Kommentar zum Text „Yoga Vasistha“. Kapitel 6. Beschreibung Gottes
Eines Tages begegnete Vasistha Shiva auf dem Berg Kailash. Er sah das Große Licht und erkannte, dass dieses Licht Shiva war, der Hand in Hand mit Parvati ging, während vor ihnen der Stier Nandi den Weg bahnte. Vasistha berichtete seinen Schülern von der Gegenwart der Gottheit, und sie gingen ihr entgegen. Vasistha begrüßte Shiva, verneigte sich ehrfürchtig vor ihm und stellte ihm dann die Frage: „Welche Methode der Verehrung Gottes vernichtet alle Sünden und führt zur Glückseligkeit?“ Shiva gab ihm folgende Unterweisungen: „Eine Eigenschaft des Yogaschülers ist der Glaube (Shraddha oder Ishvara-Pranidhana). Ishvara-Pranidhana gehört zu den grundlegenden Eigenschaften von ‚Yama‘ und ‚Niyama‘. Die Eigenschaft Shraddha (Glaube) wird von Shankara im Text ‚Viveka Chudamani‘ erwähnt, wo er über die Eigenschaften des Schülers spricht. Unterscheidungsvermögen (Viveka), Leidenschaftslosigkeit (Vairagya), Streben nach Befreiung (Mumuksha) und die sechsfachen Eigenschaften der Sattva-Natur (Shatsampat): Shama, Dama, Uparati, Titiksha, Shraddha, Samadhana. Die vorletzte Eigenschaft ist Shraddha (Glaube).
Der Glaube als Grundlage des spirituellen Weges
Wir müssen klar verstehen, was der Glaube in der Lehre für uns darstellt, was der Gegenstand des Glaubens ist und wer derjenige ist, der glaubt. Der Glaube ist ein Prozess, der im Laufe der Jahre spiritueller Praxis wachsen und zunehmen muss. Wenn im Laufe der Jahre der Praxis Ihr Glaube an das Absolute, an Gott wächst, bewegen Sie sich in die richtige Richtung. Wenn er schwankt, ins Wanken gerät oder auf der Stelle tritt, müssen Sie darüber nachdenken: Sie müssen ihn herbeirufen, Fehler korrigieren, sich reinigen und Reue üben, denn im Verlauf des spirituellen Lebens muss der Glaube wachsen – welchen Sinn hätte sonst die spirituelle Praxis? Sie können Ihre Stirnhöhlen reinigen, indem Sie „Neti“ praktizieren, aber ich bezweifle, dass Ihnen das in irgendeiner Weise helfen wird, sich von der Unwissenheit zu befreien. Sie können sogar einige Techniken beherrschen, doch mithilfe von Techniken werden Sie sich niemals von der Unwissenheit befreien. Die Unwissenheit verschwindet durch die Gnade Gottes, des Absoluten; eine solche Gnade ist das Ergebnis der Selbsthingabe. Damit Selbsthingabe möglich ist, braucht es Glauben; ohne Glauben kann man sich nicht selbst hingeben. Im Laufe der Jahre spiritueller Praxis festigen wir uns immer mehr im Glauben.
Manchmal ist es hilfreich, über die Vertreter anderer religiöser Traditionen nachzudenken: wie sie ihren Dharma lieben, wie sie an ihren Gott und an ihren Weg glauben, und dies zu vergleichen: „Wie ist mein Glaube? Ist er ebenso stark oder ist er nicht so stark?“ Der Glaube widerspricht dem Prinzip der Kontemplation nicht, sondern ist dessen Wesen, dessen Herz. Man könnte sagen, Kontemplation ist in der Meditation verwirklichter Glaube. Was also sind Gott und Glaube aus der Sicht der Lehre des Laya-Yoga?
Shiva sagte: „Weißt du, wer Gott ist? Gott ist weder Vishnu, Shiva noch Brahma, weder der Wind noch die Sonne oder der Mond, weder der König noch ich oder du, weder Lakshmi noch der Verstand. Gott hat keine Form und ist unteilbar. Jene Glückseligkeit und Größe, die von niemandem erschaffen wurde und weder Anfang noch Ende hat, ist Gott, der reines Bewusstsein ist. Nur dies soll gepriesen und angebetet werden, denn nur dies ist alles.
Wenn jemand nicht imstande ist, den formlosen Shiva anzubeten, soll er die Form anbeten. Dies führt zu begrenzten Ergebnissen, während Ersteres zu unendlicher Glückseligkeit führt.“

Wenn unser Geist begrenzt ist und es uns schwerfällt, formlose Verehrung, formlose Kontemplation, höhere Sankalpas und alles Feinstoffliche zu praktizieren oder anzunehmen, müssen wir mit der Form beginnen. Mit der Verehrung dessen, was Form besitzt: mit der Verehrung des Ishta-Devata, dem Aufbau der richtigen Verbindung zum Guru und der Verehrung der Praktizierenden sowie der Samaya-Brüder und -Schwestern. Allmählich erheben wir uns von einer solchen Verehrung mit Form zum Formlosen.
„Wer das Unendliche zugunsten des Endlichen ignoriert, verlässt einen wunderschönen Garten und sucht nach einem Dornbusch. Die Weisen jedoch beten bisweilen spielerisch auch die Form an.
Unter den Mitteln, die bei der Verehrung verwendet werden, sind Weisheit, Selbstbeherrschung und die Wahrnehmung des Höheren Selbst in allen Wesen die wichtigsten.“
Wenn Sie dem Weg des formlosen Brahman folgen, bedeutet dies nicht, dass Sie im Widerspruch zur Form stehen. Wenn Sie das Gefühl haben, dass für Sie ein Widerspruch zur Form besteht, dann ähneln Sie Dayananda Saraswati Swami.
Swami Saraswati Dayananda lebte irgendwann im neunzehnten Jahrhundert, war der Gründer einer der indischen Gesellschaften und setzte sich für die Reinheit und Läuterung der Veden ein. Er war von der Vorstellung des formlosen Brahman zutiefst durchdrungen. Gemeinsam mit seinen Schülern zog er von Tempel zu Tempel, disputierte mit Brahmanen über vedische Philosophie und Advaita und besiegte jeden, mit dem er stritt. Wenn er gewann, zerstörte er die Murtis, die Statuen. Alle Brahmanen fürchteten ihn, denn er hatte in mehr als nur einem Tempel und Ashram mehr als nur eine Statue zerstört. Seine Argumente waren makellos und einfach: „Brahman hat weder Form noch Farbe, weder Geschmack noch Geruch. Wozu stehen hier Statuen? Das ist Götzendienst! Dadurch wird die absolute Wahrheit nur getrübt“ – eine bestechend direkte und einfache Logik. Wo immer er disputierte, unterlagen ihm die Brahmanen, und alle Statuen wurden zerstört. So disputierte er, bis er Lahiri Mahasaya begegnete. Lahiri Mahasaya ließ ihn durch die Kraft seines Siddhi verstummen. Er sagte: „Dein Verständnis ist noch nicht alles; die Form steht nicht im Widerspruch zum Formlosen. Verhängnisvoll ist vielmehr das Einnehmen extremer Ansichten.“ Extreme Ansichten sind entweder das Festhalten an der Form (Eternalismus) oder die Verneinung der Form und das ausschließliche Festhalten am Formlosen (Nihilismus). Das Einnehmen extremer Ansichten in der Lehre gehört zu den grundlegenden Verfehlungen. Wenn ihr eine Schwarz-Weiß-Sichtweise annehmt, befindet ihr euch auf dem falschen Weg, und das muss geändert werden. Das Prinzip des Formlosen schließt die Form ein; beide widersprechen einander nicht. Das Formlose ist das Wesentliche und hat Vorrang, doch es schließt die Form ein. In Wahrheit sind sie eins.
In der Lehre findet dieses grundlegende Prinzip seinen Ausdruck in der Lehre von der Integration. Die Lehre von der Integration bedeutet, dass wir, während wir im nichtdualen, unendlichen Gewahrsein verweilen, dieses mühelos mit der Form und mit allem Beliebigen vereinen können: mit Handlungen, Worten und Gedanken. Wir können mit ihnen spielen, wie wir wollen, und sie alle sind harmlos wie die ausgerissenen Zähne einer Giftschlange, die nun nicht mehr beißen kann. Sie alle befreien sich selbst.
Auf ein ähnliches Unverständnis stieß Shankara, als er Shiva verehrte. Shankara verweilte im Zustand Brahmans, in nichtdualer Gegenwärtigkeit. Um sein Verhalten zu erklären, sprach er ein entschuldigendes Gebet an Brahman und bat das Nichtduale um Verzeihung dafür, dass er dualistische Verehrung praktizierte. Doch wenn wir Sadhana ausüben, brauchen wir nicht um Verzeihung zu bitten, denn während man in Kontemplation verweilt, ist es natürlich, beliebige Handlungen auszuführen. Während ihr in Kontemplation verweilt, befreien sich alle eure Handlungen selbst: die drei Handlungen des Körpers, die drei Handlungen der Rede und die drei Handlungen des Geistes. Wenn ihr beispielsweise rituelle Verehrung ausübt und dabei in Kontemplation verweilt, ist diese selbstbefreit. Wenn ihr Mantras singt oder einer Arbeit nachgeht, ist auch eine solche Handlung selbstbefreit. Selbst wenn ihr etwas Falsches tut, sollte sich auch diese Handlung selbst befreien, obwohl ich niemanden dazu aufrufe, falsche Handlungen zu begehen – doch so ist es in der Sichtweise. Daher sind für einen wahren Jnani alle Handlungen selbstbefreit.

Dem Äußeren keine Aufmerksamkeit schenken
Wenn wir Sadhana ausüben, lautet eines der Prinzipien: Schenke dem Äußeren keine Aufmerksamkeit. Ich bitte alle, sich dieses Prinzip zu merken – es ist ein grundlegendes Prinzip. Ich wiederhole noch einmal: Schenke dem Äußeren keine Aufmerksamkeit! Warum ist das so wichtig? Weil unser Geist sehr stark vom Äußeren gefesselt ist. Und anstatt das Wesentliche zu praktizieren, verlieren wir es häufig aus den Augen, indem wir dem Äußeren Aufmerksamkeit schenken. Zum Beispiel gefällt uns jemand nicht, und der Geist verfällt in eine unreine Sichtweise; wir sehen etwas, und der Geist beginnt zu bewerten und zu interpretieren. Und was ist mit den Unterweisungen, mit Shravana, Manana, Nididhyasana, Sankalpa und Atma-Vichara? Alles ist verloren, alles vergessen! Warum? Die Tendenz des Geistes ist extrovertiert – er richtet seine Aufmerksamkeit auf das Äußere. Oft kommt es vor, dass ein Mensch, selbst nachdem er den spirituellen Weg betreten hat, seine Entscheidung und Gott vergisst, nur weil der Geist seine Aufmerksamkeit auf etwas gerichtet hat, salopp gesagt, „darauf hereingefallen“ ist. Er wälzt es immer und immer wieder. Das ist ein großer Irrtum!
Ich sage es so: Man sollte dem Äußeren keine Beachtung schenken, auch die Sutras und Shastras sprechen davon. Sie sprechen über den Guru und über andere Praktiken. Alles Äußere ist veränderlich, all das ist vorübergehend. Dafür seid ihr nicht hier! Was spielt es für eine Rolle, wer euch was gesagt hat? Was spielt es für eine Rolle, wie jemand aussieht und was jemand tut? Verrichtet eure eigene spirituelle Arbeit, dafür seid ihr hierhergekommen. Jeder geht seinen Weg zu Gott selbst. Was ein jeder sich verdient hat, das wird er erhalten, wenn er vor den Allmächtigen tritt. Das müsst ihr eurem Geist ein für alle Mal klarmachen. Wenn ihr das tut, werdet ihr euer ganzes Leben lang keinerlei Probleme haben, und es wird euch leichtfallen, die reine Sicht aufrechtzuerhalten. Ob Praktizierende, Laien, Tiere oder sonst etwas – schenkt dem Äußeren nicht allzu viel Beachtung. Denn das Äußere bringt weder die spirituelle Arbeit noch deren Wesen zum Ausdruck; die gesamte spirituelle Arbeit findet im Inneren statt. Ein Tempel kann groß sein wie ein prächtiger Palast, oder er kann aus verfallenen Mauern bestehen. Glaubt ihr, zwischen verfallenen Mauern könne man nicht in Samadhi eintreten und Befreiung erlangen? Doch, man kann! Ein Guru kann Tausende Schüler haben oder auch nur einen oder zwei. Wenn ihr als Dritter hinzukommt, glaubt ihr etwa, eure Meditation wäre schlechter, wenn es Tausende von ihnen gäbe? Keineswegs! Doch wir schenken dem Äußeren sehr viel Beachtung. Diese äußere Seite der Religion konditioniert und beeindruckt den Geist sehr stark.
Die Lehre des Laya-Yoga ist eine innere, eine sehr innerliche Lehre. Sankalpa, Atma-Vichara, Nididhyasana – all das sind subtile Dinge. Darauf solltet ihr eure Aufmerksamkeit richten, wenn ihr dem Weg der Laya-Yoga-Lehre folgt.
Um diese Wahrheit zu vermitteln, vollführte Dattatreya mit seinen Schülern atemberaubende Kunststücke. Ich kann solche nicht vollführen; ihr müsst verstehen, dass ich dazu wohl nicht bereit bin. Um seine Schüler zu prüfen, trank er Wein, aß Fleisch, gab sich als Obdachloser aus, vergnügte sich mit Frauen, schlug seine Schüler und spuckte sie an, sogar Könige. Worin bestand sein gesamter Dharma? Schenke dem Äußeren keine Beachtung! Warum schaust du dorthin, wo du nicht hinschauen solltest? Gott ist im Inneren. Wenn du glaubst, wirst du diesem Äußeren keine Beachtung schenken. Was ist denn tatsächlich schon dabei? Nun, er hat Wein getrunken. Wer trinkt denn keinen Wein? Millionen von Menschen in ganz Russland trinken Wein, und niemand macht daraus eine Tragödie. Aber wenn Dattatreya trinkt, gibt es so viel Gerede! Genau das wollte er vermitteln. Wer hält sich nicht an einer Frau fest? Die ganze Welt hält sich an einer Frau fest. Was ist schon dabei? Doch diese Geschichten überdauern tausend Jahre. „Oh, Dattatreya“ – das hat alle so sehr beeindruckt. Er sagt: „Ihr seht Mich nicht – das alles ist äußerlich. Ich provoziere euch absichtlich und zeige euch eure Dummheit, eure Konditioniertheit und eure Unwissenheit. Obwohl ihr euch Menschen des Dharma nennt, erlaubt ihr eurem Geist immer wieder, sich von all diesen Dingen mitreißen zu lassen.“ Wer isst kein Fleisch? Die halbe Welt isst Fleisch! Mit diesen scheinbar ganz einfachen Kunststücken rüttelte Dattatreya die Menschen sehr stark wach, indem er in ihrem Geist eine Fülle karmischer Regungen auslöste. Das ist seine Botschaft: „Schenkt dem Äußeren keine Beachtung!“ Denn Gott, das spirituelle Leben und die Kontemplation – all das findet im Inneren statt. Der einfachste Weg besteht darin, dies zu verstehen und sich still mit der eigenen Sache zu beschäftigen. Doch oft sind Praktizierende derart merkwürdige Menschen, dass ich mich einfach nur wundere und mir manchmal sogar die Worte fehlen. Aus diesen Unterweisungen Dattatreyas muss man die Lehre ziehen, dem Äußeren keine Beachtung zu schenken.
Was würdet ihr sagen, wenn die Mönche wie die nackten Naga-Sadhus in Indien herauskämen, mit Asche beschmiert, Schwerter tragend und dabei rauchend? Was gäbe es da für Gerede über die Mönche, nicht wahr? Das wäre ein Eindruck fürs ganze Leben. In Indien hingegen ist das eine ganz normale Erscheinung. Noch einmal: Das alles ist äußerlich. Wir können weder den Verwirklichungsgrad eines anderen Menschen noch seine spirituelle Reinheit und Heiligkeit erkennen. Man sollte niemals nach dem Äußeren urteilen: nach Verhalten, Körper oder Manieren.
In meiner Jugend habe ich mich selbst dessen schuldig gemacht. Einmal reiste ich zum Beispiel zu einem Meister, um die Lehre zu empfangen. Der Meister war groß und massig wie ein Elefant, dick. Ich dachte sofort: „Aber er sollte doch ein magerer Asket sein. Wie kann ich von ihm die Lehre empfangen?“ Das verwirrte mich. Dann sagte er: „Ich bin gerade beschäftigt, ich werde die Lehre später erteilen. Ich ziehe in ein neues Haus um.“ Ich dachte: „Nun ja, wenn er in den Bergen leben würde, gäbe es keinerlei Anhaftungen.“ Doch als ich später, Jahre danach, die Lehre empfing und sie analysierte, stellte sich heraus, dass es eine Lehre höchster Ordnung war. Damals aber war mein Geist offensichtlich zu sehr durch Äußerlichkeiten konditioniert und nicht bereit, das Wesentliche wahrzunehmen, ohne dem Äußeren Beachtung zu schenken. Selbst Menschen geistlichen Standes achten auf das Äußere.

Eines Tages kam Ashtavakra zu einer Versammlung von Brahmanen. Ashtavakra war körperlich behindert, sein Körper war an sechs Stellen gekrümmt (daher auch sein Name – Ashtavakra). Als die Brahmanen ihn sahen, begannen sie, über ihn zu lachen: So missgestaltet war er in seinem versehrten Zustand. Er war gekommen, um über die absolute Wahrheit zu diskutieren und Dispute zu führen, doch die Brahmanen begannen, ihn zu verspotten, und sagten: „Seht euch diesen Krüppel an. Und er ist auch noch hierhergekommen, um Dispute zu führen. Nicht nur, dass er ein gemeiner Mann ist und sein Körper an sechs Stellen gekrümmt ist, er erhebt auch noch Anspruch darauf, die Wahrheit zu kennen.“ Da brach Ashtavakra selbst in schallendes Gelächter aus. Sein Gelächter beleidigte und verletzte die Brahmanen zutiefst. Wütend begannen sie untereinander zu tuscheln: „Warum lacht er? Was bildet er sich eigentlich ein?“ Er sagte: „Ich lache, weil ich zu einer Versammlung von Gelehrten gekommen bin und hoffte, hier Gelehrte zu sehen. Doch nun sehe ich, dass ich zu einer Versammlung gemeiner Leute gekommen bin, die nur die Haut sehen. So wie diejenigen, die ihr ganzes Leben lang mit Leder arbeiten und nur Haut sehen, seht auch ihr lediglich den Körper, lediglich die Haut, und achtet nur auf das Äußere: auf meinen Körper, ohne meine Verwirklichung zu erkennen.“ Mit seiner Rede beschämte er die Brahmanen zutiefst wegen ihrer äußerlichen, materialistischen Haltung.
Reines Bewusstsein und die Auflösung des Egos
Das Höchste Selbst ist Shiva, dem man die Blumen der Weisheit darbringen soll.
Ich fragte Shiva: „Ich bitte dich, erzähle mir, wie sich diese Welt in reines Bewusstsein verwandelt und wie dieses reine Bewusstsein zum individuellen Bewusstsein und zu anderen Dingen wird.“
Shiva fuhr fort: „Wahrlich, nur das unendliche Bewusstsein, das nach der kosmischen Zerstörung bestehen bleibt, existiert auch jetzt, vollkommen frei von Objektivität. Die vom Bewusstsein in sich selbst erhellten Konzepte und Vorstellungen erscheinen als diese Welt, genauso wie Träume im Traum entstehen. Es ist für ein Wahrnehmungsobjekt vollkommen unmöglich, außerhalb des allgegenwärtigen unendlichen Bewusstseins zu existieren. All diese Berge, die ganze Welt, das individuelle Bewusstsein und alle Elemente, aus denen die Welt besteht, sind nichts als reines Bewusstsein.“
Shiva erläutert hier das Prinzip des reinen Bewusstseins. Gott ist für uns Prajnana, die ursprüngliche, selbstgeborene Weisheit. Diese ursprüngliche Weisheit existiert immer; sie existierte bereits vor unserer Geburt, und wir besitzen sie von Rechts wegen, so wie ein königlicher Nachkomme, ein Prinz, das Recht besitzt, den Thron zu erben. Es geht nicht darum, sie zu erlangen oder zu erreichen, sondern darum, sie zu entdecken und als das zu enthüllen, was ist und immer war. Doch etwas hindert uns daran, sie als das zu entdecken, was immer war. Was ist das? Es sind die sogenannten sechzehn Knoten der Unwissenheit (Vidya-Granthas). Diese sechzehn Knoten der Unwissenheit bilden Ahamkara, den Egoismus. Um sie zu enthüllen, muss man sich mit aller Kraft darum bemühen, den Egoismus loszuwerden. Der Egoismus zwingt uns zu denken, wir seien eine sehr wichtige Person und das Ego stelle etwas dar. Doch in Wirklichkeit stellt es im unendlichen Universum gar nichts dar. Es ist nur eine Blase. Das muss man verstehen. Dann werden wir sehr schlicht, leicht und fließend sein. Wir werden weder Probleme noch Kränkungen, weder Leiden noch Verwirrung haben.
Wenn der Egoismus groß ist, neigen wir dazu, gereizt und nervös zu werden, in Wut zu geraten, uns gekränkt zu fühlen und uns hochmütig zu verhalten. Doch all das geschieht, weil wir unsere Stellung im Universum nicht verstehen. Es ist, als würde eine Ameise, die auf einem Holzspan balanciert, den ein aufgewühlter Ozean mit sich reißt, auf eine andere Ameise wütend sein, weil diese ihr die Sicht versperrt. Ist das etwa klug? Wir alle sind solche Ameisen. Das Ego ist eine solche Ameise, die auf einem dahintreibenden Holzspan sitzt. Natürlich kann sie vieles denken, doch dieser Holzspan wird mit gewaltiger Geschwindigkeit von der tosenden Strömung fortgerissen und bald irgendwohin geschleudert werden, und diese Ameise wird verschwinden. Das sind wir im Universum. Der Egoismus lässt uns glauben, wir seien wichtig. Es ist falsch, sich ohne Gott wichtig zu fühlen. Den göttlichen Stolz beziehen wir hier nicht mit ein, das ist eine andere Kategorie. Bevor man göttlichen Stolz praktiziert, muss man seinen Egoismus verlieren und seine Verderblichkeit erkennen, denn in Wirklichkeit ist er ein großer Dämon. Mehr noch: Dieser Dämon gibt sich nicht so leicht geschlagen. Er wird euch noch mehr als einmal sein Gesicht zeigen (oder vielmehr seine „Fratze“, denn Dämonen haben keine Gesichter).
Wenn wir genügend Kraft, Demut und Mut besitzen, um den Egoismus zu überwinden, stellen wir fest, dass unser Leben viel einfacher und leichter geworden ist. Wir hören auf, derart konditioniert zu reagieren, verfallen nicht in dualistische Bewertungen und werden überhaupt leer, leicht und fließend. Wir sehen: Alles ist wunderbar, und selbst wenn uns jemand schilt oder wir etwas empfinden, denken wir: „Ich habe doch überhaupt keine Probleme; vielleicht haben sie welche, aber bei mir ist alles in Ordnung!“ So fühlen Sie sich dann. Alles geschieht bei Ihnen mit Leichtigkeit. Ist der Egoismus jedoch stark, kann ein solcher Mensch jahrelang einen Groll hegen (jahrelang!), diesen Groll sogar im Retreat aufrechterhalten. Stellen Sie sich das vor! Er kann alte, tief verwurzelte Vorstellungen haben, die sein Geist immer und immer wieder durchspielt. All dies sind Erscheinungsformen des Egoismus, das heißt, der Mensch kann irgendwelche elementaren Dinge nicht loslassen und nicht alles leicht nehmen. Warum? Weil er nicht versteht, dass er eine Ameise ist, du eine Ameise bist und wir alle auf demselben Holzspan dahintreiben. Im unendlichen Universum ist all das lächerlich. Man muss an etwas anderes denken, all das hat keinerlei Bedeutung. Nur wahre Weise verstehen, wie wichtig es ist, den Egoismus abzulegen. Die Menschen hingegen tragen ihren Egoismus wie einen kostbaren Schatz mit sich herum. Ihre Ambitionen, Anhaftungen, ihr Stolz, verschiedene nicht verwirklichte Projektionen, Hoffnungen und Ängste sind für sie von größtem Interesse. Das muss man loslassen. Das ist in Wahrheit sehr wichtig. Das muss man wirklich loslassen! Wenn Sie es loslassen, werden Sie erkennen, dass es eine schwere Last war, die Sie daran hinderte, die Wirklichkeit zu sehen und Beziehungen richtig zu gestalten, und die Sie immer wieder verletzte. Wahre Demut entsteht, wenn wir unseren Egoismus ablegen, beginnen, uns um andere zu kümmern, andere zu lieben und einfach unsere egoistischen Bestrebungen loszulassen.

Die Welt als Manifestation des Bewusstseins
„Wo befand sich all dies vor der sogenannten Schöpfung, als es nur reines Bewusstsein gab? ‚Raum‘, ‚Schöpfung‘, ‚Bewusstsein‘ sind lediglich Worte; als Synonyme weisen sie auf ein und dieselbe Wahrheit hin. So wie die im Traum erfahrene Dualität illusorisch ist, ist auch die Dualität, die bei der Erschaffung dieser Welt vorausgesetzt wird, illusorisch. So wie Objekte während des Schlafs in der inneren Welt des Bewusstseins zu existieren und zu wirken scheinen, scheinen Objekte während des Wachzustands in der äußeren Welt des Bewusstseins zu existieren und zu handeln. In Wirklichkeit geschieht weder in dem einen noch in dem anderen Zustand irgendetwas.“
Äußere Objekte sind eine Hervorbringung des Bewusstseins. Dies ist sowohl im Traum als auch im Wachzustand der Fall. Man sollte verstehen, dass die im Traum sichtbaren Objekte, die vom Bewusstsein hervorgebracht werden, auf dieselbe Weise auch in der äußeren Welt vom Bewusstsein hervorgebracht werden. Nur sind die Objekte der äußeren Welt träger, da hier die grobstofflichen Tattvas dominieren, doch das Prinzip ist dasselbe. Es ist sehr schwierig, das Prinzip der augenblicklichen Erschaffung des Universums zu verstehen, dem zufolge beliebige Objekte durch jeden Wahrnehmungsakt augenblicklich erschaffen und zerstört werden. Das Beispiel hierfür lautet: Wenn wir einschlafen, errichten wir im Traum keine Paläste und Häuser und erschaffen keine Menschen und Bäume. All dies erscheint augenblicklich. Auf dieselbe Weise wird auch in der relativen Welt das Universum in jeder Sekunde durch jeden Bewusstseinsakt erschaffen. Damit das Universum aufrechterhalten wird, bedarf es unseres eigenen subjektiven Bewusstseins, es bedarf dessen, der das Universum erkennt. Ohne subjektives Bewusstsein gäbe es kein äußeres Universum.
Die Gesetze der augenblicklichen Erschaffung des Universums sind sehr komplex. Kurz gesagt lauten sie jedoch folgendermaßen: Die zwischen Subjekt und Objekt bestehenden Ursache-Wirkungs-Beziehungen scheinen nur linear und eindeutig zu sein. In Wirklichkeit ist das nicht ganz so. Für alle gilt beispielsweise als Axiom: Wenn wir Ziegel aufeinanderlegen, wird früher oder später eine Mauer errichtet sein. Aus der Sicht der augenblicklichen Erschaffung des Universums existiert die Mauer jedoch bereits. Die Variante der Wirklichkeit, in der die Mauer bereits errichtet ist, existiert schon. Es geht darum, dass wir diese Wirklichkeit so verschieben können, dass die Mauer in Erscheinung tritt. Was ist dann das Aufeinanderschichten der Ziegel? Das Aufeinanderschichten der Ziegel ist ein magisches Ritual, das jene Variante anzieht, in der die Mauer bereits errichtet ist. Wir legen nicht so sehr einen Ziegel auf den anderen, sondern verändern die Wirklichkeit und unser Bewusstsein so, dass sich jene Variante der Wirklichkeit vollständig manifestiert, in der die Mauer im Universum bereits steht. Das ist unsere Magie, die wir gemeistert haben. Zwar gibt es auch genügend andere Methoden, doch diese ist am leichtesten zugänglich. Das ist sehr schwer zu verstehen; dennoch besagt die Theorie der augenblicklichen Erschaffung des Universums, dass wir keine Ursache-Wirkungs-Beziehungen schaffen, indem wir uns allmählich auf ein Ergebnis zubewegen, sondern ein augenblickliches Ergebnis manifestieren, indem wir einfach unser Bewusstsein verändern. Ziegel und Zement sind wie eine Opfergabe, ein Mittel, um die Wirklichkeitsvariante zu verschieben und unsere Sichtweise und unser Bewusstsein in eine andere Richtung zu verändern, in der die Mauer oder der Tempel bereits vollständig errichtet sind.
„In Wirklichkeit geschieht weder in dem einen noch in dem anderen Zustand irgendetwas.“
In Wirklichkeit geschieht weder in dem einen noch in dem anderen Zustand irgendetwas. Alle Tempel sind bereits erbaut, alle Mönche haben bereits die Befreiung erlangt und sind zu Buddhas geworden. Der gesamte Plan Brahmas steht bereits fest. Nichts geschieht! Allerdings ist er nicht linear festgelegt, sondern multivariat und stochastisch. Und Samsara ist eine solche Variante der Wirklichkeit, in der dies noch nicht verwirklicht, noch nicht geschehen ist. Daher müssen Tempel gebaut und Praktiken ausgeführt werden, um sich in eine andere Variante der Wirklichkeit zu versetzen, in der all dies bereits verwirklicht ist, bereits existiert. Doch dies ist keine gewöhnliche Ursache-Wirkungs-Beziehung. Die Ursache-Wirkungs-Beziehung scheint nur wirklich zu existieren, doch zwischen Ursache und Wirkung besteht derselbe Zusammenhang wie zwischen einer Krähe, die sich zufällig auf einer Palme niederlässt, und einer Kokosnuss, die im selben Moment herabfällt.

Glaube und wahre Verehrung
„So wie das Bewusstsein im Schlafzustand die Wirklichkeit ist, ist das Bewusstsein auch im Wachzustand die einzige Wirklichkeit. Das ist Gott, die höchste Wahrheit, das, was du bist, was Ich bin und was alles ist.“
Selbst solange wir das Prinzip des Bewusstseins noch nicht verstehen, sollten wir den Glauben kultivieren. Hofft in Wirklichkeit nicht darauf, dass ihr Gott verstehen werdet. Ihr werdet ihn weder jetzt noch in tausend Jahren verstehen, noch dann, wenn ihr zu Buddhas, Göttern, Mahasiddhas oder Brahmas geworden seid. Wenn ihr glaubt, dass Buddhas Gott verstehen, irrt ihr euch natürlich. Wenn ihr glaubt, dass die großen Götter Gott verstehen, irrt ihr euch ebenfalls. Niemand versteht Gott! Die Buddhas verstehen ihr eigenes Nichtwissen und haben es beseitigt, doch keiner von ihnen sagt, dass sie Gott verstehen, denn Gott kann man nicht verstehen, es ist unmöglich. Einen solchen Menschen würde ich gerne einmal sehen. Selbst die großen Götter können ihn nicht verstehen. Jeder besitzt sein eigenes Maß an Verständnis, selbst die größten Heiligen, Asketen und Tapasvins. Jeder besitzt sein eigenes Maß an Verständnis Gottes, doch dieses Maß spiegelt keineswegs das vollständige Verständnis Gottes wider. Man kann Karma verstehen, Karma beseitigen, die Befreiung erlangen, das persönliche Nichtwissen beseitigen und sogar ein ganzes Universum erschaffen wie Brahma; doch Gott zu verstehen, der mit den Brahmas spielt und sie wie Bläschen hervorbläst, ist unmöglich. Deshalb sagen wir: unbegreiflich (Achintya). Man kann sein „Ich“ beseitigen und mit Gott verschmelzen, indem man zu einem einzigen Zustand des Advaita wird. In diesem Fall kann man jedoch nicht sagen, jemand habe Gott verstanden; vielmehr hat jemand das Nichtwissen der individuellen Existenz vollständig beseitigt.
Wenn wir Gott nicht verstehen, sollten wir dennoch unseren Glauben stärken. Wäre Gott mithilfe des Verstandes begreifbar, wäre er nicht Gott, sondern irgendeine mathematische Formel. Doch gerade der Glaube an das Unbegreifliche, an das, was jenseits von Logik, Verstand und Sinnesorganen liegt, ist wahrer Glaube. Ein solcher Glaube sollte mit den Jahren wachsen und klarer werden. Er beginnt mit dem Glauben an die Logik, das Glaubensbekenntnis, die Konzepte, die Murti, die Ishta-Devata, den Guru und die Drei Juwelen. Mit der Zeit klärt sich dieser Glaube und wird tiefer. Wir entdecken die Mehrdeutigkeit, Nichtlinearität und Multivariabilität des Prinzips des Gurus, der Drei Juwelen und der Ishta-Devata. Wir entdecken seine Tiefe und gewinnen Einsicht in diesen Glauben. Der Glaube sollte gestählt, gestärkt und gepflegt werden. Die Keime des Glaubens sollten regelmäßig bewässert werden, damit sie aufgehen. Man sollte um die Erlangung eines starken Glaubens beten. Es ist nicht so, dass wir sofort einen starken Glauben besitzen. Die Erlangung des Glaubens (Shraddha) ist das Ergebnis intensiver Arbeit an sich selbst, seiner Anrufung und der Selbsthingabe. Doch wenn ihr einen starken Glauben besitzt, ist dies ein wahrer Segen. Alle Zeichen der Verwirklichung kommen zu dem, der einen starken Glauben besitzt. Die Siddhas der alten Zeit prüften stets zuerst den Glauben ihrer Schüler. Der Glaube entsteht nicht sofort; er muss geprüft werden und Prüfungen durchlaufen. Jeder hat seine eigenen Glaubensprüfungen, und ihr müsst darauf vorbereitet sein, dass euer Glaube geprüft werden wird, bereits geprüft wurde oder gerade geprüft wird. Ohne Prüfungen wird der Glaube nicht gestählt und ist nichts wert.
Shiva fuhr fort: „Die Verehrung dieses Gottes ist wahre Verehrung; durch eine solche Verehrung kann man alles erlangen. Er ist ganz und unteilbar, nichtdual und nicht als Ergebnis einer Tätigkeit erschaffen; durch äußere Bemühungen ist er unbeweglich. Seine Verehrung ist die Quelle von Freude und Glückseligkeit.“
Wenn sich euer Glaube festigt und ihr ihn durch lebendige Kontemplation stärkt, erschließt sich euch diese Quelle der Freude und Glückseligkeit. Rechter Glaube und rechte Kontemplation führen stets zum Erleben von Freude und Glückseligkeit. Früher oder später zeigen sich Anzeichen der Verwirklichung: reine Sicht, Stärkung von Glauben und Hingabe, Abkehr vom Egoismus sowie Zunahme von Sattva und innerer Harmonie. Dies sind die ersten Anzeichen dafür, dass ihr auf dem richtigen Weg seid und euer Glaube wächst. Wenn eure reine Sicht nicht zunimmt, wenn eure Demut sich nicht vertieft, wenn innerer Frieden und Harmonie sich nicht vertiefen, wenn eure Hingabe nicht wächst, bedeutet das, dass ihr nachdenken und Fehler korrigieren, das Samaya reinigen, Reue üben und besondere Praktiken ausführen müsst.

„Die äußere Verehrung einer Form wird nur jenen empfohlen, deren Intellekt noch nicht erwacht ist. Wenn jemand keine Selbstbeherrschung besitzt, verwendet er Blumen zur Verehrung; eine solche Verehrung ist ebenso erbärmlich wie die Verehrung einer äußeren Form. Doch diese unreifen Praktizierenden finden Befriedigung in der Verehrung eines von ihnen selbst geschaffenen Objekts; sie können durch eine solche Praxis sogar nutzlose Ergebnisse erzielen.“
Viele Menschen vollziehen die Verehrung im Stil des Kriya-Charya-Tantra. Kriya-Charya-Tantra (Tempelverehrung) ist für viele Millionen Menschen eine elementare Praxis: das einfachste Ritual der Darbringung von Blumen und des Dienens im Tempel. Die Menschen verehren, ohne darüber nachzudenken. Sie denken: „Dies ist die Gottheit, ich verehre sie und bringe ihr eine Opfergabe dar.“ Doch in Wirklichkeit ist das Kriya-Charya-Tantra nur eine vorbereitende Praxis. Darauf folgen das Yoga-Tantra und das Anuttara-Yoga-Tantra.
Wenn wir Opfergaben und Pujas darbringen oder Bhajans singen, ist das etwas völlig anderes. Wir verweilen zuallererst in nichtdualer Kontemplation, und aus dieser nichtdualen Kontemplation heraus steht es uns frei, alles zu tun, was wir wollen. Wahre Verehrung besteht im Verweilen im natürlichen Zustand. Selbst wenn ihr keine rituellen Handlungen vollzieht, sondern beispielsweise ein Buch nehmt und hochwerft oder eine Trommel schlagt, wird dies im wahren natürlichen Zustand dennoch wahre Verehrung sein. Denn der natürliche Zustand eröffnet die reine Sicht, in der jede Handlung der Verehrung gleicht. Und wenn ihr dann irgendeine rituelle Praxis ausführt, ist diese Praxis weitaus wirksamer und wird zur wahren Verehrung. Ein wahrer Siddha verweilt, was immer er auch tut – ob eine friedvolle, neutrale oder zornvolle Handlung –, stets in wahrer Verehrung, weil er in die natürliche Kontemplation, in die Natur des Geistes, versunken ist und Gott nicht eine einzige Sekunde verlässt.
„Und nun werde ich beschreiben, wie Fortgeschrittene wie du verehren sollen. Gott, zu dem man beten sollte, ist wahrlich derjenige, der die gesamte Schöpfung trägt, der jenseits der Reichweite des Denkens und jenseits aller Beschreibungen und Konzepte liegt, selbst solcher wie ‚alles‘ oder ‚allumfassende Ganzheit‘. Nur derjenige wird Gott genannt, der durch Zeit und Raum nicht teilbar ist, dessen Licht alles erhellt, der rein und absolutes Bewusstsein ist. Er ist jenes Bewusstsein, das all seinen Teilen zugrunde liegt, in allem Existierenden verborgen ist, das Wesen von allem bildet und die Wahrheit verhüllt.“
Eine solche Verehrung wird auch Brahma-Vichara genannt. Was immer wir tun und welcher Praxis wir auch nachgehen, der Geist sollte auf Brahman ausgerichtet werden. Das ist das Wesen der Verehrung in den Lehren des Advaita-Vedanta und des Laya-Yoga.
Einmal wurde ich Zeuge einer solchen Szene in einem Tempel einer anderen religiösen Organisation. Ein junger Prabhu, der einen kleinen Ashram leitete, in dem drei Matajis lebten, ging in diesem Zustand umher und rief den Matajis zu: „Wie kann man nicht an Gott denken?“ Sie schwatzten über irgendwelche Belanglosigkeiten, während er ein Mantra rezitierte und ihnen von Zeit zu Zeit etwas zurief. Der Prabhu selbst war dreiundzwanzig Jahre alt, die Matajis waren zwanzig. Tatsächlich ist es sehr nützlich, den eigenen Geist auf diese Weise zurechtzuweisen, wenn er beginnt, sich bedingen zu lassen und Gewahrsein und Kontemplation zu verlieren. Solange ihr noch keine großen Praktizierenden des Gewahrseins und der Achtsamkeit seid, ist es sehr hilfreich, euren Geist zumindest auf der äußeren Ebene neu auszurichten.

Von der Praxis zur Kontemplation des Absoluten
Ein Jnani ist ständig in die Kontemplation Brahmans versunken. Doch was sollen wir tun, wenn wir noch keine Jnanis sind, die Fragen der Kontemplation für uns ein großes Rätsel darstellen und auch Brahman ein großes Rätsel ist? Wir sollten zumindest auf der alltäglichen Ebene denken und dem Geist sagen: „Denke an Gott!“ Und schon diese Hinwendung des Geistes versetzt uns in einen kontemplativen Zustand, den wir anschließend durch Sankalpa, Beobachtung und Gewahrsein festigen.
Gewahrsein muss immer transzendiert werden. Sankalpa, Satipatthana – all diese Praktiken müssen bei richtiger Ausübung stets und unweigerlich transzendiert werden. Transzendieren bedeutet, dass der Geist auf das Absolute ausgerichtet werden muss; findet jedoch keine Transzendenz statt, bleibt der Geist in irgendwelchen niederen Bewusstseinszuständen hängen: in Zuständen halber Achtsamkeit oder halber Klarheit. Man sollte verstehen, dass jede Praxis – Sankalpa, Atma-Vichara, Satipatthana, Selbstbeobachtung – zur Meditation über das Absolute führen muss. Wir dürfen nicht in einem schwebenden Zustand der Klarheit oder Scheinklarheit verharren, der dazu führt, dass wir immer tiefer in Selbstreflexion und in das Durchforsten innerer Daten versinken. Jede Praxis zur Aufrechterhaltung des Gewahrseins muss transzendiert werden, das heißt, sie muss unmittelbar zur Meditation über Gott führen.


