Kommentar zum Text „Das Licht der Höchsten Gnade“
Wie ich versprochen habe, werden wir mit euch einige Shlokas aus dem Text von Ramalinga Swamigal „Das Licht der Höchsten Gnade“ besprechen.
Meinen Vermutungen zufolge ist unser Yoga-Kloster als Ergebnis der Prophezeiung des heiligen Ramalinga entstanden. Er sagte, dass seine Mission in Indien nicht von Erfolg gekrönt gewesen sei, doch irgendwo weit im Norden würden Menschen erscheinen, die seine Lehre predigen würden. Da ich keinen anderen Norden und keine anderen Menschen kenne, die dies tun, bin ich zu diesem Schluss gekommen, indem ich die Prophezeiungen und meine eigenen Visionen miteinander verglichen habe.
Gesang „Das Licht der Höchsten Gnade“, Kapitel 1 „Die transzendente Natur der Strahlkraft“.
O Licht der Höchsten Gnade!
Das Licht der Höchsten Gnade ist der himmlische Weg, der große Ozean des Lebens und die Strahlkraft des Allerhöchsten.
Das Licht der Höchsten Gnade erhebt sich über alles Wissen der Agamas und Veden und übertrifft sie. Das Licht der Höchsten Gnade offenbart sich durch die Vernichtung des Ego als die Urgrundlage dieser und anderer Welten.
Das Licht der Höchsten Gnade erfüllt und übertrifft sowohl diese Welt als auch die anderen, ohne die Kraft seines Einflusses zu mindern.
Das Licht der Höchsten Gnade ist der Herrscher des großen Raumes jenseits von Sprache und Geist.
Ramalinga ist selbst unter den heiligen Siddhas außerordentlich erhaben. Das, worüber Ramalinga schreibt, ist außerordentlich erhaben.
Ramalinga erlangte die Verwirklichung bereits als Kind. Er sah im Spiegel die Gottheit Kartikeya und erhielt von ihr eine direkte Übertragung. Seitdem war sein Geist vollständig erleuchtet. In der Kontemplation des nichtdualen Lichts verweilend, vollendete er im Alter von fünfzig Jahren seinen Weg, indem er seinen physischen Körper vollständig auflöste, sodass er keinen Schatten mehr warf. Und im Jahr 1874 verschwand er, indem er sich in seiner Hütte in einem Aufblitzen violetter Flamme auflöste.
Ramalinga ist selbst unter den Siddhas einzigartig. Er ist eine außerordentlich heilige Persönlichkeit, daher ist es schon einer der größten Segnungen, einfach seinen Unterweisungen zuzuhören. Ihn zu verstehen ist nicht leicht. Wenn ihr die Shlokas hört, können sie einfach wie kunstvolle Poesie erscheinen. Doch das, wovon Ramalinga spricht, ist etwas Jenseitiges. Es ist höchste Kunst der spirituellen Praxis.

Aufblitze des Geistes und flüchtige Samadhis
Vom Standpunkt des intellektuellen Verständnisses der Lehre aus spricht er über die zweite Stufe des Anuttara-Tantra – Prapatti (Selbsthingabe), das heißt Selbsttranszendenz. Wenn ihr das Prinzip der Bewusstheit entwickelt, beginnt eure Bewusstheit, Aufblitze des Geistes, Aufblitze der Klarheit zu erzeugen. Dattatreya beschreibt sie in der „Tripura Rahasya“ als flüchtige Samadhis.
Dies sind Momente, in denen der begriffliche Geist gelähmt wird, wodurch euer tiefes „Ich“ buchstäblich für einige Sekunden an die Oberfläche tritt, und dann erlebt ihr einen sehr tiefen Zustand, einen strahlend hellen Aufblitz der Klarheit. Im Anuttara-Tantra (insbesondere im Laya-Yoga), im kaschmirischen Shivaismus wird solchen Aufblitzen des Geistes sehr große Aufmerksamkeit geschenkt. Zum Beispiel beschreibt die „Vijnana Bhairava Tantra“ 112 Wege, solche Aufblitze zu erlangen.
Traditionell gibt es bestimmte Momente, in denen solche Aufblitze geschehen. Selbst ohne zu praktizieren, könnt ihr diese Aufblitze entdecken:
- im ersten Moment nach dem Erwachen, wenn ihr euch noch nicht orientiert, wo ihr euch befindet, wenn euer begrifflicher Geist noch nicht arbeitet;
- im ersten Moment vor dem Einschlafen;
- in dem Moment, in dem Gähnen oder Niesen geschieht und eure Pranas teilweise in den Zentralkanal eintreten;
- im Moment des Schocks, der Angst oder des Stresses, wenn der Geist abschaltet, sodass aus eurem Inneren das tiefe Bewusstsein an die Oberfläche tritt;
- im Moment der Wahrnehmung eines paradoxen Konzepts, wenn der Meister zum Beispiel den Schüler fragt: „Wie heißt das Kind einer unfruchtbaren Frau?“
- in dem Moment, in dem ihr in eine unangemessene Situation geratet, die euren Vorstellungen widerspricht, eine sensorisch nicht vorhersehbare Situation;
- in dem Moment, in dem die Wahrnehmung von einer Situation in eine andere übergeht, also in einen gewissen Grenzzustand (zum Beispiel wenn ihr euch trefft oder verabschiedet, wenn Bewegung oder ein Wechsel der Pranas geschieht: Wenn man diesen Moment erfasst und versucht, ihn auszudehnen, wird dies das sein, was hilft, einen solchen Aufblitz einzuschalten);
- im Moment des Schamgefühls, wenn der begriffliche Geist durch moralische Vorstellungen gelähmt wird (wenn ihr in eine peinliche Situation geratet, fühlt sich euer Ego zusammengedrückt, doch euer tiefes „Ich“ kann sich in dieser Zeit mit großer Kraft manifestieren);
- in dem Moment, in dem ihr etwas Schönes kontempliert, wenn euer Geist davon ergriffen wird (zum Beispiel wenn ihr ein wunderbares Musikstück hört);
- in dem Moment, in dem ihr in den unendlichen Raum blickt.
Dies sind Beispiele für Momente, die solche Aufblitze des Geistes erzeugen. Gewöhnliche Menschen ignorieren sie, weil ihr Bewusstsein zu sehr mit konzeptueller Tätigkeit beschäftigt ist. Doch der Praktizierende lebt ständig in einer sehr wachsamen Bewusstheit, daher sucht er fortwährend nach diesen Aufblitzen, stimmt sich darauf ein und fängt sie auf. Er lässt sie nicht einfach so vorübergehen.
Für einen gewöhnlichen Menschen sind solche Aufblitze nutzlos. Selbst wenn er ein flüchtiges Samadhi erlebt, stellt sein Ego seine Kontinuität schnell wieder her, daher verschwindet das meditative Bewusstsein. Doch ein Praktizierender kann sein begriffliches Bewusstsein lähmen, seinen Geist für eine gewisse Zeit mithilfe dieser Aufblitze blockieren und das tiefere Bewusstsein, den intuitiven Verstand, in den Vordergrund rücken. Wenn er weiß, wie er darin bleiben, kontemplieren und in fortgesetzter Kontemplation verweilen kann, dann tritt dieser intuitive Verstand in den Vordergrund und übernimmt die Führung. Und dann beginnt das flüchtige Samadhi, anstatt zu erlöschen, sich zu entwickeln und wird dauerhaft.

Entwicklung der ununterbrochenen Kontemplation
Die Suche nach solchen flüchtigen Samadhis, das Eintreten in sie und ihre Fortsetzung – das ist es, womit sich ein Praktizierender sein ganzes Leben lang beschäftigt, wenn er den natürlichen Zustand entdeckt hat. Im Grunde tun die Meister nichts anderes, als solche Aufblitze zu suchen und sie ständig zu erzeugen, sie immer weiter zu verstärken.
Wenn sich viele solcher Aufblitze angesammelt haben und der Heilige sich ununterbrochen in Kontemplation befindet, hat er keine Notwendigkeit mehr, sie irgendwie eigens zu suchen, da sie sich von selbst natürlich manifestieren. Sein Bewusstsein lodert sehr hell, weil sein begrifflicher Geist sich dank der Aufrechterhaltung göttlichen Stolzes oder der natürlichen Präsenz in Bewusstheit ständig auflöst, und dann tritt sein intuitives Bewusstsein in den Vordergrund. Und dann beginnen solche Aufblitze einfach so zu kommen. Wenn ihr aufmerksam seid, könnt ihr einen solchen Aufblitz erhalten, einfach indem ihr eine Blume anseht, einfach wenn ihr einen Hund oder einen Baum erblickt, sogar ein weltliches Lied hört, weil ihr alles mit den Augen dieses intuitiven Bewusstseins betrachtet.
Und schließlich beginnen bei einem Heiligen solche Aufblitze ununterbrochen zu kommen, einer nach dem anderen, immer heller und heller, bis sie zu einer ganzen Lawine werden, die sich wie ein Waldbrand ausbreitet, wie eine gewaltige Welle aus Licht, wenn der Schüler sich in einer Welt wiederfindet, die aus ununterbrochenen solchen Aufblitzen besteht. Das ist ein sehr großartiger und majestätischer Zustand.
Und dann sieht der Schüler, dass alles um ihn herum aus diesen Aufblitzen besteht, dass die Wirklichkeit buchstäblich von ihnen lodert, dass das Universum eine grenzenlose Manifestation dieses lodernden Bewusstseins ist und nicht Samsara, keine Illusion, dass seine Vorstellungen die Illusion waren. Die universelle Kraft beginnt ohne Mudras, Mantras, Pranayamas, Anstrengungen, Rituale, Meditationen auf ihn herabzusteigen, einfach aufgrund seiner Offenheit, Klarheit, Selbsthingabe und seines Verweilens im natürlichen Zustand. Sie beginnt in Megatonnen, in Terabytes in ihn hineinzuströmen. Und er sieht, dass dies unabhängig von seinem Willen geschieht. Wenn die Heiligen sagen: „Alles ist Brahman“, dann ist es dasselbe. Das heißt, es ist ein Zustand, in dem der Mensch Gott selbst in der allerkleinsten Erscheinung sieht.
Im apokryphen Evangelium des Petrus gibt es folgende Worte: „Spalte das Holz – du wirst Mich finden. Hebe den Stein auf – auch dort bin Ich.“ So spricht Gott. Es ist ungefähr ein solcher Zustand. Auf dieser Stufe öffnet der Mensch ein Heft und sieht Gott, blickt aus dem Fenster – auch dort ist Er, dreht sich um und schaut einem Nachbarn oder Verwandten in die Augen – auch dort ist Er. Es gibt nichts außer Gott.

Die Stufe des Prapatti (Selbsttranszendenz)
Dies ist die Stufe, auf der die Lawine der Aufblitze ununterbrochen herabsteigt und die gesamte relative Persönlichkeit verdrängt. Und ihm bleibt nur, ununterbrochen in ihr zu verweilen. Da sie ohne Anstrengung erreicht wird, nennt man sie der Gnade ähnlich. Das heißt, dies gehört schon nicht mehr dir, sondern ist wie ein königliches Geschenk. Du hast nicht einmal erwartet, einer solchen Sache würdig zu sein, doch es geschieht wie ein grundloses Geschenk. Und im Laya-Yoga wird diese Stufe Prapatti oder Selbsttranszendenz genannt. Wenn der Yogi sie erreicht hat, begegnet er dieser herabsteigenden Kraft, die ihm wie ein unfassbares Geschenk des Absoluten erscheint. Er muss sich ihr einfach hingeben, vor ihr kapitulieren und seine Werte neu ausrichten, um diese Kraft als sein „Ich“ zu erkennen.
Ramalinga beschreibt genau diese Stufe der mühelosen kontemplativen Präsenz. Sie ist außerordentlich hoch. Ramalinga schwebt so hoch, dass er nicht einmal irgendwelche anfänglichen Praktiken beschreibt: Yama, Niyama, das Lehrer-Schüler-Prinzip, Meditation, Entsagung und so weiter. Er gibt sofort diese Stufe. Doch um ihn zu verstehen, muss man begreifen, wie hoch Ramalinga schwebt.
Die Natur des Lichts der Höchsten Gnade
Ramalinga sagt, dass dieses Licht der Höchsten Gnade der große Ozean des Lebens selbst ist. Dieses Licht übersteigt das Wissen der Sutras, Tantras, Agamas und Veden, da es nicht-konzeptuell ist. Alles Wissen ist an Konzepte gebunden, doch wahres Wissen liegt jenseits von Worten. Ramalinga sagt, dass sich dieses Licht als Urgrund, als fundamentale Quelle von allem offenbart. Und außer ihm existiert nichts. Das äußere materielle Universum besteht aus Licht; es ist nichts anderes als ein Geflecht von Fäden, von Ausstrahlungen dieses Lichts. Besonders ausführlich betrachten wir dies im Abschnitt über Jyoti-Yoga.

Das Licht geht aus dem Inneren unseres Körpers hervor, aus der Gegend des Herzens und der Augen, ebenso wie das Licht einer Kerzenflamme hervorgeht, die in eine Tonpuppe mit leeren Augenhöhlen gestellt wurde. Dieses Leuchten geht hervor und projiziert das, was wir die materielle Welt nennen. Doch in Wirklichkeit ist das, was wir als äußere materielle Welt sehen, das Leuchten, das unserem Körper und unserer Energie eigen ist. Indem sie strahlt, sendet unsere Energie Ausstrahlungen aus. Diese Ausstrahlungen manifestieren sich als feine Fäden. Wenn wir in Dualität wahrnehmen, erscheinen uns die Verflechtungen dieser Fäden als materielle Gegenstände. Doch in Wirklichkeit ist all dies die Ausstrahlung des grenzenlosen einen Lichts.
Auf einer hohen Stufe der Praxis sieht der Yogi das Licht, das aus dem Punkt zwischen den Augenbrauen und aus dem Zentrum der Brust hervorgeht. Dieses Licht manifestiert sich als Bindu (Lichtsphären), Tigle, Swastikas, Om-Zeichen, Gottheiten und reine Visionen. Diese Visionen werden von Yogis im Wachzustand parallel zur Wahrnehmung gewöhnlicher Gegenstände gesehen. Dies ist eine der Phasen im Jyoti-Yoga, in der Visionen entstehen.
Jyoti-Yoga ermöglicht es uns, das Licht buchstäblich mit feinstofflich-materieller Sicht zu sehen.
Der Raum jenseits von Sprache und Geist
Das Licht der Höchsten Gnade ist der Herrscher des großen Raumes jenseits von Sprache und Geist.
Allem liegt ein von Licht erfüllter Raum zugrunde. Wenn man von der Form Gottes spricht, die uns nahe ist, so ist es das Absolute in der Form des Raumes.
Da im Laya-Yoga der Kontemplation des Raumes, des Himmels, große Bedeutung beigemessen wird, werden Praktizierende des Anuttara-Tantra manchmal Himmelsverehrer genannt. Der formlose Raum ist das einzige Bild Gottes, das uns zufriedenstellt.
Doch in Wirklichkeit ist die ursprüngliche Grundlage, die Natur des Geistes, noch tiefer als der Raum. Der Raum ist das subtilste der Elemente; im Vergleich zu Erde, Wasser, Feuer oder Wind enthält er am wenigsten grobe Tattvas, daher gibt es in ihm am wenigsten Illusionen, Maya. Doch selbst der Raum ist eine Ableitung des Bewusstseins, daher liegt die ursprüngliche Grundlage noch tiefer als der Raum.
Kapitel zwei. „Der Segen Gewährende“

Das Licht der Höchsten Gnade schenkte mir Streben, Scharfsinn, einen strahlenden Körper und Wohlergehen.
Das Licht der Höchsten Gnade brachte mich über den dunklen Ozean endloser Geburten hinweg und befreite mich von Leiden.
Das Licht der Höchsten Gnade hob mich auf eine unerreichbare Höhe und zeigte mir die niederen Wege der Religionen, die sich am Fuß des Berges befinden.
Das Licht der Höchsten Gnade zerstreute all meine Zweifel und falschen Vorstellungen und reinigte außerdem das Körpersystem von einem Übermaß an Phlegmatizität.
Kontemplation jenseits von Konzepten
Wenn wir die Praxis der Kontemplation ausüben, sagen wir, dass unser Geist an einem Punkt jenseits von Konzepten, im Zustand des Raumes, verankert sein muss. Dieser Punkt jenseits von Konzepten bedeutet nicht, dass wir Gedanken verwerfen. Gedanken können erscheinen und entstehen, doch unser Geist befindet sich tiefer – im Nicht-Gedanklichen. Wenn wir das Bewusstsein ohne Fixierung an einem solchen Punkt aufrechterhalten, sagt man, dass wir den Weg der Kontemplation, den Weg der Selbstbefreiung praktizieren. Göttlicher Stolz ist eine der Linien einer solchen Praxis. Wenn wir nicht verstanden haben, wo wir den Geist halten müssen, dann sagt man in diesem Fall, dass wir die Kontemplation noch nicht gemeistert haben. Kontemplieren bedeutet, den Geist in einem nicht-gedanklichen Zustand aufrechtzuerhalten, ohne ihn auf irgendetwas zu fokussieren.
Wenn wir einen solchen nicht-gedanklichen Zustand beim Auftreten von Gedanken oder Handlungen aufrechterhalten, befreien sich all unsere Gedanken oder Handlungen von selbst, und dann verbinden wir uns allmählich mit dem Klaren Licht. Das Klare Licht ist die wesentliche Urgrundlage des Seins des gesamten Universums und unseres „Ich“. Eben dieses Licht, der Gnade gleich, befreit vom Kreislauf von Geburt und Tod.
Ramalinga sagt: „Das Licht der Höchsten Gnade zerstreute meine Zweifel und falschen Vorstellungen“.
Solange wir diesen lichttragenden, nicht-konzeptuellen, paradoxen Raum nicht entdeckt haben, haben wir viele Zweifel, viele falsche Vorstellungen. Uns können irgendwelche Konzepte verwirren, wir können etwas sehen und nicht wissen, wie wir uns dazu verhalten sollen, wir können uns aus verschiedenen Gründen quälen, an das eine glauben und an das andere nicht glauben – all dies ist das Ergebnis der Tätigkeit des begrifflichen Geistes, der uns in die Irre führt.
Doch wenn wir diesen nicht-konzeptuellen Raum der Bewusstheit erschließen, verschwinden unsere Zweifel und falschen Vorstellungen. Wir beginnen, die Realität in ihrer Soheit zu sehen, das heißt so, wie sie ist.

Mystische Wärme (shuddhi-ushanam)
Ramalinga sagt: „Dieses Licht reinigte meinen Körper von einem Übermaß an Phlegmatizität“.
Was bedeutet das? Im Yoga gibt es den Begriff der mystischen Hitze oder heiligen Wärme (shuddhi-ushanam). In den sechs Yogas von Naropa gibt es in den Schulen des tibetischen Buddhismus eine Yogaform, die Tummo-Yoga (Yoga der Wärme) genannt wird. Ihre Adepten entfachen bewusst das innere Feuer so, dass sie in einer Nacht mehrere Laken auf ihrem Rücken trocknen können. Sie tragen das ganze Jahr über leichte Baumwollkleidung. Ihr inneres Feuer ist tatsächlich sehr stark, daher haben sie es nicht nötig, sich warm anzuziehen. Unter den Mönchen ihres Ordens gibt es sogar die Regel, nichts außer Baumwollkleidung zu tragen, selbst bei strengem Frost. Sie erzeugen Tummo (innere mystische Wärme) durch Übungen des Kundalini-Yoga, Visualisierung, Arbeit mit Pranas, Kanälen und Essenz-Tropfen. Wenn sie durch Übung eine starke innere Wärme erzeugen, beginnt dieses innere Feuer, den Schleim aus den Kanälen auszubrennen. Verstopfungen in den Energiekanälen (Schleim, Phlegma) sind das, was die freie Zirkulation von Prana (Energie) behindert. Und wenn sie solche Hindernisse für die freie Zirkulation hat, altert, erkrankt und stirbt der Mensch deswegen.
Um die Stufe des Tummo zu erreichen, ist der Yogi gezwungen, strenge Übungen, Pranayamas, Mudras, Konzentrationen auf die Chakren und die Arbeit mit dem Aufsteigen des Feuers (zum Beispiel wie in der Chandali-Praxis) zu praktizieren. Wenn er seinen Wind und sein Feuer beherrschen kann, trocknet das Feuer das Phlegma in seinen Kanälen aus, daher wird der Körper ein anderer, seine unreinen karmischen Pranas werden durch Pranas der Weisheit ersetzt.
Doch Ramalinga sagt, dass er weder Übungen noch Techniken noch Visualisierungen gemacht habe. Er habe einfach dieses Licht erschlossen, und schon das Licht selbst erzeugte in seinem Körper mystische Wärme (shuddhi-ushanam). Diese mystische Wärme reinigte ohne Übungen seinen Körper von Verstopfungen in allen Energiekanälen und gab ihm ein anderes Fleisch.

Mühelose natürliche Kontemplation
Dies ist eine sehr große Errungenschaft, wenn ein Yogi allein durch die Kraft der Kontemplation innere Wärme erzeugen kann. In der Tradition des Laya-Yoga werden ähnliche Anweisungen gegeben: Wenn Sie die kontemplative Präsenz erschlossen haben, müssen Sie lernen, sie zu vermischen, indem Sie das Prinzip von Mahasukha oder Sukha-Shunya verwirklichen, was „Einheit der Glückseligkeit der Energien des leeren Gewahrseins“ bedeutet. Das bedeutet, dass Sie Ihr Prinzip der Kontemplation und des göttlichen Stolzes in ein Chakra, in ein Element verlagern, beginnen, die Energie dieses Elements zu fühlen, und das raumgleiche leere Bewusstsein sehr langsam mit der Energie dieses Elements vermischen, bis das Chakra zu arbeiten beginnt und seine Kanäle gereinigt werden. Gerade durch ein solches Vermischen wird die Erfahrung von shuddhi-ushanam erreicht.
Zum Beispiel kann ein erfahrener Meister durch die Kraft seines Bewusstseins, ohne irgendwelche Anstrengungen, ohne Übungen und Asanas, sondern indem er sich einfach entspannt, starke Wärme in seinem Körper erzeugen, das Muladhara-Chakra öffnen und die Winde dazu bringen, in den Zentralkanal einzutreten. Selbst ohne zu meditieren, sondern indem er sich einfach entspannt und den Strom der herabsteigenden Kraft in eines seiner Zentren lenkt, kann er das eine oder andere Zentrum stärken. Dies geschieht durch mühelose natürliche Kontemplation.
Das Licht der Höchsten Gnade wurde mir zur Stütze und schenkte mir Klarheit, um das Wesen von allem ohne Hilfe des Intellekts zu erfassen.
Das Licht der Höchsten Gnade wird von jenen verehrt, die den sechs Anhaftungen entsagt haben, welche die Seele verunreinigen.
Das zweite Kapitel des Textes von Ramalinga „Das Licht der Höchsten Gnade“ ist abgeschlossen.


