Kommentar zum Text „Moksha Dharma“, Kapitel 272
Ein Brahmane war sehr arm. Er befolgte den Dharma nicht so sehr um der Befreiung willen, sondern um ihn zu befolgen. In dem Wunsch nach Reichtum beschloss er eines Tages, den Gottheiten als Opfer eine asketische Praxis darzubringen — eine furchterregende Abtötung des Fleisches. Nachdem er diesen Entschluss gefasst hatte, verehrte er die Götter, ehrte sie durch Hingabe, erlangte aber dennoch keinen Reichtum.
Da begann er nachzudenken: „Sicherlich sind die Götter überfüllt mit menschlichen Bitten, zu ihnen dringt man nicht durch. Man müsste irgendeinen gnädigen Gott finden, der noch nicht von menschlichen Flehen ‚betäubt‘ wurde, und sich an ihn um Schutz wenden.“ Und er fand einen Diener der Götter — den Wolkenhalter Kundadhara. Das heißt, er ist kein großer Gott, sondern ihr Diener, aber ebenfalls ein göttliches Wesen.
Der Brahmane dachte: „Offenbar ist er weniger von Bitten der Menschen überhäuft, und an ihn wird man sich wenden können.“
Als Kundadhara ihm in einer Vision erschien, erwachte im Brahmanen Hingabe zu diesem Gott. Er dachte: „Dieser Gott ist so schön! Vermutlich wird er mir als Ergebnis seiner Verehrung ein Wohl gewähren, das seiner Schönheit ähnlich ist. Dieser Gott ist nicht von Bitten anderer Menschen vereinnahmt und steht den höheren Göttern nahe. Er wird mir gewiss schnell großen Reichtum gewähren, wenn ich ihn verehre.“
Danach vollzog dieser Brahmane Rituale der Anrufung und Verehrung Kundadharas unter Verwendung von Räucherwerk, Girlanden und verschiedenen Opfergaben.
Da Kundadhara, der Wolkenhalter, eine bescheidenere Stellung einnahm, war er nach einiger Zeit mit diesen Opfergaben zufrieden und dachte:

„Dem Mörder eines Brahmanen, dem Treulosen, dem Trinker, dem Dieb haben die Heiligen einen Weg der Sühne gewiesen. Für den aber, der undankbar ist, gibt es keine Sühne. Ungerechtigkeit gilt als Tochter des Begehrens, Zorn als Sohn des Murrens, Gier als Tochter der Niedrigkeit, doch der Undankbare hat nicht einmal eine solche Nachkommenschaft.“
So überlegend beschloss dieser Gott, dem Brahmanen dafür zu danken, dass dieser ihn so eifrig verehrt hatte. Als der Brahmane, auf Kusha-Gras liegend, im Samadhi in den feinstofflichen Körper eintrat, sah er durch die magischen Kräfte Kundadharas im Traum verschiedene Wesen.
Da er sich durch Befriedung, Hingabe und Askese geläutert hatte, vermochte er in der Vision den unter den Gottheiten stehenden, hochverehrten Manibhadra zu sehen — eine der Verkörperungen der höchsten Götter. Er sah diese große Seele, die anderen Göttern Anweisungen gab. Hier entschieden die Götter über die Schicksale der Menschen und verteilten verschiedene Königreiche unter ihnen. Für gute Taten gaben sie Königreiche, und für böse Taten nahmen sie sogar das weg, was vorhanden war.
Der vielstrahlende Kundadhara landete vor den Augen der Yakshas durch seine magische Kraft unmittelbar in dieser Versammlung der Götter.
Von den Göttern dazu veranlasst, fragte Manibhadra — der Herr dieser Versammlung der Gottheiten — den zu Boden gefallenen Kundadhara:
— Was willst du?
Kundadhara sagte:
— Ihr Götter seid mir wohlgesinnt. Dann hier ist mein ergebener Verehrer. Für ihn bitte ich um hohe Gnade — es möge etwas getan werden, das seinem Glück förderlich ist.
Der Herr der Götter, Manibhadra, von den anderen Göttern dazu veranlasst, sprach zu ihm ein Wort:
— Steh auf, möge dir Heil sein! Alles Nötige, worum du bittest, wird geschehen. Wenn der Brahmane, der Sänger der Veden, Reichtum wünscht, werden wir ihm diese Gabe gewähren. Da dein Freund, der Brahmane, einen solchen Schutz durch dich verdient hat und Reichtum will, schenke ich ihm auf Beschluss der Götter gleich jetzt unermesslichen Reichtum.
Doch Kundadhara dachte nach und kam zu dem Schluss, dass menschliches Glück unbeständig und schwankend sei. Er beschloss, den Gedanken des Brahmanen auf geistige Heldentaten zu lenken, in der Annahme, dass jener von dem Segen, den die Götter geben würden, wenig Nutzen haben werde.
Und er sagte zu den Göttern:
— Ich wünsche keinen Reichtum für den Brahmanen, Spender der Schätze. Ich möchte, dass meinem Ergebenen eine andere Gnade erwiesen wird. Weder ein Land voller Schätze noch einen riesigen Hort von Edelsteinen will ich für meinen Verehrer, sondern er möge rechtschaffen, heilig sein. Möge er durch den Dharma leben, möge sein Verstand sich am Dharma erfreuen. Möge der Dharma für ihn zum höchsten Gesetz werden — an diese Gabe habe ich gedacht.
Da sagte Manibhadra:
— Doch die Frucht des Dharma sind stets auch Freuden und Genüsse. Warum sollte er diese Früchte nicht kosten, frei von den Leiden des Körpers?
Doch Kundadhara beharrte dennoch darauf und sagte, seine Bitte gelte gerade nur dem Segen des Dharma für seinen Verehrer.
Manibhadra sagte:
— An dir und diesem Brahmanen haben alle Götter Wohlgefallen. Möge er ein Rechtschaffener werden und sich im Denken dem Dharma hingeben.
Der Hüter der Wolken, Kundadhara, war mit einem solchen Versprechen zufrieden. Er erwies diesen Göttern gebührend Ehrerbietung, und nachdem er dann eine solche Gnade erhalten hatte, die für andere schwer zu erlangen ist, freute er sich und verließ diese Himmel.

Nachdem Kundadhara ein solches Versprechen erhalten hatte, sah der Brahmane plötzlich neben sich feinste Gewänder, die während der Meditation neben ihn gelegt worden waren, doch er empfand darüber keine Zufriedenheit.
Er dachte bei sich: „Wenn selbst dieser Gott von nicht hohem Rang, Kundadhara, von dem ich Gnade verdient habe, meine Verdienste, meine Askese und meine Praxis nicht anerkennt und mich nicht mit seinen Segnungen beschenken will, wer sonst wird dann das Geleistete würdigen? Dann gehe ich lieber in den Wald und wähle ein Leben nach dem Gesetz des Dharma.“
Er sah, dass neben ihm feine göttliche Gewänder lagen, verstand aber nicht einmal, wozu das gut sein sollte. Reichtum war infolge der erhaltenen Segnungen nicht zu ihm gekommen, deshalb war er sehr enttäuscht. Durch die Kraft einer solchen Abneigung gegen die Eitelkeit des Weltlichen, durch die Gnade der Götter und dank der Fürsprache Kundadharas begab sich der Brahmane in den Wald und widmete sich dort großem Tapas — einer starken, machtvollen spirituellen Praxis.
Er ernährte sich von den Resten der Opfergaben an die Götter, von Wurzeln und Früchten. Sein Geist wurde in der Meditation und im Samadhi sehr gefestigt. Nach einiger Zeit begann er, nur noch Blätter zu essen, nachdem er Früchte und Wurzeln aufgegeben hatte, und später hörte er sogar auf, Blätter zu essen, und ernährte sich nur von Wasser. Danach ernährte er sich viele Jahre lang ausschließlich von Luft, von Prana, doch seine Lebenskraft nahm dabei nicht ab; das war ein Wunder.
Er wurde sehr eifrig und dem Dharma hingegeben, während er seine furchterregende Askese vollzog. Da nahm er selbst eine göttliche Gestalt an, sein Körper begann sich zu verwandeln.
Als viel Zeit vergangen war, dachte er: „Wenn mich jetzt jemand zufriedenstellt und gnädig stimmt, wenn ich ihm Reichtum verspreche und den Segen für Reichtum gebe, dann wird mein Wort wahr werden, mein Segen wird sich materialisieren.“
Erfreut über diesen Gedanken begann er, sich noch mehr in der asketischen Praxis zu bemühen. Nachdem er nach einiger Zeit eine noch größere Vollkommenheit erreicht hatte, dachte er: „Wenn mich jemand zufriedenstellt und ich mit ihm zufrieden bin, dann werde ich ihm ein Königreich versprechen oder ihn mit einem Königreich segnen. Und mein Wort wird nicht leer sein — ein solcher Mensch wird unverzüglich König werden.“
Als er so dachte, erschien vor ihm Kundadhara, der von der Kraft seiner spirituellen Heldentat und durch die alte karmische Verbindung angezogen wurde. Nach dem Gesetz des Dharma vollzog der Brahmane die Verehrung; er war entzückt darüber, dass ihm sein Beschützer Kundadhara erneut erschienen war.
Da sagte Kundadhara: „Jetzt besitzt du die höchste göttliche Sicht; darum schau auf den Weg der Könige der Welten und der Rishis.“

Als der Brahmane mit seiner göttlichen Sicht blickte, sah er Tausende von Königen, die in die Unterwelt hinabsanken.
Kundadhara sagte: „Du hast mich mit großer Hingabe verehrt, und ich dachte: Wenn du wie diese Rajas in Leid und Unglück gerätst, was könnte ich dann für dich tun? Welche Gnade könnte ich dir erweisen? Sieh, schau genauer hin, was mit einem Menschen geschieht, der nach weltlicher Begierde sucht. Denn gerade für solche Menschen sind die Tore des Himmels verschlossen.“
Als der Brahmane genauer hinsah, erschienen vor ihm Menschen, die sich zu Lebzeiten dem Stolz, dem Zorn, der Schläfrigkeit, der Trägheit, der Nachlässigkeit, der Begierde, der Gier und der Angst hingegeben hatten. All diese Menschen erschienen als solche, die in die niederen Welten gingen.
Kundadhara sagte: „Sieh, all diese Eigenschaften und Qualitäten versperren den Weg zu den höheren Welten. Die Götter erschrecken vor solchen Menschen und meiden sie. Solche Qualitäten schaffen den Menschen allerlei Hindernisse. Nicht ohne die Zustimmung der Götter werden die Menschen im Dharma rechtschaffen. Sieh, dank deiner Praxis, deines Tapas, bist du fähig, einem anderen ein Königreich und Reichtum zu schenken.“
Da verstand der Brahmane, worin Kundadharas Absicht bestanden hatte: dass er ihn vor schlechten Geburten bewahrt, sein Schicksal verändert hatte, indem er ihm nicht das gab, worum er gebeten hatte, sondern ihm das Wissen des Dharma gab.
Er verneigte sich vor Kundadhara bis zur Erde und sagte: „Ja, du hast mir große Gnade erwiesen, denn in den Fesseln der Gier und der Begierde murrte ich einst sogar gegen dich und war mit deinen Segnungen unzufrieden. Ich habe deine Liebe nicht verstanden; darum vergib mir, dass ich damals so unwissend war, und segne mich.“
Kundadhara sagte: „Ich habe dir vergeben.“ Dann umarmte er ihn fest mit beiden Armen und verschwand.
Dieser Brahmane übertraf später alle Welten und erreichte durch die Gnade Kundadharas und durch die Kraft seines Tapas die höchste Vollkommenheit.

Weiter heißt es am Ende dieses Kapitels:
„Das Wandeln durch die Luft, die Erfüllung aller Wünsche und der höchste Weg werden durch die Kraft von Dharma und Yoga erreicht.
Götter, Brahmanen, himmlische Wanderer und Yakshas (Halbgötter) verehren die Heiligen und Gerechten, nicht aber die Reichen und Leidenschaftlichen.
Die Götter sind dir sehr gnädig, da du dich am Gesetz, am Dharma, erfreust.
Im Dharma liegt das höchste Glück.“
Unsichtbare Beschützer und Beobachter
Vielleicht sind wir uns dessen nicht ganz bewusst, doch über jeden von uns wachen stets verschiedene Klassen von Wesen, zum Beispiel die Geister der Ahnen. Auch wenn ihr sie nicht seht, sehen die verstorbenen Geister der Ahnen euch, denn Geister besitzen im Gegensatz zu Menschen von Natur aus Hellsicht; sie müssen dafür keine Praxis ausüben.
Eure längst verstorbenen Verwandten haben, nachdem sie zu Geistern geworden sind, eine Verbindung zu euch und beobachten eure Schicksale genauso, als hätten sie sich zu Lebzeiten manchmal gefragt: „Wie geht es denn jenem dort, und wie geht es diesem?“ Auch wenn ihr Verständnis von Glück und Dharma unterschiedlich sein mag, freuen sie sich dennoch stets, wenn ihr euren Geist auf den Dharma ausrichtet, und leiden mit, wenn ihr euren Geist auf falsche Gedanken, auf Trägheit, Unbewusstheit oder schlechte Taten richtet.
Neben den Geistern der Ahnen beobachten euch verschiedene Gottheiten, Schutzherren und Schutzengel. Sie freuen sich immer, wenn ihr die Entscheidung trefft, euch auf dem spirituellen Weg zu bewegen, an euch selbst zu arbeiten, subtile Geisteszustände zu entfalten, und sie sind betrübt, wenn ihr etwas falsch macht, in Verblendung fallt, falsche Entscheidungen trefft, zornig, egoistisch handelt oder einfach euer Potenzial nicht nutzt.

In der Regel ermutigen die Götter stets diejenigen und schenken ihnen Segnungen, die nach Dharma streben. Dagegen werden jenen, die verblendete Zustände nähren und sich mit egoistischen Wünschen und Zielen bewegen, stets verschiedene Wege versperrt; ihnen werden auf Geheiß der Götter oder lenkender Geister Begrenzungen auferlegt.
Mit anderen Worten: Wir können nicht denken, wir hätten uns in Isolation verschlossen und niemand von den Lebewesen sehe uns. Lebewesen sehen uns sehr wohl, selbst wenn wir uns in einem hermetisch verschlossenen Retreat-Raum befinden, selbst wenn wir völlig allein sind.
Diese Wesen beobachten unser Verhalten, die Einhaltung der Gelübde, unsere Eigenschaften, und jedes von ihnen bewertet entsprechend seinem eigenen Verständnis.
- Wenn es erleuchtete Wesen sind, wünschen sie uns selbstverständlich spirituelle Verwirklichung
- Wenn es weltliche Götter sind, können sie weltliches Glück und Verständnis schenken
- Wenn es gewöhnliche Geister sind, dann können sie es vielleicht auf ihre Weise verstehen
- Wenn es Hüter bestimmter Grundlagen, Gelübde oder Dharmas sind, wachen sie eifersüchtig darüber, wie ihr sie erfüllt
Wenn ihr etwas verletzt, bestrafen sie, schaffen Hindernisse oder verschließen einfach Wege in einem bestimmten Bereich. Sie achten auf eure Charakterzüge, eure Reaktionen, eure spirituelle Praxis. Wenn sich euer Bewusstsein in Richtung Dharma bewegt, empfinden sie mit, freuen sich und geben die Möglichkeit, dies noch stärker zu entfalten. Und umgekehrt: Wenn das Bewusstsein sich verdunkelt, lassen sie nicht weiter handeln, bis diese Lektion durchlaufen ist.
Aus der Sicht des Advaita sind sie alle eine Manifestation des einen natürlichen Gewahrseins; dennoch besitzen sie ihre eigene Individualität, sie können denken, bewerten und handeln, genauso wie wir mit euch, das heißt wie gewöhnliche Menschen.
Es gibt auch Gottheiten, die Shravanas und Shravani genannt werden, die alle Taten der Menschen hören und sehen und jede Handlung eines Menschen in jedem Zeitraum seines Lebens wiedergeben können. Sie können buchstäblich Bild für Bild alle Situationen aus unserem Leben reproduzieren. Shravanas und Shravani treten als Berater während des Gerichts bei Yama auf, wenn er Chitragupta bittet, in die Aufzeichnungen zu schauen und im Buch der Leben die guten und bösen Taten nachzusehen, die der eine oder andere Mensch begangen hat.

Das Verständnis dessen regt dazu an, bewusster zu sein und richtig zu handeln, wo immer du dich befindest: allein mit dir selbst oder in der Gesellschaft, vor den Augen anderer.
Eigenschaften eines Praktizierenden
Prüfungen und Hindernisse auf dem Weg (Grahas)
Richtige dharmische Taten sind immer Taten, die aus Sattva, aus innerem Strahlen, Güte und Gelassenheit hervorgehen.
Unrechte Handlungen sind Handlungen, die unter dem Einfluss von Tamas und Rajas vollzogen werden. Ein Mensch, der sich in Tamas und Rajas befindet, kann per Definition nicht richtig handeln, da sein Geist träge, stumpf, ungeklärt ist, in ihm kein Licht ist, er nicht vom Geist des Glaubens, der Hingabe, der Klarheit und der Kontemplation „brennt“; daher werden all seine Handlungen fehlerhaft sein, selbst wenn er äußerlich versucht, richtig zu handeln.
Im Gegenteil: Wenn Sattva, das innere Leuchten, vorhanden ist, ermöglicht es per Definition, richtig und klar zu handeln, da Sattva alle anderen Winkel des Bewusstseins erhellt, es ermöglicht, fehlerfrei Entscheidungen zu treffen, sich an viele Faktoren zu erinnern und sie zu berücksichtigen, Ziele zu erreichen. Davon ausgehend besteht die Aufgabe des Yogins darin, Rajas und Tamas zu zähmen und auszurotten, Rajas und Tamas zu unterwerfen und Sattva in sich zu pflegen.
Und das Kloster ist genau ein solcher Ort, an dem nicht Rajas und Tamas gefördert werden, sondern eben Sattva.
Wenn ihr euch in Sattva befindet, könnt ihr lange Zeit meditieren, gute Erfahrungen machen, Erfolge im Dienen erzielen; ihr seid kein Versager im Dienen, denn Erfolglosigkeit im Dienen ist Tamas und Rajas. Es kommt vor, dass man jemandem irgendeine Aufgabe gibt und er sagt: „Ich kann das nicht, ich weiß nicht, bei mir klappt nichts.“ Man erklärt ihm alles, aber aus irgendeinem Grund klappt es bei ihm dennoch nicht. Die Frage ist: Was hindert dich? Tamas und Rajas hindern dich — die fieberhafte Tätigkeit des Geistes, die es nicht erlaubt, klar an die Sache heranzugehen. Genau das ist ein Scheitern im Dienen. Im Gegenteil: Wer von Sattva erfüllt ist, besitzt Klarheit und ein intuitives Verständnis dafür, wie man Ziele erreicht, wie man alles verwirklicht. Er hat immer und in allem Erfolg: in der Praxis, im Dienen, in den Beziehungen.

Es zeigt sich also, dass Tamas und Rajas Hindernisse des Yogins sind.
Analyse der meditativen Praxis
Tamas ist, wenn wir uns zur Meditation setzen und eine Niederlage erleiden.
Ich empfehle allen, die Meditation ausführen — und solche sollte es im Kloster zu 100% geben —, jede Sitzung von 19:00 bis 22:30, nachdem ihr sie durchgeführt habt, zu bewerten und euch entsprechend dem Ergebnis der Sitzung eine Note zu geben: „den Sieg errungen“, „eine Niederlage erlitten“, „unentschieden gespielt“. Mindestens einen Monat lang sollte man ein solches Tagebuch seiner Meditationen führen und die Ergebnisse zusammenzählen. Zum Beispiel: „Zehnmal im Monat habe ich den Sieg errungen, mein Geist war in der Meditation klar. Fünfzehnmal im Monat habe ich unentschieden gespielt: Ich habe mit Tamas gekämpft, aber es hat mich nicht besiegt. Fünfmal habe ich eine Niederlage erlitten: Verschwommenheit und Erregtheit ließen mich nicht klar meditieren, ich drehte entweder Gedanken im Kreis oder verweilte in Dumpfheit.“
Das Führen eines solchen Tagebuchs ist eine sehr nützliche Sache.
Als ich in Retreats intensiv praktizierte, bemühte ich mich stets, selbst meine kleinsten Erfolge zu vermerken oder umgekehrt irgendwelche Probleme in den Pranayamas, in der Geh-Technik, in der Konzentration, in der Meditation. Ich führte ständig ein solches Tagebuch, vollzog eine ununterbrochene Analyse.
Eine solche Analyse hilft uns, eine Strategie der spirituellen Praxis für den nächsten Tag oder den nächsten Monat zu entwickeln. Wenn wir aber eine solche Analyse nicht durchführen, ist es für uns schwierig, die Tendenzen unseres Geistes zu erkennen und eine richtige Linie auszuarbeiten. Ein Yogin ist derjenige, der ständig analysiert und die Tendenz seines Geistes korrigiert.

Drei Arten von Meditationsergebnissen
Was bedeutet „eine Niederlage erlitten“ in der Meditation? Das heißt, die Meditation verlief schlecht, es gab Verschwommenheit, es gab Erregtheit, man hielt das Thema nicht oder versank überhaupt in Tamas, das heißt, diese anderthalb Stunden sind aus dem Leben gestrichen. Eine solche Meditation taugt nicht. Der Yogin muss dagegen kämpfen, während Mahashanti keine Niederlage zu erleiden. Diese anderthalb Stunden sind heilige Zeit für die Praxis.
Was bedeutet „unentschieden gespielt“? Das bedeutet, dass zeitweise Tamas oder Rajas „heranrollten“, Verschwommenheit und Erregtheit da waren, du aber gekämpft hast, Tamas nicht zugelassen hast, dich nach Kräften einfallsreich bemüht und Tamas mit allen Mitteln besiegt hast, ihm nicht nachgegeben hast. Tamas versuchte, dich zu überwältigen, aber es gelang ihm nicht, obwohl es auch dir nicht gelang, Tamas vollständig zu überwältigen. Das ist vergleichbar damit, wie ein Mensch, der Kampfkünste betreibt, mit einem starken Gegner in den Ring steigt, der ihn über das ganze Feld bedrängt, aber dank Flexibilität, Wendigkeit und technischer Fertigkeit gelingt es ihm, die ganze Zeit standzuhalten; nach Punkten hat er nicht verloren, aber auch nicht gewonnen.
Auf dieselbe Weise erleidet der Yogin, selbst wenn Tamas und Rajas ihn bedrängen, dank seines Geistes, der in der Meditation einfallsreich wird, keine Niederlage. Zumindest hält er das Thema und dringt in die Klarheit ein.
„Spiritueller Sieg“ bedeutet, dass die Meditation gleichmäßig verlief, ohne Ablenkungen, ohne Verschwimmen und Erregtheit, dass es ein tiefes Eindringen gab, dass es einen Fortschritt gab, das heißt, ihr habt dem Strom eures Bewusstseins noch etwas mehr Klarheit hinzugefügt.

Tägliche Analyse der Praxis
Auf diese Weise kann man jeden Tag den Zustand der eigenen Praxis und des eigenen Bewusstseins analysieren. Nehmen wir an, wenn ihr eine Bilanz des alltäglichen Aufrechterhaltens der Bewusstheit im Laufe des Tages zieht, könnt ihr das Ergebnis so bewerten: „Wie hat sich meine Bewusstheit entwickelt? Wie habe ich mit Kontemplation und Sankalpa gearbeitet?“
Wenn ihr jeden Tag eine solche Bilanz zieht und eure Praxis analysiert, ist das so, wie wenn ein guter Trainer die Mannschaft nach dem Spiel versammelt und bespricht, wie das Spiel verlaufen ist. Er sagt: „Die Verteidigung hat schlecht gearbeitet, aber die Stürmer waren gut. Darauf müssen wir uns konzentrieren.“ Dann ermutigt er die Spieler und sagt: „Für die nächste Woche haben wir solche und solche Ziele, wir haben solche und solche Aufgaben.“ Und die ganze Mannschaft antwortet dem Trainer: „Ja, genau so werden wir es machen.“ So versammelt auch ihr als „Cheftrainer“ die ganze „Mannschaft“ eures Körpers, eurer Rede und eures Geistes. Das heißt, eure innere Klarheit, euer bewusster Geist muss euren weniger bewussten Anteilen Anweisungen geben. Ihr besprecht, wie euer ganzer Tag verlaufen ist: worin ihr gescheitert seid, ob ihr einen Sieg errungen habt oder ob es ein Unentschieden war.
Ein guter Mönch ist derjenige, der täglich am Ende des Tages eine solche „Versammlung“ abhält, das Spiel des Tages auswertet, analysiert, schwache und starke Seiten bewertet, Schlussfolgerungen formuliert und danach entscheidet, was er weiter tun wird, wie er die Sadhana korrigieren wird usw.
Wenn ihr eine solche Analyse der Sadhana durchführt, schreitet ihr immer voran, ohne ernsthafte Misserfolge und Niederlagen zu erleiden, euer spirituelles Wachstum ist stabil. Das bedeutet nicht, dass man auf Selbstreflexion fixiert werden und sich ständig in Selbstzerfleischung ergehen soll. Ich würde nicht sagen, dass dies eine Begeisterung für Selbstzerfleischung ist; es ähnelt eher der nüchternen Berechnung eines professionellen Kämpfers oder Spezialisten, der daran gewöhnt ist, ständig an sich zu arbeiten, voranzugehen und die notwendigen Qualitäten zu kultivieren.

Genau so handelten die Heiligen, die stets über den Geist ihres Bewusstseins wachten, ihn nicht in Tamas oder Rajas fallen ließen, denn das Verfallen in Tamas oder Rajas ist ein Verfaulen des Geistes, und für die spirituelle Praxis ist das eine unverzeihliche Sache.
Mit anderen Worten, Dharma-Brüder oder ältere Mönche können euch das verzeihen, daran ist nichts Schwieriges; sie können sagen: „Tamas? Ja, das kommt vor, wir haben Mitgefühl“ oder „Der Zustand, in dem du dich befindest, ist deine Sache, deine Wahl, jeder geht seinen eigenen Weg“.
Aber euch wird das dadurch nicht leichter fallen, denn es wird das sein, was euch die Wege zum Himmel verschließt; die Götter verzeihen so etwas nicht. Das heißt, was Menschen verzeihen, verzeihen Götter nicht; die Götter haben einen ganz anderen Ansatz, dort gibt es sehr hohe Kriterien. Hältst du die Ethik nicht ein, öffnen sich die Türen nicht; bist du nicht bewusst oder lässt du Unreinheit, eine Verletzung des Samaya zu, wird niemand überhaupt mit dir sprechen.
Je höher die Welt, desto größer das Kriterium. Das ist ähnlich, wie man einen einfachen Menschen in einen Eliteklub niemals einfach so hineinlassen wird.
Wenn wir von Anfang an kein solches Fundament, keine so sehr reife und ernsthafte Haltung gegenüber der Sadhana und dem Gewahrsein hervorgebracht haben, dann wird man dies früher oder später dennoch hervorbringen müssen, denn das Fehlen dieses Fundaments wird sich irgendwann bemerkbar machen. Denn es ist wie eine morsche Stufe auf der Treppe zum Himmel; früher oder später wird diese morsche Stufe unter dem Fuß durchbrechen, und ein solcher Yogi wird einfach hängen bleiben, sich mit beiden Händen an ihr festklammernd, anstatt einen Schritt nach vorn zu machen. Wenn es eine solche Analyse gibt und der Yogi ständig über sein Bewusstsein wacht, Rajas und Tamas ausrottet und sich in Sattva festigt, dann werden alle Stufen unter seinen Füßen unversehrt sein.
Stabilität des Bewusstseins in Sattva
Das Bewusstsein eines Yogis, der in Sattva verwurzelt ist, ist immer stabil, weil er spirituelle Freude schöpft. Das Bewusstsein dessen aber, der in Rajas oder Tamas ist, verändert sich sprunghaft, es ist Schwankungen unterworfen. Er ist sehr anfällig für den Einfluss der Planeten, äußere Einwirkungen und Beziehungen. Andere können ihn leicht aus der Fassung bringen, weil er denkt, dass die Ursache nicht in ihm selbst liegt, sondern in anderen. Man hat ihm etwas Falsches gesagt oder etwas falsch gemacht, die Lebensumstände haben sich ein wenig verschlechtert, und sofort fühlt er, dass für ihn „der Himmel kariert“ geworden ist, ihm ist schwer ums Herz, er weint beinahe.
Warum geschieht das? Weil es keine Freude gibt, die aus Sattva, aus dem inneren Leuchten geschöpft wird. Im Zustand der Verblendung werden alle äußeren Einwirkungen verschärft wahrgenommen, ihre Bedeutung erscheint viel größer, als sie tatsächlich ist. Im Zustand von Sattva hingegen werden alle äußeren Einwirkungen rein und günstig wahrgenommen, und selbst wenn ungünstige Einwirkungen geschehen, verweilt ein solcher Yogi dennoch in innerer Freude und Bhava. Und wenn wir auf diese Weise kontemplieren, wird Rajas unter Kontrolle gebracht.

Aber es kommt vor: Wenn Rajas unter Kontrolle gebracht und durch Willensanstrengung ausgelöscht wurde, kann statt eines Anwachsens von Sattva auch Tamas anwachsen, wenn das Bewusstsein nicht ausreichend klar ist. Auch das ist etwas Schlechtes. Wenn zum Beispiel in der Mahashanti-Meditation über längere Zeit Tamas gepflegt wird (besonders charakteristisch ist dies für Retreats), kann man Voraussetzungen für eine Wiedergeburt in der Welt der Tiere schaffen, in der Tamas dominiert. Und wenn sich ein Yogi in einer der Arten falscher Meditation oder falschen Samadhis etabliert, zum Beispiel in einem tamasischen Zustand, kann sein Bewusstsein tatsächlich in einer solchen Welt wiedergeboren werden.
Dies geschieht, weil das Bewusstsein daran gewöhnt ist, äußere Reize von äußeren Objekten zu erhalten und sich in einem solchen rajasischen Zustand zu befinden. Wenn es aber solcher Objekte beraubt wird und noch nicht sehr fein ist, noch nicht gelernt hat, Freude dank Klarheit und Gewahrsein zu schöpfen, dann beginnt es zu erlöschen und fällt in einen tamasischen Zustand von Unklarheit, Ungeklärtheit, Trägheit und Dumpfheit. Davor sollte man sich ebenso hüten wie vor Rajas. Die Manifestation von Tamas sollte auf jede Weise unterbunden werden.
Der Geist des Vira-Yogi
Mit anderen Worten: Ein Yogi sollte stets aufmerksam in seine Seele blicken und sehr wachsam darauf achten, dass kein Tamas in ihm vorhanden ist. Tamas tritt auf, wenn wir in Faulheit und Dumpfheit verweilen, wenn wir uns nicht auf die Praxis, auf den Dienst konzentrieren, wenn wir uns in einem Zustand des Kompromisses befinden, wenn bei uns geistige Ehre, geistiger Enthusiasmus, Glaube, Güte, Sattva durch träges Gleichgültigkeit ersetzt werden. Und ein solcher Zustand kann unterbunden werden, wenn wir den Geist des Vira-Yogi aufrechterhalten.
Der Geist des Vira-Yogi bedeutet, nicht den Weg des Geringsten zu gehen, sondern den Weg des Größten. Das bedeutet, immer bereit zu sein, die eigenen Möglichkeiten herauszufordern, ein wenig mehr und ein wenig besser zu tun, stets danach zu streben, effektiver zu praktizieren und Dienst zu leisten. Das heißt, es ist eine erhöhte Anspruchshaltung an sich selbst, wobei diese Anspruchshaltung nicht äußerlich ist, sondern in erster Linie innerlich. Das ist Antar-Tapas — eine innere Anspruchshaltung, die mit der Kontrolle des Bewusstseins verbunden ist.

Wenn in einem Menschen Tamas dominiert, kann er denken: „Heilige Texte zu lesen ist schwierig. Prüfungen abzulegen ist schwierig. Es ist besser, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen und darum zu bitten, mich von der Prüfung zu befreien, mit dem Hinweis darauf, dass ich schlecht verstehe oder bei mir etwas nicht klappt. Sollen andere sie ablegen, mir ist es so bequemer, denn die Texte zu studieren und Prüfungen abzulegen ist schwer, man muss viel nachdenken.“ So manifestiert sich Tamas.
Sattva manifestiert sich anders. Ihr denkt: „Ja, obwohl es schwierig ist, werde ich versuchen, Anstrengungen zu unternehmen und es so lange tun, bis es für mich einfach wird. Ich werde versuchen, das zu tun, was notwendig ist, und sogar noch ein wenig mehr.“
Während der Meditation, wenn Tamas kommt, denken wir: „Irgendwie tun mir die Beine weh, der Rücken ist eingeschlafen, ich möchte mich hinlegen oder entspannen.“ Das ist das Flüstern von Tamas. Sattva aber sagt: „Wenn ich jetzt einen Kompromiss eingehe, wird der Nutzen dieser Meditation gering sein. Deshalb werde ich versuchen, mit doppelter Grenze zu meditieren: Ich werde bis an die Grenze gehen und dann diese Grenze noch einmal erweitern und dadurch einen Durchbruch erzielen.“
Wenn wir das Konzept von Sattva als unsere Grundlage annehmen, dann trägt die Praxis wirklich Früchte. Dafür aber ist Wachsamkeit nötig, die den Geist ständig aus dem Zustand von Rajas und Tamas herausreißt.
Die Wahrnehmung der Welt in verschiedenen Zuständen
Im Zustand von Tamas erscheint die Welt in Verfinsterung, in Unklarheit. Wir betrachten die Welt mit denselben Augen, mit denen ein Tier sie betrachtet. Im Zustand von Rajas gibt es eine starke Verzerrung der Realität. Wir sehen die Welt so, als würden wir durch das Fotoobjektiv einer Filmkamera schauen, die die ganze Zeit ruckelt; wir können uns auf nichts Bestimmtes fokussieren und es ins Visier nehmen. Wir können die Welt in keiner ganzheitlichen Wahrnehmung, nicht panoramisch, sehen. Das heißt, Rajas ist so, als würden Sie in eine Filmkamera schauen, die ständig springt und ruckelt, weshalb das ganze Bild verschwommen ist, und Sie verstehen einfach nicht, worum es hier eigentlich geht. Genau deshalb sind Rajas und Tamas für das spirituelle Leben schädlich.
Der Zustand von Sattva ist das Sehen der Welt durch das Fotoobjektiv einer sehr hochwertigen Filmkamera. Das ist eine grundsätzlich andere Sicht auf die Welt, bei der Sie alles bis ins Detail klar sehen können und infolgedessen Meisterwerke schaffen können.

Der Yogi entdeckt, indem er in sich selbst hineinblickt, immer, wo im Tagesverlauf solche Momente verborgen sind, in denen Rajas und Tamas Macht über ihn haben. Es gibt verschiedene Momente, die mit dem Funktionieren der Kanäle, der Elemente und der Bewegung der Energie durch die Marmas verbunden sind, in denen Tamas und Rajas am stärksten dominieren. Und diese Zeitpunkte sind individuell, daher muss der Yogi sie für sich bestimmen und versuchen, sie unter Kontrolle zu bringen.


