Oft verstehen viele, selbst wenn sie Erklärungen jahrzehntelang hören, sie dennoch nicht. Wie lässt sich das äußerst einfach erklären? Wenn Sie sich einen Menschen oder ein Wesen vorstellen, das die Verkörperung Gottes selbst ist, Besitzer aller unvergleichlichen Eigenschaften und Vorzüge, Herr aller Welten, unsterblich und mit einem unbegreiflichen Bewusstsein ausgestattet, das von Göttern, Geistern, Dämonen und Menschen verehrt wird, dann wird in Ihnen größte Achtung vor ihm oder Ehrfurcht entstehen. Sie werden verstehen, dass man ihn nicht definieren, nicht in irgendwelche Parameter einordnen kann, dass er sich Definitionen entzieht, dass er etwas Unbegreifliches und Großes ist. Und dann müssen Sie sich selbst als einen solchen Menschen vorstellen und einfach verstehen, dass dieser Mensch Sie sind, dass Sie dieser Mensch von Anfang an sind, unabhängig davon, welche Meinung Sie dazu haben. Es ist nicht leicht, dies anzuerkennen, denn der zusammengeschrumpfte Geist, der Körper und die Gedanken sagen das Gegenteil. Doch der Weg der direkten Einführung ist das plötzliche Verständnis dessen, was es bedeutet, sich selbst als ein solch großes Wesen anzuerkennen.
In den Kampfkünsten gibt es einen Stil, bei dem Menschen Tiere nachahmen, um Meisterschaft zu erlangen. Indem sie über die Eigenschaften einer Katze meditieren, erlangen sie Griffigkeit und können an steilen Wänden hinaufklettern. Indem sie über die Eigenschaften von Vögeln meditieren, können sie hohe Sprünge vollführen, beinahe durch die Luft fliegen. Indem sie über die Eigenschaften von Affen meditieren, erlangen sie Gewandtheit. Durch die Verschmelzung des Bewusstseins entsteht ein echtes Gefühl des illusorischen Körpers, wenn der Mensch sich in ein Tier verwandelt, dessen Eigenschaften besitzt und es für seine Ziele nutzt.
Etwas Ähnliches tun auch wir, nur verwandeln wir uns in ein absolutes Wesen, in eine Gottheit, in den Zustand des allumfassenden Raumes. Am Anfang geschieht dies so, als ob es wäre; wir lassen es als Hypothese oder als Worte zu, die wir hören. Dann gewöhnen wir uns allmählich an diesen Gedanken, um zu beginnen, uns Tag und Nacht als dieses zu fühlen. Wir verändern vollständig unsere Vorstellung von uns selbst als Mensch. Warum müssen wir das tun? Weil der gewöhnliche Mensch ein Wesen ist, das an Karma gebunden und zu Geburt und Tod im Samsara verurteilt ist. Doch wir ändern die Vorstellung von uns selbst als Mensch in die Vorstellung von uns selbst als unendlichem Raum, als Gottheit. Wenn wir eine solch große Gewissheit besäßen und sofort in diesen Zustand eintreten würden, müssten wir nicht meditieren. Es heißt jedoch, dass weniger glückliche Menschen, die stark dem verstandesmäßigen Denken unterworfen sind und gezwungen sind, dem stufenweisen Weg zu folgen, meditieren müssen, bis Stabilität erreicht ist.
Weniger glückliche Menschen sind all jene, die keine Divya sind. Es heißt, dass es im Kali-Yuga keine Divya gibt, das heißt, Divya sind bereits Avatare. Alle anderen sind im besten Fall Vira, und die meisten Menschen gehören überhaupt zur Ebene von Pashu. Dennoch können wir durch Praxis in kurzer Zeit die Eigenschaften von Divya in uns entwickeln, da die Praxis des natürlichen Zustands ein sehr stürmisches Wachstum der Verdienste und ihrer Fähigkeit zur Manifestation bewirkt, das heißt, ein Yogi kann in nur sechs bis sieben Jahren einen Sprung vollziehen. Wenn wir sagen, dass es weder Meditation noch etwas gibt, worüber man meditieren könnte, dann sprechen wir von echter Erfahrung und nicht von verbaler. Die verbale Selbstbefreiung ist gut als Praxis des Verstehens.

Beispiel eines falschen Verständnisses der Selbstbefreiung
Ich hatte auf der Krim einen Schüler, der Novize war. Nachdem er während eines Retreats in der Gehmeditation ein paar Erfahrungen von Klarheit gemacht hatte, begann er zu lachen. Er wurde so freudig, dass er hinfiel und lachte. Der Dharma-Wächter brachte ihn wieder zur Besinnung. Nach diesen Erfahrungen von Klarheit begann er, sich sehr anmaßend zu verhalten. Er selbstbefreite auf einmal sowohl die Gelübde als auch das Mönchtum, das Kloster und sich selbst, wobei er mit großer Heftigkeit bewies, welch großer Praktizierender er sei, dass er viel erkannt habe, dass es weder den gebe, der spricht, noch den, der zuhört, und dass er dementsprechend alles tun könne, was er wolle. Er wollte in die Welt hinausgehen, da er beschlossen hatte, dass er nun seine Freiheit zeigen und sie wie ein furchtloser Löwe zum Ausdruck bringen müsse. Ich segnete ihn, in die Welt zu gehen, obwohl ich innerlich darüber lachte. Kürzlich kam ein Brief von ihm, in dem er schreibt, dass er drei Tage im Samadhi gesessen habe und nun von Geistern belästigt werde, weshalb er Hilfe brauche. Doch der Logik folgend, die er früher verkündet hatte, könnte man sagen, dass es weder Geister gibt noch den, den sie belästigen, noch den, an den er sich in seinem Brief wendet, wenn alles eine Erscheinung des Geistes ist, wenn alles Illusion ist. Wenn du diese Position schon eingenommen hast, dann sei so gut und halte auch daran fest. Doch das ist sehr schwierig. Du musst diese Position vollständig annehmen und dich vollständig auf sie verlassen. Selbst wenn man dir die Knochen zerschmettert, musst du sagen: „Gibt es denn jemanden, dem die Knochen zerschmettert werden? Du bist unendlicher Raum, welche Probleme könntest du also haben?“ Wenn du aber ein solches Verständnis nicht im Verhalten zum Ausdruck bringen kannst, dann musst du dich sehr bescheiden verhalten, indem du das Relative und das Absolute voneinander trennst, damit du später nicht als Dummkopf dastehst. Du musst verstehen, selbst wenn du den großen Weg praktizierst, dass es die relative (bedingte) und die absolute Wahrheit gibt. Deshalb sagen wir, dass wir, während wir die absolute Wahrheit des großen Weges praktizieren, dennoch auch im Relativen eifrig voranschreiten, ohne sie zu verwechseln.
Es gibt ein solches Sprichwort: „Furchtlose Sicht, bescheidenes Verhalten“. Das ist der beste Weg, und wenn es umgekehrt ist, geht es nicht schlimmer. Furchtloses Verhalten bei bescheidener Sicht ist ein großer Fehler.
Meditative Stabilität und der eine „Geschmack“
Was die Meditation betrifft, so entsteht die Erfahrung der Meditation, wenn alle Ursachen meditativer Stabilität vorhanden sind. Andernfalls, ganz gleich, wie viel man mitten im weltlichen Trubel und in Ablenkungen meditiert, wird die Erfahrung der Meditation nicht entstehen; deshalb sagt man auch: „Gib den weltlichen Trubel auf und widme dich der Meditation“. Allgemein sagt man, in der Meditation gebe es keinen Unterschied zwischen der Praxis der Sitzmeditation und der Zeit danach, doch wenn man anfangs die Sitzmeditation als solche nicht meistert, wird man das Wissen, die Erfahrung der Meditation, nicht mit der Erfahrung der Zeit nach der Meditation vereinen können.
Der Begriff des einen „Geschmacks“ wird unterschiedlich ausgelegt. Manche sagen, es sei die Gleichheit von allem; wenn man etwas Schönes und etwas Abstoßendes sieht, zum Beispiel den Kadaver einer Katze oder Exkremente, und dies gleichermaßen als rein sieht, dann sagt man, das sei der eine „Geschmack“. Andere sagen, der eine „Geschmack“ sei ein Zustand, in dem das, was innen ist, und das, was außen ist (der innere und der äußere Raum), gleichermaßen gesehen werden. Als Gampopa diesen Zustand erklärte, sagte er: „Der eine „Geschmack“ ist ungefähr ein solcher Zustand“, und steckte seinen Arm bis zum Ellenbogen in einen Felsen, um auf diese Weise zu zeigen, dass Körper und Raum gleich geworden waren. Wieder andere sagen, der eine „Geschmack“ sei dann vorhanden, wenn Sitzmeditation und Meditation im alltäglichen Leben ein und dasselbe sind. So gibt es je nach Schule verschiedene Zugänge zum einen „Geschmack“. Unser Zugang bezieht sich auf alle drei, das heißt, der eine „Geschmack“ zeigt sich vielfältig.
Der Zustand, den wir beim Gehen, beim Essen oder bei anderen Tätigkeiten erfahren, muss sich angleichen und von einem „Geschmack“ mit jenem meditativen Zustand sein, den wir während der Sitzmeditation erfahren. Selbst wenn wir Stufen meditativer Versenkung erlangt und den Zustand der Leerheit erfahren haben, sollten wir uns in der postmeditativen Phase aufmerksam prüfen: „Habe ich diesen Zustand auch beim Essen? Wie weit sinkt er ab?“ Wir müssen ständig versuchen, alle unbewussten Momente unseres Lebens auf den tiefen Zustand der Leerheit anzuheben. Wenn wir dies tun, sagt man, dass wir alles mit der Praxis vereinen, dass keine einzige Kleinigkeit übrig bleibt, die wir übersehen hätten.

Die Vereinigung der Meditation mit dem alltäglichen Leben
Selbst wenn du dich bemühst, den Strom des alltäglichen Verhaltens in das Fahrwasser des spirituellen Weges zu lenken, kann man einen Fehler begehen und, nachdem man die natürliche Ausrichtung verloren hat, in eine gewöhnliche Täuschung verfallen. Deshalb heißt es: „Teile die Meditation in einzelne Sitzungen auf.“ Wenn man die Praxis auf diese Weise in einzelne Sitzungen unterteilt, kann man sie anwenden, wenn ihr sicher seid, dass ihr im Zustand der Meditation die Essenz bewahren könnt. Wenn ihr dies jedoch nicht mit dem Verhalten in der Zeit nach der Meditation verbinden und einen solchen Zustand ununterbrochen aufrechterhalten könnt, dann wird die Methode der Verbindung nicht unter allen Umständen wirksam sein. Wenn der Anteil des begrifflichen Denkens überwiegt, werdet ihr nicht aus der gewohnten Bahn herauskommen. Deshalb ist es in der Zeit nach der Meditation am wichtigsten, immer und unter allen Umständen die transparente Wachheit aufrechtzuerhalten. Zu dieser Zeit besteht keine Notwendigkeit, irgendein anderes Meditationsobjekt zu suchen. Im Zustand der Meditation, der von der Sicht der Nichtdualität durchdrungen ist, werdet einem freien Wanderer gleich. Achtet nicht auf irgendwelche Handlungen und Gedanken, versucht nicht, sie zu unterdrücken oder zu entwickeln, und bewahrt diesen Zustand einer durch nichts verunreinigten Unmittelbarkeit.
Verschiedene Methoden helfen, den ursprünglichen Zustand freizulegen, doch wenn er freigelegt ist, müssen die Methoden in den Hintergrund treten, während der ursprüngliche Zustand sich manifestieren und im Vordergrund stehen soll. Das bedeutet nicht, dass wir keine Methoden verwenden, aber sie sind immer ergänzend, wenn ihr den ursprünglichen Zustand entdeckt habt. Wenn ihr ihn jedoch nicht entdeckt habt, müsst ihr beharrlich mit der Methode arbeiten, selbst wenn dies alle zwölf Jahre der Ausbildung in Anspruch nimmt. Wenn ihr in der Methode Erfolg habt, werdet ihr unbedingt den natürlichen Zustand entdecken, und dann wird er zu eurer Hauptmethode.
Überzeugung in der Praxis
Es heißt, dass ein solch weit geöffnetes Bewusstsein der reine Gedanke aller großen Meister ist, die den indischen und tibetischen Traditionen angehören. Wenn ihr nicht aufhören könnt, euch von anderen geheimen Unterweisungen außer dieser verführen zu lassen, dann gleicht ihr einem Elefantenführer, der den Elefanten zu Hause zurücklässt und sich auf die Suche nach ihm in den Dschungel begibt.
Deshalb heißt es: „Überzeuge dich, dass es nichts anderes gibt außer diesem.“ Es braucht Überzeugung in der eigenen Praxis. Diejenigen, die eine solche Überzeugung besitzen, unterscheiden sich sehr stark sowohl von gewöhnlichen Menschen als auch von gewöhnlichen Mönchen, die eine solche Überzeugung nicht haben. Daher ist es notwendig, sich ein für alle Mal davon zu überzeugen, dass die von der Leerheit untrennbare nackte Wachheit die höchste Erleuchtung ist, der keinerlei Verblendung bekannt ist, und diese Überzeugung ununterbrochen zu bewahren.
Die zweite Regel heißt „manana“. Man kann sie unterschiedlich übersetzen: „Nachdenken“, „Beseitigung von Unklarheiten“. Ich würde jedoch eher sagen, dass es Überzeugung oder Glaube ist. Durch wiederholtes Prüfen habt ihr schließlich festen Boden unter den Füßen gewonnen. Obwohl dies wie ein Wortspiel klingt, bedeutet es im Gegenteil, dass ihr jeden Boden verliert und euch auf das stützt, worauf man sich nicht stützen kann. Doch wenn wir uns auf das stützen, worauf man sich nicht stützen kann, werden wir wirklich unsterblich, denn jeder Boden, auf den sich der Geist stützen kann, ist der Zerstörung unterworfen. Der haltlose Zustand aber ist der einzige Ort, an den der Yogi sein Bewusstsein legt.
Gefahren falscher Meditation
Wenn ihr kein Vertrauen in diese Weise der Befreiung habt und einfach eine entspannende Meditation eines unbewegten Geistes praktiziert, dann wird es euch nicht gelingen, die Abweichung zu vermeiden, die in die höheren Welten führt.

Ein tibetischer Gelehrter schrieb, dass Praktizierende falscher Praktiken der Leerheit in der Welt der Tiere wiedergeboren werden können. Dies geschieht deshalb, weil, wenn sie in eine Abweichung geraten, indem sie vom Zustand der Leerheit ergriffen werden, ihr Geist nach einiger Zeit aufhört, dies zu erfassen, und die Leuchtkraft des Bewusstseins erlischt. Infolgedessen beginnt ihr Bewusstsein sehr stark dem Zustand der Unwissenheit zu ähneln, der bei Tieren vorherrschend ist. Höchstwahrscheinlich meinte er nicht, dass solche Praktizierenden buchstäblich im Körper eines Tieres wiedergeboren werden, sondern es ging darum, dass sie in einem künftigen Leben ein solch wenig leuchtendes und leeres Bewusstsein haben werden (Tamas).
Es kommt vor, dass ein Mensch bequem in der Meditation sitzen und in einem Zustand des Verschwimmens verweilen kann. Er befindet sich in der Leerheit, sein Geist ist ziemlich ruhig. Und er kann so zwei Monate lang in einem Retreat sitzen, ohne besondere Probleme. Und in diesem Text heißt es, dass dies nicht die Welt der Tiere ist, sondern eine Abweichung, die in die höheren Welten führt, wenn eine gewisse Klarheit vorhanden ist.
Befreiung im täglichen Leben
Diese Methode wird unter schweren Umständen, beim Vorhandensein von Leidenschaft oder Hass, nicht wirksam sein und den Strom karmischer Spuren nicht unterbrechen können. Daher wird es einem solchen Yogi nicht gelingen, feste Gewissheit zu erlangen. Das ist äußerst wichtig. Außerdem zeigt sich, wenn starke Leidenschaft für Objekte der Begierde oder starker Hass gegenüber Unerwünschtem entsteht, Freude über günstige Ereignisse und Genüsse, Kummer über ungünstige Ereignisse und Krankheiten — was auch immer geschieht —, in diesem Moment der natürliche Zustand. Daher ist es wichtig, die ursprüngliche Weisheit der Grundlage der Befreiung zu erkennen.
Es heißt: Selbst wenn ein Mensch in irgendeinem meditativen Bewusstsein verweilt, aber im alltäglichen Leben nicht gelernt hat, Gedanken, Kleshas, Leidenschaften und Situationen zu befreien, ist dieser Zustand nicht der, den ein Yogi benötigt. Wie lässt sich das einfacher beschreiben? Selbst wenn jemand ein guter Retreat-Meditierender ist, sich aber im alltäglichen Leben wie ein gewöhnlicher Mensch verhält, ist dies keine ausreichende Verwirklichung. Umgekehrt: Selbst wenn jemand während der Sitzmeditation keine Sterne vom Himmel holt, das heißt nicht in Samadhi oder in tiefe Dhyana eintritt, aber jede seiner Handlungen von ununterbrochener Präsenz begleitet ist, wenn er all seine Gedanken und Emotionen befreien kann, dann ist ein solcher Praktizierender weitaus tiefgründiger. Vielleicht gelingt es ihm nur deshalb nicht, in Samadhi einzutreten, weil die Struktur seiner Kanäle und Winde aufgrund früherer Karmas dies bislang nicht zulässt; dennoch besitzt er eine viel größere Reife. Der Erste hat während der Sitzmeditation einen gewissen Gipfel der Bewusstheit, doch dieser Zustand wird unterbrochen. Der Zweite hat vielleicht keinen solchen Gipfel der Bewusstheit oder keine Visionen, dafür aber eine gleichmäßige Welle, eine Unterströmung, die all seine Handlungen begleitet. Er hält sich ständig an diese Unterströmung und ist wie ein Elefant, der, alles auf seinem Weg hinwegfegend, zur Wasserstelle geht.


