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Zen-Gleichnisse: Der Weg zur direkten Verwirklichung ohne mentale Konstrukte

15.07.2026
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Zen-Gleichnisse: Der Weg zur direkten Verwirklichung ohne mentale Konstrukte

Kommentar zum Text „Zen-Gleichnisse“

Eines Tages kam ein Mönch zu Yushu und fragte:

– Wie soll ich allein auf dem Gipfel eines Berges leben?

Yushu antwortete:

– Warum lässt du dein Zen im Tal zurück und kletterst selbst auf den Berg?

Diese Geschichten sind aus der Sicht der Lehre für uns eine Art symbolische und jenseits der Zeichen liegende Übertragung.

Der Mönch fragte: „Wie soll ich in Einsamkeit auf dem Berg leben?“ Der Lehrer antwortete ihm: „Warum lässt du deine Verwirklichung im Tal zurück und kletterst auf den Berg?“

Was wollte der Lehrer sagen? Er wollte ihm Folgendes sagen: „Das, was hier ist, ist überall; das, was hier nicht ist, ist nirgends. Du wirst die ursprüngliche Essenz weder auf dem Berg noch irgendwo anders finden, außer in dem Zustand, in dem du dich gerade jetzt befindest.“

Ebenso müssen wir, wenn wir illusionäre Pläne schmieden und an ihnen haften, uns fragen: „Warum lassen wir unsere Verwirklichung im Tal zurück und versuchen, auf den Berg zu klettern? Warum verweilen wir nicht gerade jetzt in der ursprünglichen Essenz, sondern verknüpfen dies mit irgendwelchen Hoffnungen auf morgen?“

Ein Wassertropfen aus der Quelle der sechs Patriarchen

Ein Mönch fragte Fayan:

– Was ist ein Wassertropfen aus der Quelle, die sich im Tal der sechs Patriarchen befindet?

Fayan sagte:

– Dieser Wassertropfen ist aus der Quelle, die im Tal der sechs Patriarchen liegt.

„Die Quelle des Tals der sechs Patriarchen“ ist keine geografische Quelle, sondern die höchste Quelle. Aus ihr trinken alle Patriarchen, unabhängig davon, welcher Tradition sie angehörten.

Der Mönch fragte: „Was ist ein Wassertropfen aus dieser Quelle? Was ist die eigene Verwirklichung?“ Der Lehrer antwortete ihm: „Dieser Wassertropfen ist aus der Quelle der sechs Patriarchen.“

Das bedeutet, dass es keinerlei Kommentare gibt, keine Erfindungen, keine Konstruktionen, keine Diskussionen. Es ist ein äußerst einfacher, aber zugleich tiefer Zustand. Der Lehrer spiegelte ihn einfach wider, indem er auf die Frage des Mönchs antwortete.

Wenn wir Ereignisse und Situationen mit dem Spiegel des Geistes widerspiegeln, ohne sie ausgehend von unseren eigenen Begriffen zu interpretieren, dann trinken wir aus der Quelle im Tal der sechs Patriarchen.

Ein direkter klarer Blick löst das Problem auf

Wenn wir beginnen, Kommentare und Bewertungen abzugeben und uns an sie zu klammern, hören wir bereits auf, aus dieser Quelle zu trinken. Der ursprüngliche Geist ist zweifellos einfach, doch unser kleiner begrifflicher Geist versucht, alles zu verkomplizieren, indem er Vergleiche schafft, Erinnerungen hervorruft und dergleichen. Im Moment einer solchen Verkomplizierung verstrickt er sich darin und hört auf, aus der höchsten Quelle zu trinken, aus der die Patriarchen trinken.

Wenn ihr mit jedem Problem umgehen könnt, ohne es zu verkomplizieren, das heißt, ohne ihm mentale Bewertungen zu geben, ohne zu analysieren (zumindest ohne euch an der Analyse festzuklammern), ohne in Abhängigkeit von euren eigenen Bewertungen zu geraten, sondern es einfach direkt anzuschauen, mit den Augen des intuitiven Bewusstseins, dann werdet ihr diese Quelle nicht verlieren, und dann wird jedes Problem gelöst werden. Es wird nicht unbedingt ausgehend von den Vorstellungen gelöst werden, in denen ihr lebt. Es wird grundsätzlich, ursprünglich gelöst werden. Vielleicht verschwindet es sogar ganz, und deshalb muss es nicht einmal gelöst werden.

Der Lehrer antwortete: „Das ist einfaches Bewusstsein ohne Gedankenkonstruktionen, die dich verwirren. Es ist das nackte Bewusstsein, in dem du gerade jetzt verweilst. Warum also siehst du es nicht selbst, um die Antwort auf diese Frage zu erhalten?“

Wenn der Geist es jedoch nicht spürt, dann versucht er, diese Gedankenkonstruktionen aufzubauen. Dann verstrickt er sich in ihnen. Die Aufgabe besteht darin, hinter den Gedankenkonstruktionen die einfache, reine Klarheit zu sehen und Vertrauen zu ihr zu gewinnen.

Chaoxuan sagte:

„Geht nicht den Weg des Vogelgeistes.

Kleidet euch nicht, bevor ihr zur Welt gekommen seid.

Halte den gegenwärtigen Moment nicht für die Ewigkeit.

Drücke dich nicht aus, bevor du geboren bist.“

Die erste Unterweisung: „Geht nicht den Weg des Vogelgeistes.“

Der Vogelgeist verliert in der Unruhe sein Zentrum

Der „Vogelgeist“ ist ein zusammengeschrumpfter, zusammengedrückter Geist, der sehr unruhig ist, sich ständig ablenken lässt, von einem Objekt zum anderen springt und dabei die Essenz verloren hat. Ein solcher „Vogelgeist“ ist sehr abhängig vom Äußeren; ein Mönch darf diesem nicht folgen. Ein Mönch, der dem Weg des „Vogelgeistes“ folgt, befindet sich in ständiger Unruhe. Er hat sein Zentrum verloren.

Die zweite Unterweisung: „Kleidet euch nicht, bevor ihr zur Welt gekommen seid“.

Sahaja-tattva unter den Hüllen der Identifikationen

Was bedeutet das? Bevor wir zur Welt kamen, hatten wir eine ungeborene, ursprüngliche Natur — Sahaja-tattva, unser ursprüngliches Wesen. Doch als wir zur Welt kamen, begannen wir, Hüllen darüberzulegen — feinstoffliche Körper, grobstoffliche und anderes. Zugleich erschienen und wuchsen das Ego (Ahamkara), das Gedächtnis (Chitta), das Bewusstsein insgesamt, Manas (der bewertende Geist), die fünf Karma-Indriyas (Handlungsorgane) und die fünf Jnana-Indriyas (Sinnesorgane). Wir begannen, uns mit all diesen komplexen Dingen zu verbinden, wir kleideten uns darin und begannen, uns damit zu identifizieren.

Dieser Lehrer sagt: „Identifiziere dich mit nichts außer mit dem, was vor deiner Geburt deine Natur war — dem Sahaja-tattva. Lege dir nichts anderes mehr an; alles Übrige ist nicht dein.“

Wir sind sterblich, wenn wir uns mit dem identifizieren, was geboren wurde. Wenn wir uns aber mit dem identifizieren, was nicht geboren wurde, was ungeboren ist, dann erlangen wir den Körper der Unsterblichkeit.

Die dritte Unterweisung: „Halte den gegenwärtigen Augenblick nicht für die Ewigkeit“.

Ewigkeit jenseits von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Dieser Lehrer sagt: „Tauche nicht blind in die Ereignisse ein. Die Welt ist unbeständig. Die Ewigkeit existiert, doch sie ist nicht in der Zeit, sondern jenseits der Zeit. Wenn du die Ewigkeit erlangen willst, dann verlasse Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und gehe an den Ort, wo es keine Zeit gibt. Identifiziere dich nicht mit dem Augenblicklichen.“

Wenn ihr dem gegenwärtigen Augenblick in dem Sinne Bedeutung beimesst, dass ihr in irgendwelche Spekulationen eintaucht, euch unbewusst in Beziehungen verstrickt, dann verliert ihr die Ewigkeit.

Die vierte Unterweisung: „Drücke dich nicht aus, bevor du geboren bist“.

Eine feine Verwirklichung wird behutsam in der Stille bewahrt

Dies ist eine sehr wichtige Unterweisung. Welchen Sinn hat Ausdruck, wenn du die Verwirklichung noch nicht erreicht hast? Er wird keinerlei Sinn haben, denn er wird dem Ausdruck im Traum oder dem Ausdruck eines Blinden gleichen. Mit anderen Worten: Wenn du irgendeine innere Verwirklichung erlangt hast, bewahre sie, verschütte sie nicht, versuche nicht, vor anderen damit zu prahlen oder dir einzubilden, du besäßest eine Errungenschaft. Solange du noch nicht geboren bist, drücke dich nicht aus, bewahre dich selbst und deine Verwirklichung. Wenn du beginnst, dich vor der Zeit auszudrücken, dann wird selbst jene kleine Verwirklichung, die in dir ist, dich verlassen.

Einmal kam ich zu einem Menschen, der mich zu sich eingeladen hatte. Er zeigte mir seinen Altar, erzählte, wie er praktiziert und welche magischen Kräfte er erworben hatte.

Ich sagte:
— Das ist natürlich alles gut, aber du solltest dich mit einem Meister treffen.

Er widersprach:
— Ich bin doch selbst ein Meister.

Ich sagte zu ihm:
— Nein, du bist noch kein Meister, sondern ein Lehrling. Du bist einfach noch ein Grünschnabel. Solange du keine Bestätigung von einem echten Meister erhältst, wirst du weiter im Dunkeln umherirren.

Er war sogar ein wenig beleidigt. Doch als er am zweiten Tag die direkte Übertragung erhielt, änderte sich seine Meinung vollständig. Er sah mich erstaunt an und sagte:
— Haben Sie noch weitere Mönche, die das ebenfalls können?

Ich antwortete:
— In Wirklichkeit ist das erst der allererste Anfang. Jetzt verstehst du, warum ich gesagt habe, dass du ein Grünschnabel bist?

Wenn ihr euch vor der Zeit Meister nennt, ohne Verwirklichung erlangt zu haben, dann wird euch ganz sicher jemand sagen, dass ihr ein Grünschnabel seid. Darin liegt der Sinn. Wenn eure Verwirklichung jedoch wahrhaftig ist, wird sie von selbst Götter, Menschen und Geister zu euch hinziehen und sie zum spirituellen Weg inspirieren.

Deshan prüft einen Mönch am Gartentor

Eines Tages, als Deshan im Garten arbeitete, sah er einen Mönch, der sich ihm auf der Straße näherte. Deshan verriegelte das Tor. Der Mönch klopfte an das Tor.

Deshan fragte:

– Wer ist da?

Der Mönch antwortete:

– Ein kleiner Löwe.

Deshan öffnete das Tor. Der Mönch verbeugte sich vor dem Lehrer. Deshan sprang ihm auf den Rücken, als wäre er tatsächlich ein kleiner Löwe, warf ihn zu Boden und sagte:

– Oh, Teufel, wo bist du gewesen?

Der Meister arbeitete im Garten des Klosters, und ein Mönch ging die Straße entlang. Als der Meister ihn sah, verschloss er die Tür, um seine Bewusstheit zu prüfen. Als der Mönch klopfte, fragte er: „Wer ist da?“, um auf diese Weise den Geist des Schülers nach innen, zum Subjekt, zu wenden. Der Schüler war ein wenig bewusst, hatte bereits einen gewissen „Geschmack“ der natürlichen Kontemplation, deshalb wollte er zeigen, dass er wachsam war, und sagte: „Ein kleiner Löwe.“ Er hatte die Löwennatur noch nicht vollständig verwirklicht, dennoch hatte er bereits ein gewisses Verständnis, daher sagte er, dass er zu den Löwen gehöre. Aber wenn ihr einem Meister etwas sagt, müsst ihr für diese Worte einstehen, denn die Reaktion des Meisters ist total. Und Deshan stellte den Mönch sofort auf die Probe, sprang von oben auf ihn und warf ihn zu Boden. In diesem Moment verlor der Mönch die Bewusstheit, das heißt, seine Löwennatur wurde durch diese Prüfung aus dem Gleichgewicht gebracht. Da sagte Deshan: „Teufel, wo bist du denn gewesen?“ Mit anderen Worten fragte er gewissermaßen: „Warum hast du zugelassen, dass deine Löwennatur fortging? Warum hast du dadurch die Bewusstheit verloren?“

Es ist nicht unbedingt so, dass der Guru euch hinter der Tür auf den Rücken springen wird. Es gibt genügend Möglichkeiten, die Wachsamkeit zu prüfen. Jede Schule hat ihre eigenen.

Yanshuang zeichnet vor einem Mönch einen Kreis in den Staub

Als Yanshuang in Meditation saß, trat ein Mönch lautlos an ihn heran und stellte sich neben ihn. Yanshuang erkannte den Mönch und zeichnete einen Kreis in den Staub, dann blickte er den Mönch an. Der Mönch konnte nicht antworten.

Ein Hellseher aus der Ukraine sagte vor etwa fünf Jahren:
— Swami Vishnu Dev, ich weiß, warum Sie sich so leicht in Koans zurechtfinden. Sie waren in Ihrem früheren Leben der sechste Patriarch. Ich kann das frühere Leben eines jeden Menschen genau benennen, bis hin zum Jahr.

Ich antwortete:
— Sie können es glauben oder auch nicht, aber mir genügt das, was ich jetzt bin.

Drei Prinzipien der Lehre

Warum verwenden wir diese Geschichten? In der Lehre gibt es drei Prinzipien.

Das erste Prinzip in der Lehre des Tantra der Siddhas heißt „Unterweisung, Dharma“, das heißt intellektuelles Verständnis, das sehr wichtig ist. Dennoch ist dies nicht das Hauptprinzip.

Das zweite Prinzip heißt „Siddha“. Das ist intuitive Erfahrung, innere Verwirklichung.

Das dritte Prinzip heißt „Malini“ — die Flexibilität der Lehre, die Fähigkeit, beliebige Situationen zur Übertragung in einer Lehrsituation zu nutzen.

Drei Prinzipien der Lehre Dharma Siddha und Malini

Diese drei Prinzipien wurden von dem großen Heiligen des kaschmirischen Shivaismus Abhinavagupta formuliert, der ein Schüler von Gorakshanath war. Das Prinzip der Flexibilität bei der Übertragung der Lehre setzt voraus, dass zur Übermittlung und Erklärung der Lehre beliebige Situationen modelliert und beliebige Dinge verwendet werden können. Deshalb verwende ich diese Geschichten, ausgehend von diesem Prinzip.

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