Gewöhnlich beginnen wir unsere Übungsstunden mit dem Mantra Om. Und bevor wir es ausführen, werde ich versuchen zu erklären, was für eine Praxis das ist. Früher habe ich solche Erklärungen nicht gegeben, doch dann kam ich zu dem Schluss, dass man selbst die einfachsten Praktiken erläutern sollte.
Wenn wir mit der Lehre in Berührung kommen, verstehen wir oft ihre Tiefe nicht oder halten bestimmte Aspekte für Bestandteile einer bestimmten kulturellen Tradition. Doch beim Studium der Lehre ist es sehr wichtig zu verstehen, dass die Ausübung spiritueller Praxis nicht mit der Zugehörigkeit zu irgendeiner kulturellen Tradition verbunden ist, sondern mit der Zugehörigkeit zu einer spirituellen Tradition. Dabei sollte man zwischen spiritueller Tradition und kultureller Tradition kein Gleichheitszeichen setzen.
Zum Beispiel geht eine spirituelle Tradition von Göttern, Siddhas und Heiligen aus, von denen einige Hindus gewesen sein und in Indien oder Tibet gelebt haben konnten, andere konnten Russen gewesen sein; das heißt, die nationale Zugehörigkeit spielt in diesem Fall keine große Rolle. Da die spirituelle Tradition der Siddhas universell ist, ist sie nicht mit irgendwelchen ethnischen und kulturellen Beschränkungen verbunden.
Jemand praktiziert die Tradition der Siddhas im Rahmen seiner indischen kulturellen Tradition. Wir zum Beispiel können, da wir Russen sind, die Lehre der Siddhas ganz angemessen und harmonisch in unserer russischen kulturellen Tradition praktizieren, ohne Gewissensbisse und Komplexe. Ein Mensch, der in Deutschland lebt, kann die Lehre der Siddhas in seiner deutschen kulturellen Tradition praktizieren, weil diese Lehre nicht mit dem Äußeren verbunden ist.
Sich mit spiritueller Praxis zu beschäftigen bedeutet nicht, entsprechende Kleidung anzulegen, eine Gebetskette in die Hand zu nehmen und irgendwelche rituellen Gesten auszuführen. All das ist äußerlich und mit einem bestimmten Kontext verbunden. Doch wenn wir irgendwelche Methoden ausführen, müssen wir die Lehre gerade als Essenz einer bestimmten Methode oder Praxis verstehen, die wir anwenden.
Zum Beispiel gab ich einmal eine Belehrung, und ein Mensch sagte: „Ihre Lehre gefällt mir sehr, aber wenn wir das Mantra Om singen oder Niederwerfungen machen, ist das doch alles indisch, und wir sind doch russische Menschen, deshalb könnten wir das anders machen.“ Ich antwortete ihm: „Das ist keine Frage von russisch oder indisch. Es ist einfach eine Methode, eine Praxis, mit der du arbeitest.“ Wenn dir zum Beispiel in den Kampfkünsten eine bestimmte Kombination gezeigt wird, stellt sich nicht die Frage, ob sie chinesisch oder russisch ist. Es ist eine Frage der Technik, der Methode, daher ist es notwendig, die Methode zu respektieren. Die wahre Lehre ist nicht mit irgendwelchen kulturellen Beschränkungen verbunden; im Gegenteil, die Bestimmung, das Ziel der Lehre besteht darin, uns von allen Beschränkungen zu befreien.
Also singen wir vor jeder Praxis gewöhnlich das Mantra Om und führen das aus, was Namaste-Kriya oder Pradhana-Mudra genannt wird. Was bedeutet das? Gewöhnlich sagt man, Namaste sei eine Grußgeste, doch in der Lehre des Laya-Yoga ist es weniger eine Grußgeste als vielmehr eine Geste des Eintritts in eine andere Dimension des Bewusstseins, das heißt in einen Zustand von Präsenz und Gewahrsein.
Diese Geste oder Handlung wird Namaste-Kriya oder Pradhana-Mudra genannt, wenn wir in unserem Körper die Sonnen- und Mondkanäle schließen und danach streben, die Energie in den zentralen Kanal zu lenken. Wir halten die zusammengelegten Handflächen auf Herzhöhe (Anahata-Chakra), das heißt an der Stelle, wo unsere wesentliche Natur lokalisiert ist. Wenn wir das Pradhana-Mudra ausführen, treten wir in einen Zustand des Gewahrseins ein und versuchen gleichzeitig, uns zu entspannen, uns loszulassen und uns auf unseren feinstofflichen Körper einzustimmen, gleichsam eine Verbindung mit dem Kanal der Buddhi oder des Kausalkörpers herzustellen. Wenn wir alles richtig machen, geschieht in diesem Moment eine Verbindung mit diesem Kanal, eine Aktivierung, und wir treten gerade dank dieser Handlung in eine andere Dimension des Gewahrseins ein. „Kriya“ bedeutet reinigende Handlung.
Auf diese Weise beginnen wir unsere Übung damit, dass wir aus dem unbewussten Zustand oder der karmischen Sicht (Samsara) heraustreten und in eine andere Dimension eintreten, die mit dem Eintauchen in den Kanal der Buddhi verbunden ist, das heißt in den Kanal unseres Kausalkörpers. Das heißt, wir versuchen, die Welt mit den Augen der Kontemplation zu betrachten. Und in dieser Zeit rezitieren wir auch das Mantra Om.

Das Mantra Om als ursprüngliche Schwingung
Das Mantra Om (AUM) ist die ursprüngliche Schwingung, die die klangliche Manifestation oder das klangliche Analogon des Absoluten ist. Sein erster Laut (A) ist mit der Erschaffung des Universums verbunden, der zweite Laut (O) ist mit der Aufrechterhaltung der Prozesse im Universum verbunden, der dritte Laut (M) ist mit der Auflösung oder Zerstörung des Universums verbunden.
Die Lehre des Sphota-vada (die Lehre von den Schwingungen, die der tantrischen Tradition eigen ist) besagt, dass die ganze Welt nicht aus grober Materie besteht, sondern aus Schwingung unterschiedlicher Dichte. Das, was uns als grobe Materie erscheint, ist in Wirklichkeit Schwingung unterschiedlicher Frequenz. Diese Schwingung ist der Klangschwingung verwandt, und Klang heißt auf Sanskrit „sphota“, daher wird diese tantrische Lehre Sphota-vada genannt. Und wenn wir das Mantra Om rezitieren, kann man sagen, dass wir den ursprünglichen Klang des Absoluten wiedergeben, der mit den Aspekten der Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung des Universums verbunden ist. Zumindest sollten wir das verstehen, wenn wir eine so elementare Handlung ausführen: Begrüßung, Om und Namaste. Doch die Praxis von Om ist in Wirklichkeit weitaus komplexer.
Guru-Yoga und der Zufluchtsbaum
Während des Rezitierens von Om führen wir Guru-Yoga aus. Was bedeutet das? Wir visualisieren im Zentrum der Brust die Silbe Om in einem fünffarbigen Regenbogenglanz, das heißt, die Silbe Om symbolisiert unser grenzenloses Potenzial, und der fünffarbige Regenbogenglanz symbolisiert die fünf ursprünglichen Elemente, die aus diesem Potenzial hervorgehen. Man kann sagen, dass die Silbe Om das schöpferische Tattva ist, und der Regenbogenglanz um sie herum die fünf ursprünglichen Energien darstellt, die unser Universum erschaffen.
Wenn wir Om zum ersten Mal singen, visualisieren wir im Zentrum der Brust das Zeichen Om in Regenbogenglanz. Wenn wir Om zum zweiten Mal singen, stellen wir uns direkt vor uns vor, wie das von diesem Regenbogenglanz ausstrahlende Licht den sogenannten Zufluchtsbaum manifestiert. Der Zufluchtsbaum ist die Übertragungslinie der Heiligen und Siddhas, mit denen wir eine Verbindung herstellen. Mit anderen Worten: Wenn wir jedes Mal vor einer Vorlesung Namaste und Om wirklich ausführen, ist das Guru-Yoga.
Guru-Yoga ist eine sehr wichtige Praxis, die alle Prozesse der Lehre des Laya-Yoga durchdringt. Das heißt, Guru-Yoga ist die Herstellung einer spirituellen Verbindung mit den Heiligen und Siddhas durch den spirituellen Lehrer, die Herstellung einer Verbindung mit der Linie der Zuflucht und letztlich mit den Göttern und dem Absoluten selbst. Man kann sagen, dass Guru-Yoga etwas Ähnliches ist wie die Aktivierung von Diensten auf einem Mobiltelefon und im Internet. Um irgendwelche Dienste zu erhalten, müssen Sie einen PIN-Code eingeben, das heißt auf diese Weise erklären, dass Ihre Karte aktiviert werden soll; wenn Sie dies nicht erklären (den PIN-Code nicht eingeben), erhalten Sie keinen Zugang zu diesen Diensten. Etwas Ähnliches, nur auf einer viel subtileren Ebene, geschieht, wenn wir die Praxis des Guru-Yoga ausführen. Dank der Visualisierung und des Rezitierens des Mantras Om aktivieren wir die subtile Weisheit der Heiligen, Rishis und Mahasiddhas, die sich in einer anderen Dimension befinden; wir verbinden uns mit dem Zufluchtsbaum.
Der Zufluchtsbaum ist eine ganze Kohorte von Heiligen, Siddhas, Göttern und Rishis, die die Begründer und Schutzherren unserer Lehre sind. Die uns am nächsten stehenden unter ihnen sind Achintya Baba, die Siddhas Gorakshanath und Matsyendranath, der Rishi Tirumular, der heilige Siddha Dattatreya, der Gott Indra, die Brahma-Götter aus dem Geschlecht Sarasvati, der Gott Brahma des Unendlichen Lichts, die sieben heiligen Rishis (eine andere Bezeichnung ist Saptarishi), die gewöhnlich mit den sieben Sternen des Großen Wagens identifiziert werden (Jamadagni, Vishvamitra, Atri und andere).
Wenn wir den Zufluchtsbaum visualisieren und Om zum ersten Mal aussprechen, stellen wir uns Om im Zentrum der Brust vor; beim zweiten Mal stellen wir uns vor, wie auf unserer visuellen Schnittstelle der Zufluchtsbaum sichtbar erscheint und uns einen erleuchtenden Impuls sendet, einen Lichtstrom, der in unser Anahata-Chakra eintritt, wo sich Om befindet. Schließlich, wenn wir Om zum dritten Mal singen, löst sich all dies auf, und unser Körper taucht in Licht ein und wird von ihm durchdrungen. Eine solche recht komplexe Praxis wird jedes Mal ausgeführt, wenn wir einfach die Hände zusammenlegen und Om singen. Das heißt, wir treten in die Kontemplation ein und führen Guru-Yoga aus. Wenn wir diese Handlungen ausführen, müssen wir uns bewusst sein, warum wir sie ausführen, was ihr Ergebnis ist und wie man sie richtig ausführt.

Die Übertragung des Guru-Yoga mit Om ist eine gesonderte Übertragung; wenn Zeit bleibt, werde ich ausführlich darüber sprechen. Es ist eine wichtige Praxis, die ich den Schülern, die die Lehre des Laya-Yoga praktizieren, empfehle, stets auszuführen. Da das Thema jedoch etwas anders ist, haben wir dies nur kurz erwähnt.
Wenn wir das Mantra Om gesungen haben und in die kontemplative Präsenz eingetreten sind, haben wir uns mit dem Zufluchtsbaum der Heiligen verbunden, das heißt, wir haben einen feinstofflichen, man kann sagen energetischen (wellenartigen) Kontakt mit den Schutzherren unserer Übertragungslinie hergestellt: mit Saraha, Matsyendranath, Gorakshanath, Ramalinga, Dattatreya, den sieben Rishis. Selbst wenn wir nicht ganz verstehen, was dieser energetische Kontakt bedeutet, wird dies dennoch dank der Verbindung mit dem spirituellen Lehrer und der Sangha, dank der Arbeit mit der Übertragungslinie, mit der Zeit klarer.
Wenn ein solcher Kontakt stattfindet, nennt man dies Guru-Yoga, das heißt, wir treten in einen bestimmten energetisch-informativen Kontakt ein und beginnen, Segen aus anderen Dimensionen zu empfangen. Solange es ein solches Guru-Yoga nicht gibt, werden wir weiterhin durch unsere eigene egozentrische Sichtweise begrenzt bleiben, selbst wenn wir Vorträge hören und irgendwelche Techniken ausführen. Deshalb ist in der Anuttara-Tantra die spirituelle Praxis sehr eng mit dem Guru-Yoga verbunden.
Guru-Yoga bedeutet im absoluten Sinn die Öffnung des eigenen natürlichen Zustands. Da unser natürlicher Zustand jedoch durch Schleier von Verblendungen, mentalen Prägungen und Karma blockiert ist, führen wir zunächst Guru-Yoga mit irgendwelchen leichter zugänglichen äußeren Objekten aus. Das heißt, wir stellen uns alle Heiligen, Siddhas, unseren unmittelbaren Lehrer, also den Meister der Übertragungslinie, von dem ihr die Lehre empfangt, als etwas Einheitliches und Ganzheitliches vor. Dadurch treten wir in die kontemplative Präsenz und in den Kontakt mit unserem wahren „Ich“ ein. Im Kontext des Guru-Yoga kann man sagen, dass Heilige oder der spirituelle Lehrer, wenn man es in verständlicher technischer Sprache ausdrückt, eine Art Resonanzmodule sind, mithilfe derer wir einen energetischen und wellenförmigen Kontakt zu höheren Dimensionen unseres Bewusstseins herstellen.

Eigenschaften des Praktizierenden
Welche Eigenschaften sollte also ein Schüler besitzen, der danach strebt, in der Tradition der Laya-Yoga-Lehre zu praktizieren und zu lernen? Traditionell werden solche Eigenschaften in zahlreichen Texten beschrieben. Zum Beispiel beschreibt Shri Shankaracharya die Eigenschaften eines Schülers in seinen Texten wie „Atma Bodha“, „Viveka Chudamani“, „Aparoksha Anubhuti“. Für uns ist Shankara die größte Autorität, da wir der Advaita-Tradition folgen. Für die vedische Philosophie und insbesondere für die Advaita-Lehre ist Shankara eine ebenso große Autorität wie Buddha für die Buddhisten oder Christus für die Christen.
Shankara sagt also, dass ein Schüler bestimmte Eigenschaften besitzen muss, bevor er eine Lehre wie Laya-Yoga oder Anuttara-Tantra praktiziert. Oft stellt ein Mensch, der versucht, eine erhabene Lehre anzuwenden, nach Jahren fest, dass ihm etwas nicht gelingt. Dann muss er sich selbst erneut überprüfen und die fehlenden Eigenschaften entwickeln. Daher ist es von Anfang an sehr wichtig zu verstehen, welche Eigenschaften man in sich entwickeln muss.
Wenn wir in Fantasien verweilen und unsere Eigenschaften, unser spirituelles Niveau, nicht ganz angemessen einschätzen und es stark überschätzen, besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass wir aus der Lehre nicht den Nutzen ziehen können, der von den Heiligen, Siddhas oder heiligen Texten versprochen wurde. Das heißt, es ist sehr wichtig, die eigene Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse zu bestimmen. Zum Beispiel gibt es die Klasse Divya (der Göttlichen), die Klasse Vira (der spirituellen Helden), die Klasse Pashu (der Gebundenen, Begrenzten). Natürlich möchte sich niemand den Gebundenen zurechnen, jeder möchte sich als Yogi einer höheren Klasse positionieren. Aber daran ist nichts Erniedrigendes. Man muss die eigenen gegenwärtigen Eigenschaften nüchtern betrachten, um mit ihnen zu arbeiten, denn wenn ihr euch von Anfang an als göttlich positioniert, dann braucht man euch auch nicht zu unterrichten, da derjenige, der göttliche Eigenschaften besitzt, bereits keine Befreiung mehr benötigt, da er Ramalinga oder Ramana Maharshi gleicht. Wenn wir unsere Eigenschaften jedoch nüchtern einschätzen und wissen, woran wir arbeiten müssen, haben wir die Möglichkeit, unser Potenzial zu erwecken.
Die vier grundlegenden Eigenschaften nach Shankara
Welche Eigenschaften beschreibt Shankara also? Er sagt, dass diese Eigenschaften folgende sind:
1. Viveka — die Fähigkeit, zwischen Wahrheit und Nicht-Wahrheit zu unterscheiden.
2. Vairagya — Leidenschaftslosigkeit, Losgelöstheit.
3. Mumuksha — das Streben nach Befreiung.
Es wird vorausgesetzt, dass ihr, nachdem ihr hierhergekommen seid, nach Befreiung von euren Begrenzungen und nach dem Erreichen der Erleuchtung strebt. Aber wie sehr strebt ihr tatsächlich danach? Wie weit kann euer Streben gehen? Wenn ihr versucht, euer Streben zu prüfen, werdet ihr sehen, dass es sich bei jedem auf seine eigene Weise zeigt. Könnt ihr zum Beispiel eurem Streben nach Befreiung erlauben, so weit zu gehen wie bei Milarepa?
4. Shat-Sampat — das heißt die sechs tugendhaften Eigenschaften. Man kann sagen, dies ist eine sechsfache Eigenschaft.
Das ist die Ruhe des Geistes, das heißt Selbstbeherrschung, Selbstkontrolle, Kontrolle über die Gefühle. Wenn Sie keine Selbstbeherrschung und keine Kontrolle über die Gefühle haben, wenn man Sie leicht aus der Fassung bringen kann, indem man Sie zu Zorn, Gereiztheit und anderen Gefühlen provoziert, kann man dann etwa sagen, dass Sie ein Yogi sind, dass Sie hohe Lehren praktizieren? Wenn sich so etwas bei Ihnen zeigt, dann kann ich Folgendes sagen: Beschäftigen Sie sich vorerst besser nicht mit der Praxis, sondern konzentrieren Sie sich darauf, in sich Selbstbeherrschung und Selbstkontrolle zu entwickeln. Wenn Sie viel meditieren, Techniken praktizieren, Retreats durchlaufen, werden Sie in solche Bereiche des Unterbewusstseins eintreten, in denen Ihnen diese Kontrolle und Selbstbeherrschung genommen werden, wo Sie Geistern, Göttern begegnen werden, das heißt solchen unglaublichen und Sie übersteigenden Kräften, dass Sie sich nicht mehr kontrollieren können. Yoga ist nicht für Schwache, der spirituelle Weg ist nicht für diejenigen, die sich leicht verwirren oder erschüttern lassen; daher ist es notwendig, einige Zeit der Entwicklung dieser Eigenschaften zu widmen.
5. Titiksha — Geistesstärke.
Geistesstärke zeigt sich darin, dass wir eine große Hingabe an den von uns gewählten Weg besitzen und persönliche Verantwortung für unsere Entscheidung tragen müssen. Wenn ich spirituelle Sucher betrachte, staune ich manchmal nur und denke: „Revolutionäre konnten zum Beispiel für ihre Idee ins Gefängnis gehen, in die Verbannung nach Sibirien fahren.“ Wir müssen natürlich nicht denken, dass wir ebenfalls für unsere Überzeugungen ins Gefängnis gehen könnten, um solche Samskaras nicht zu erschaffen. Dennoch spiegelt dieses Beispiel ihre unglaubliche Geistesstärke und Hingabe an die Idee wider. Tatsächlich ist ein Mensch bereit, für irgendwelche sozialen Reformen sein Leben zu geben. So stark glaubt er an seine Idee.
Bei Menschen jedoch, die sich mit spiritueller Praxis beschäftigen, ist eine solche Geistesstärke leider oft nicht zu beobachten. Doch wenn Sie nicht über eine solche Geistesstärke verfügen können, ist es unmöglich, die Lehre in ausreichendem Maße zu verwirklichen. Geistesstärke ist eine sehr wichtige Voraussetzung, wenn Sie dem spirituellen Weg folgen. Selbstverständlich müssen Sie, wenn Sie Yoga praktizieren, nicht nach Sibirien fahren oder Entbehrungen erdulden, da es selbst im Alltagsleben genug Entbehrungen oder Einschränkungen gibt. Es reicht aus, Geistesstärke zu haben, um denjenigen zu lieben, der einen reizt, keine Gereiztheit oder keinen Zorn zu zeigen, beharrlich seine tägliche Morgenpraxis auszuüben. Selbst für solche kleinen Dinge ist eine gewisse Geistesstärke nötig, um inneren Versuchungen, weltlichen Wünschen und irgendwelchen egozentrischen Tendenzen zu widerstehen.
6. Shraddha — das ist Glaube.
Man kann sagen, dass es Offenheit und Vertrauen ist. Wenn Sie innerlich blockiert sind, hartnäckig an etwas Eigenem festhalten, nicht positiv eingestellt und offen sein wollen, um zuzuhören und sich zu integrieren, wenn Sie die Lehre nur mit halbem Ohr hören, sie filtern und das verwerfen, was Ihren Vorstellungen nicht entspricht, wird Ihnen die Lehre natürlich nicht helfen. Wenn wir etwas folgen, müssen wir ihm unbedingt vertrauen und maximale Offenheit zeigen. Man kann sagen, dass dies sogar eine gewisse Verletzlichkeit ist (im guten Sinne des Wortes), wenn wir unseren inneren Schutz ablegen. Ähnlich wie es bei einer Beichte oder bei einem Arztbesuch geschieht, öffnen wir gleichsam etwas in uns und zeigen dabei unser wahres „Ich“ und nicht irgendein soziales Bild, ein schönes „lackiertes“ Image. Das heißt, wir verteidigen uns nicht und verfallen nicht in falschen Stolz, indem wir uns irgendwie künstlich positionieren.

Ein Mensch kam einmal zu mir und sagte: „Ich habe Advaita verwirklicht. Ich weiß das alles, alles läuft normal.“ Ich sagte zu ihm: „Ich freue mich sehr für Sie. Entschuldigen Sie, aber ich kann Sie nicht unterrichten, weil ich diejenigen unterrichte, die Advaita nicht verwirklicht haben, sondern versuchen, es zu verwirklichen. Für diejenigen, die es verwirklicht haben, freue ich mich, aber ich denke nicht, dass ich ihnen Ratschläge geben sollte.“ Das heißt, wenn du Advaita verwirklicht hast, ist das dein persönliches Glück, und man kann sich in diesem Fall nur für dich freuen. Ich sagte: „Ich unterrichte keine Lehrer und Heiligen. Ich unterrichte gewöhnliche Menschen, die ihre Begrenzungen haben und aufrichtig daran interessiert sind, zu lernen. Und wenn du nicht daran interessiert bist zu lernen, wenn du ein Heiliger bist oder denkst, dass du bereits verwirklicht bist, dann ist das Höchste, was ich tun kann, mich für dich zu freuen. Der Lernprozess jedoch ist etwas anderes: Wir treten in einen bestimmten Kontakt, schätzen unsere wirkliche Lage nüchtern ein, erkennen, dass wir Begrenzungen haben, und versuchen aufrichtig, uns von ihnen zu befreien.“
Eigenschaften eines Schülers
In einer anderen Klassifikation heißt es, dass ein Schüler über Eigenschaften wie Glaube, Eifer, Verständnis, Zusammenarbeit und Achtsamkeit verfügen sollte. Wenn Sie zum Beispiel Glauben haben, durchdringen Sie die Lehre und die Methoden der Praxis und beginnen, mit ihnen zu arbeiten. Wenn Sie Eifer haben, können Sie sie täglich praktizieren, und sie beginnen, Ihnen Ergebnisse zu bringen. Wenn Sie Achtsamkeit haben, wenden Sie alle Anweisungen an, ohne Fehler zu machen. Durch Zusammenarbeit erschließen Sie solche Nuancen der Praxis, die Sie zuvor nicht verstehen konnten. All dies fügt sich zu einem Prozess zusammen, der Schülerschaft oder Lernen genannt wird.
Stellen wir uns also vor, dass diese Eigenschaften in uns entstanden sind, und dann können wir bereits zu irgendwelchen höheren Begriffen übergehen und Übertragungen empfangen.

16 Stadien des Anwachsens des Mondes inneren Gewahrseins
In diesem Seminar plane ich, die Übertragung des Brahma-Mantras zu geben. Dies ist eine sehr wichtige Praxis, die mit der Meditation über Brahman verbunden ist. Außerdem beabsichtige ich, eine Lehre zu geben, die „Lehre von den 16 Stadien der Kontemplation“ oder „Lehre von den 16 Kalas“ genannt wird.
Wenn man vom Ziel der spirituellen Praxis spricht, dann ist das Ziel der spirituellen Praxis das Erlangen der Befreiung von den eigenen Begrenzungen, das Erlangen vollständiger Freiheit. Doch wenn wir praktizieren, sollten wir genauere Formulierungen haben und verstehen, was das bedeutet. Wenn wir keine genauen Formulierungen und Kriterien haben, können wir all dies sehr willkürlich auslegen, und deshalb können wir statt Freiheit von Begrenzungen neue Begrenzungen erhalten. Die Lehre von den 16 Stadien der Kontemplation ist, kann man sagen, das Herzstück der Lehre des Laya-Yoga. Diese Lehre ermöglicht es, unseren Fortschritt von ganz am Anfang an nachzuverfolgen. Wenn Sie sie sich merken, wird Ihnen die gesamte Logik des spirituellen Lebens wie auf der Hand offenliegen.
Die erste Stufe — Übertragung
Die erste Stufe besteht darin, dass wir, wenn wir Begrenzungen erfahren, gleichzeitig unser unendliches Potenzial spüren. Doch weil wir begrenzt sind, erleben wir Leiden. Warum existieren Begrenzungen? Weil wir leider in jener Realität leben, die nicht von unserem Bewusstsein gesteuert wird. Zum Beispiel sind wir sterblich, frieren vor Kälte, werden krank, können nicht wie Götter Geschlecht und Form unseres Körpers verändern, sind durch physikalische Gesetze und Konstanten begrenzt. Wir können gegenüber der Realität nicht als Operatoren auftreten, weil die Gesetze dieser Welt (Temperatur, Klima, Druck, Gravitation, Biochemie des Körpers) uns nicht gehorchen. Wir altern entgegen unserem Wunsch. Es ist noch nie vorgekommen, dass ein Tag oder ein Jahr vergangen ist, wir zum Spiegel gegangen sind und gesehen haben, dass wir noch besser aussehen! Leider geschieht alles umgekehrt und nicht nach unserem Wunsch. Dies ist ein Zeugnis dafür, dass dieses Universum nicht von uns und nicht für uns geschaffen wurde. In diesem Universum sind wir keine Operatoren, sondern, kann man sagen, passive Empfänger von Dienstleistungen. Es ist ähnlich, als wären Sie an einen Dienst angeschlossen worden, der „Leben“ genannt wird, doch nach einiger Zeit kann man ihn auch abschalten, ohne Sie zu fragen. Das heißt, wir haben dieses globale Netz, dieses globale Universum, nicht erschaffen.
Wenn wir das verstehen, dann erkennen wir unsere Begrenzungen, in uns entsteht Leiden und der Wunsch, diese Begrenzungen zu überwinden. Wir sind nicht unsterblich wie Götter, durch die Kraft unserer Absicht können wir leider die Realität nicht verändern. All dies zeigt, dass wir uns in irgendeinem Realitätstunnel befinden, der sich unserer Kontrolle entzieht. Wir sehen weder die Vergangenheit noch die Zukunft, wenn wir keine großen Hellseher sind, wir können keine Varianten der Vergangenheit oder der Zukunft wählen oder sie modellieren. Man kann sagen, dass wir uns in einem engen, begrenzten Realitätstunnel befinden, der uns sehr wenig Wahl lässt. Und einen solchen Zustand nennt man „Verweilen in unreiner karmischer Sicht (Samsara)“. Wir sind dem Kreislauf von Geburt und Tod unterworfen. Wenn wir beginnen, all dies wenigstens ein wenig zu erkennen, beginnt in uns die Suche, wir suchen nach einer Möglichkeit, die entsprechende Lage zu verändern. Und dann begegnen wir einem spirituellen Meister, der Lehre und treten in den Prozess der Übertragung ein.
Die erste Stufe des Studiums der Lehre von den 16 Stadien der Kontemplation ist die „Übertragung“, wenn wir den „Geschmack“ des ursprünglichen Zustands empfangen, das heißt, wenn wir ein gewisses Potenzial eröffnen, um weiter damit zu arbeiten. Und diesen Zustand vergleicht man mit der Empfängnis. Mit anderen Worten: Wenn in Ihnen eine gewisse subtile Erfahrung nichtkonzeptuellen Gewahrseins entsteht und Sie ein wenig klären, was es bedeutet, in Kontemplation zu sein, bedeutet dies, dass in Ihrem Inneren etwas empfangen wird. Zum Beispiel üben Sie Konzentration und Meditation, dann erhalten Sie die Übertragung in Shambhavi-Mudra, und in Ihnen entsteht nichtkonzeptuelles Gewahrsein. Und sobald Sie dieses nichtkonzeptuelle Gewahrsein ein wenig gespürt haben und Ihr Bewusstsein sich erweitert hat, kann man sagen, dass Sie sich der ersten Stufe genähert haben. Das ist die Stufe der Empfängnis. Das heißt, Ihr zukünftiges Kind hat in Ihnen die Empfängnis erhalten.

Zweite Stufe — das Austragen
Die zweite Stufe ist das „Austragen“. Selbst wenn ihr die Übertragung in die nichtkonzeptuelle Gewahrheit erhalten habt und euch etwas zu gelingen begonnen hat, bedeutet das, dass ihr nun damit arbeiten müsst; ihr müsst diesen Zustand ebenso behutsam austragen, wie eine Mutter ein Kind umsorgt, und ihm erlauben, sich zu vertiefen. Ihr müsst ihn vollständig klären — ob er so ist oder nicht so. Dies wird auch Manana genannt, das heißt Klärung.

Dritte Stufe — die Geburt
Die dritte Stufe ist die „Geburt“. Zum Beispiel habt ihr auf einem der Retreats eine Übertragung erhalten, und etwa zwei Jahre lang fand in euch spirituelle Arbeit statt, ihr habt Meditationen und grundlegende Praktiken ausgeführt. In euch entstand ein gewisser „Geschmack“ von Achtsamkeit und nichtkonzeptueller Gewahrheit, und ihr habt versucht, beständig daran festzuhalten, das heißt, ihr habt mit irgendeiner Sankalpa gearbeitet und diesen Zustand über mehrere Jahre hinweg ausgetragen. Dann tritt eine bestimmte kritische Schwelle ein, an der ihr auf eine qualitativ neue Ebene übergeht. Klack! Ein Aufblitzen! In euch geschieht eine Erleuchtung, eine umfassende Erweiterung des Bewusstseins. Dies weist darauf hin, dass ihr zur dritten Stufe übergegangen seid, die Geburt genannt wird. Es ist so, als ob man euch an das globale universelle Netz angeschlossen hätte, ihr euch mit der Höchsten Quelle wiedervereint hättet, die echte Erfahrung des Höchsten, eures absoluten „Ich“, erlangt hättet. Der Buddhi-Kanal hat sich geöffnet, ihr habt das Signal aufgefangen, das euch euer Kausalkörper gesandt hat.
Unser höheres „Ich“, der Kausalkörper und der Atman (auf Sanskrit — Karana-Sharira, Kausalkörper) existieren immer. Man kann sagen, dass dies Gott in uns ist. Er existiert ebenso wie Herz, Leber, Milz, ob wir es wollen oder nicht. Jeder von uns ist seinem inneren Potenzial nach grenzenlos und absolut. Doch weil das Bewusstsein grob ist, hält es sich nicht auf hohen Schwingungen; wir nehmen es einfach nicht wahr und leben daher in unserer begrenzten karmischen Sichtweise.
Ich habe gelesen, dass einige Wissenschaftler begonnen haben, die Ausstrahlungsfrequenzen des Bewusstseins zu messen. Sie kamen ungefähr zu einem solchen erstaunlichen Schluss: Gewöhnliche Menschen strahlen Frequenzen von 200–400 Hz aus. Ich kenne mich mit diesen Einheiten nicht besonders gut aus, aber ungefähr so. Weiter sagten sie, dass Menschen, die mit parapsychologischen Eigenschaften ausgestattet sind, Medien, ungefähr auf einer Frequenz von 800 Hz ausstrahlen. Schließlich strahlen Heilige, die Verwirklichung erlangt haben, auf erstaunlichen Frequenzen aus, die ungefähr 20 000 Hz entsprechen. Die Schwingungsfrequenz der subtilen Körper unterscheidet sich sehr stark von der Frequenz gewöhnlicher Menschen. Man kann sagen, dass in Kontakt mit der ursprünglichen Quelle zu treten und den Buddhi-Kanal zu öffnen bedeutet, sein Bewusstsein auf eine höhere Schwingungsfrequenz zu übertragen.
Die Lehre von den Schwingungen ist keine neuartige Erfindung des zwanzigsten Jahrhunderts. In der vedischen Zivilisation war die Lehre von den Schwingungen bereits vor vielen Tausend Jahren bekannt und in alten Texten in Form eines ganzen philosophischen Systems beschrieben, das Sphota-vada genannt wird. Es gibt recht viele Texte zu diesem Thema. Sphota-vada besagt, dass alles in der Welt, einschließlich materieller Dinge, aus Energie besteht, und Energie ist nichts anderes als Schwingung verschiedener Frequenz. Und Heilige sind diejenigen, die in den höchsten Schwingungen, auf den höchsten Frequenzen des Bewusstseins gefestigt sind. Diejenigen hingegen, deren Geist getrübt ist, sind in niedrigeren Frequenzschwingungen gefestigt. Und die Stufe der Geburt ist die Stufe, in der wir unser Bewusstsein schließlich auf sehr hohen Schwingungen verankern. Doch selbst wenn eine solche Geburt stattgefunden hat und wir eine starke Erweiterung des Bewusstseins erlebt haben, bedeutet das noch nicht, dass wir Befreiung erlangt haben. Man kann dies als Aufblitzen eines flüchtigen Samadhi bezeichnen. Es ist identisch mit dem, was im Zen Satori genannt wird. Ein solches Aufblitzen spaltet für eine gewisse Zeit den Kokon der individuellen Wahrnehmung. Dennoch sind unser Karma und unser Ego stark genug, sodass ein einziges Aufblitzen eines solchen Zustands in uns nicht wirklich irgendeine globale Transformation vollbringen kann. Und genau damit müssen wir weiterarbeiten.

Vierte Stufe — die Pflege
Die vierte Stufe betrifft gerade das Aufrechterhalten dieses Verbindungskanals zur Höchsten Quelle. Sie wird „Pflege“ genannt. Die Pflege besteht darin, dass wir die „große Entscheidung“ treffen.
In der Lehre des Laya-Yoga gibt es einen Begriff, der „die große Entscheidung treffen“ genannt wird. Nachdem wir mit der Höchsten Quelle in Kontakt getreten sind, „treffen wir die große Entscheidung“, ununterbrochen in der Kontemplation zu verweilen. Man kann sagen, dass sich das ganze Leben eines Yogins in zwei Teile gliedert: vor dem „Treffen der großen Entscheidung“ und danach. Vor dem „Treffen der großen Entscheidung“ waren wir gewissermaßen ein gewöhnlicher Mensch, hielten uns für den Handelnden; für uns war die Welt real, wir schmiedeten Pläne, klammerten uns an sie und strebten nach ihrer Verwirklichung. Doch wenn wir die Geburt erfahren und den Kanal unseres höheren „Selbst“ geöffnet haben, verändert sich alles: Wir sehen, dass alles Illusion ist, dass die Welt aus Schwingungen besteht, dass es weder Schlechtes noch Gutes gibt. Es gibt nichts absolut Schlechtes — schlecht erscheint nur das, was uns nicht gefällt. Es gibt nichts absolut Gutes — gut erscheint nur das, was uns gefällt. Die Welt zeigt sich als ein grundloses, spontanes, ewiges Spiel der Energie. Es gibt kein Festhalten an unserem eigenen individuellen „Ich“, keine Hoffnungen, Ängste oder Anhaftungen. Stattdessen erscheint uns die Welt in der sakralen Schau als heilig. Sie ist leer, doch zugleich manifestieren sich in ihr alle Energien. Man kann sagen, dass die Öffnung eines solchen Kanals uns unmittelbar das Wesen der Lehre des Advaita-Vedanta zeigt.

Gemäß der Lehre des Advaita-Vedanta ist die ganze Welt nichts anderes als Illusion; wir sind in Wirklichkeit nicht wir, sondern das Absolute, Brahman; andere Menschen sind nicht andere Menschen, sondern seine illusorischen Energien. Aus der Sicht des Advaita-Vedanta existiert das Gesetz des Karma, das Gesetz von Ursache und Wirkung, nicht, das heißt, diese Gesetze existieren, aber nur auf einer niedrigeren Ebene. Aus der Sicht des Advaita-Vedanta ist jede Manifestation eine Manifestation des Absoluten, Brahmans. Wenn man zum Beispiel aus der Sicht des Advaita spricht, dann bin ich, ebenso wie Sie, in Wirklichkeit nicht in diesen Saal gekommen, und dies ist kein Seminar. Sie sind das Absolute, und ich bin das Absolute, und dies ist kein Seminar, sondern ein Spiel des Absoluten, in dem es die Rolle des Lehrers, des Schülers und des Lernprozesses annimmt. Das heißt, es ist Lila, das göttliche Spiel, in dessen Verlauf das Absolute mit sich selbst spielt und sich selbst erleuchtet. Aus der Sicht des Advaita-Vedanta gibt es kein Subjekt, es gibt kein Objekt. Die scheinbare Welt sichtbarer Formen ist nicht mehr als ein Traum.
Daher gibt es im Advaita-Vedanta verschiedene Aussagen (Mahavakyas), die dies beschreiben. Eine dieser Mahavakyas lautet zum Beispiel:
„Aham Brahmasmi“ — „Ich bin Gott“, „Ich bin der Höchste“, „Ich bin das Absolute“.
Eine andere lautet:
„Prajnanam Brahma“ — „Reines Gewahrsein ist das Absolute“, „Reine kontemplative Präsenz ist Gott“.
Die dritte lautet:
„Tat Tvam Asi“ — „Du bist Das“ — das bedeutet, dass jeder Gegenstand (jedes Objekt) absolut ist.
Wenn wir zur dritten Stufe übergehen, erwachen wir zum Verständnis des Advaita. Wir sehen, dass nichts getrennt, für sich allein existiert, sondern dass alles in dieser Welt Teil von etwas Globalem, Einem, Ganzem ist. Im Großen und Ganzen gibt es weder Götter noch Menschen, weder Höllen noch Paradiese. Im relativen Sinne existieren sie natürlich, aber wir sprechen jetzt von der Anschauung. Das heißt, aus absoluter Sicht existieren sie nicht, sie existieren nur aus relativer Sicht. Sowohl Götter als auch Dämonen sind das Spiel eines einzigen Brahman. Höllen und Paradiese sind einfach verschiedene Energien (friedvolle und zornvolle) einer einzigen Sphäre. Es gibt kein Subjekt, es gibt kein Objekt, denn in Brahman gibt es keine Dualität.
Man kann sagen, dass wir uns irren, wenn wir auf die Welt blicken; wir interpretieren die Realität falsch. So wie ein Seil in der Dunkelheit als Schlange erscheint, so irren auch wir, indem wir die Realität falsch interpretieren: Das, was Brahman ist, halten wir für weltlich, materiell, real; das, was Spiel, Energie Brahmans, Göttliches Spiel, Lila ist, halten wir für komplexe Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge; uns selbst, die Verkörperung Brahmans, halten wir für eine individuelle, getrennte Persönlichkeit.
Shankara sagt in seinen Texten „Aparoksha Anubhuti“, „Atma Bodha“, „Viveka Chudamani“, „Brahmanu Chintanam“: „Mensch, erwache! In Wirklichkeit existiert nichts außer Brahman. Du irrst dich, du interpretierst die Sinnesdaten falsch. Du hältst dich für eine getrennte Persönlichkeit, du trennst dich von dieser Welt.“ Und das ist tatsächlich so. In der unreinen karmischen Sichtweise des Samsara ist der Lieblingstrick unseres falschen Egos, unseres „Ich“, sich selbst zu etwas getrennt Existierendem, Realem zu erklären und die Welt zu einem Haufen vereinzelter Objekte zu erklären und mit ihnen irgendwelche äußeren dualistischen Beziehungen herzustellen. All dies nennt man Dualität, die zu Leiden, Geburt und Tod führt. Doch auf der dritten Stufe, wenn der Buddhi-Kanal sich öffnet, wird diese Dualität überwunden, und wir treten in die Dimensionen der Advaita ein — nicht dank der Philosophie, nicht dank konzeptueller Überlegungen des Geistes, sondern dank der eigenen lebendigen Erfahrung. Diese eigene lebendige Erfahrung wird Shunyata-Mahasiddha oder Pratyaksha-Advaita genannt.
Im Unterschied zur Advaita, die sich der Philosophie, des Konzepts bedient, sagen wir, dass unsere Schule eine Advaita ist, die auf direkter Erfahrung, auf mystischer Erfahrung beruht. Mit anderen Worten: Selbst wenn Sie in den Texten Shankaras nicht sehr bewandert sind, aber eine Übertragung von einem spirituellen Lehrer erhalten und mit der Technik gearbeitet haben, können Sie dank Ihrer eigenen mystischen Erfahrung eine lebendige Erfahrung dessen erlangen, worüber Shankara schreibt. Und all dies geschieht genau auf der dritten Stufe. Man kann sagen, dass der Mensch auf der dritten Stufe eine Mini-Erleuchtung erfährt, infolge derer sich seine Sicht der Welt radikal verändert.
Zum Beispiel kann ich sagen, dass ich die Welt als Manifestation meines eigenen Bewusstseins betrachte. Ich trenne die Welt nicht von mir selbst. Wenn irgendetwas geschieht, halte ich es nicht für von mir selbst getrennt. Ich habe keine großen Ziele oder Pläne für morgen, für die Zukunft. All diese Ziele sind spielerisch. Ebenso ist es mir nicht eigen, an der Vergangenheit festzuhalten: Ich führe keine Tagebücher, analysiere die Vergangenheit nicht, erlebe keine unterbewussten Komplexe, die überhaupt mit irgendetwas in Bezug auf die Vergangenheit verbunden wären. Ich sehe, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein ganzheitlicher Prozess der Zeit sind, der in meinem Bewusstsein gleichzeitig oder in einem einzigen Moment geschieht. Mein inneres Leben trenne ich nicht vom äußeren Raum. Und wenn ich „ich“ sage, dann ist das eine sehr unzureichende Definition meiner selbst, die nur deshalb verwendet wird, weil die Kommunikation es erfordert. In Wirklichkeit spreche ich von mir als „Nicht-Ich“, denn wenn man „ich“ sagt, wer ist dann dieses „Ich“ wirklich? Ich betrachte mich als Raum; mehr noch, ich glaube nicht einfach daran und meine nicht nur, dass es so ist, sondern ich weiß es. Deshalb ist es nicht so leicht, mich zu verwirren oder in irgendein Erleben hineinzuführen.
Dies sage ich nicht, um zu erzählen, was für ein interessanter Mensch ich bin, sondern um zu zeigen, dass jeder von Ihnen dies erfahren kann, wenn Sie spirituelle Praxis ausüben. Das Gefühl meiner Persönlichkeit hat eine gewisse Transformation durchlaufen und sich aufgelöst, deshalb verbinde ich das „Ich“ nicht sehr stark mit diesem Bild, der Persönlichkeit, den Etiketten. Vielmehr ist mit „Ich“ ein globales universelles Bewusstsein gemeint, das auch Ihnen eigen ist, das sich in Ihnen befindet. Darin liegt kein persönliches Verdienst und kein Stolz meinerseits. Dieses universelle Bewusstsein ist auch in Ihnen gegenwärtig, Sie haben auf es dasselbe volle und absolute Recht. Ungefähr auf diese Weise erkennen Sie sich auf der dritten Stufe, die Geburt genannt wird.
Geburt bedeutet, dass dieser Zustand geboren wurde, das heißt aus Ihnen hervorgetreten und manifest geworden ist. Früher war er unsichtbar und unverständlich, nun aber hat er sich manifestiert. Doch das bedeutet nicht, dass wir uns auf dieser Stufe beruhigen, uns gratulieren und denken sollten: „Nun gut! Damit ist mein spirituelles Leben beendet.“ Man kann sagen, dass dies erst der Anfang ist, denn anschließend müssen wir mit diesem Zustand arbeiten, wir müssen ihn heranwachsen lassen und hegen. Das heißt, wir müssen uns bemühen, ihn ununterbrochen aufrechtzuerhalten, ohne uns ablenken zu lassen. Und wenn wir es versuchen, werden wir sehen, wie schwierig diese Aufgabe ist. Es ist eine Sache, ihn für einen kurzen Zeitraum zu erfahren, und eine andere, sich morgens, tagsüber, abends, nachts in ihm zu befinden, wenn man arbeitet, geht, isst, schläft.
Die vierte Stufe heißt „Hegen“. So wie man sich um ein neugeborenes Kind gut kümmern muss, so vollziehen wir die innere Alchemie, das innere Tun, indem wir diesen gerade erst geborenen Zustand beobachten. Wir müssen ihn fürsorglich hegen. Gewöhnlich sagt man, dass ein Yogi sich nicht von der Präsenz ablenken lassen soll, wenn er sitzt, liegt oder steht. Nur wenn Sie sich nicht ablenken lassen, hegen Sie ihn; wenn Sie sich aber ablenken lassen, dann hegen Sie ihn natürlich nicht.
Stellen Sie sich vor, man würde ein Kleinkind verlassen, es nicht füttern und es drei Monate lang überhaupt vergessen. Kann man in diesem Fall sagen, dass Sie das Kind hegen? Natürlich nicht. Und stellen Sie sich vor, ein Mensch hat eine solche Erfahrung in einem Retreat erhalten und sie dann vergessen, nachdem er wieder in den Kreis der alltäglichen Sorgen eingetreten ist. Kann man sagen, dass er diese Erfahrung hegt? Wohl kaum. Doch das Wesen der Stufe des Hegens besteht gerade darin, dass wir versuchen, uns jede Sekunde um ihn zu kümmern und für ihn zu arbeiten.
Natürlich ist es zuvor wichtig, vom spirituellen Lehrer eine Bestätigung der Echtheit dieser Erfahrung zu erhalten. Wir müssen klären, dass es genau dieser Zustand ist und dass man mit ihm arbeiten kann, das heißt, dass Ihr Kind normal geboren wurde. Wenn Sie eine solche Bestätigung nicht erhalten, können Sie sich in einem Irrtum befinden und denken: „Oh, ich habe ein so großartiges Licht erlebt, mir sind Geister erschienen! Wahrscheinlich bin ich schon ein Buddha.“ Wenn Sie versuchen, mit diesem Zustand zu arbeiten, und ältere Meister oder Mönche sagen: „Weißt du, meiner Meinung nach stimmt hier etwas nicht“, dann muss man darüber nachdenken. In verschiedenen Traditionen wird der Bestätigung sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt, deshalb müssen Sie sich unbedingt vergewissern, dass es genau jene Erfahrung ist, auf die Sie sich stützen können.
Man kann sogar selbst analysieren, ob dieser Zustand richtig ist oder nicht. Zum Beispiel gibt es ein solches Sprichwort: „Wenn dein Geist unverändert ist (das heißt beständig ist und sich nicht verändert), dann bist du im natürlichen Zustand.“ Was bedeutet „unverändert“? Das bedeutet, dass Ihr Geist weder bei Hitze noch bei Kälte, weder in Freude noch in Kummer, weder in Leiden noch in Genüssen schwankt. Selbst unter den härtesten Umständen bewahren Sie einen normalen, ausgeglichenen Geisteszustand, und in diesem Fall sagt man, dass Sie alles selbstbefreien.
Ein anderes Kriterium: Wenn Sie das Prinzip der nichtkonzeptuellen Gewahrheit verstanden haben, dann können Konzepte und Theorien Sie nicht mehr binden oder ergreifen, das heißt, Sie befinden sich nicht auf der Ebene des Geistes, sondern jenseits des Geistes. Und wenn Gedanken entstehen, erscheinen sie Ihnen nicht als etwas Wirkliches, sondern als eine Art Spiel. Wenn Sie in der Lage sind, Ihre Gedanken in jedem Moment anzuhalten, sie sofort zu vergessen, sich von ihnen zu lösen, dann bedeutet das, dass Sie sich in der nichtkonzeptuellen Gewahrheit ziemlich gut gefestigt haben. Wenn Sie hingegen den Gedanken und ihrem Ausdruck große Bedeutung beimessen und es nicht schaffen, sie selbstzubefreien, dann kann man dies nicht jenen Zustand nennen.
Also beginnt das Hegen genau dann, wenn Sie geklärt haben, dass es genau jener Zustand ist, und Sie nun für ihn sorgen müssen, sehr behutsam jede Sekunde mit ihm leben müssen, um ihn nicht zu verlieren. Das ist so, als würden Sie eine Vase tragen, die bis zum Rand mit Wasser gefüllt ist, weshalb Sie sehr aufmerksam sind. Und wenn ein Mensch praktiziert, kann er Erfahrungen haben oder auch nicht. Aber den Weg der Präsenz zu praktizieren bedeutet nicht, sofort Erfahrungen zu haben. Sie können weder Götter noch Engel sehen. Sie haben vielleicht keine überwältigenden Erfahrungen mit Sternen und Feuerwerken, aber Sie werden einen sehr feinen Zustand haben, als ob eine innere Verschiebung stattgefunden hätte. Das heißt, Sie befinden sich in derselben Welt und im selben Universum, aber alles hat sich ein wenig verändert. Alles ist feiner geworden und ganz anders, innerlicher und bewusster. Selbst eine solche Veränderung verändert alles, weil Sie sich mit nichts mehr identifizieren. Wenn Sie diesen Zustand richtig hegen, werden Sie unbedingt Erfahrungen in Form von Ehrfurcht, Begeisterung, Erweiterung des Bewusstseins und in Form von Zeichen in Träumen haben. Diese Erfahrungen werden unbedingt kommen, aber ein klein wenig später, nicht sofort. Erfahrungen gibt es deshalb nicht, weil wir entweder abgelenkt sind oder nicht das hegen, was notwendig ist, sondern irgendeinen dualistischen Zustand.
Die fünfte Stufe — Erziehung
Schließlich wird die fünfte Stufe „Erziehung“ genannt. Dies ist eine fortgeschrittenere Stufe, wenn wir uns bereits ständig in Präsenz befinden und beginnen, dieser Präsenz den Charakter von Flexibilität zu verleihen. Tatsächlich ist es schon eine große Errungenschaft, auch nur bis zur fünften Stufe zu gelangen, denn es wird vorausgesetzt, dass der Mensch zu diesem Zeitpunkt bereits den Zustand des Sahaja-Samadhi verwirklicht oder fast verwirklicht hat, der oft „Samadhi des fließenden Flusses“ genannt wird. Das bedeutet, dass er flexibel, spontan und natürlich ist. Und man kann sagen, dass die Stufe der Erziehung die Etappe ist, in der wir uns bereits diesem Zustand des „Samadhi des fließenden Flusses“ nähern. Auf dieser Stufe halten wir nicht nur die Achtsamkeit gegenüber der Präsenz aufrecht, sondern versetzen uns in verschiedene Situationen, darunter auch unbequeme, bringen verborgene Karmas zum Vorschein, die unmanifestiert sein konnten, und beobachten, wie gut wir unter diesen Bedingungen die Präsenz halten.
Zu einem Lehrer, der in einem Bergkloster unterrichtete, kam ein älterer Mönch und bat um die Erlaubnis, an einem Retreat teilzunehmen. Der Lehrer fragte ihn:
— Welche Vorzüge besitzt du?
Der Mönch antwortete:
— Ich besitze keine großen Vorzüge, aber ich kann meinen Zorn kontrollieren, ich habe meinen Zorn besiegt.
Der Lehrer sagte:
— Das ist ein großer Vorzug! Du sollst nicht glauben, dass dies eine unbedeutende Errungenschaft ist.
Als der Abend kam, versammelten sich alle Schüler, darunter auch dieser ältere Mönch, um dem Lehrer zuzuhören. Der Lehrer sagte:
— Seid aufmerksam! Bei uns sind hier neue Leute erschienen, deshalb achtet gut auf die Sachen, damit nichts verschwindet.
Dieser Mönch wurde sogar purpurrot vor Wut und fragte:
— Wen haben Sie gemeint? Ich stamme aus einer guten Familie, mir ist nichts vorzuwerfen. Ich halte meine Gelübde ein.
Der Lehrer sagte:
— Siehst du, ich habe das absichtlich gesagt, um den in dir verborgenen Zorn zum Vorschein zu bringen, der immer noch geblieben ist. Du dachtest, du hättest ihn besiegt, doch sobald du in eine ungewöhnliche Situation geraten bist, zeigte sich sofort alles, was in dir verborgen war.
Auf dieselbe Weise kann es, wenn wir auf dieser Stufe denken, wir hätten dank der Entdeckung des natürlichen Zustands all unsere Feinde, alle verborgenen Kleshas, besiegt, ganz anders sein. Und die Erziehung der kontemplativen Präsenz ist genau eine solche Praxis, bei der wir zulassen, dass verschiedene Situationen entstehen, oder uns sogar bewusst in ungewöhnliche Situationen begeben, um das Hervortreten verborgener Tendenzen zu provozieren, und beobachten, wie gut wir die Präsenz aufrechterhalten. Das heißt, Erziehung bedeutet, dass wir Flexibilität trainieren, dass wir lernen, unsere Bewusstheit zu bewahren, unabhängig davon, ob angenehme oder unangenehme Menschen in unserer Nähe sind, ob wir uns in einem Kloster oder in einer weltlichen Umgebung befinden, ob wir leiden oder genießen; wir lernen, in der Vielfalt der Situationen dieselben zu bleiben.
In alten Zeiten maßen die Siddhas der Stufe der Erziehung sehr große Bedeutung bei. Zum Beispiel erzog Tilopa Naropa auf sehr radikale Weise, weshalb über ihn viele Legenden kursieren und verschiedene Texte verfasst wurden. Einmal unterwies Tilopa Naropa folgendermaßen. Als der örtliche Prinz auf einem Elefanten, umgeben von zahlreicher Wache, vorbeiritt, sagte Tilopa:
— Geh hin und stoß ihn vom Wagen. Das wird ein Spaß!
Naropa ging als gehorsamer Schüler hin und versuchte, diesen Auftrag seines Lehrers auszuführen. Natürlich ließ die Wache ihn nicht an den Prinzen heran und verprügelte ihn schwer. Als Naropa, kaum noch am Leben, zu Tilopa zurückgeschleppt kam, fragte dieser:
— Nun, wie war es? Hast du deine Entschlossenheit zur Praxis noch nicht verloren? Bist du von der Lehre nicht enttäuscht?
Naropa antwortete:
— Nein, denn ich sehe, wie begrenzt ich noch bin, und ich bin bereit, noch viel größere Prüfungen zu ertragen. Ich möchte die Lehre sehr stark verwirklichen und Präsenz entwickeln.
Es heißt, Naropa habe von hohen Türmen springen und verschiedene Leiden erdulden müssen. Tilopa unterrichtete ihn mit ziemlich radikalen Methoden — den Methoden der Siddhas. Solche Methoden werden heute nicht angewandt. Dennoch ist dies ein klassisches Beispiel dafür, wie die Erziehung dieses Zustands vonstattengehen kann. Es heißt, Naropa habe vierundzwanzig solcher Lektionen erhalten: zwölf kleine und zwölf große Prüfungen. Und im Verlauf dessen wurden all seine Karmas, die in seinen feinstofflichen Körpern verborgen waren, durch die Meisterschaft seines Lehrers manifestiert und selbstbefreit. Wenn Tilopa ihm nicht die Möglichkeit gegeben hätte, diese Prüfungen zu durchlaufen, hätte Naropa höchstwahrscheinlich keine Erleuchtung erlangen können. In unserer Zeit ist es gewöhnlich nicht üblich, auf diese Weise zu lehren; das heißt, die Stufe der Erziehung bedeutet nicht, dass man unbedingt irgendwelche radikalen Dinge tun muss. Vielmehr bedeutet es, ständig, wachsam und flexibel in jeder Situation jene Momente zu beobachten, in denen man „Schwachstellen“ hat, jene Momente, in denen sich dein Anhaften, Egozentrismus, deine Hoffnungen oder deine Angst zeigen, und sich damit nicht abzufinden, sondern im Gegenteil, dem besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

Die sechste Stufe — die Abhärtung
Die sechste Stufe wird „Abhärtung“ genannt. Das heißt, wenn wir unsere Präsenz bereits erzogen haben, müssen wir sie gewissermaßen abhärten, ihr die Qualität der Stabilität verleihen. Auf dieser Stufe begibt sich der Yogi oft entweder in die Berge oder durchläuft irgendwelche besonderen Praktiken, die mit der Bezähmung, mit der Anrufung von Geistern, göttlichen Wesen oder irgendwelchen nichtphysischen Wesen verbunden sind. Mit der Kraft seines Bewusstseins versucht er, diese Energien zu harmonisieren und zu besänftigen. Oder er hilft anderen, nimmt ihr Karma auf sich und härtet auf diese Weise seine Präsenz ab. Das heißt, es wird vorausgesetzt, dass sein Geist zu diesem Zeitpunkt so stark ist, dass er dies tun kann. Die sechste Stufe (Abhärtung) ist genau jener Ansatz, jene Methoden, mit denen Tilopa Naropa unterrichtete.
Eines Tages schaukelte Krishna auf einer Schaukel und führte sehr freizügige Gespräche mit Rukmini, seiner Frau. Dann sprang er plötzlich von der Schaukel auf und verschwand irgendwohin, erschien dann aber wieder. Und Rukmini fragte ihn:
— Wohin bist du denn so plötzlich verschwunden?
Krishna antwortete:
— Dort ging ein Verehrer von mir, ein Brahmane, in großer Ekstase und sang mir ein Mantra, wobei er sich vollständig auf mich verließ. Dann aber ging er an einem Ort vorbei, an dem Wäscherinnen aus einer niederen Kaste Wäsche wuschen. Ohne es zu bemerken, lief er mit den Füßen über die saubere Wäsche. Die Wäscherinnen wurden sehr zornig und wollten ihn schlagen, deshalb machte ich mich auf den Weg, um ihm zu helfen. Doch dieser Verehrer war so sehr in Glückseligkeit und Ekstase versunken, dass er keinerlei Leiden empfand. Als sie begannen, ihn zu schlagen, fuhr er einfach fort, das Mantra zu rezitieren, und verließ sich vollständig auf mich. Deshalb kehrte ich zurück, da ich sah, dass sie ihm nichts anhaben konnten, weil er in solcher Ekstase verweilte.
Abhärtung ist etwas Ähnliches: Wenn der Yogi so sehr in die Einheit mit der absoluten Quelle eingetaucht ist, dass er selbst die schwierigsten Umstände zur Selbstbefreiung bringen kann.

Die siebte Stufe — das Freilassen
Die siebte Stufe heißt „Freilassen“. Nun erlauben wir unserem natürlichen Zustand, der gereift ist, sich spontan, ungezwungen und natürlich zu bewegen, das heißt, wir beschränken uns durch nichts mehr (weder durch kulturelle Verbote noch durch spirituelle noch durch irgendwelche äußeren); in uns gibt es keinerlei Künstlichkeit. Gerade auf der siebten Stufe verwirklicht sich in vollem Maße das, was man „Samadhi des fließenden Flusses“ nennt. Mit anderen Worten: Der Yogi ist so flexibel und spontan geworden, dass er sich ständig in innerem Gewahrsein befindet; er hat keine Anhaftungen mehr, kein Bedürfnis, sich durch irgendetwas einzuschränken. Er handelt ausschließlich aus dem inneren Gewahrsein heraus.

Heilige werden oft als in das Spiel, die Lila, eingetaucht beschrieben. Zum Beispiel wird in der „Bhagavad-Gita“ Krishna beschrieben, der im Grunde genommen nicht einmal wie ein Heiliger aussah; dennoch spricht man von ihm als dem größten Heiligen, einem Avatar. Doch Krishna stahl in seiner Kindheit Butter und trieb Streiche, in seiner Jugend vergnügte er sich mit den Hirtinnen, später wurde er König von Dvaraka und nahm an der Schlacht auf dem Feld von Kurukshetra teil. Im Allgemeinen ist es schwer, wenn man seine äußeren Handlungen betrachtet, zu sagen, dass er ein Heiliger, eine herausragende Persönlichkeit war. Doch als eine schwierige Zeit kam, zeigte er Arjuna seine Absolute Form, also das, was man Vishva-rupa nennt. Ein anderes Mal zeigte er König Yudhishthira die Dimension seines „Ich“. Als sie weit nach Norden, in den Himalaya, aufbrachen, führte er ihn an einen Ort, wo Zeit und Raum endeten, wo es den Raum blendenden Lichts gab und sonst nichts. Krishna sagte: „Siehst du? Das ist mein wahres Wesen. Jetzt hast du mich wirklich gesehen.“ Das zeigt, dass Krishna nicht auf seinen physischen Körper beschränkt war und dass alle Handlungen für ihn nicht mehr als ein Spiel waren.
Ein Heiliger, der tief in die Präsenz eingetaucht ist, lässt sie frei und erlaubt allem, sich natürlich zu manifestieren. Man sagt, dass er nicht handelt, sondern spielt. Zum Beispiel ist bekannt, dass Krishna 16000 Frauen hatte, obwohl manche sagen, dass es keine Frauen waren, sondern verschiedene Zustände, dass man dies im subjektiven Sinne verstehen müsse. Dennoch gibt es eine Geschichte darüber, wie Narada, ein anderer Siddha, zu ihm kam, ebenfalls in den Zustand des Spiels eingetaucht, und sagte:
— Krishna, du hast 16000 Frauen, und ich habe keine einzige. Schenk mir wenigstens eine, sonst ist mir irgendwie langweilig.
Krishna sagte:
— Ich kann dir nur die Frau geben, die in dem Moment, in dem du sie siehst, nicht bei mir sein wird. Das heißt, diese Frau muss zu jener Zeit frei von mir sein, sonst würde es dem Brauch widersprechen.
Narada dachte: „Es gibt 16000 Frauen, und Krishna ist nur einer. Wenn Krishna in diesem Palast ist, dann ist er in einem anderen Palast nicht. Ich gehe in den nächsten Palast und suche mir eine passende Frau aus.“
Doch als er sich in einen anderen Palast begab, sah er auch dort Krishna. Als er in den dritten Palast hinüberging, war dort ebenfalls Krishna. Er ging alle 16000 Paläste ab, doch in jedem von ihnen saß Krishna und unterhielt sich mit einer seiner Frauen. Da verstand Narada, dass Krishna ihm einen Streich gespielt hatte, denn da er über unbegrenztes Potenzial verfügte, konnte er seine Energien so emanieren, dass sein physischer und subtiler Körper sich teilen und sich beliebig oft projizieren konnte.
Die achte Stufe — das Spiel (Lila)
Die nächste Stufe ist das „Spiel“, die „Lila“. Wenn der natürliche Zustand freigelassen ist und sich schöpferisch manifestiert, ist der Yogi nicht länger an das Tun gebunden, an die Selbstidentifikation als Handelnder, an das Gefühl des „Ich“, an Vergangenheit oder Zukunft. Er befindet sich in einem völlig anderen Tunnel der Realität. Er ist nicht an das Gesetz des Karma gebunden wie gewöhnliche Menschen, obwohl Restkarmas sich noch manifestieren können. Von ihm sagt man, dass er nicht lebt, sondern spielt. Er befindet sich in einer reinen Dimension, im Zustand des Spiels. Er handelt vollkommen spontan und lebt von Augenblick zu Augenblick. In jedem Moment befindet er sich in der Gegenwart und lebt sie total, absolut. Weder Gutes noch Böses, weder Reines noch Unreines können sein Herz mehr treffen, weil er sich in einem solchen einheitlichen, ganzheitlichen Zustand befindet. Wenn sich dieser Zustand vollständig verwurzelt, befindet sich der Yogi auf der Stufe des Spiels.
Spiel ist etwas, das für gewöhnliche Menschen schwer zu beurteilen und worüber schwer zu sprechen ist. Es sind völlig spontane Handlungen und ein Zustand des Nicht-Handelns. Oft werden in den Puranas die Spiele von Heiligen oder Göttern beschrieben, und es heißt, dass, wenn ein solches Spiel geschieht, es zunächst so scheint, als beginne etwas Bestimmtes, der wahre Sinn des Spiels sich jedoch erst später offenbart. Das heißt, Gott offenbart seine Ziele viel später. Zum Beispiel gab es den Heiligen Neem Karoli Baba. Als seine Schüler eines Tages in den Wald gingen und hungrig wurden, sagte er: „Dort, unter den Bäumen, versteckt der Verwalter unseres Klosters immer Essen vor euch.“ Die Schüler fanden tatsächlich Essen und anderes. Und Neem Karoli Baba sagte: „Seht ihr, der Verwalter ist gierig, er stiehlt Essen aus dem Ashram und versteckt es im Wald.“ Dem Verwalter wäre es jedoch selbstverständlich nie in den Sinn gekommen, Essen zu stehlen, es in den Wald zu tragen und dort zu verstecken. Neem Karoli Baba materialisierte das Essen, stellte es aber so dar, als würde der Verwalter es stehlen und aus irgendeinem Grund verstecken. Dennoch wurde den Schülern dies nach einiger Zeit klar.

Die neunte Stufe — die Erschaffung der Mandala
Wenn ein solches Spiel ständig geschieht, beginnt die nächste Etappe, die „Erschaffung der Mandala“ genannt wird. Die Erschaffung der Mandala bedeutet, dass das Spiel ununterbrochen ausstrahlt und die umgebende Realität transformiert. Man kann sagen, dass der Mensch aus der gewohnten karmischen Sicht heraus tritt und einen individuellen Realitätstunnel erschafft, der vollständig von seinem Bewusstsein gelenkt wird, während er selbst sich im Zentrum dieses Universums befindet. Nicht mehr die äußere Welt lenkt seine Karmas, sondern er selbst ist in Bezug auf sein eigenes Universum die zentrale Gottheit. Die Mandala ist, kann man sagen, eine heilige oder sakrale, reine Dimension, in deren Zentrum der Yogi den Status eines Herrschers, eines Gebieters einnimmt. Ein solcher Yogi wird Mandaleshvara genannt.
Analoga von Mandalas im weltlichen Leben können beliebige komplexe Strukturen oder Systeme sein. Wenn man zum Beispiel einen Schullehrer und die Schüler in einer Klasse betrachtet, dann ist die Klasse eine Mandala, also eine komplexe Struktur oder ein System, und der Lehrer ist als ihr Leiter der Mandaleshvara, ihr Herrscher. Auch ein Auto oder ein technisches Gerät kann man Mandala nennen, und der Bediener, der es steuert, wird Mandaleshvara genannt, das heißt ein Gebieter, der es durch die Kraft seines Bewusstseins lenkt.
Die Mandala als gelenkte Realität
Wenn wir von einer Mandala sprechen, geht es nicht um irgendwelche äußeren Erscheinungen; in diesem Fall ist vielmehr die ganze Welt oder das ganze Universum eine Mandala, die durch die Kraft des Bedieners oder durch die Kraft des Bewusstseins gelenkt wird. Die Mandala ist eine völlig andere Dimension des Lebens, wenn der Yogi vollständig aus der karmischen Sicht der Welt der Menschen heraustritt und in eine sakrale, heilige Dimension übergeht. Gewöhnlich sagt man, dass dies nicht mehr eine unreine karmische Sicht ist, sondern eine reine. In der Mandala erscheinen alle Klänge als Mantras, alle Lebewesen, zum Beispiel Menschen, werden als Gottheiten gesehen, alle Häuser sehen aus wie Paläste, alle sich ereignenden Geschehnisse werden als Lilas wahrgenommen, das heißt als Spiele des höchsten Geistes, als Spiele des Absoluten.
Der Yogi lässt die Mandala als individuellen Realitätstunnel gerade durch die Kraft seines natürlichen Zustands entstehen, den er hervorgebracht und entwickelt hat. In alten Zeiten waren zum Beispiel viele Heilige bekannt, die eine solche Mandala hervorgebracht hatten und gemeinsam mit ihren Anhängern und Gefolgsleuten vollständig in sie übergingen, um dort zu leben. Solche Mandalas werden in den Texten „Reine Länder“ genannt oder, in christlicher Sprache gesprochen, „Paradiese“. Man kann sagen, dass dies eine bestimmte Realität ist, die im Bewusstseinsstrom eines Heiligen geöffnet wurde, und andere Menschen (zum Beispiel Schüler, die karmisch mit ihm verbunden sind) können dort eintreten.

Beispiele für Mandalas großer Heiliger
Zum Beispiel gibt es die Mandala Maitreyas, die „Tushita-Himmel“ genannt wird. Dies ist eine Welt, die vollständig aus Maitreyas Geist durch die Kraft seines Denkens, seiner Visualisierung und seiner Absicht erschaffen wurde, und in der er die zentrale Gottheit ist. Diese Welt wurde nicht im äußeren, sondern im inneren Raum erschaffen, das heißt, man kann sagen, sie ist ein Psychokosmogramm eines großen Heiligen. Und in dieser Welt leben diejenigen, die eine karmische Verbindung zu diesem Buddha haben. Gerade dank der spirituellen Verbindung können sie in diese Welt gelangen und dort leben. Übrigens gilt, dass in dieser Welt viele Praktizierende leben, die eine wissenschaftliche, rationale Denkweise haben.

Es gibt die reinen Länder des Buddha Amitabha, der sagte: „In meine Welt kann jeder gelangen, der mein Mantra liest, zum Beispiel „Namo Amida Butsu“, und auf diese Weise eine spirituelle Verbindung mit mir herstellt.“ Es gibt Realitätstunnel, die von anderen Heiligen geschaffen wurden: Krishna-loka (Goloka Vrindavana) — eine Welt, die aus dem Geist des Avatars Krishna besteht; Shiva-loka (Kailasa) — eine vom Gott Shiva geschaffene Welt; sowie viele andere Dimensionen der Realität, die verschiedenen Religionen zugeordnet sind.
Tatsächlich besitzt jeder Heilige einen solchen Realitätstunnel: Jesus Christus, Sergius von Radonesch, Franz von Assisi, Bodhidharma, Padmasambhava, Laozi. Doch jeder besitzt genau den Realitätstunnel, der mit seinen Besonderheiten verbunden ist. Das ist die Mandala, das heißt eine Welt, die auf der feinstofflichen Ebene durch die Kraft der Absicht ihres Begründers geschaffen wurde. In der Antike konnten viele Schüler und Anhänger dieser Heiligen in solche Welten übergehen. In der Mandala ist ihr Schöpfer und Herrscher der Mandaleshvara; er tritt in der Rolle der zentralen Gottheit auf, während alle anderen gleichsam Gottheiten der Peripherie sind.

Das höchste Ziel der spirituellen Praxis
Also ist die Erschaffung eines bestimmten Realitätstunnels bereits eine sehr hohe Stufe der Mandala-Schöpfung. Man kann sagen, dass alle vorhergehenden Stufen notwendig waren, um zu dieser Stufe überzugehen. Die Lehre von der Mandala und der Schöpfung einer neuen Realität ist ein weiterer recht großer Abschnitt der Lehre, über den man gewöhnlich nicht mit Anfängern spricht. Wenn man genau über diese Stufe spricht, dann besteht das wahre Ziel der spirituellen Praxis im Aufbau eines eigenen Realitätstunnels, das heißt einer steuerbaren Realität — einer Mandala.
Wenn wir in einer nicht steuerbaren Realität leben, nennt man dies Samsara — den unerbittlichen Kreislauf von Geburt und Tod, die Wohnstätte des Leidens und der Unwissenheit (Mrityu-loka), das Rad des Samsara. All dies geschieht, weil wir uns in unreiner Sicht befinden, die durch unser dualistisches Bewusstsein bedingt ist. Christus sagte zum Beispiel, dass, wenn man ein Haus auf Sand baut, es unweigerlich einstürzen wird. Georgi Gurdjieff sprach davon, dass das Bewusstsein des Menschen, wenn er nicht erwacht ist, einer Maschine gleicht, weil er sich seiner selbst nicht bewusst ist. Gerade ein solcher Bewusstseinszustand ist für die Unwissenheit charakteristisch.
Satprem, ein Schüler und Anhänger Sri Aurobindos, hat einen solchen Ausdruck: „Sterben werden jene, die jetzt nicht sind.“ Was meinte er damit? Er sagte, dass, wenn ihr keinen solchen Realitätstunnel erschaffen habt, ihr zu Lebzeiten gleichsam nicht existiert; und wenn ihr zu Lebzeiten nicht existiert, wenn ihr nicht Herr eures Schicksals seid, dann werdet ihr sterben. Mit anderen Worten: Wenn ihr nicht wart, dann seid ihr sterblich, doch jene, die sind, werden ewig leben. Was bedeutet „jene, die sind“? Das sind diejenigen, die einen solchen Realitätstunnel geschaffen haben. Und weiter sagte er: „Derjenige, für den der Wechsel des Körpers nicht mehr ist als Kleidung, wird ewig leben.“ Und Ramakrishna hatte einen solchen Ausspruch: „Das, was wir Mensch nennen, ist in Wirklichkeit nur eine Hülle, ein Kissenbezug.“
Ein Heiliger, der seinen eigenen Realitätstunnel außerhalb des physischen Körpers erschaffen hat, sieht alles vollkommen anders, und für ihn ist der Wechsel des Körpers nicht dasselbe wie für einen gewöhnlichen Menschen. Und der Aufbau einer Mandala, oder die Erschaffung eines solchen individuellen Realitätstunnels, ist das höchste Ziel der spirituellen Praxis. Eine solche Mandala kann gemäß der Lehre genau auf der neunten Stufe erschaffen werden. Früher ist es im Prinzip unmöglich, sie zu erschaffen, weil sie nicht aus gewöhnlichen Baumaterialien geschaffen wird, sondern aus feinstofflichem spirituellem Selbstgewahrsein.

Steuerbare und nicht steuerbare Realität
Also, wie kann man die Mandala definieren? Man kann sagen, dass die Mandala (der individuelle Realitätstunnel) eine steuerbare Realität ist, eine Art Psi-Schnittstelle, ein Bereich, in dem du lebst. Sie wurde nur von dir und nur für dich geschaffen. Zum Beispiel wurde der Realitätstunnel, in dem wir jetzt leben, nicht von uns geschaffen. Von wem wurde er also geschaffen? Man geht davon aus, dass wir in einem kollektiven Realitätstunnel leben, der „kollektive karmische Sicht“ genannt wird, und dass das gesamte Universum von mächtigeren Kräften geschaffen wurde, wie etwa dem Schöpfergott Brahma. Wir leben in einem Universum, das nicht von uns und nicht für uns geschaffen wurde, sondern von anderen Kräften. Wir befinden uns in der kollektiven karmischen Sicht der Welt der Menschen und sind vollständig von ihr abhängig.
Wie lässt sich das erklären? In alten Zeiten erklärte der Buddha dies am Beispiel von Pferd und Wagen, da eine solche Analogie damals aktuell war. Da Pferde und Wagen heute nicht mehr sehr aktuell sind (manche sehen sie nur im Film), werde ich versuchen, es anhand anderer Beispiele zu erklären. In einigen Tantras heißt es, dass die Lehren entsprechend der Mentalität der Zuhörenden dargelegt werden sollen, deshalb verwende ich eine andere Analogie.
Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten am Computer und nutzen das Netzwerk eines anderen. Sie melden sich dort einfach als Benutzer an und versuchen, etwas zu tun. Doch die Gesetze, nach denen dieses Netzwerk funktioniert, sind Ihnen nicht ganz verständlich; Sie hängen von den Kräften ab, die es geschaffen haben, und diese unterstehen Ihnen nicht. Sie können dort nur in sehr begrenztem Umfang handeln, andernfalls kann man Sie, wenn man es möchte, einfach vom Netzwerk trennen. Das ist eine unkontrollierbare Realität. Ihnen werden für eine gewisse Zeit irgendwelche Dienste zur Verfügung gestellt, dennoch besitzen Sie keine sehr große Freiheit.
Und was ist eine kontrollierbare Realität, ein Mandala? Und wie entwickelt sie sich, wenn man von Präsenz spricht? Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie erstellen bei sich irgendeine kleine persönliche Seite. Sie wurde von Ihnen geschaffen, nicht von jemand anderem. Dann erstellen Sie einen größeren Informationsbereich, zum Beispiel eine Website. Danach erweitern Sie sie und schaffen ein ganzes Portal. Und wenn Sie das Portal nicht mehr zufriedenstellt, erschaffen Sie ein Mega-Portal, um sich schöpferisch frei auszudrücken. Mit der Zeit wächst dieses Mega-Portal zu einem alternativen Netzwerk heran. Das ist bereits ein Netzwerk, das nicht von irgendjemandem, sondern von Ihnen geschaffen wurde; Sie sind nicht mehr von Providern abhängig, weil Sie rechtmäßig Ihr eigenes Netzwerk eingerichtet haben. Als dessen alleiniger Schöpfer befinden Sie sich immer in seinem Zentrum. Und ein solches alternatives Netzwerk, ein virtuelles Universum, in dessen Zentrum Ihr Bewusstsein steht und dessen einziges steuerndes System es ist — das ist das Mandala. Man kann sagen, dass Sie dank der Kontemplation genau ein solches Mandala erschaffen. Wenn es keine Kontemplation gibt, ist es selbstverständlich unmöglich, ein solches Mandala aufzubauen.
Die vier Stockwerke des individuellen Realitätstunnels
Man kann sagen, dass der Aufbau eines solchen individuellen Realitätstunnels einem Haus mit vier Stockwerken ähnelt:
- Das erste Stockwerk ist mit dem Oberflächenbewusstsein verbunden, wenn Sie Achtsamkeit im gewöhnlichen Leben entwickeln, im Zustand von Jagrat (Wachsein)
- Das zweite Stockwerk ist mit dem Unterbewusstsein und der Welt der Träume verbunden, wenn Sie Ihre Achtsamkeit in die Welt des Unterbewusstseins hineintragen
- Das dritte Stockwerk ist mit dem kausalen Körper verbunden, mit der Welt ohne Formen, dem Zustand des Schlafs ohne Träume
- Schließlich sind das vierte Stockwerk und das Dach mit dem klaren Licht verbunden, mit dem ursprünglichen absoluten Zustand, dem Zustand Brahmans
Die vollständige Verwirklichung und der Aufbau des Mandalas bedeuten, dass Sie ein solches Haus mit vier Stockwerken errichten, das Geburt und Tod nicht mehr unterworfen ist, das nicht zerstört werden kann und in dem Sie gewissermaßen der Mandaleshvara sind, sein Herr. Wenn ein Mensch zum Beispiel einen solchen Realitätstunnel nicht aufgebaut hat oder nur ein Stockwerk besitzt, dann ist das Maximum, das er kontrollieren kann, lediglich das Oberflächenbewusstsein; deshalb ist er im Augenblick des Todes erneut karmischen Einflüssen ausgesetzt.
Man kann sagen, dass die Schaffung eines solchen individuellen Realitätstunnels das Hinauswachsen Ihres persönlichen „Ich“ in einen überpersönlichen Zustand ist, man könnte sagen, in eine Mega-Persönlichkeit. Die Schaffung eines solchen Mandalas hängt von der Präsenz Ihrer Achtsamkeit ab. Der Tod zum Beispiel ist eine destruktive Kraft, die den individuellen Realitätstunnel auflöst, wenn er nicht tief ist. Wenn jedoch der individuelle Realitätstunnel tief ist, wird der Tod ihn nicht auflösen können.
Zum Beispiel durchdringt ein von Heiligen oder Göttern geschaffenes Mandala die Welt der Form und die Welt ohne Formen. Die Götter in solchen Mandalas sind deren alleinige Schöpfer. Nicht in dem Sinne, dass es irgendwelche egozentrischen Besitzansprüche wären, sondern in dem Sinne, dass es nicht von irgendjemandem oder irgendetwas geschaffen wurde, sondern durch die Feinheit ihres Bewusstseins. Alle vorherigen Stufen und Praktiken waren genau dazu nötig, einen solchen individuellen Realitätstunnel aufzubauen.
Man kann sagen, dass ein gewöhnlicher Mensch, der nicht mit seinem Bewusstsein arbeitet, keinen eigenen Realitätstunnel besitzt (oder sein Realitätstunnel sehr schwach ist), deshalb tritt er in den kollektiven Realitätstunnel ein, in das kollektive Mandala, das karmische Sichtweise der Menschheit genannt wird. Doch ein Yogi, der Gewahrsein verwirklicht, tritt aus der kollektiven karmischen Sichtweise heraus; er beginnt, einen Realitätstunnel zu schaffen, der aus seinem inneren Gewahrsein hervorgeht, und verlässt den Gruppen-Realitätstunnel.

Der große Übergang zur reinen Sicht
Was ist die nächste Stufe? Es ist der vollständige Übergang in diesen Zustand. Wenn ein solcher Realitätstunnel stark ist und der Yogi sich tief in ihm gefestigt hat, verlässt er die unreine karmische Sicht und geht mit dem physischen Körper vollständig in diesen neuen Realitätstunnel über. Oft werden Heilige beschrieben, die den illusorischen Körper (oder den Regenbogenkörper) verwirklicht haben und zusammen mit dem physischen Körper aus der physischen Welt verschwunden sind, zum Beispiel: der heilige Ramalinga, der heilige Tukaram, der heilige Namdev, die tamilischen Siddhas. Sie alle haben sich in diesem Realitätstunnel so sehr gefestigt, dass sie den „großen Übergang“ vollzogen haben, das heißt, sie verließen die unreine karmische Sicht des Samsara und traten vollständig in eine von ihrem eigenen Bewusstsein geschaffene separate Realität ein.

Es gibt eine Erzählung über Namdev. Er lebte in einem Dorf, und niemand verstand seinen erhabenen Zustand. Eines Tages spielte er auf der Vina — einem Saiteninstrument. Er sagte: „Ich bereite mich darauf vor, in eine andere Welt überzugehen. Jeder, der möchte, kann mit mir gehen.“ Die Einheimischen standen da und überlegten, ob sie gehen sollten oder nicht, was das wohl für eine Welt sei. Und Namdev sagte: „Das ist ein sehr großes Glück! Selbst ohne irgendwelche Praktiken, ohne irgendein Yoga auszuüben, könnt ihr allein kraft der Verbindung mit mir in diese Welt gelangen.“
Unter den Bewohnern begann eine lebhafte Diskussion darüber, wer in eine andere Welt übergehen wolle. Doch niemand fasste schließlich den Entschluss. Da trat Namdev in Samadhi ein und warf die Vina nach oben. Sie verschwand, und gleich darauf erklangen die Töne wunderbarer Musik, der Gesang der Götter begann. Die Menschen standen jedoch weiterhin da und überlegten, ob sie mit ihm gehen sollten oder nicht. Dann begann Namdev selbst allmählich zu verschwinden, und schließlich verschwand er vollständig. Erst dann vermuteten die Einheimischen: „Ja, er ist wahrscheinlich in den Himmel gegangen.“ Sie alle waren sehr an ihre eigene Sicht gebunden und nutzten daher eine solche Möglichkeit nicht. Man kann sagen, dass Namdev den „großen Übergang“ vollzog, indem er seinen Realitätstunnel verließ und vollständig in die reine karmische Sicht eintrat.

Von der Mandala zur Loka — der Status des Lokeshvara
Schließlich, wenn der Heilige auf dieser Stufe seinen Realitätstunnel verstärkt und ihn in ein ganzes Universum verwandelt, nennt man dies nicht mehr Mandala, sondern Loka. Im Unterschied zur Mandala ist die Loka eine ganze Welt oder eine Dimension der Realität. Ein solcher Heiliger ist in diesem Universum ein Lokeshvara. Lokeshvara ist die zentrale Gottheit, der Herrscher des Universums oder der Herrscher einer bestimmten Mandala. Er ist nicht mehr einfach nur der Herrscher eines bestimmten Realitätstunnels, sondern ein so großes Bewusstsein, dass es bereits mit globalen Kategorien und mit Maßstäben der Ewigkeit auf der Ebene Brahmas operiert.
Daher heißt es in einigen Texten, dass viele Heilige, die den Weg der Evolution vollständig durchlaufen haben, in diesem Leben das Amt Brahmas innehaben. Was bedeutet es, das Amt Brahmas innezuhaben? Es bedeutet, dass ihre Präsenz so stark geworden ist, dass sie einen Realitätstunnel von solchem Ausmaß geschaffen haben, der mit den Dimensionen des Universums vergleichbar ist.
Ähnliches beschreibt Dattatreya im Text „Tripura Rahasya“. Dort heißt es, dass mehrere königliche Erben im Inneren eines kleinen Hügels ein ganzes Universum entdeckten, das durch die Kraft eines Yogis erschaffen worden war. In diesem Universum war er gleichzeitig Schöpfer, Herrscher und Zerstörer, das heißt, er erfüllte die Funktionen von Brahma, Vishnu und Shiva.
Dies ist diese letzte, oder elfte, Stufe der Praxis der Kontemplation.
In allen aufgezählten Stufen ist die Grundlage nichts anderes als unser eigenes Gewahrsein, unser natürlicher Zustand.


