Prakriyas – Grundbegriffe des Vedanta
Prakriyas sind die grundlegenden Kategorien des Vedanta, unabhängig davon, welcher Art von Vedanta ein Mensch folgt: Siddha-Advaita, Pratyaksha-Advaita, Vishishta-Dvaita oder irgendeiner anderen seiner Varianten. Dies sind grundlegende Begriffe, die dem Vedanta zugrunde liegen, selbstverständlich dem Advaita und dem Advaita der Siddhas, und die sich mit tantrischen Richtungen verflechten.
Oft, wenn wir anderen die Lehre erklären oder philosophische Dispute führen, müssen wir über eine semantische begriffliche Basis verfügen, über einige gemeinsame fundamentale Grundlagen, denn wenn es keine gemeinsamen fundamentalen Grundlagen gibt, ist es schwierig, irgendetwas zu erklären oder einen Disput zu führen.
Zum Beispiel sind Sie der Ansicht, dass es fünf Körper gibt (fünf Koshas), während ein anderer Mensch meint, es gebe den physischen Körper, den Geist, die Seele, also eine Dreiheit; daher können Sie mit ihm wohl kaum einen Dialog führen und in der Klärung der Wahrheit weiter vorankommen.
Die grundlegenden Kategorien der Philosophie des Vedanta – die Prakriyas – sind solche fundamentalen Prinzipien, die es ermöglichen, genau zu sagen, dass Sie der Lehre des Vedanta folgen. Das ist natürlich kein Glaubensbekenntnis, aber es ist ein bestimmter kategorialer Begriffsapparat, der es ermöglicht, genau zu verstehen, dass diese Lehre eben Vedanta ist.
Shankaracharya sagte, dass man zuerst die Sadhana meistern und die grundlegenden Kategorien (Prakriyas) studieren solle und sich dann zu den höchsten Zuständen erheben solle. Gewöhnlich ist der traditionelle Weg des Studiums des Vedanta genau so, im Unterschied zum tantrischen Sahajya-Weg, den der Laya-Yoga geht. Wir sagen ungefähr Folgendes: „Es ist für uns nicht so wichtig, die Prakriyas zu kennen; wir müssen die direkte Einführung erfahren. Und später, im Laufe der Praxis, werden wir uns mit dem Studium der Begriffe, Konzepte und allem Weiteren beschäftigen.“ Das ist das Wichtigste, was wir zu klären versuchen. Das ist für uns sehr wichtig. Das heißt, der Ansatz der Siddhas ist ein anderer, da er auf nichtkonzeptuellem Wissen beruht. Natürlich kann man vollständig erwacht werden, auch ohne die philosophischen Kategorien (Prakriyas) zu kennen, und dann werden Sie ein Erwachter sein, der die philosophischen Kategorien nicht kennt; doch das wird Sie keineswegs daran hindern, glücklich, unsterblich und unabhängig zu sein. Dennoch ist es nützlich, sie zu studieren, nicht nur zur allgemeinen Entwicklung, sondern auch, um die gesamte Struktur der Lehre als Ganzes zu sehen.

24 Tattvas – Prinzipien der ursprünglichen Materie
Also gibt es zunächst 24 Tattvas als die ersten der Prakriyas, oder Prinzipien der ursprünglichen Materie unseres Universums. Im Unterschied zum kaschmirischen Shivaismus, der 36 Tattvas betrachtet, hält sich der gesamte Vedanta und der Sankhya-Yoga an die Klassifikation der 24 Tattvas.
Fünf Tanmatras – ursprüngliche Prinzipien der Urelemente
Was sind diese Tattvas? Es sind fünf Tanmatras – die ursprünglichen Prinzipien der Urelemente (Tanmatra ist der Keim eines Elements): Shabda (Klang), Sparsha (Berührung), Rupa (Farbform), Rasa (Geschmack) und Gandha (Geruch).
Alle Erfahrungen von Klang sind in der Tanmatra enthalten; sie befinden sich im Keimzustand im feinstofflichen Körper als Form des Klangbewusstseins. Wenn wir Nada-Yoga praktizieren, berühren wir diese keimhaften Klänge.
Alle Erfahrungen, die durch Berührungen entstehen: Schmerz durch einen Stich, Glückseligkeit, irgendwelche anderen Empfindungen – sie alle haben ihre Wurzel in der Tanmatra, die Sparsha genannt wird. Das heißt, wir haben einen bestimmten Teil des Bewusstseins, in dem ständig alle Keime des Berührungsbewusstseins (taktilen Bewusstseins) gespeichert sind.
Alle Objekte des sichtbaren Bewusstseins werden als feine keimhafte Form gespeichert, die Rupa genannt wird. Wenn Sie zum Beispiel Jyoti-Yoga praktizieren, entstehen zunächst unreine Visionen, ähnlich wie Träume, Halluzinationen. Dann werden diese Visionen feiner, reiner, göttlicher. Sie kommen mit den Tanmatras aller Visionen in Berührung, mit der Urquelle aller Visionen.
Auf dieselbe Weise befinden sich die Keime von Geschmack und Geruch (Rasa und Gandha) in unserem astralen Körper als Urbild. Wenn wir etwas schmecken, ist das äußere Objekt eine sekundäre Ursache, die den Geschmack aus der Tanmatra und unserem feinstofflichen Körper entfaltet; deshalb empfinden wir Geschmack. Wenn wir etwas riechen, ist das äußere Objekt eine sekundäre Ursache, die die Entfaltung des Geruchs aus der Tanmatra und unserem feinstofflichen Körper initiiert. Mit anderen Worten, im feinstofflichen Körper findet eine bestimmte Verschiebung statt, die Kombination der Tanmatras verändert sich, und wir erleben Empfindungen. Man kann jedoch nicht sagen, dass das Objekt an sich mit Geschmack ausgestattet ist oder dass es an sich mit Geruch ausgestattet ist usw. All dies geschieht in unserem Bewusstsein und entfaltet sich als Prinzipien der Tanmatras.
Vielleicht haben wir darüber nicht wirklich nachgedacht und meinen, dass sich der Duft des Parfüms im Parfüm befindet. Nein, er befindet sich in unserem Geist. Und der Geschmack eines Apfels befindet sich nicht im Apfel, sondern in unserem Geschmacksbewusstsein als Rasa-Tanmatra.
Und wie lässt sich das beweisen?

Nehmen wir an, ein Hypnotiseur kann einen Menschen hypnotisieren und ihm dann, indem er ihm eine Zwiebel zeigt, die Suggestion geben: „Das ist ein Apfel.“ Der Mensch wird mit großem Genuss in die Zwiebel beißen. Und wenn man ihn fragt: „Ist der Apfel lecker?“, wird er sagen: „Ja, ein so herrlicher, saftiger Apfel! Das ist offenbar irgendeine besondere Sorte.“ Und was macht der Hypnotiseur? Er dringt einfach in das Unterbewusstsein des Menschen ein und verändert die Kombination der Tanmatras durch die Kraft der Sankalpa, indem er seine Sankalpa des „Apfelgeschmacks“ einpflanzt. Man kann eine Zwiebel essen, aber den Geschmack eines Apfels wahrnehmen, denn der Geschmack des Apfels liegt nicht im Apfel, er ist in unserem Bewusstsein, er existiert dank der Tanmatras.
Die fünf Jnana-Indriyas – die Sinnesorgane
Die nächste Kategorie nach den fünf Tanmatras, die zu den 24 Tattvas (ursprünglichen Prinzipien) gehören, sind die fünf Jnana-Indriyas (Sinnesorgane): Shrotra (Ohr), Tvak (Haut), Chakshu (Auge), Jihva (Zunge) und Ghrana (Nase). Wenn die Tanmatras tief in uns im feinstofflichen Körper in Form feiner Keime vorhanden sind, die wie Samen imstande sind, Hör-, Klang-, Geruchs-, Geschmacks- und Tastbewusstsein zu initiieren, das heißt zum Schwingen bringen, Vrittis hervorbringen, die in unserem Bewusstsein weitere Illusionen erzeugen, dann sind die Sinnesorgane eine Art Verbindungskanäle zwischen der äußeren und der inneren Realität. Die Tanmatras werden von sich aus nicht erregt werden und verschiedene Erfahrungen erzeugen; sie brauchen einen gewissen Vermittler, und die Sinnesorgane sind solche Vermittler mit der äußeren Realität. Sie übertragen die Einwirkung der sekundären Ursachen der äußeren materiellen Welt auf die Tanmatras. Auf diese Weise verbinden sich die innere und die äußere Realität.

In der Lampe selbst gibt es kein Licht, das ist nur eine Illusion; in der Lampe gibt es eine bestimmte Energie, die mittels des Sinnesorgans, das heißt Chakshu (des Auges), auf die Tanmatra einwirkt, und diese Tanmatra initiiert in uns das Sehen von Licht.
Wenn wir einen Klang hören, ist dieser Klang nicht außerhalb von uns, nicht in den Vögeln. Vielleicht werden wir niemals erfahren, wie genau die Vögel singen und ob sie überhaupt singen. Sie strahlen eine gewisse Energie (Schwingung) aus; diese Energie gelangt zu unserem Ohr und wird von ihm interpretiert, das heißt von der Jnana-Indriya Shrotra, und im Bewusstsein entsteht die entsprechende Erfahrung.
Also sind die Jnana-Indriyas eine Art Fenster zur äußeren Welt, leitende Vorrichtungen, die die äußere Welt und die innere Realität verbinden.
Die fünf Karma-Indriyas – die Handlungsorgane
Die fünf Karma-Indriyas, oder Handlungsorgane: Vag (Sprache), Pani (Hand), Pada (Fuß), Upastha (Genitalien), Payu (Anus). Die Handlungsorgane sind die Mittel, durch die Spanda, der ursprüngliche Impuls des Absoluten, gebrochen durch Ahamkara, zum Ausdruck kommt. Die Karma-Indriyas handeln unaufhörlich, weil Spanda unaufhörlich schwingt. Indem sie sich durch das Prisma von Ahamkara bricht, entfaltet sie sich fortwährend durch unseren Körper.
Und hier ist alles einfach: Die Handlungen der Jnana-Indriyas und der Karma-Indriyas können entweder selbstbefreit sein, und dann ist es Sahajya-Spanda, eine reine Manifestation; oder sie können verdunkelt sein, und dann wird es Klesha-Spanda sein, das heißt eine gewöhnliche weltliche, unreine Manifestation, die neues Karma (Agami-Karma) schafft. Ob Spanda befreit ist oder nicht, ob sie Sahajya-Spanda oder Klesha-Spanda ist, hängt davon ab, in welchem Maße wir Erfahrungen oder Handlungen in den natürlichen Zustand integrieren.

Nehmen wir an, wenn ich einen Vogel höre, entsteht in mir der Gedanke: „Wie großartig! Was für ein stimmgewaltiger Vogel! Unglaublich, wie schön er singt. Und wo sitzt er?“ Auf der feinstofflichen Ebene schalten sich sofort meine Vorstellungskraft und mein visuelles Bewusstsein ein, Bilder von Vögeln erscheinen usw., eine gewisse Fixierung entsteht. Wenn diese Bilder nicht selbstbefreit sind, sondern eine Fixierung geschieht, die sich immer weiter verstärkt, dann ist das natürlich eine karmische Handlung, und das ist Agami-Karma. Wenn man so lange darüber nachdenkt, kann man im nächsten Leben sogar als Vogel wiedergeboren werden und sein Verlangen befriedigen, herauszufinden, wie er denn singt. Das ist Klesha-Spanda. Das heißt, die Schwingung und das Bild (Vikalpa) wurden hervorgebracht, aber die Vikalpa ist nicht in Sahajya selbstbefreit, sie hat sich nicht im leeren Zustand aufgelöst und hat sich auf unreine Weise manifestiert.
Sahaja-spanda bedeutet, dass ich die Präsenz dennoch nicht verlasse, wie interessant der Vogel für mich auch sein mag. Der größte Teil meines Bewusstseins befindet sich in der Präsenz, doch da Energien vorhanden sind und Körper und Pranas reagieren, höre ich den Vogel. Vielleicht interpretiert der Geist dies irgendwie, doch alle Interpretationen befreien sich sofort von selbst; und sie befreien sich nicht nur einfach von selbst, sondern die äußere Energie nimmt den Vogel in reiner Sicht wahr. Was bedeutet „in reiner Sicht“? Das heißt nicht, dass ich denke: „Oh, das ist gewiss ein Pfau aus Indras Himmeln, der Mantras singt.“ So etwas denke ich nicht. Alles ist viel tiefer. Das heißt, es gibt eine Bhava, die diesen Vogel augenblicklich bereits vollständig in einem reinen Zustand wahrnimmt. Und dann zwingen mich diese Überlegungen nicht dazu, die brahma-aham-bhava zu verlassen, aus dem natürlichen Zustand herauszutreten. Das ist sahaja-spanda, das heißt, die Schwingung ist da, aber es gibt keine falschen Konstruktionen (vikalpas) und keine unreinen Manifestationen in den feinen Schichten des Geistes.
Es gibt die Lehre von den neun Selbstbefreiungen, die es gerade ermöglicht, die fünf jnana-indriyas und die fünf karma-indriyas zu befreien. Wenn ihr alle friedvollen, neutralen und zornvollen Handlungen von Körper, Rede und Geist vereint, also insgesamt neun, und sie alle bei euch einfach durch das Licht des natürlichen Zustands gereinigt werden, wie durch einen Stein der Weisen, dann bedeutet das, dass die fünf jnana-indriyas und die fünf karma-indriyas rein und befreit sind, das heißt, ihr erschafft durch sie kein neues Karma. Was auch immer ihr berührt, worauf auch immer ihr schaut, was auch immer ihr hört, welche Handlung auch immer ihr ausführt – all dies ist gesegnet, göttlich, rein, erleuchtet und unbedingtes. Dann sagt man, dass dies Spiel ist, sahaja-spanda, wenn die fünf karma-indriyas und die fünf jnana-indriyas wirken, ohne sich vom natürlichen Zustand zu trennen.
Die fünf Pranas – Lebenskräfte
Zu den 24 Tattvas gehören auch die fünf Pranas – die Lebenskräfte: Prana, Apana, Samana, Udana, Vyana. Das Hervorbringen von Viveka bedeutet, diese Pranas im eigenen Körper zu spüren und sie zu reinigen. Wie kann man sie spüren? Wenn ihr in Padmasana sitzt und fühlt, dass der Wind durch die Beine strömt, dass unreine Nadis sich öffnen und gereinigt werden, dann spürt ihr Apana, das nach oben zu fließen beginnt. Und wenn ihr Druck im Ajna-Chakra, im Sahasrara-Chakra spürt und euch etwas nach oben gehoben fühlt, dann ist dies die Wirkung von Udana-Vayu. Oder ihr spürt, wie sich Prana im Bereich des Anahata-Chakras bewegt. All dies ist das Erkennen der fünf Winde. Und diese Winde bewegen sich nur schwach, solange die Chakren nicht gereinigt sind; wenn die Chakren jedoch gereinigt sind, manifestieren sie sich kraftvoller.
Die Aufgabe des Yogin besteht darin, Viveka-Vidya auch in Bezug auf die Pranas entstehen zu lassen und zu lernen, sich mit ihnen zu vereinen.

Gewöhnlich sagt man, dass die Pranas in den Sushumna-Nadi eingeführt werden müssen. Das ist verständlich. Doch wenn man nur versucht, sie durch Wind-Praktiken, durch Kumbhakas, in den Sushumna-Nadi einzuführen, kann man sie dennoch nur für eine gewisse Zeit dorthin bringen (solange die Kumbhakas andauern, geht das Prana in den Sushumna-Nadi, und sobald die Kumbhakas aufhören, geht auch das Prana nicht mehr in den Sushumna-Nadi). Das wahre Einführen der Pranas in den Zentralkanal ist möglich, wenn die Klarheit des natürlichen Zustands sich mit den Elementen vereint. Deshalb sage ich oft: „Ihr müsst Shambhavi-Mudra mit den Elementen vereinen. Ihr müsst lernen, dies zu tun.“
Antahkarana – das innere Instrument
Die nächste Kategorie ist die vierteilige Antahkarana, oder das innere Instrument. Dies sind unsere feinsten Prinzipien. Antahkarana umfasst Manas (den begrifflichen Geist), Buddhi (Intellekt oder intuitives Bewusstsein), Chitta (Gedächtnis und Unterbewusstsein) und Ahamkara (Ego). Dies sind die feinen Schichten unseres „Ich“, von denen jede auf ihre eigene Weise wirkt.
Zum Beispiel ist Buddhi für uns sehr wichtig. Manche übersetzen es als Vernunft, Intellekt. Doch ich neige dazu, es gerade als intuitives Bewusstsein zu definieren. Es ist ein intuitives Bewusstsein, das unsere grundlegenden Sinncodes enthält, unsere grundlegenden Einstellungen überhaupt, die Sicht der Wirklichkeit als solche, unsere Werte, unsere Bedeutungen, das heißt tiefe Archetypen im höchsten Sinne dieses Wortes. Zum Beispiel haben wir alle Glauben, Werte, eine bestimmte Handlungsstrategie, bestimmte abstrakte Kategorien, an die wir uns halten oder mit denen wir die Welt beschreiben – all dies ist die Arbeit des intuitiven Bewusstseins (Buddhi). Mithilfe von Buddhi üben wir auch Kontemplation. Daher ist Laya-Yoga auch Buddhi-Yoga.
Yoga der Bewusstheit, Sankalpas, das Aufrechterhalten der Bewusstheit – all das gehört ganz und gar zur Kategorie des Buddhi, das ist durch und durch eine Praxis gerade des Buddhi. Und Manas (der begriffliche Geist) ist das operative Denken, das annimmt, ablehnt, an gewöhnlichen Zielen festhält und Befehle zum Handeln gibt. Manas und Buddhi sind zwei Instrumente, die Bedeutungen, Werte, Ziele und Handlungen enthalten. Manas ist an sich mechanistisch; er fängt feine Impulse vom Buddhi auf und übersetzt sie dann in verständliche Kategorien. Zum Beispiel spreche ich jetzt, doch dabei wirkt Manas (der begriffliche Geist), das heißt, wir operieren mit Begriffen, ordnen verschiedene Kategorien klar ein. Buddhi aber ist einfach das Licht der Klarheit, das eigentlich nichts direkt aussagt, sondern lediglich eine gewisse Klarheit ausstrahlt. Und wenn Manas und Buddhi sich verbinden, entstehen Wahrnehmung und Verständnis von Kategorien.
Im inneren Instrument gibt es außerdem Chitta. Chitta ist der Speicher vergangener Tendenzen und der gesamte Bereich des Unterbewusstseins. In ihm befinden sich die sogenannten astralen Akasha-Chroniken, alle Erinnerungen an frühere Verkörperungen, alle Erinnerungen an eure Erlebnisse.
Was geschieht zum Beispiel mit einem Menschen, wenn er stirbt und zu einem Geist wird, das heißt, wenn er noch nicht wiedergeboren ist, sondern sich im Fegefeuer, in bestimmten Bereichen des Zwischenzustands, befindet? In dieser Zeit betrachtet er die Bereiche seines Gedächtnisses. Für viele ist das Fegefeuer ein ständiges Eintauchen in die Erinnerungen ihres Unterbewusstseins, wenn sie sehen, wie falsch sie ihr Leben gelebt haben, welche Fehler sie begangen haben. Sie sehen all das sehr deutlich und empfinden deshalb Gewissensbisse und ein starkes Schuldgefühl. Es ist nicht so, dass Seelen in der Hölle absichtlich gequält werden. Sie leiden selbst, indem sie in ihre Erinnerungen eintauchen, weil es den begrifflichen Geist und das Oberflächenbewusstsein noch nicht gibt, sondern nur das ungereinigte Unterbewusstsein, in dem sich verschiedene Komplexe, Phobien, Ängste, Anhaftungen, irgendwelche Aparadhas und unreine Sichtweisen verfestigt haben. Und warum üben wir Reue, Reinigung, reine Sicht und Samaya? Nicht einfach, um die Harmonie der Beziehungen zu wahren, damit es uns irgendwie leichter fällt, miteinander zu kommunizieren.

All das dient gerade dazu, dass unser Unterbewusstsein rein ist, dass es dort keine Phobien, keine Komplexe, keine Anhaftungen, keine quälenden Erinnerungen, keine „Narben auf der Seele“ gibt. Und wenn solche „Narben auf der Seele“ geblieben sind, wenn wir sie weder durch Kontemplation noch durch Reue, weder durch das Offenlegen der Gedanken vor dem Guru noch durch Samaya, weder durch reine Sicht noch durch den einen „Geschmack“ erreicht haben, dann wirst du all das sehen, wenn du in das Unterbewusstsein eintrittst. Man kann es vor anderen verbergen, man kann eine Maske aufsetzen: „Ich bin so rein, ich bin so gut“, doch wenn es im Unterbewusstsein vorhanden ist, dann existieren diese Bereiche dennoch. Es ist wie irgendwelche Filmsequenzen, die ihr nicht sehen wolltet. Aber sie sind da, und ihr werdet sie unweigerlich sehen, weil sie nicht gelöscht wurden.
Praktizierende sehen sie gewöhnlich noch zu Lebzeiten, wenn sie ernsthaft praktizieren (zum Beispiel in einem langen Retreat oder in einem Dunkelretreat). Ananda Lila kann zu diesem Thema viele Geschichten erzählen. Das heißt, du begegnest einfach allem, was in dir vorhanden ist.
Die Geister im Zwischenzustand begegnen dem nach dem Tod, und bei ihnen beginnen Reaktionen auf all dies. Sie sehen es und können sich nicht davon losreißen; es geht weiter und weiter, sie werden bereits müde davon. Und dann denken sie: „Man muss etwas tun. Man muss sich verkörpern, um diesem Albtraum zu entkommen.“ Der Albtraum der Gewissensbisse, der Albtraum des Schuldgefühls, der Albtraum des Minderwertigkeitskomplexes – all das dauert dort ständig an, wenn es nicht selbstbefreit ist. Wenn jedoch alles gereinigt und selbstbefreit ist, dann geschieht dies nicht, da der Geist schon zu Lebzeiten rein ist. Eben deshalb ist es wichtig, Samayas einzuhalten, reine Sicht zu kultivieren und Reue zu üben, bis alles wirklich gereinigt ist. Und all dies sind Funktionen des Chitta. Es ist der Speicher solcher geistigen Tendenzen. Chitta gleicht einer großen Datenbank.
Wenn ein Yogi der reinen Sicht, der Brahma-Aham-Bhava, verpflichtet ist, dann löst sich diese Frage für ihn, weil er die inneren Daten und seine Tendenzen bereits sehr tief gereinigt hat; grundsätzlich gibt es so etwas bei ihm schon nicht mehr. Wenn nach dem Austragen die Stufe der Geburt erreicht ist, dann wird all dies befreit, all dies wird als „Hasenhörner“, als Illusionen gesehen. Der Yogi lacht über sich selbst und über alle Daten des Chitta; man braucht nicht beleidigt zu sein, man braucht nicht alles ernst zu nehmen, wenn euer Ego gekränkt ist, rebelliert oder sich anhaftet. Es ist besser, Demut zu zeigen, selbstzubefreien und in der Seele einfach über seine Daten zu lachen, weil sie alle unwirklich sind. Und je schneller man das tut, desto weniger hängt man von diesen Daten ab.
Dies sind die Kategorien der 24 Tattvas. Das ist die erste Prakriya des Vedanta.
Insgesamt werden wir fünfundfünfzig solcher Prakriyas betrachten. Das sind die grundlegenden Prakriyas des Vedanta, durch die sich bei euch ein klarer begrifflicher kategorialer Apparat des Vedanta herausbilden wird, mit dem man beim Studium der Lehre operieren kann.


