stereotypen und allem Übrigen zu entziehen. Das bedeutet, dass man sich von all dem befreien muss.

Reinigung des Geistes von Egoismus und den fünf Kleshas durch Selbstbefreiung

Die Praxis der reinen Sicht

Schließlich muss man unter Reinigung die reine Sicht verstehen. Reine Sicht ist ein besonderer Begriff der tantrischen Praxis, der vielen Tantras eigen ist. Er bedeutet, dass wir einen reinen Blick auf die Welt kultivieren und versuchen, die Welt als erwachte Mandala, als reine, heilige Dimension zu betrachten. Nicht als etwas, das wir irgendwann in der Zukunft erreichen werden, sondern als etwas, das bereits genau jetzt existiert. In der Lehre der Kontemplation gibt es eine konkrete Praxis — die Sankalpa „Reine Sicht“. Es ist sehr wichtig, den Sinn der reinen Sicht zu verstehen und sich darin so weit wie möglich zu üben. Selbst wenn Sie diese Sankalpa nicht als grundlegende Kontemplation gewählt haben, wenden Sie sie dennoch im Alltagsleben an.

Was ist reine Sicht? Zum Beispiel gehen Sie in ein Geschäft, um Lebensmittel zu kaufen, aber wenn Sie die reine Sicht praktizieren, versuchen Sie, das Geschäft als Mandala zu betrachten, als göttlichen Palast, und den Verkäufer darin als Gottheit, als Mandaleshvara im Zentrum dieses Mandalas. Wenn dieser Verkäufer mit Lebensmitteln handelt, handelt er in Wirklichkeit nicht, sondern gibt Segen; die Lebensmittel sind göttlicher Nektar, mit dessen Hilfe er den Segen gibt. Alle, die kaufen, kaufen in Wirklichkeit nicht, sondern vollziehen ein Ritual der Darbringung, sie sind die Verehrer dieser Gottheit, die von ihr Segen empfangen. Der Sprechvorgang während des Kaufs sind segnende Mantras, Bhajans, Gebete. Wenn ein solcher Mensch sagt: „Geben Sie mir bitte einen Laib Schwarzbrot“, dann ist das seine Bitte um Segen, sein Flehen zu dieser Gottheit, und er vollzieht dabei eine rituelle Darbringung. Nachdem die Gottheit die Darbringung empfangen hat, erfüllt sie sein Flehen und gibt ihm den Nektar des Segens, der die Lebenskraft erhält.

Sie mögen zunächst denken, dies sei ein interessantes Spiel, doch in Wirklichkeit ist es kein Spiel, sondern eine reale Art, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Und wenn Sie sich ein wenig in diese Praxis vertiefen, werden Sie entdecken, dass alles tatsächlich so geschieht und dass mit unserer menschlichen Sicht nicht alles ausgeschöpft ist, dass es eine höhere Sicht gibt. Und sobald Sie praktizieren, können Sie in diese hohe Sicht eintreten und all dies tatsächlich sehen. Wenn Sie alles genau so sehen, wird Sie ein gewaltiges Gefühl von Staunen, Entzücken und Ehrfurcht ergreifen, weil Sie gleichsam ein wenig die andere Seite der Realität öffnen, in der die Götter ständig leben. Dabei bedeutet die Praxis der reinen Sicht nicht, all dies irgendwie zu wiederholen oder zu visualisieren, sie bedeutet, auf innerer Ebene eine solche Einstellung zu haben und zu versuchen, alles so zu betrachten.

Reine Sicht ist die Gewohnheit, im Menschen seine besten, göttlichen, erleuchteten Eigenschaften wahrzunehmen, sogar das, was negativ oder falsch erscheint, ebenfalls als Ausdruck des Spiels des Göttlichen, des Spiels des Absoluten wahrzunehmen. Dies ist nichts Künstliches, worauf wir uns eigens geeinigt hätten, um uns darin zu üben. In Wirklichkeit ist gerade eine solche Sicht richtiger und tiefer.

Praxis der reinen Sicht und Enthüllung der tiefen Natur des Menschen

Reinigung des äußeren Lebens

Wenn wir danach streben, uns zu reinigen, ist es ebenso wichtig, unser äußeres Leben zu reinigen. Neben der Reinigung der eigenen Eigenschaften, der Entwicklung von Sattva, der Befreiung von den Kleshas und der Entwicklung reiner Sicht ist es auch wichtig, dass unsere äußere Umgebung unserem Zustand entspricht. Es ist sehr wichtig, an einem reinen Ort zu leben, und wenn es diesen Ort nicht gibt, ist es wichtig, ihn zu schaffen.

Manchmal wundere ich mich darüber, wie Praktizierende an Orten leben, die für die Praxis völlig ungeeignet sind. Das ist für die Praxis nicht gerade förderlich. Wir sind nicht so spirituell fortgeschritten, dass wir wie Siddhas auf Friedhöfen, an irgendwelchen furchterregenden Orten, auf Müllhalden leben, all dies in reiner Sicht sehen und dadurch den einen „Geschmack“ entwickeln könnten. Vielleicht habt ihr irgendwann einmal das Glück, so zu praktizieren, aber nicht jetzt. Zunächst ist es sehr wichtig, sich einen reinen Ort zum Leben und Praktizieren zu schaffen. Dieser Ort sollte von Sattva erfüllt sein.

Dattatreya sagt dazu: „Ein Yogi bleibt nicht an dem Ort, an dem Sattvik-Bhava (das Gefühl des Göttlichen) nicht entsteht.“ Dort, wo niedrige Schwingungen herrschen, dort, wo Tamas ist, hat ein Yogi nichts zu tun, wenn es sich nicht um eine spezielle Praxis handelt oder wenn es kein Mahasiddha ist, der diese harten Schwingungen bewusst initiiert, um sie anschließend zu sublimieren.

Es ist günstig, immer ein schönes Interieur, ein gutes Design und einen geräumigen Raum für die Praxis zu haben, damit an diesem Ort stets Bhajans erklingen, damit diese Musik immer sattvisch ist, damit es dort eine reine und schöne Landschaft gibt, damit dort reine, harmonische Beziehungen gepflegt werden, damit nichts das Sattvik-Bhava stören kann — die göttliche Erfahrung, die durch den Aufenthalt an einem solchen Ort entsteht. Oft misst der Mensch dem keine Bedeutung bei, doch in Wirklichkeit ist es sehr wichtig.

Manchmal schaue ich hin und denke: „Ein Mensch lebt ein weltliches Leben, es scheint ihm sogar, dass er genießt. Aber wie kann man so leben? Ich verstehe nicht einmal das. Und das nennt man Genuss? Wenn man einen Mönch in solche Bedingungen versetzen würde, würde er das als harte Praxis des einen „Geschmacks“ empfinden, das heißt, in Wirklichkeit wären das überhaupt keine Genüsse.“

Für einen Yogi ist es sehr wichtig, sein äußeres Leben zu reinigen. Wenn wir unser äußeres Leben reinigen, sind wir von einer schönen Landschaft, Tempeln, Statuen von Gottheiten, sattvischer Musik und einem günstigen Umfeld von Praktizierenden umgeben, die reine Beziehungen pflegen und das Prinzip des Samaya einhalten; wenn wir regelmäßig heilige Texte studieren, treten wir in einen anderen Tunnel der Wirklichkeit, in eine andere Sicht ein. Selbstverständlich setzt dies eine große Reife der Praktizierenden voraus. Genau darin liegt der Wert der Sangha als des dritten Juwels. Die Sangha ist ein Schatz, der es ermöglicht, eine solche Energie zu konzentrieren.

Rishi Tirumular sagte: „Gott ist dort, wo es einen erwachten Lehrer und eine Gruppe seiner Schüler gibt, die die Samayas einhalten. Dieses Mandala Gottes ist dort, wo es eine solche Sangha gibt.“ Das dritte Juwel bedeutet, dass wir ein solches Feld wertschätzen und uns nach Möglichkeit bemühen, es zu entwickeln, zu stärken, es auf jede Weise zu hegen und wachsen zu lassen. Eine Sangha kann selbstverständlich nicht an einem Tag entstehen. Sie ist etwas, das große Anstrengung und spirituelle Arbeit erfordert.

Reinigung des äußeren Lebens und die unterstützende Kraft der Sangha

Ansammlung von Verdiensten und Dienst

Schließlich ist für die Reinigung noch etwas notwendig: den sinnstiftenden Vektor des eigenen Verhaltens und der eigenen Handlungen zu verändern. Einfacher gesagt: den Wert der Ansammlung von Verdiensten und des Dienstes zu erkennen. Oft messen wir dem Verhalten keine Bedeutung bei, doch das Verhalten beeinflusst unsere Träume sehr stark. Es bestimmt tatsächlich alles, womit wir uns beschäftigen.

Wie ihr wisst, gibt es drei Aspekte der Lehre — Sichtweise, Gewahrsein und Verhalten. Diese drei Aspekte entsprechen drei Kräften — Jnana-Shakti, Sankalpa-Shakti (oder Iccha-Shakti) und Kriya-Shakti. Kriya-Shakti ist die Art und Weise, wie wir uns in der äußeren Welt verhalten, dem, wofür wir unsere Handlungen einsetzen. Wenn wir irgendetwas tun, treten wir immer mit bestimmten Energien in Kontakt, und diese Energien werden als Antwort auf unsere Handlungen herbeigerufen.

Nehmen wir an, wenn ein Mensch alkoholische Produkte verbreitet, bedeutet das, dass er mit Kräften der Verhüllung in Kontakt tritt, mit Kräften, die das Bewusstsein verschleiern, und diese Energien kommen in sein Leben. Wenn ein Mensch heilige Texte verbreitet, ruft er eine andere Energie herbei — Anugraha-Shakti. Und auch diese Energie tritt in sein Leben ein. Wenn du aus der Sicht der spirituellen Praxis analysierst, siehst du, dass es richtig und günstig ist, mit bestimmten Energien in Kontakt zu treten, während es mit anderen Energien ganz und gar ungünstig ist. Mit dritten Energien in Kontakt zu treten ist weder günstig noch ungünstig, das heißt ohne irgendeinen Nutzen außer der finanziellen Belohnung.

Die Ansammlung von Verdiensten bedeutet, dass wir danach streben, solche Handlungen zu vollbringen, die in unser Leben ausschließlich eine erleuchtende, günstige Kraft rufen. Unter der Ansammlung von Verdiensten sind bestimmte konkrete Handlungen gemeint, die diese erleuchtende Kraft herbeirufen. Zum Beispiel ist das Drucken eines heiligen Textes zweifellos ein Verdienst, das in der Form zurückkehrt, dass Sie auch in den nächsten Leben immer Zugang zur Lehre, zum Dharma, haben werden. Der Bau eines Tempels ist ein Verdienst, das in der Form zurückkehrt, dass Sie im nächsten Leben auf materieller Ebene in der Nähe von spirituell Praktizierenden, von Tempeln, leben werden.

Ein Mensch sagte mir Folgendes:

— Zum Praktizieren ist vorerst keine Zeit, ich widme meine ganze Zeit der Ansammlung von Verdiensten.

Ich fragte:

— Und welche Verdienste sammeln Sie genau an?

Er antwortete:

— Ich betreibe ein Geschäft, arbeite für die Entwicklung meiner Firma.

Das heißt, er meinte, Verdienste anzusammeln bedeute, genau auf diese Weise zu handeln. Doch wenn Sie an sich arbeiten, um im materiellen, weltlichen Bereich Erfolg zu erlangen, kann man das als Ansammlung weltlicher Verdienste bezeichnen. Im nächsten Leben werden sich Ihre Absichten erfüllen, Sie werden Eigentümer eines großen Konzerns werden. Aus der Sicht spiritueller Verdienste ist das jedoch nicht ganz dasselbe, denn spirituelle Verdienste werden genau dann angesammelt, wenn Sie durch Ihre Handlungen subtile spirituelle Energien herbeirufen.

Dienen bedeutet, dass Sie noch höher handeln, dass Sie nicht einmal allzu sehr versuchen, Verdienste anzusammeln, sondern den Sinn Ihres Lebens als Dienst an irgendwelchen globalen universellen Kräften betrachten. Darin ist bereits nichts Egoistisches mehr. Das ist bereits die Ebene eines Erleuchteten oder eines Menschen, der danach strebt. Es geht darum, dass man sich von egoistischer Motivation befreien muss, um wahres Erwachen zu erreichen; man muss aufhören, ein Diener des eigenen „Ich“, der eigenen Interessen oder der Interessen eines begrenzten Kreises von Menschen zu sein. Man muss zum Diener der ganzen Welt, aller Lebewesen werden.

Der Dalai Lama XIV sagte: „Wenn Sie ein Egoist sind, dann seien Sie ein Egoist im großen Stil.“ Das heißt, betrachten Sie alle Lebewesen als Ihr „Ich“ und geben Sie sich ihnen hin. Doch tatsächlich gibt es in der Welt nicht mehr als 1 % der Menschen, die sich um die Schicksale der Nation, ihres Volkes, der Zivilisation kümmern. Das sind wirklich Menschen von großer Reife. In der Regel sind die Menschen sehr stark begrenzt; der Kreis ihrer Sorgen ist die eigene Persönlichkeit oder der eigene kleine Kreis von Verwandten und nahestehenden Menschen, im besten Fall ein Kreis, der einer politischen Partei, einem Clan, einer Sippe und so weiter angehört. Der Grundsatz des Dienens an den universellen Kräften der Erleuchtung bedeutet jedoch die Motivation, zum Diener der gesamten Menschheit zu werden, viel umfassender und globaler zu denken, den Sinn- und Wertevektor des eigenen Lebens zu verändern.

Erweiterung der Motivation von persönlichen Sorgen hin zum Dienst an allen Wesen

Die Notwendigkeit von Reinigung und Bewusstheit

Wenn wir also all diese Eigenschaften entwickeln, sagt man, dass wir uns reinigen, da sich in uns Licht, die Kraft des Sattva, ansammelt; dann sind wir wirklich zur spirituellen Praxis fähig. Ohne diese Eigenschaften entwickelt zu haben, wird die spirituelle Praxis uns mit unseren eigenen Hindernissen und Begrenzungen konfrontieren und nicht immer freudige Ergebnisse bringen.

Bevor man Erfahrungen empfängt, ist es außerdem notwendig, Bewusstheit zu entwickeln, die Fähigkeit zur Selbstbefreiung. Gerade die Fähigkeit zur Selbstbefreiung, die richtige Entwicklung von Bewusstheit, ist das, was einen Schüler des Laya-Yoga von einem Menschen unterscheidet, der Hatha-Yoga oder irgendwelche spirituellen Praktiken ausübt. Die Entwicklung von Bewusstheit bedeutet, dass Sie in der Lage sind, jeden Zustand, jede Erfahrung aufzulösen, selbst zu befreien und den richtigen Punkt zu finden, in den das Bewusstsein gesetzt werden muss. Sie ist mit dem Verweilen jenseits von Konzepten, mit der Enthüllung des Spiegels des reinen „Ich“ verbunden. Wenn Reinigung und Bewusstheit in uns entwickelt sind, dann kann man wirklich zur Praxis übergehen, die mystische Erfahrungen schenkt. Dann werden sich mystische Erfahrungen mit Ihrer Reinheit und Bewusstheit verbinden und in die Welt der Heiligkeit führen.

Kontemplation der nichtdualen Natur

„Den höchsten Weg kann man nicht ohne Lehrer erlernen. Mit seiner Hilfe kontempliere etwas jenseits der Wahrnehmung, jenseits des Verständnisses, jenseits des Nichtseins.“

Was sollen wir kontemplieren? Es wird „Brahman“, „Absolutes“, „Prajñāna“ — ursprüngliches Gewahrsein; „Prathana“ oder „Mahaprathana“ — die große Grundlage; „Tathata“ — Soheit, der Geist als solcher, die Natur des Geistes, Atman genannt. Manche nennen es „Sahajya“ — der natürliche Zustand, andere bezeichnen es in der Tradition der Siddhas als „Samarasya“ — das, was einen einheitlichen „Geschmack“ besitzt. Auch wird es „Mahashunyata“ genannt — die große Leerheit. All diese Begriffe weisen auf die nichtduale Natur des Bewusstseins hin.

Einst sprach ein spiritueller Zen-Meister zu seinen Schülern so: «Hundekot und die Buddha-Natur sind eins. Alles hat die Buddha-Natur, sogar Hundekot». Am nächsten Tag, als der Tisch gedeckt wurde, legte ein Schüler Hundekot auf den Tisch. Der Meister fragte:

— Was tust du?

Der Schüler sagte:

— Alles hat die Buddha-Natur, und ihr zieht Unterscheidungen.

Da sagte der Meister:

— Dummkopf! Du musst verstehen, dass ich von der absoluten Sicht gesprochen habe, als ich die Vorlesung hielt, doch die Wahrheit hat auch eine relative Seite, das heißt eine konkrete. Und im konkreten Sinn muss man Unterscheidungen treffen, man darf das eine nicht mit dem anderen verwechseln.

Warum ist das so? Weil die Gesetze der relativen Welt und des Absoluten sich unterscheiden, und auch die Gesetze der relativen Welt muss man achten. Selbst wenn man weiß, dass all dies die Buddha-Natur hat, muss man wissen, was man auf den Tisch legt und was nicht. Wenn wir das verwechseln, wird es nichts als Probleme geben. Das ist die Unterscheidung zwischen relativer Wahrheit und absoluter.

Unterscheidung der absoluten und relativen Wahrheit im Alltag

Unterscheidung der absoluten und relativen Wahrheit

Manchmal muss man in der Sprache der relativen Wahrheit kommunizieren, und manchmal in der Sprache der absoluten Wahrheit. In welcher Sprache ihr auch kommuniziert, innerlich haltet ihr stets die absolute Wahrheit aufrecht. Ihr haltet sie als Prinzip der Bewusstheit aufrecht, das dem Raum gleicht.

Nehmen wir an, ihr schreibt per E-Mail an ein Kloster einen Brief an den Verwalter: «Ich würde gern dann und dann kommen. Welche Bedingungen gibt es?» Und als Antwort erhaltet ihr: «Wer soll wohin fahren? Ursprünglich ist alles vollkommen, im Brahman gibt es keinerlei Bedingungen, daher gibt es für euch keinen Ort, wohin ihr fahren müsstet». Was werdet ihr dann tun? Oder der Verwalter sagt zum Koch: «Bereite heute Buchweizen für die Mönche zu», und der Koch antwortet ihm: «Im Atman gibt es weder Buchweizen noch Radieschen. Für wen soll man kochen, und was ist der Vorgang des Kochens? Alles ist bereits von Anfang an vollkommen». Ein solcher Koch wird wohl kaum lange in seiner Stellung bleiben, die Mönche selbst werden ihn absetzen. Das ist eine Erscheinung der relativen Wahrheit, und auch die relative Wahrheit müssen wir achten.

Die relative Wahrheit zu achten bedeutet, fein zu verstehen, wie man in welcher Situation Beziehungen aufbaut, und sie richtig aufzubauen. Zum Beispiel gibt es weltliche Beziehungen, in denen wir Harmonie bewahren müssen, damit es keine Hindernisse gibt. Es gibt das Prinzip des Samaya. In den Samayas müssen wir die richtigen Beziehungen und Harmonie aufrechterhalten. Es gibt einen Algorithmus des Erlernens der spirituellen Praxis; wir versuchen, ihm zu folgen, um den gesamten Ausbildungsgang richtig zu durchlaufen. Es gibt Klosterregeln, die man achten muss. Sogar ich achte sie, im Wissen, dass sie, wenn ich sie nicht achte, schwächer werden und aufhören, Nutzen zu bringen, obwohl sie im absoluten Sinn eine Illusion sind. Wenn wir den Unterschied zwischen dem Absoluten und dem Bedingten verstehen, sind wir fähig, in dieser Welt zu verweilen und dennoch immer in der absoluten Wahrheit zu sein.

Als man zu einem Meister ins Kloster kam und fragte: «Was ist deine Lehre?» Er arbeitete zu dieser Zeit im Garten und sagte: «Meine Lehre sind Schaufel und Rechen». Die Menschen, die diese Worte hörten, verstanden nicht, worum es ging, was das für eine Lehre sein sollte. Doch dieser Meister brachte das eigentliche Wesen der Kontemplation zum Ausdruck. Das bedeutet, in der Präsenz zu verweilen und sich mit allen Handlungen zu vereinen, die man ausführt. Und wenn du im Garten arbeitest, gibt es außer Schaufel und Rechen nichts. Das heißt, dass du dich in diesem Moment mit der Arbeit, der Schaufel und dem Rechen vereinst, das heißt, zur Lehre werden Schaufel und Rechen. Wenn du aus dem Garten kommst und isst, dann wird der Löffel und das Essen die Lehre sein, weil sich der natürliche Zustand mit dem Prozess des Essens vereint.

Kontemplation im Handeln durch einfache Arbeit im Garten

Der innerste Kern der Lehre besteht nicht darin, Mantras zu lesen, Niederwerfungen zu machen, Statuen im Kreis zu umrunden, obwohl dies auf relativer Ebene nützlich ist, nicht darin, Texte zu zitieren und philosophische Debatten zu führen, sondern darin, in der Präsenz von Augenblick zu Augenblick zu sein und fähig zu sein, sich in dieser Präsenz mit allen Erscheinungen des Lebens zu vereinen.

Die Kunst der Selbstbefreiung

«Lerne, alles, was günstig ist, und das, was Hindernisse schafft, als Spiel, als Segen des ungeborenen „Ich“ oder als Segen des Guru zu sehen. Wenn Anziehung zu jemandem oder Hass gegen jemanden entsteht, halte dich am Zentrum des „Ich“, ohne deine Natur zu verlassen».

Selbstbefreiung ist genau die Kunst, am Gefühl des „Ich“ festzuhalten, ohne die eigene Natur zu verlassen. Anfangs spricht dieses Gefühl des „Ich“ nicht an, es ist sehr schwach, doch im Laufe der Praxis offenbart sich dieses Gefühl des „Ich“ als ein tiefer, von Herrlichkeit erfüllter Raum, durchdrungen von verschiedenen universellen Kräften (Shakti). Wenn wir daran festhalten, selbst wenn Anziehung oder Abneigung gegenüber etwas entsteht, dann ist genau dies der Weg der Aufrechterhaltung der Präsenz. Wenn wir nicht daran festhalten, unbewusst mit einem unruhigen Geist handeln, dann ist genau dies der Weg des Samsara, der Weg der Ablenkungen.

Im Verlauf des Lebens bemühen wir uns ständig, aufmerksam zu sein, um diese beiden Wege zu unterscheiden (den Weg des Nirvana und den Weg des Samsara), um unserem Geist nicht zu erlauben, auf den Weg des Samsara abzugleiten, sondern beständig am Weg des Nirvana festzuhalten, indem wir fortwährend in rechtem Gewahrsein verweilen.

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