Kommentar zum Text „Yoga Vasishtha“, Kapitel 6.1
Die Natur der Selbsterkenntnis
„Wenn Gold nicht erkannt wird, wird es in den Schmutz getreten. Ebenso entsteht, wenn Brahman nicht erkannt wird, der Schmutz des Unverständnisses. Der Kenner Brahmans erklärt, dass er selbst Gott und Brahman ist, während der Unwissende diese Wahrheit nicht erkennt; dieses Nichterkennen wird Unwissenheit genannt.“
Laya-Yoga wird auch die Schule der Selbsterkenntnis genannt. Im Prozess der Selbsterkenntnis entdecken wir die Tatsache unserer absoluten göttlichen Natur. Wir erschaffen nichts Neues, das wir nicht von Anfang an besessen hätten. Doch welche Mühen kostet es uns, diese ursprüngliche Gottesnatur zu entdecken!
Die Tatsache, dass wir von Anfang an eine göttliche Natur besitzen und sie erkennen, anstatt sie zu konstruieren, bedeutet keineswegs, dass wir keine Sadhana benötigen. Selbsterkenntnis bedeutet, dass wir das entdecken, was uns bereits eigen ist, was immer bei uns war, worauf wir aber nicht geachtet haben. Zur Erläuterung wird oft als Beispiel ein Mensch angeführt, in dessen Mantelfutter eine Banknote über eine Milliarde Dollar eingenäht ist; obwohl er tatsächlich großen Reichtum besitzt, kann er ihn nicht nutzen und lebt wie ein Armer, der Not, Hunger und Leiden erfährt.
Der spirituelle Lehrer ist derjenige, der dem Menschen sagt, dass er einen solchen Reichtum besitzt, und ihm die Möglichkeit aufzeigt, wie er diese Banknote ertasten und herausziehen kann. Die Tatsache, dass ein solcher Mensch Reichtum besitzt, bedeutet noch nicht, dass er ihn nutzen kann.
Im Prozess der Selbsterkenntnis müssen wir in uns einiges umgestalten, das feinstoffliche Bewusstsein aktivieren. Wenn ihr die notwendigen Eigenschaften eines Schülers besitzt (Glauben, Vertrauen, Verständnis, Aufmerksamkeit, Zusammenarbeit und so weiter), dann wird dieses intuitive Bewusstsein mit der Zeit aktiviert werden, der Strom des Buddhi-Bewusstseins wird geöffnet werden. Gerade der geöffnete und aktivierte Strom des Buddhi-Bewusstseins verleiht dem Yogi unterscheidende Weisheit, mit deren Hilfe man Körper und Pranas vom höchsten Bewusstsein trennen kann wie Milch vom Wasser.
Eigenschaften eines guten Schülers

Um diesen Buddhi-Kanal zu öffnen, sollte man einfach ein guter Schüler sein. Dabei sollte man nicht deshalb ein guter Schüler sein, damit man in der Gemeinschaft als gut gilt, oder um dem spirituellen Lehrer zu gefallen, oder damit man sich nicht schämen muss. All das ist zu kleinlich, zu menschlich. Ein guter Schüler zu sein ist ein wesentlich ernsterer Begriff, denn nur gute Schüler werden ins Himmelreich eingelassen, wenn man unter dem Himmelreich Befreiung versteht; und genau dieses Ziel setzen wir uns ja vor. Mit anderen Worten: Wenn wir dorthin eintreten wollen, haben wir einfach keinen anderen Ausweg. Wir können es uns nicht leisten, ein mittelmäßiger, schwacher oder schlechter Schüler zu sein, denn in diesem Fall wird unser Ziel nicht verwirklicht werden.
Was bedeutet es, ein guter Schüler zu sein? Es bedeutet, die Welle der spirituellen Unterweisung, der spirituellen Zusammenarbeit, der spirituellen Ausrichtung, des spirituellen Mitgefühls richtig zu erfassen, die Welle der Sadhana und des Samaya zu erfassen und immer auf dieser Welle zu bleiben, ohne aus ihr herauszufallen.
Ich würde nicht sagen, dass sich der Begriff „ein guter Schüler sein“ nur auf das gehorsame Ausführen der Anweisungen des Lehrers beschränkt. Alles ist viel komplexer. Ein guter Schüler zu sein bedeutet, Glauben, Verständnis und den eigenen Willen zu zeigen und in der Lage zu sein, die Verantwortung für die Schülerschaft auf sich zu nehmen.
Die Übernahme der Verantwortung für die eigene Sadhana

Ich befürworte es nicht besonders, wenn ein Schüler versucht, die Verantwortung auf jemand anderen abzuwälzen (sei es auf den Guru oder auf Gott), denn spirituelle Praxis setzt voraus, Verantwortung für die eigene Befreiung zu übernehmen, eine gewisse Stärke der Persönlichkeit, Individualität und den eigenen freien Willen zu zeigen.
Hingabe und Glaube bedeuten keineswegs, die Verantwortung blind auf irgendjemanden abzuwälzen. Man kann die Verantwortung für die persönliche Sadhana nicht auf Gott übertragen. Warum? Weil Gott dir Verstand und Körper gegeben hat, dir Texte und einen Lehrer gesandt hat, aber du musst zumindest irgendetwas tun, denn wenn du das nicht tust, wie wirst du dann deinen freien Willen entwickeln, die Eigenschaften eines Mandaleshvara heranwachsen lassen und selbst zu Gott werden?
Es gibt eine Geschichte darüber, wie ein Mensch während einer Überschwemmung zu Gott betete, um gerettet zu werden. Um ihn herum trieben umgestürzte Bäume, Menschen ertranken, alles wurde vom Wasser überflutet. Doch dieser Mensch glaubte fest an Gott und sagte: „Gott wird mir helfen“. Alle wurden von der Strömung fortgerissen, doch einige Menschen klammerten sich an einen Baumstamm. Sie riefen diesen im Wasser strampelnden Menschen zu sich und sagten ihm: „Greif nach dem Baumstamm“. Er antwortete: „Ich bete zu Gott, er wird mir helfen“. Und diese Menschen trieben auf dem Baumstamm weiter. Der Mensch, der weiterhin um sein Leben kämpfte und im Wasser strampelte, sah, wie ein Boot auf ihn zuschwamm. Die darin Sitzenden sagten: „Spring ins Boot“, doch er antwortete ihnen: „Gott muss mich retten“. Dann kam ein Rettungshubschrauber angeflogen, von dem aus man versuchte, ihm eine Leiter hinabzulassen, doch er sagte: „Es muss irgendein Wunder geschehen, denn ich bete doch so sehr zu Gott“. Die Piloten des Hubschraubers zuckten mit den Schultern und flogen davon. Schließlich sah dieser Mensch, dass kein Wunder geschah, und flehte Gott inständig an: „Warum rettest Du mich denn nicht?“ Und da erschien vor ihm Gott, umgeben von Engeln, und sagte: „Du bist einfach ein Dummkopf! Wer hat dir denn den Baumstamm, das Boot, den Hubschrauber geschickt? Du selbst musst wenigstens irgendeine Entscheidung treffen, wenigstens irgendetwas tun“.
So bedeutet es, ein guter Schüler zu sein, Verantwortung für die eigene spirituelle Praxis und die eigene Transformation zu übernehmen und dann aktiv den Willen in diese Richtung zu manifestieren.
Vasishtha sagt, dass weder Gott noch der spirituelle Lehrer jenem Menschen helfen können, der nicht bereit ist, Verantwortung für seine spirituelle Transformation zu übernehmen. Was bedeutet das? Verantwortung für die eigene spirituelle Transformation zu übernehmen bedeutet, dass du selbst für dich selbst der Mandaleshvara bist.
Die Rolle des Lehrers und die Grenzen seines Eingreifens

Sehr groß ist die Versuchung, die Verantwortung für die spirituelle Transformation dem Lehrer zu übertragen. Und dann fragt mich ein solcher Schüler: „Was soll ich tun?“ Ich habe fertige Antworten und Lösungen, mir erscheint überhaupt alles sehr einfach: „Also, du bist ein Laie. Gut. Das heißt, morgen kommst du als Novize. Das war’s, die Frage ist gelöst. Absolviere die Prüfungsaufgaben und Retreats, lerne zwölf Jahre lang. Durchlaufe die ganze Struktur, und ich brauche hier nicht einmal nachzudenken. Ich habe die Antwort für dich schon jetzt parat – tu es einfach“. Aber ich weiß, dass ich, wenn ich eine solche Antwort gebe, in das persönliche Karma dieses Menschen eingreife, in so tiefe Schichten von ihm, an denen er festhält und die er möglicherweise überhaupt nicht hergeben will.
Dann stellt sich die Frage: Warum sollte ich in das persönliche Karma eines Menschen eingreifen und für ihn jene Entscheidungen treffen, die er selbst treffen muss, selbst wenn er dafür Jahre des Leidens, von Versuch und Irrtum braucht? Würde ich ihm nicht einen „Bärendienst“ erweisen, wenn ich eine solche Entscheidung für ihn träfe? Möglicherweise wird dies seinen spirituellen Wachstum stark beeinflussen, wenn er mir ergeben ist. Andererseits aber: Wird er als Yogi wachsen, wenn ich mit meiner spirituellen Kraft und Autorität eingreife und ihn von jenen Fehlern und Entscheidungen befreie, die er selbst treffen muss? Das ist eine große Frage. Und da ich seinen freien Willen respektiere, werde ich ihm das nicht so direkt sagen. Ich werde sagen: „Das ist eine Frage deiner Verantwortung. Du selbst musst das entscheiden. Ich weiß natürlich, wie es richtig ist. Aber mein persönlicher Wunsch wird dir nicht helfen. Ich werde dir die richtige Antwort nicht sagen, denn du selbst musst sie suchen, gewappnet mit dem Wissen, das dir gegeben wird“. Das ist so, wie wenn ihr eine Klassenarbeit in Algebra schreibt; der Lehrer wird euch die richtige Antwort nicht sagen, denn geschenkte richtige Antworten machen nicht klüger.
Verantwortung bedeutet, dass euch die richtigen Antworten auf der Ebene der Entscheidungen nicht ausgehändigt werden, sondern die Methode gegeben wird, und die richtigen Antworten müsst ihr gerade selbst finden. Das bedeutet nicht, dass euch das Dharma oder etwas Derartiges verborgen wird. Gemeint ist, dass der Schüler selbst Entscheidungen erarbeiten muss, nachdem er Verantwortung für seine Sadhana übernommen hat. Er muss selbst verstehen, was es heißt, ein guter Schüler zu sein, was es heißt, richtig zu praktizieren.
Die Manifestation von Verantwortung in der Praxis

Zum Beispiel gibt es Stufen der Ausbildung. Wenn ein guter Schüler denkt: „Interessant, warum gibt es diese Stufen? Wie könnte man höher aufsteigen?“ Er wird nicht an ihnen vorbeigehen, das heißt, er wird danach streben, sie zu meistern. Oder es gibt eine Retreat-Regel. Wenn der Schüler reif und feinfühlig ist, wird er sich unbedingt dafür interessieren und versuchen, sie auf sich anzuwenden. Wenn der Schüler unreif ist, wird er sie vergessen und ihr nicht folgen. Dies sind die Weisen, in denen sich Verantwortung und freier Wille zeigen oder nicht zeigen.
Der freie Wille verwirklicht sich in Akten der Wahl. Akte der Wahl sind bestimmte Bifurkationspunkte, das heißt Verzweigungen von Situationen, in denen man so oder anders handeln kann. Von Ihrer Wahl in solchen Momenten hängen Ihr zukünftiges Leben, Ihr Schicksal und Ihre Errungenschaften ab. Und ein richtiger Schüler zu sein bedeutet, an solchen Bifurkationspunkten, an den Verzweigungen der Situationen, immer die richtige Freiheit der Wahl zu zeigen.
Die Freiheit der Wahl ist die Manifestation Ihres freien Willens, der Sie in einen alternativen Tunnel der Realität verschiebt, in dem es Befreiung gibt. Und eine solche Wahl wird ständig von Ihnen verlangt: dem Weg der Meditation zu folgen oder sich ablenken zu lassen, dem Weg des Verlangens zu folgen oder es zu unterbinden, in Unbewusstheit zu fallen oder bewusst zu sein, danach zu streben, die Praxis zu erschweren oder zu vereinfachen, ein Retreat zu durchlaufen und jedes Mal zu meditieren, indem man den Begrenzungen die Stirn bietet, oder sich von den Begrenzungen leiten zu lassen.

Verantwortung zeigt sich als Ergebnis von Entscheidungen, die jede Sekunde getroffen werden. Gerade im Prozess der Verantwortung und des Treffens solcher Entscheidungen verstehen wir, dass Dharma eine Möglichkeit ist, aber nicht das, was wir bereits besitzen. Dharma ist ein großes Privileg, aber keine Pflicht. Die tiefste spirituelle Reife kommt, wenn wir bewusst beginnen, eine solche Verantwortung zu zeigen.
Wir haben unser Leben, den Körper, die Pranas, den Geist, und es gibt einen bestimmten Zeitraum, der uns zur Reinigung und zum Erreichen der Verwirklichung gegeben ist. Und wir müssen lernen, immer die richtigen Entscheidungen zu treffen, damit wir die uns gegebene Zeit so leben, dass die Verwirklichung in unserem Leben geschieht.
Als man mich fragte: „Soll ich heiraten oder nicht heiraten?“, war ich in den ersten Jahren überhaupt schockiert und verwirrt. Mich, einen Mönch, fragt man nach solchen Dingen, über die ich mir eigentlich nicht einmal Gedanken mache. Wie kann ich darauf antworten? Gibt mir mein Sanghati eines Mönchs die Befugnis, auf solche Fragen zu antworten? Was kann ein Mönch im Fall solcher Fragen antworten? Das ist doch eine Frage an die falsche Adresse. Das ist, als würde man einen Musiker nach Kickboxen fragen. Deshalb, wenn man mich fragt: „Heiraten oder nicht heiraten?“, sage ich: „Heirate, und dann wird man sehen. Du wirst selbst alles sehen.“
Gerade darum geht es: Ein spiritueller Lehrer wird Ihnen keine fertigen Antworten direkt geben. Er hat für sich ein eigenes Credo des Lebens, das er im Prozess seiner Sadhana erarbeitet hat, und zwar ist es bei ihm ziemlich eindeutig und sehr fest. Doch Sie selbst müssen für sich Ihr eigenes Credo unter Ihren Bedingungen und Umständen erarbeiten und dabei die Lehre als Werkzeug benutzen.
Es ist eine sehr große Versuchung zu sagen: „Du musst genau das tun, und du – genau das. Sieh zu, dass du alles genau so machst, wie ich gesagt habe, und zwar sofort. Entsagung, rasierter Kopf...“ Aber alle meine Entscheidungen, die ich für Schüler treffe, werden nur meine Entscheidungen sein. Der Schüler wird in diesem Fall unverantwortlich sein, bei ihm wird kein spirituelles Wachstum geschehen, und dann müsste ich im Grunde für ihn auch noch die Pranayamas machen.
Prinzipien der Advaita und der spirituellen Reife

Doch in Wirklichkeit entwickelt sich das spirituelle Leben anders. Im Prozess des spirituellen Lebens müssen unser freier Wille, unsere Verantwortung immer mehr wachsen. Das bedeutet, dass wir, indem wir die Lehre als Werkzeug benutzen, selbst die Situation beurteilen, in der wir uns befinden, und den richtigen Handlungsvektor erarbeiten. Es ist sehr wichtig, dieses Prinzip der Verantwortung zu verstehen.
In Wirklichkeit hat der Mensch immer danach gestrebt, die Verantwortung auf irgendetwas oder irgendjemanden abzuwälzen. Doch die Lehre des Advaita akzeptiert dies nicht. Advaita nimmt uns all unsere spirituellen Illusionen und derartigen Bestrebungen. Es gibt uns keinen projizierten Gott im Himmel. Es wendet uns unserem eigenen „Ich“ zu. Es gibt uns keine eternalistischen Ansichten und Konzepte. Es richtet uns immer auf unser eigenes „Ich“ aus und sagt, dass man die absolute Wahrheit in den Tiefen des „Ich bin“-Gewahrseins suchen muss. Verantwortung zu übernehmen bedeutet, dass es für uns immer wichtig ist, bewusst zu sein und Entscheidungen ausgehend von dieser Bewusstheit zu treffen.
Natürlich gibt es eine Lehre, eine Übertragungslinie, ein Praxissystem und Unterweisung. Und hier gibt es eindeutige, klare Anweisungen: wie man die Methode anwendet, wie man die Meditation ausführt usw. In Bezug auf all dies gibt es keine Zweideutigkeiten, doch wie wir leben sollen, wie wir uns zur Praxis verhalten, welche Qualitäten wir zeigen, wie eifrig wir meditieren – all dies hängt davon ab, inwieweit wir aus dem Zustand von Buddhi, der Bewusstheit, heraus handeln. Gerade deshalb sind Vertrauen, Glaube, Hingabe, Eifer, Verständnis, Achtsamkeit und Bereitschaft zur Zusammenarbeit wichtige Eigenschaften eines Schülers. Wenn all diese Eigenschaften vorhanden sind, werden alle Entscheidungen richtig sein.
Die Radikalität der spirituellen Praxis und die Rolle der Sangha

Spirituelle Praxis ist immer etwas sehr Radikales. Sie ist das, was nicht weltlich ist, was uns in eine andere Welt führt. Und es stellt sich die Frage: Sind wir bereit, Verantwortung zu übernehmen, um in diese andere Sicht, in diese andere Welt zu gehen?
Spirituelle Praxis ist der Aufbau eines neuen Lebens, der Eintritt in dieses Leben und anschließend der vollständige Übergang in dieses Leben. Sie ist die Erschaffung des Mandalas einer reinen Dimension. Doch um einen solchen Übergang zu vollziehen und ein solches Leben zu erschaffen, ist es notwendig, sehr eifrig zu arbeiten. Überkonzentration, Überanstrengung, Überklarheit, ein überkreatives Bewusstsein – das ist es, was dies möglich machen kann. Wenn wir aber Nachlässigkeit zulassen (schwache Konzentration, schwache Klarheit usw.), dann wird all dies unmöglich, bleibt auf halbem Wege hängen.
In diesem Zusammenhang wird das dritte Juwel – die Arya-Sangha (das Mandala der Praktizierenden) – sehr wichtig. Das dritte Juwel ist nicht einfach eine Gruppe von Menschen, Schülern eines Lehrers, Samaya-Brüdern und -Schwestern. Es ist ein integraler Metageist, der sich durch unsere Körper und Geister dank Zusammenarbeit, Dienst und Interaktion manifestiert. Und je stärker das dritte Juwel sein wird, desto günstiger werden die Bedingungen für das Erlangen der Befreiung sein. Dann wächst das dritte Juwel zu einem Buddha-Kshetra heran – einem Feld der Erleuchteten, zu einem Mandala, einer reinen Dimension der Gottheiten.
Doch wann wird die Sangha wirklich zum dritten Juwel? Wenn die Schüler, nachdem sie nach dem Retreat auseinandergefahren sind, weiterhin Schüler bleiben, wenn sie ihren Geist dem Dienst, dem Dharma, der Praxis zuwenden, unabhängig davon, ob sie Mönche oder Laien sind. Wenn der spirituelle Lehrer, die Mönche, Novizen und alle übrigen Schüler mit denselben Zielen, Werten, Plänen und Aufgaben leben.
„Wer Brahman kennt, weiß auch, dass die Unwissenheit eines unwissenden Menschen ebenfalls Brahman ist. Wenn Gold als Gold erkannt wird, ‚wird‘ es augenblicklich zu Gold; wenn Brahman als Brahman erkannt wird, wird es augenblicklich zu Brahman.
Da Brahman allmächtig ist, wird es zu allem, was es wünscht, ohne jegliche Motivationen dafür.“
Der Prozess der Selbsterkenntnis und die Hinwendung des Geistes nach innen

Selbsterkenntnis bedeutet den Prozess des Eindringens in die reine Sicht, den Prozess der Entfaltung des göttlichen Stolzes. Bei der Selbsterkenntnis eröffnen wir die Natur, den Spiegel unseres Geistes, und entdecken, dass die Natur des Geistes sich, wie sich zeigt, immer als rein, vollkommen, unbefleckt erwiesen hat; doch aufgrund von Unachtsamkeit haben wir sie stets verfehlt und solche Umstände geschaffen, unter denen es sie gleichsam beinahe überhaupt nicht gibt. Weil wir sie verfehlt haben, maß unser vergröbertes Bewusstsein körperlichen Beziehungen, dem Körper und der physischen Welt Bedeutung bei. Der Zustand unseres Geistes war ungefähr so: 3% – inneres Gewahrsein, 97% – äußere Welt.
Selbsterkenntnis bedeutet, den Geist nach innen zu wenden, die feinen Konturen des Bewusstseins durch eine solche Hinwendung zu aktivieren, den intuitiven Kanal des Buddhi einzuschalten und sich durch diesen Kanal wieder mit der höchsten Quelle zu vereinen.
Der intuitive Kanal der Buddhi wird durch Selbsterforschung (Vichara) und kontemplative Praxis aktiviert. Dann wird das Bewusstsein des Yogin restrukturiert, umgestaltet: Nach außen sind bereits nur noch etwa 30–40% gerichtet, während das innere Gewahrsein 60–70% einnimmt, doch es dominiert. Es findet eine ständige Verwurzelung im Inneren statt, und dadurch erfolgt die Integration mit dem Äußeren.
Mit anderen Worten bedeutet der Prozess der Selbsterkenntnis, dass ihr, indem ihr den Geist nach innen wendet, euren Geist immer mehr als einen Raum enthüllt, der von göttlichem Stolz erfüllt ist. Der Zustand eines Jnani ist so, dass 70% seines Bewusstseins nach innen gerichtet sind, während ihm 30% für das Leben und die Kommunikation genügen. Das heißt, diese 30% müssen ausreichen, um in der Gesellschaft angemessen zu funktionieren, während zu 70% Kontemplation und spirituelle Arbeit stattfinden. Und wenn wir zu 60–70% nach innen gerichtet sind, geschehen sehr tiefe Veränderungen in unserer Wahrnehmung der Realität; selbst bei einer 50%igen Hinwendung des Geistes nach innen treten tiefgreifende Veränderungen ein.
70% – das ist der Zustand eines Heiligen, 50% – das ist der Zustand dessen, der sich mit dem Austragen beschäftigt. Wenn euer Geist nach innen gerichtet ist und sich zu 70% in Kontemplation befindet, dann verweilt ihr im Wachzustand wie im Zustand des traumlosen Schlafes; ihr schlaft gleichsam im traumlosen Schlaf, handelt aber zugleich. Ihr erkennt die innere Realität und schöpft Kraft aus dem natürlichen Zustand.
Am Anfang, solange die Fähigkeiten der Kontemplation noch nicht verwirklicht sind, kann unser Geist zu 20% nach innen und zu 80% nach außen gerichtet sein. Aufgrund einer so starken Extravertiertheit nehmen äußere Objekte unser Bewusstsein gefangen, und es entstehen Beziehungen von Zuneigung oder Abneigung. Wir durchleben vollständig die Kette Avidya-Asmita-Raga-Dvesha-Abhinivesha.
Psychologischer Ausstieg aus sozialen Bindungen

Selbsterkenntnis bedeutet, dass wir unser Bewusstsein restrukturiert haben und allmählich beginnen, aus sozialen Bindungen und persönlichen Bindungen herauszutreten. Das heißt, wir beginnen nicht äußerlich herauszutreten, sondern wir beginnen in erster Linie psychologisch, aus ihnen herauszutreten. Wenn wir versuchen, sofort zuerst äußerlich herauszutreten, kann dies viel Disharmonie erzeugen. Es geht vor allem um den psychologischen Ausstieg. Mit anderen Worten treten wir allmählich in ein inneres Mönchtum ein. Das heißt, ich spreche vor allem von der psychologischen Ebene, nicht von der äußeren. Ohne psychologisch aus Abhängigkeit und Bindungen herausgetreten zu sein, ist es unmöglich, sich wirklich mit dem Weg der Befreiung zu beschäftigen. All dies sind einander widersprechende Dinge.
Im Prozess einer solchen Restrukturierung des Bewusstseins lassen wir psychologisch soziale und persönliche Bindungen, den Strom der Zeit und der Ereignisse sowie die Anhaftungen an unsere Vorlieben hinter uns. Es findet eine ununterbrochene Freisetzung des Bewusstseins aus all dem statt, womit wir uns identifiziert haben. Wir lassen falsche Bindungen an den Körper zurück, als wir blind glaubten: „Ich bin dieser Körper“. Allmählich entdecken wir, dass wir umso weniger abhängig von den Objekten und Bindungen der äußeren Welt werden, je tiefer und stärker sich unser Geist nach innen wendet.
Ausstieg aus dem Strom der Zeit und der Kausalität

Wir treten gewissermaßen aus dem Strom der Situation, der Ursache-Wirkungs-Reihen, der Ereignisse, des zeitlichen Kontinuums selbst heraus, weil all dies außen ist. Zeit, Ursache-Wirkungs-Reihen – all dies wirkt außen. Die grobe äußere Welt wirkt nach diesen Gesetzen, doch der Prozess der Kontemplation selbst, das Verlegen des Geistes nach innen, versetzt uns in eine Ebene, in der andere Gesetze wirken.
Zum Beispiel ist das Bewusstsein nicht an den Zeitvektor gebunden; es muss nicht nur in eine Richtung fließen, aus der Vergangenheit in die Zukunft, sondern es kann frei zurückkehren, sich an einem Punkt fixieren oder alle drei Zeiten von nur einem Punkt aus im Zustand eines einheitlichen „Geschmacks“ kontemplieren.
Für das Bewusstsein gibt es keine zeitlichen Begrenzungen. Denn jeder von euch kann sich leicht an die Vergangenheit erinnern und, wenn er möchte, in das Erleben der Vergangenheit eintreten, indem er sich gut konzentriert, und all dies ebenso lebendig erneut durchleben. Dann wird die Vergangenheit, wenn wir gedanklich zu ihr zurückkehren, mit neuer Kraft aktiviert.
Für das Bewusstsein gibt es ebenso keine Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge. Es kann sie frei verändern. Das heißt, je tiefer wir den Geist nach innen führen und je mehr wir uns dort fixieren, desto mehr Freiheitsgrade entstehen für uns.
Für das Bewusstsein gibt es keine kollektive Geschichte als solche, da man unter kollektiver Geschichte gerade die Kette der Wiedergeburten, das Karma, versteht. Kollektive Geschichte ist der äußeren Welt und den groben Objekten eigen, wenn Ursache und Wirkung existieren. Und jedem ist klar: Wenn man im Frühjahr Erbsen pflanzt, werden im Herbst Erbsen aufgehen, niemals Hafer oder Weizen. Das ist die strikte Abhängigkeit von Ursache und Wirkung; hier entscheidet man absolut nichts. Wenn man den Geist jedoch nach innen führt, kann manchmal Weizen erscheinen, selbst wenn man Erbsen pflanzt. Warum? Weil das Bewusstsein, je tiefer es nach innen geführt wird, desto stärker beginnt, die Realität zu beeinflussen; und im Inneren existieren für das Bewusstsein als solches keine starr bedingten Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge. Das Bewusstsein besitzt Wahrscheinlichkeit, Wunderhaftigkeit; dort kann die Wirkung die Ursache verändern, das heißt, es wirkt das Gesetz der zirkulären Kausalität.
Gewöhnlich bringt in unserer Welt die Ursache die Wirkung hervor, und die Wirkung kann die Ursache nicht verändern. Doch in der Welt des tiefen Bewusstseins wirkt ein anderes Gesetz, nämlich das Gesetz der zirkulären Kausalität, wenn die Wirkung ohne Weiteres auf die Ursache einwirken kann; nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit kann die Zukunft beeinflussen. Wenn man in die Vergangenheit zurückkehrt und dort in seinem Bewusstsein etwas verändert, zum Beispiel eine psychologische Einstellung oder eine somatische Erkrankung, kann man augenblicklich etwas in seiner Gegenwart verändern. Das heißt, das Bewusstsein als solches besitzt wesentlich mehr Freiheitsgrade.
Von der kollektiven zur persönlichen Geschichte

Wenn wir uns in das Gewahrsein vertiefen, treten wir allmählich aus dem linearen historischen Prozess heraus und befreien uns vom Rad der Geschichte, vom Rad der Geburten und Tode. Wir treten aus der kollektiven Geschichte heraus und beginnen allmählich zu verstehen, was persönliche Geschichte bedeutet.
Kollektive Geschichte bedeutet, dass man in irgendwelche allgemeinen Prozesse eingeschrieben ist – in den Prozess der Naturgesetze, in historische und soziale Prozesse. Das heißt, man ist nur ein Teil, man ist wie ein Holzspan, der mit dem Fluss der Zeit dahintreibt und nirgendwohin entkommen kann.
Persönliche Geschichte bedeutet, dass man aus den historischen Prozessen heraustritt und die eigene Geschichte subjektiv wird. Man kann sagen, dass das eigene Leben zu einem großen psychologischen Tagebuch wird, oder zu einem großen Bild, oder zu einer Melodie. Der eigene Wille kann, indem er eingreift, die Zeichnung dieses Bildes, die Stimmung dieser Melodie oder das, was in dieses Tagebuch geschrieben wird, bestimmen. Und all dies dauert ununterbrochen an. Nun bestehen das Bild und die Welt aus den eigenen spirituellen Realitäten und nicht aus äußeren Objekten.
Und je erfahrener der Yogi als Kontemplierender ist, je reicher seine Seele ist, desto mehr psychologische Wirklichkeiten besitzt er. Es ist ähnlich wie bei einem guten Schriftsteller, der beginnt, in der Welt seiner Bücher und Figuren zu leben. Für ihn beginnt die Realität aus der Welt seiner Figuren zu bestehen. Ungefähr dasselbe tritt ein, wenn wir aus der kollektiven Geschichte in den Zustand der persönlichen Geschichte übergehen. Wir beginnen, in der Welt unseres tiefen Gewahrseins zu leben. Das bedeutet nicht, dass man hier fantasieren oder irgendwelche Illusionen ersinnen soll. Vielmehr bedeutet es, dass wir über verschiedene Ebenen der Klarheit unseres Bewusstseins gleiten, und dieses Erkennen verschiedener Arten von Klarheit wird zum Hauptbestandteil unseres Lebens, während äußere Ereignisse uns nicht mehr gefangen nehmen.
Wenn man mich beispielsweise als Yogi fragen würde: „Welche Ereignisse haben sich bei Ihnen in den letzten sieben Jahren ereignet? Wie geht es Ihnen?“, dann würde ich sagen: „Mein Leben verläuft sehr gut, in meinem Leben gibt es sehr viele Ereignisse. In diesem Jahr habe ich die Sankalpa ‚Reine Sicht‘ praktiziert, und im vergangenen Jahr die Sankalpa ‚Herabsteigende Kraft‘. Seit bereits drei Jahren praktiziere ich die Sankalpa ‚Göttlicher Stolz‘ in Integration mit dem Erdelement. Das sind wunderbare Ereignisse in meinem Leben, das sind die wichtigsten Ereignisse.“
Wenn man jahrelang so lebt, wird das eigene Leben zu einem Erleben innerer Realitäten, und alles Äußere hört überhaupt auf, irgendeine Rolle zu spielen. Es bewegt sich auf seiner eingefahrenen Spur, doch darum geht es ganz und gar nicht. Man lebt größtenteils in der inneren Realität, die von niemandem außer einem selbst abhängt, das heißt, man bestimmt selbst, wie die eigene innere Realität sein soll. Wenn man ein guter Kontemplierender ist, ist die eigene innere Realität immer sehr reich; wenn man aber ein schwacher Kontemplierender ist, ist die eigene Realität arm, man ist darauf angewiesen, Energie aus der äußeren Welt zu schöpfen und die eigene innere Realität aufzuwühlen. Richtige Praxis führt immer zu solchen Wechselbeziehungen, dass die innere Realität und die äußere harmonisch miteinander interagieren.
Entdeckungen im Prozess der Selbsterkenntnis

Selbsterkenntnis bedeutet, dank der Beherrschung der Methoden der Kontemplation ständig in die innere Realität hineinzuwachsen. Dabei bedeutet das Hineinwachsen in die innere Realität keinen Nihilismus gegenüber der äußeren Realität, denn wenn wir den Geist zu sehr nach innen lenken und beginnen, die äußere Realität zu ignorieren, wäre das falsch. Wie ich bereits sagte, sollten 30–40 % des Bewusstseins für Dienst, Handeln, Selbstversorgung, Kommunikation, die Aufrechterhaltung harmonischer Beziehungen sowie die Bewertung und Analyse dieser Realität ausreichen. Das bedeutet, dass diese 30 % bei euch sehr entwickelt sind und ihr mit euren übernatürlichen Fähigkeiten durchaus mit der äußeren Realität zurechtkommt.
Letztlich führt Selbsterkenntnis dazu, dass die Barrieren zwischen innerer und äußerer Realität vollständig verschwinden, wenn die äußere Realität und die innere sich zu vermischen beginnen.
Im Prozess einer solchen Selbsterkenntnis entdecken wir mehrere Dinge:
Wir überzeugen uns davon, dass der Geist alldurchdringend ist und eine dem Raum ähnliche Natur besitzt.
Wir entdecken, dass das Wesen der Natur des Geistes, Bhava, ein großes Erleben göttlichen Stolzes ist, das göttlichen Wesen eigen ist.
Wir stellen fest, dass diese Räumlichkeit Leerheit ist, doch diese Leerheit ist nicht negativ
In der alten Übersetzung der „Yoga Vasishtha“ gibt es harte Definitionen: „Dummheit“ und andere. Wir haben sie etwas abgemildert, deshalb verwenden wir anstelle des Wortes „Dummheit“ das Wort „Unwissenheit“. Wenn Sie einem Menschen sagen: „Du besitzt keine Jnana, du hast viel Dummheit“, wird er sich kaum freuen und weiter mit Ihnen kommunizieren wollen. Wenn man aber sagt: „Wir befinden uns in Unwissenheit“, kann er fragen: „Und in Unwissenheit in Bezug worauf?“ In Bezug auf jene Essenz, die uns ausmacht.
Doch an sich bringt der Begriff „Dummheit“ das Wesen sehr treffend zum Ausdruck, weil wir tatsächlich Dummheiten begehen, wenn wir unbewusst handeln. Um aufzuhören, Dummheiten zu begehen, muss man bewusst werden. Es gibt keinen anderen Ausweg, als dieses Bewusstsein zu entwickeln, da dies andernfalls sowohl in der Gegenwart als auch in der Zukunft mit Leiden verbunden ist.
Die Natur der Unwissenheit und ihre Erscheinungsformen
Wann begehen wir Dummheiten? Wenn unser Grad an Klarheit nicht hoch ist, wenn unser Bewusstsein nicht tief ist, und wir deshalb die Situation falsch einschätzen. Zum Beispiel hofft ein Mensch auf Glück in der materiellen Welt. Das ist ein Fehler, eine falsche Einschätzung der Situation, weil er die Vergänglichkeit nicht berücksichtigt. Er strebt danach, glücklich und reich zu werden, doch stattdessen stirbt er am Ende, und all seine Hoffnungen erfüllen sich nie. All dies kann man wirklich ohne Beschönigung Dummheit nennen.
Dummheit ist den Wesen der Tierwelt, der Welt der Geister und der höllischen Dimensionen eigen, wenn ein Lebewesen in eine bestimmte Art karmischer Sicht eingetaucht ist, die durch starkes Rajas oder Tamas bedingt ist. Tamas verlangsamt die Bewegung des Bewusstseins sehr stark, und Rajas bringt das Gewahrsein durcheinander wie eine starke, ablenkende Prana. Infolgedessen wird die Situation falsch eingeschätzt. Bei einer falschen Einschätzung der Situation werden falsche Entscheidungen getroffen und Fehler begangen.
Weltliches Treiben und der yogische Weg

Lebewesen sind in weltliches Treiben eingetaucht, all ihre Handlungen geschehen in der Welt der Illusionen, in der Welt der Sterblichkeit. Yogis hingegen sind diejenigen, die versuchen, sich vom weltlichen Treiben zu befreien. Beachten Sie, ich sage nicht „sich vom Handeln befreien“, denn Handlungen und weltliches Treiben sind nicht ganz gleichbedeutende Begriffe. Dennoch versuchen Yogis, weltliches Treiben als etwas zu vermeiden, das für ihr spirituelles Leben sehr ungünstig ist.
Weil Lebewesen in weltliches Treiben eingetaucht sind, werden all ihre Energie und ihr Leben von diesem Treiben erfasst und für dessen Aufrechterhaltung verbraucht. Dadurch ist es unmöglich, global, weitreichend zu denken, es ist unmöglich, über das Unendliche nachzudenken. Das Leben wird für kleine Ziele und Aufgaben vergeudet, und deshalb werden globale strategische Ziele nicht gelöst.
Wenn globale strategische Ziele nicht gelöst werden, wird in Wirklichkeit überhaupt nichts gelöst, denn das Leben ist vor allem eine strategische Aufgabe. Strategische Aufgaben zugunsten von Treiben und kleinen Bedeutungen zu ignorieren bedeutet in Wahrheit, zu scheitern. Und in Samsara erleiden alle Lebewesen, die keine Sadhana führen, ein solches Scheitern, das seinerseits zu Leiden führt.
Die menschliche Zivilisation und die Zivilisation der Götter

Man kann sagen, dass die Welt der Menschen als solche, als eine bestimmte Art von Wesen oder als Rasse, nicht besonders glücklich dran ist. Mehr noch, sie ist vollständig eine Zivilisation der Versager, eine unzulängliche Zivilisation. Ich hoffe, Sie verstehen das ebenfalls.
Warum sage ich das? Weil man im Vergleich zu den Göttern nicht so leben kann. Weil Menschen sterben, krank werden, ihre Emotionen nicht kontrollieren, ihre Gefühle nicht kontrollieren, die Elemente der Natur (die äußeren Tattvas) nicht kontrollieren. Sie kontrollieren nicht einmal sich selbst, klären ständig Beziehungen, töten einander, führen Kriege. Kann man eine solche Zivilisation glücklich, vom Glück begünstigt, erfolgreich, blühend nennen? Natürlich nicht. Das ist eine niedrige Zivilisation, die auf dem Weg ihrer eigenen Evolution nicht weit gekommen ist. Es ist noch die Kindheit des Verstandes, wenn man bedenkt, dass die Götter unsterblich sind, die Elemente und ihre Gefühle kontrollieren, über persönliche Tunnel der Realität verfügen, Raum und Zeit beherrschen und ganze Welten, ähnlich Universen, erschaffen können.
Und eine solche Zivilisation, wie die der Götter, kann man als blühend, erfolgreich und harmonisch bezeichnen. Doch die menschliche Zivilisation ist eine Zivilisation hundertprozentiger Sterblichkeit. Mit anderen Worten: Im Laufe von achtzig Jahren verschwinden mit dem Wechsel der Generationen fünf Milliarden Mitglieder dieser Zivilisation. Ihr gesamtes angesammeltes Potenzial und ihre Erfahrung werden zusammen mit ihren Trägern ausgelöscht. Und all dies ist das Ergebnis eines Zustands, der Unwissenheit genannt wird (Avidya, Ajnana).
Warum sind die Zivilisationen der Götter erfolgreicher? Weil die Götter (wenn wir von erleuchteten Seelen sprechen) Jnana, Weisheit, besitzen. Sie befinden sich ständig im Zustand der Meditation, der Selbsterkenntnis. Ihre Klarheit ist so tief, dass sie es ihnen ermöglicht, die Elemente zu kontrollieren, ohne physische Körper zu leben, sich in persönlichen Tunneln der Realität, in reinen Dimensionen, Mandalas zu befinden, Raum und Zeit zu beherrschen und eine Vielzahl illusorischer Körper (Emanationen) zu erschaffen. All dies ist ein Zeichen von Harmonie, Erfolg und Wohlstand, der Beherrschung universeller Kräfte, die durch die Erkenntnis der Realität (Jnana) hervorgerufen werden.
Befreiung von der Zeit durch Praxis

Wenn wir beginnen, die Praxis der Kontemplation auszuüben, treten wir allmählich aus dem Zustand der Unwissenheit heraus. Es ist unmöglich, lange in einem solchen Zustand zu verweilen, denn die Zeit stellt uns ständig vor Herausforderungen, und wenn wir uns nicht im Zustand von Jnana und Weisheit befinden, können wir auf die Herausforderungen der Zeit nicht angemessen antworten.
Wenn man das Leben eines Menschen beobachtet, der den Dharma nicht praktiziert, kann man sehen, wie die Zeit ihn bedingt, welche Veränderungen in seinem Leben geschehen. Was den Yogi betrifft, so ist hier jedoch alles anders: Die Zeit bedingt ihn nicht in gleicher Weise. Man kann nicht sagen, dass sie ihn überhaupt nicht bedingt, zum Beispiel kann auch sein Körper altern, doch sein Geist wird nicht von der Zeit ergriffen, er häuft keine karmischen Schulden an, sein Geist und seine Erfahrung wirken nicht auf das subtile Bewusstsein ein, sie befreien sich alle von selbst – das ist das Zeichen der Befreiung vom Lauf und Fluss der Zeit.
Wenn ein Mensch heranwächst oder älter wird, nimmt seine karmische Last mit den Jahren zu. Er bindet sich an Familie, Kinder, Beziehungen, Reichtum und anderes. All dies bindet ihn fest. Außerdem entwickeln sich bei ihm Komplexe, Krankheiten und Leiden. Und je länger ein Mensch lebt, desto schwieriger wird es für ihn, sich von all dem zu befreien. Doch ein wahrer Praktizierender und Yogi wird mit den Jahren immer freier, natürlicher, spontaner, ungebundener, und sein Geist wird immer jugendlicher und frischer. Der Strom der Transformation in der Zeit berührt ihn nicht in gleicher Weise, und im Fall der Verwirklichung berührt er ihn überhaupt nicht. Dies ist der Ausstieg aus der kollektiven Geschichte und der Beginn des Eintritts in die persönliche Geschichte dank der Beherrschung von Jnana, der Selbsterkenntnis.
Und alles hängt davon ab, ob die Selbsterkenntnis des eigenen „Ich“ als grenzenloser Raum und Bhava existiert oder nicht, ob sich die äußere Realität selbst befreit oder nicht.
Um also die Selbsterkenntnis zu verwirklichen, ist es notwendig, ständig Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Vom guten Schüler zum guten Sadhu, Yogi werden. Vom guten Sadhu zum guten Meister werden – zu demjenigen, der Sadhana und Lehre vollkommen gemeistert hat, der es vermocht hat, seine Lehre in das Leben einzuflechten, sie darin zu integrieren. Vom guten Meister-Sadhu – zum guten Siddha, zum Vollkommenen, zum Heiligen. Vom Siddha – zum Mahasiddha und zur Gottheit.
So befreien wir uns, indem wir ständig Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen, und werden zu denen, die ins Himmelreich eingelassen werden.
Das Himmelreich und der Zwischenzustand

Was ist mit dem Himmelreich gemeint? Auf der alleranfänglichsten Ebene sind es die reinen Länder – Welten, gewoben aus psychologischer Realität. Dies sind keine materiellen Welten, sondern Welten, in denen man als Persönlichkeit, als Individualität, vollwertig leben, ein persönliches Selbstbewusstsein haben, mit dem spirituellen Lehrer, Brüdern und Schwestern im Dharma kommunizieren und die spirituelle Praxis fortsetzen kann. In diesen Welten haben die Menschen einen feinstofflichen Körper, doch dieser feinstoffliche Körper benötigt keine solche Nahrung, wie wir sie hier zu uns nehmen. Dennoch kann das Leben in den reinen Ländern ebenso existieren, ähnlich dem Leben in der physischen Welt, nur dass es dort keine grobstofflichen Elemente gibt. Durch fünfhundert Jahre Meditation in den reinen Ländern können Yogis die endgültige Befreiung erlangen. Und wenn ihr Mitglieder eines Mandalas, Schüler eines Lehrers seid, dann bedeutet das, dass auch ihr in einem solchen reinen Land wiedergeboren werden und eure spirituelle Praxis fortsetzen könnt, sofern ihr natürlich nicht hier auf der Erde im physischen Körper unsterblich werdet.
Die reinen Länder sind viel schöner als die physischen. In diesen Ländern ist das Element des Bewusstseins sehr wichtig; dort kann man durch die Kraft des Bewusstseins Realität erschaffen. Bis zu einem gewissen Grad erinnern die reinen Länder ein wenig an eine virtuelle Welt. In der virtuellen Welt gelten andere Gesetze, dort gibt es virtuelle Körper, dort hängt alles von eurer Logik, eurem Denken und eurer Information ab. Ihr könnt selbst ein wenig daran teilnehmen und eine solche Realität durch die Kraft eures Bewusstseins erschaffen. Obwohl dies eine völlig andere Welt ist, manifestiert sich eure Individualität dort dennoch durch die Kraft des Geistes.
Die reinen Länder sind Welten, gewoben aus der feinstofflichen Dimension eures Bewusstseins, in der der Yogi als spirituelles Wesen wiedergeboren wird. Auch in solchen Dimensionen gibt es eigene Gesetze. Doch in die reinen Länder können nur diejenigen gelangen, die sich von weltlichen Wünschen und Anhaftungen befreit haben. Wenn das Bewusstsein auf die reinen Länder ausgerichtet ist, durchläuft der Yogi im Moment des Todes den Zwischenzustand nicht.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, den Zwischenzustand nicht zu durchlaufen:
Sofort in höllischen Dimensionen wiedergeboren werden. Dies ist ein Weg für diejenigen, die viel schlechtes Karma angesammelt haben und daher sofort in der Welt der Höllen geboren werden, anstatt die Entfaltung des Bardo zu erleben.
Durch die Kraft der Absicht in ein reines Land gelangen, das heißt, sein Bewusstsein auf das reine Land konzentrieren und sein Bewusstsein augenblicklich dorthin übertragen.
In den vollständig nichtdualen Zustand des klaren Lichts eintreten und, ohne aus ihm herauszufallen, illusorische Körper manifestieren.
In allen übrigen Fällen werden die Prozesse des Zwischenzustands erlebt.
Unter dem Himmelreich kann, wenn man von einer Realität spricht, die höher ist als ein reines Land (eine aus Bewusstsein erschaffene magische Welt), auch die Welten befreiter Götter gemeint sein, wie Shvetadvipa, Vaikuntha-loka, Kailasa-loka. Dies sind tatsächliche Welten, in die man sich inkarnieren oder sein Bewusstsein übertragen kann, wenn man eine Essenz besitzt, die nur aus Licht besteht. In diesen Welten kann man ebenfalls einen illusorischen Körper besitzen; dieser illusorische Körper besteht jedoch aus reinem Bewusstsein. Und schließlich ist die höchste Stufe der Verwirklichung jene, wenn vollständige Befreiung eintritt, die Abtrennung von der Welt des Namens und der Form, das Auflösen im Brahman.
In all diese Welten, beginnend mit dem reinen Land, können nur diejenigen zugelassen werden, die wahre Heiligkeit erreicht haben. Wer noch keine wahre Heiligkeit erreicht hat, wird erneut auf der Erde wiedergeboren werden müssen, um die spirituelle Praxis wieder zu beginnen und eine neue Runde zu betreten.
Die Wichtigkeit des Tuns und die Verantwortung für jeden Augenblick

Wenn wir uns ununterbrochen im inneren Tun befinden (Antar-Tapasya ausführen) und dabei geschickte Mittel anwenden, Verdienste ansammeln, dann können wir die notwendigen Ursachen für eine richtige Wiedergeburt schaffen. Man sollte verstehen, dass es sehr wichtig ist, was wir sowohl in der inneren Welt als auch in der äußeren tun.
Es ist sehr wichtig, beim Aufnehmen der Lehre des Advaita die äußere Realität nicht zu ignorieren, Verhalten, Handlungen und Dienst nicht zu ignorieren. Manchmal neigen Yogis allzu sehr dazu, die relative Realität zu ignorieren und die Sichtweise des Advaita überzubewerten, obwohl sie sie in Wirklichkeit noch nicht verinnerlicht haben. Doch von dem, was wir in diesem Leben tun und was wir praktizieren, hängt unsere nächste Wiedergeburt ab – der Ort, an den wir im nächsten Leben gelangen werden. Und wer daran zweifelt, dass es ein nächstes Leben gibt, wird sich in einigen Jahrzehnten durch eigene Erfahrung davon überzeugen.
Wenn ein Mensch darüber nachdächte, würde er viele Handlungen, die er in der materiellen Welt getan hat oder tut, nicht begehen. Er würde andere Handlungen ausführen. Zum Beispiel ist es aus der Sicht der Wiedergeburt nützlich, Tempel zu bauen, Alkohol zu verkaufen ist nicht nützlich. Aus der Sicht einer höheren Wiedergeburt ist es nützlich, dem Dharma und den Heiligen zu dienen, Opfergaben darzubringen, aber weltlichen Energien zu dienen ist nicht nützlich, da die Verbindung mit weltlichen Energien sowohl für die spirituelle Verwirklichung als auch bei der Wiedergeburt zu einem Problem werden wird.
Was gibt uns also die Möglichkeit, Verantwortung für unsere Wahl zu übernehmen und richtige Entscheidungen zu treffen? Das Verständnis der Tatsache, dass unser Bewusstsein selbst zukünftige Ursache-Wirkungs-Verbindungen erschafft, dass von unserer Wahl in jeder Sekunde abhängt, welche Kette von Ursachen und Wirkungen wir im gegenwärtigen Moment hervorbringen.
Jeder Moment ist eine große Verantwortung. Vielleicht denken wir nicht sehr darüber nach, wir denken: „Hoffentlich geht das schneller vorbei!“, oder „Bald ist die Meditationssitzung zu Ende und es gibt Prasad“, oder „Wann ist dieses Retreat endlich vorbei?“ Das heißt, wir leben in alltäglichen Rahmen und Kategorien. Doch genau darum geht es: Auf einer bestimmten Entwicklungsstufe beginnt unser Bewusstsein zu einer passionaren Kraft (einer Kraft des Einflusses), zu einem machtvoll-willentlichen Operator der Realität zu werden. Und je schneller wir das verstehen, desto näher kommen wir der Verwirklichung. Wir beginnen zu begreifen, dass alles gerade von uns und von unseren richtig getroffenen Entscheidungen abhängt, dass sehr viel „auf dem Spiel“ steht. Es ist ähnlich, wie wenn man ein Glücksspiel spielt, bei dem man viel gewinnen oder viel verlieren kann.
Der Weg zur absoluten Willensfreiheit

Genau dieses Gewahrsein gibt uns die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen und unsere Zukunft auf der Grundlage richtiger Entscheidungen zu gestalten. In diesem Prozess wächst unser freier Wille. Und unsere Aufgabe ist es, letztendlich eine so grenzenlose Willensfreiheit zu erlangen, dass wir Zeit und Raum vollständig beherrschen können, dass wir die Willensfreiheit in Wahlakten bei der Wechselwirkung mit beliebigen Energien des Samsara verwirklichen können: mit äußeren Objekten, mit Ursachen und Wirkungen, Zeit, Raum, den Elementen des Körpers, den Elementarkräften der Natur, subtilen Dimensionen.
Befreiung wird gerade deshalb so genannt, weil sich in ihr die höchste Willensfreiheit verwirklicht. Es geschieht ein Aufblühen unseres Bewusstseins, und dies zeigt sich als grenzenlose Willensfreiheit. Und das ist nur dann möglich, wenn wir vollständig auf die Ebene der Existenz des „Ich“ als reinen Bewusstseins übergehen, denn Freiheit als Energie ist gerade dem Bewusstsein eigen und nicht der trägen Materie, den groben Tattvas, den Gunas. Das heißt, absolute Freiheit ist nur auf der Ebene des reinen Bewusstseins möglich.
Also geschehen die Erlangung absoluter Willensfreiheit und die Befreiung in dem Moment, in dem wir vollständig zu den Realitäten des reinen Bewusstseins übergehen.
Rishi Vasistha sagte:
„Wer das Unendliche zugunsten des Endlichen ignoriert, der begibt sich selbst auf den Weg der Illusionen und Leiden.“
Wann ignorieren wir das Unendliche nicht? Dann, wenn wir den Geist erkennen, der dem Raum gleicht und von Bhava erfüllt ist. Ein solches Erkennen in jeder Sekunde – das ist Selbstbefreiung. Das heißt, Selbstbefreiung tritt nur dann ein, wenn wir tief in ein solches Erkennen eingetaucht sind. Wenn wir jedoch nur oberflächlich eingetaucht sind, tritt dementsprechend auch keine Selbstbefreiung ein.


