Wenn wir den Weg des Dharma betreten, müssen wir einen kundigen Lehrer finden, und nachdem wir ihn gefunden haben, müssen wir unsere Position als Schüler klären. Auf den höheren Stufen der Praxis, besonders im Anuttara-Tantra, ist es schwierig voranzukommen, wenn man keinen kundigen Lehrer hat. Wenn wir uns selbst als Schüler begreifen sollen, müssen wir das Prinzip des Schülers vollständig verstehen. Das Prinzip des Schülers besteht nicht nur in dem, was wir zu übernehmen versuchen, also nicht nur in dem intellektuellen Wissen, das wir vom Lehrer erhalten, sondern auch in seiner Meisterschaft, seinem Geist, seinem Bewusstsein. Im Prozess einer solchen Übernahme müssen wir uns verändern. Was heißt hier verändern! Wir müssen dafür mit allem bezahlen, was wir haben, denn diese Meisterschaft zu übernehmen bedeutet, sich von allen Illusionen zu trennen. Solange wir uns nicht auf diese Weise verändern wollen, kann man uns nicht als solche bezeichnen, die Meisterschaft übernehmen. Bestenfalls kann man uns Zuhörer nennen, Shravaka.
Erst in dem Moment, in dem der Praktizierende sich selbst als Schüler erkennt und sich zu einer solchen globalen Transformation entschließt, wird er zu einem würdigen Gefäß, um wirklich an sich zu arbeiten. Und dann beginnt der Prozess der Übertragung des Dharma, der Prozess der Schulung in der Meisterschaft der Praxis. Wenn wir auf diese Weise lernen und dem Weg folgen, entdecken wir, wie viel niedere Natur in uns ist, die sich gegen den spirituellen Weg erhebt. Manchmal kann man sehen, dass buchstäblich auf jedem Zentimeter unseres spirituellen Weges solche Aufstände stattfinden, deshalb kämpfen wir ununterbrochen, um in dieser Schlacht den Sieg zu erringen. Und wir sehen, wie hartnäckig unsere niederen Anteile versuchen, das Recht auf ihre Existenz zu verteidigen. Sie versuchen jedes Mal, ihre alte, bedingte samsarische Natur zu behaupten, deshalb fühlt sich der Yogi in einem Zustand des totalen Krieges. Er fühlt, dass es keinen Weg zurück gibt, dass der Weg zurück Selbstvergessenheit, Tod und Leiden bedeutet. Und Schlimmeres kann man sich überhaupt kaum vorstellen. Spiritueller Tod und der Fall in Maya sind das Furchtbarste, was einen Yogi erwarten kann. Doch er fühlt auch, dass es für ihn sehr schwer ist, voranzugehen. Er versteht, dass das Einzige, was in seinem Zustand möglich ist, darin besteht, im Geist absoluter Makellosigkeit zu sein und das, was in diesem Moment so gut wie möglich getan werden kann, maximal gut zu tun, indem er buchstäblich jeden Millimeter des Raumes des Lichts in seinem Bewusstsein zurückerobert. Auf dieser Stufe entsteht die subtile Versuchung, in einen Zustand großen Konflikts einzutreten und mit allem und jedem Krieg zu führen: mit der eigenen niederen Natur, mit der Bedingtheit und anderem.
Wenn wir in den Zustand eines solchen höheren Konflikts eintreten, fühlen wir, dass wir versuchen, etwas zu tun, doch das Paradoxe besteht darin, dass wir uns, je mehr wir in den Zustand des Konflikts eintreten, desto mehr von unserer eigenen Natur entfernen; je mehr wir versuchen, sie zu beherrschen, desto mehr zeigt sie uns, dass dies unmöglich ist. Und dann fühlen wir uns völlig hilflos, unfähig zur Praxis, wir spüren, dass wir uns eine unermessliche Aufgabe vorgenommen haben, die nur große Mahasiddhas bewältigen können. Wir fühlen, dass wir nach etwas so Globalem greifen, dass im Vergleich dazu unsere eigenen Bemühungen und unsere Praxis überhaupt wie eine Art Parodie erscheinen. Und dann verstärkt sich das Gefühl dieses inneren Konflikts noch mehr. Plötzlich erkennt unser Ego, das rosige Pläne schmiedete, dass es in drei Jahren beginnen werde, Regenbogen auszustrahlen und zu levitieren und alle in Erstaunen zu versetzen, seine völlige Nichtigkeit und Bedeutungslosigkeit angesichts des absoluten Geheimnisses sowie die völlige Illusorität aller Hoffnungen und Pläne. Und dann erlangt das Ego Demut. Das ist die erste Demut, die es erfährt. Das Ego versteht nicht nur die ganze Globalität der Aufgabe, die es sich gestellt hat, sondern auch, dass es im Prozess der Erfüllung dieser Aufgabe selbst gleichsam absterben muss.
Wenn das Ego zur Ruhe kommt und seine ganze Illusorität und Vergeblichkeit versteht, ist es bereits bereit, seine Anhaftungen, Hoffnungen und Ängste loszulassen. Plötzlich beginnt es zu erkennen, dass es nicht ganz darum geht, dass hier noch größere Kunstfertigkeit nötig ist. Dann tritt es in den Hintergrund, und im Bewusstsein entsteht eine noch sehr feine, beinahe nicht fassbare, kaum spürbare, aber bereits ausreichend mächtige Welle einer gewissen Präsenz.
Zunächst gleicht diese Präsenz einem feinen Windhauch; dennoch werden, wenn sie entsteht, alle Formen der Welt, einschließlich des Ego, gespenstisch, und eine gewaltige Kraft, die hinter ihr steht, offenbart sich. Erst von diesem Moment an beginnen wir, etwas vom spirituellen Leben zu verstehen. Plötzlich erkennen wir, dass wir diesen feinen Windhauch der Präsenz erfassen und beginnen müssen, ihn sehr langsam und sanft in unser Leben einzubringen. Man muss an ihn glauben, ihm vertrauen und ihm gegenüber sehr aufmerksam sein. Man muss seine Untrennbarkeit vom Guru verstehen und wissen, dass er die Quintessenz aller Sutras, Tantras und esoterischen Lehren ist. Man muss sich allmählich auf ihn einstimmen und ihn als die absolute Quelle allen Seins entdecken, ihm erlauben, in alle Winkel des Bewusstseins einzudringen und unreine Karmas und Anhaftungen auszubrennen. Eigentlich beginnt von diesem Moment an die Praxis des natürlichen Zustands. Und diese Unterweisungen betreffen eben einen solchen fortgeschrittenen Praktizierenden, der diesen ganzen Prozess durchlaufen hat und daher sicherer und beständiger weit voranschreitet.

Selbstbefreiung der Gedanken
Nehmen wir eine Zeichnung auf Wasser. Wenn man auf Wasser zeichnet, wird die Zeichnung im selben Augenblick ihres Entstehens zerstört. Ebenso erfolgen das Entstehen der Gedanken und ihre Befreiung gleichzeitig. Alles entsteht unaufhörlich auf natürliche Weise und befreit sich auf natürliche Weise, wie eine Zeichnung auf Wasser.
Wenn dieses Bewusstsein entdeckt ist, erfährt der Yogi plötzlich den Geschmack des natürlichen Zustands und versteht, dass alles, was er früher wahrnahm, wovon er träumte, woran er sich klammerte und worauf er hoffte, absoluter Betrug, eine totale Illusion war. Wenn er dies versteht, weiß er, dass nur das Klare Licht des ursprünglichen Bewusstseins die Grundlage von allem ist, dass seine weitere Entfaltung und die Hingabe an es die wahre Essenz der Unterweisungen aller Heiligen sind. Und dann beginnt der Yogi, sich ständig daran zu erinnern. Er versteht, dass nun das Wichtigste für ihn darin besteht, sich immer tiefer in dieses Klare Licht zu vertiefen und es nicht zu verlieren.
Gleichzeitig bewegen sich beim Yogi aufgrund der Unreinheiten in den Energiekanälen und im Astralkörper weiterhin alle alten Karmas und beanspruchen, seinen Geist zu beeinflussen, ihn aus diesem Zustand herauszuführen und ihn in die dualistische samsarische Sicht zu stürzen. Wenn der Yogi ihnen nicht nachgibt und wieder beginnt, dem feinen Windhauch des Gewahrseins zu lauschen, dann halten diese Karmas, die wie etwas Grobes und Reales erscheinen, einem solch feinen Gewahrsein nicht stand; sie beginnen vor ihm zurückzuweichen und sich aufzulösen. Wenn eine solche Auflösung geschieht, sagt man, dass der Yogi Selbstbefreiung praktiziert.
Also, ohne das Entstehende zu behindern, lasst alles entstehen, was auch immer es sei. Alles Entstehende ist in seiner ursprünglichen Natur rein. Die Anwendung dessen auf dem Weg sollte als ein Schlüsselmoment der Praxis betrachtet werden.

Reine Sicht aller Phänomene
Alles Entstehende ist seiner Natur nach rein. Der Weg zur Erleuchtung bedeutet eine vollständige, radikale Transformation der Welt und auch seiner selbst, einen Wandel der Mentalität sowie jenes Gewahrseins, das hinter dieser Mentalität steht. Alles, was sich manifestiert, als rein zu gewahren, bedeutet, die eigene Haltung zur Sicht vollständig zu verändern. Alle Dinge, die sich manifestieren, existieren nicht aus sich selbst heraus und besitzen nicht einmal einen Tropfen Realität. Mit anderen Worten: Wenn wir Dinge als aus sich selbst heraus existierend anerkennen, sind wir gleichsam einer globalen Verschwörung ausgesetzt und befinden uns in einer totalen Illusion. Wir sind wie verzaubert und in eine virtuelle Realität eingetaucht, aus der wir nicht herauskommen können. Zum Beispiel haben Sie sicherlich bemerkt, dass, wenn man einem Menschen vom Weg des Erwachens, vom spirituellen Leben erzählt, er ungefähr Folgendes sagt: „Ja, das ist natürlich interessant, aber ich habe doch so viel zu tun!“ Genau das ist die globale Illusion. Doch ein wahrer spiritueller Praktizierender weiß, dass es nur eine einzige Aufgabe gibt — den Weg zur Erleuchtung, und alles Übrige dient nur diesem.
Wenn wir versuchen, aus dieser totalen Verschwörung, aus dieser Illusion auszubrechen, verändern wir unsere Haltung vollständig. Wodurch tun wir das? Dadurch, dass wir den natürlichen Zustand entdecken. Plötzlich erweist sich all das, was getrennt war, als zu einem Ganzen vereint. Das, was unrein erschien, wird als rein gesehen, als Manifestation besonderer Aspekte der Reinheit. Das, was äußerlich erschien, wird als innerlich gesehen. Alle Phänomene und Formen beginnen, ihre Realität zu verlieren.
Alles als vollkommen und rein zu sehen bedeutet, alles als Manifestation des Absoluten zu sehen. Das bedeutet, ununterbrochen sehr erhaben selbst über die gewöhnlichsten oder unreinen Dinge zu denken. Wenn Sie zum Beispiel im Zug fahren, können Sie denken: „Das ist ein Zug, und das ist die Schaffnerin. Sie hat mir Tee gebracht, und ich habe ihr Geld gegeben.“ Wenn Sie jedoch ein in Tantra geschulter Praktizierender sind, können Sie so denken: „In der karmischen Sicht der Welt der Menschen ist dies natürlich ein Zug, und dies ist die Schaffnerin. Aber in der reinen Dimension der Götter ist dies ein Vimana, und dies ist eine Gottheit, eine weltliche Göttin oder Dakini. Ich bringe ihr eine Darbringung dar, und sie gibt mir weltliche Siddhis in Form von Annehmlichkeiten.“ In einem noch höheren Zustand können Sie all dies als Spiele sehen, durch die der eine Geist, das Klare Licht, sich überträgt und manifestiert, indem er aus Ihrem essenziellen Bewusstsein projiziert wird.
Das Wichtigste ist die Erinnerung an diesen einen Geist und daran, wie er sich ununterbrochen in seinen Lilas manifestiert. Was stellen dann die sichtbaren Objekte, die Menschen dar? Es sind seine illusorischen Körper. Einige dieser illusorischen Körper sind gebunden, deshalb spielen sie streng nach dem Gesetz des Karma. Sie werden Menschen, samsarische Wesen genannt. Und da ihr Geist das Klare Licht nicht erkannt hat, erfahren sie Leiden, die Geburt und Tod genannt werden.

Transformation der fünf Gifte
Wenn unsere Gedanken zum Ausdruck des Dharmakaya werden, dann entsteht jedes Mal, wenn ein Gedanke entsteht, auch der natürliche Zustand. Daher wird, wie offensichtlich die von den fünf Giften hervorgebrachten Gedanken auch sein mögen, stets eine weitaus mächtigere Klarheit des befreiten natürlichen Zustands gegenwärtig sein.
Dies ist eine sehr wichtige Unterweisung. In unserem Bewusstsein gibt es Gifte. Gifte sind unreine Karmas, Kleshas, Verstopfungen in den Energiekanälen, im feinstofflichen Körper. Wenn das rote Bindu durch die Kanäle aufsteigen will, dann hindern diese Verstopfungen es daran. Warum können wir zum Beispiel nicht sofort in Samadhi eintreten? Weil der rote Tropfen nicht sofort zum Scheitel aufsteigen kann, da unreine Karmas ihn daran hindern. Auch im Astralkörper existieren Gifte. Das sind unreine Bewusstseinszustände: dunkle, düstere, depressive, bedrückte, zornige, gereizte und einfach tamasische. All dies sind Gifte, das heißt das, was das Leben verkürzt, zu falschen Situationen führt und die Bewusstheit trübt.
Es gilt, dass ein Yogi, der den spirituellen Weg praktiziert, sich von Giften reinigen muss. Eigentlich ist die Praxis, besonders die monastische, ein ununterbrochenes „Schleifen“, bei dem der Yogi sich Tag für Tag von Giften reinigt. Zorn, Neid, Stolz, Begierde, Stumpfheit, Unwissenheit, Einbildung, Anhaftung, Egozentrismus, Gier — all diese Gifte werden durch ununterbrochene Selbstbeobachtung, Dienst, technische Praktiken, Meditation, Visualisierungen gereinigt, also durch alles, was es im Tantra gibt. Im Großen und Ganzen lässt sich das Niveau eines Yogis daran bestimmen, inwieweit er frei von Giften, von Kleshas ist. Man sagt, dass spirituelle Praxis von Kleshas befreien soll; wenn sie nicht befreit, bedeutet das, dass sie noch nicht tief eingedrungen ist. Deshalb ist ein wahrer Praktizierender immer frei von Kleshas. In ihm sind diese Gifte neutralisiert, gereinigt. Doch hier wird aus der Sicht des Anuttara-Tantra ein sehr wichtiger Gedanke ausgesprochen: Wie auch immer Kleshas und Gifte sich manifestieren mögen, in dem Moment, in dem sie sich manifestieren, existiert ein tieferes und gewichtigeres essenzielles Bewusstsein, im Vergleich zu dem sie entwertet werden.
Im Sutra und Tantra muss man die Gifte wie Feinde bekämpfen oder sie ununterbrochen in etwas Positives verwandeln. Im Anuttara-Tantra jedoch muss man dieses stets gegenwärtige essenzielle Bewusstsein bemerken und ihm, im Vertrauen darauf, erlauben, auf die Gifte herabzukommen und sie auf diese Weise zu entwerten.
Wenn wir den Weg des Anuttara-Tantra praktizieren, richten wir uns ununterbrochen auf dieses essenzielle Bewusstsein aus. Plötzlich entdecken wir, dass wir einen großen Beschützer und großen Helfer haben, der uns hilft, mit diesen Giften umzugehen. Allein von der Stärke unseres Vertrauens in ihn, vom Grad unserer Offenheit und unserer Fähigkeit zur Hingabe an diesen großen Helfer hängt ab, inwieweit er mit ihnen umgehen kann. Wenn wir Vertrauen zum Klaren Licht und eine ununterbrochene, darauf gerichtete Achtsamkeit haben, befreit es selbst alle Gifte und transformiert sie in reine Weisheiten. Warum geschieht das? Weil diese Gifte Ausdruck dieser reinen Weisheit sind.

Untrennbarkeit der Gedanken vom natürlichen Zustand
Alle sich bewegenden Gedanken, wie viele es auch sein mögen, entstehen als Selbstausdruck der Transparenz der Natur des natürlichen Zustands.

Wenn wir uns für den Körper halten, denken, dass wir irgendwo angekommen sind, dass wir Praktiken ausführen und dem Weg der Erleuchtung folgen, dann sind auch dies bestimmte Gedanken, die sich im Raum des natürlichen Zustands manifestieren. Man kann sagen, dass der physische Körper ein verdichteter Gedanke ist. Dies gilt auch für unsere Gedanken, Emotionen, Urteile und Bewertungen.
Wodurch unterscheidet sich ein Praktizierender auf hohem Niveau von einem Praktizierenden auf niedrigem Niveau? Dadurch, dass ein Praktizierender auf hohem Niveau diesen stets gegenwärtigen Zustand erkannt und verstanden hat, dass Gedanken und Kleshas von ihm untrennbar sind; deshalb führen sie ihn nicht mehr in die Irre. Ein Praktizierender, der die Untrennbarkeit von Gedanken und Kleshas vom natürlichen Zustand nicht zu erkennen vermochte, gilt vorerst noch als Anfänger. Selbst wenn er erfolgreich im Nirvikalpa-Samadhi sitzt, kann er nach dem Austritt daraus alle Erfahrungen machen, die einem gewöhnlichen Menschen eigen sind: leiden, sich gekränkt fühlen und so weiter. Und dies geschieht, weil er die Untrennbarkeit von Gedanken, Kleshas, Emotionen und allem, was sich manifestiert, vom natürlichen Zustand noch nicht verstanden hat. Er kann irgendwie in diese Trance eintreten, dann wieder aus ihr herauskommen (oder man zieht ihn dort heraus), aber das ist immer noch nicht das Richtige. Es ist ähnlich, als würde man einem Menschen Chloroform oder eine Droge geben; es ist noch etwas Künstliches. Er ist durch irgendeinen schmalen Spalt in seinen Kanälen und Karmas hindurchgebrochen, doch wie ein gewöhnlicher Mensch wird er gereizt, verfällt in Hoffnungen und Ängste, hat ein Gefühl der eigenen Wichtigkeit und andere Dinge, sobald man ihn aus diesem Zustand herauszieht. Das heißt, er ist noch unerfahren darin, wie man diesen Zustand herabführt und ihn im täglichen Leben manifestiert. Da er sehr davon abhängig ist, strebt er ununterbrochen nach der Erfahrung dieses tranceartigen Zustands; deshalb lehnt er alle äußeren Dinge ab, die nicht zu diesem tranceartigen Zustand führen oder ihn stören. Und dann befindet er sich wieder in einem gewissen schwebenden oder zerrissenen Zustand, gleichsam zwischen zwei Feuern.
Lange Zeit befand ich mich selbst in einem solchen Zustand, indem ich mir Gelübde auferlegte, nicht zu sprechen und nur zur Befriedigung der Bedürfnisse des Körpers aus dem Samadhi herauszutreten. Und so ging es weiter, bis der Guru mich auf diesen Fehler hinwies.

Samadhi des fließenden Flusses
Ein solcher Yogi verflucht, wenn nicht die äußere Welt, die ihn diesen tranceartigen Zustand verlieren lässt, so versucht er zumindest beharrlich, sie zu ignorieren. Doch selbst wenn er sie beharrlich ignoriert, existieren Energien und Karmas dennoch weiter. Wenn er sie ignorieren möchte, strebt er danach, in Gedankenlosigkeit zu sein und in die tiefsten Tiefen seines Gewahrseins einzutauchen, aber dennoch kann er sich darin nicht festigen, scheitert und gerät dadurch in Verwirrung. Wenn er jedoch das Prinzip des Anuttara-Tantra und des Laya-Yoga versteht, fügt sich alles an seinen Platz. Plötzlich eröffnet sich ihm eine andere, höhere und große Wahrheit. Er entdeckt das ursprüngliche Gewahrsein als ein stets parallel gegenwärtiges und von nichts abhängiges Bewusstsein, untrennbar von Gedanken, Emotionen, Kleshas und jeglichen anderen Manifestationen. Wenn der Yogi eine solche Untrennbarkeit entdeckt, beginnt er ununterbrochen, Gedanken, Emotionen und Kleshas in diesen Raum des Gewahrseins freizusetzen, selbst ohne tranceartige Zustände zu erleben. Tatsächlich tritt er nach einiger Zeit in einen Zustand der Präsenz ein, der von Tag zu Tag zu wachsen beginnt. Das ist wie der Lauf eines Flusses. Es gibt sogar einen Begriff, der diesen Prozess beschreibt: „Samadhi des fließenden Flusses“. Das ist genau jenes Samadhi, das Milarepa gern praktizierte. Gerade dieses weist auf die Essenz des Bewusstseins und des natürlichen Zustands hin.
Die Adepten der chinesischen Kampfkünste interpretierten diesen Begriff später im Verständnis der Kampfkünste. Als sie die Prinzipien der Bewegung lehrten, sagten sie: „Du musst stehen wie ein Berg und fließen wie ein Fluss.“ Doch „stehen wie ein Berg“ und „fließen wie ein Fluss“ sind in Wirklichkeit grundlegende Prinzipien des Anuttara-Tantra, die auf die Authentizität des natürlichen Zustands hinweisen.
Es gibt den Ausdruck „Chöjak des Berges“. Ich erwähnte ihn, als ich Vorträge über das tibetische Anuttara-Tantra hielt. Das bedeutet: Wenn wir den Weg des Sahaja-Samadhi praktizieren, befinden wir uns in einem unerschütterlichen Zustand der Präsenz, der auf keinerlei Weise gestört werden kann. Dennoch ist dieser unerschütterliche Zustand der Präsenz nicht statisch, er ist sehr flexibel und fließt, wie eine Strömung, stets dahin, indem er auf die Vielfalt der sich manifestierenden Situationen antwortet. Deshalb nennt man ihn auch „Samadhi des fließenden Flusses“. Erst in diesem Moment erlangt der Yogi Ganzheit und sieht endlich alles als eins. Er hört auf, im Konflikt mit der äußeren Welt, mit Gedanken und Emotionen zu stehen. Er hört auf, von Ängsten und von der Hoffnung auf künftige Samadhis gequält zu werden. Warum? Weil er sich bereits jetzt, genau in diesem Augenblick, darin befindet.

Die Tiefe der kontemplativen Präsenz
Natürlich setzt dies ein tiefes Eintauchen in die kontemplative Präsenz voraus. Andernfalls kann man sich in Ablenkungen befinden, dualistischen Gedanken ausgesetzt sein und dabei denken: „Ich praktiziere das Samadhi des fließenden Flusses“. Nur wir selbst und heiligere Seelen können feststellen, ob wir uns tatsächlich tief in diesem Zustand befinden.
Dennoch entdecken wir, wenn wir ihn öffnen, dass wir einen geheimen Eingang in eine andere Dimension geöffnet haben. Jetzt befinden wir uns in einer anderen Dimension des Universums und verlieren sie nicht mehr, ganz gleich, womit wir uns beschäftigen. Danach reduziert sich unser gesamtes weiteres Leben darauf, in dieser großen Dimension zu verweilen. Alle anderen Unterweisungen wie diese sind gerade für diejenigen bestimmt, die sich ihr bereits genähert haben.

Das Feuer der kontemplativen Präsenz
Unsere kontemplative Präsenz ist ein ununterbrochen entzündetes Feuer, das in Richtung dieser Quelle brennt. Sie ist Darbringung, Selbsthingabe, ein Schrei der Seele und ein Lied des Herzens. Denjenigen, die zu uns kommen, wünsche ich, dieses Feuer aus einem glimmenden Flämmchen zu einer hellen Fackel und dann zu einem universellen Brand zu entfachen. Manchmal möchte ich genau das all jenen, die bei mir lernen, aber wenig mit mir in Kontakt treten, direkt zurufen. Dieser universelle Brand versucht gerade jetzt, euch wie feuchtes Holz in Brand zu setzen.


