Der spirituelle Weg besteht nicht nur aus Meditation und Ritualen, sondern auch aus einer tiefgreifenden inneren Transformation der Persönlichkeit. Je weiter wir voranschreiten, desto wichtiger wird das Verständnis der Kultur der Sadhus (spiritueller Asketen). Ohne die Verinnerlichung ihrer Grundlagen, ohne ein klares Verständnis dessen, was für einen Suchenden „gut und schlecht“ ist, ist eine Bewegung in Richtung Befreiung unmöglich.
Im Folgenden ist eine Sammlung von Prinzipien aufgeführt, die den „Kodex des Schülers“ bilden, basierend auf den Lehren erleuchteter Meister und heiliger Schriften.
I. Weltanschauung und Bedeutungen
Ein wahrer Sadhu betrachtet die Welt nicht mit weltlichen Augen. Er lernt, die Realität durch die Augen der heiligen Schriften und der heiligen Weisen zu sehen.
Heilige Sicht: Ein Sadhu strebt danach, die Welt als ein göttliches Geheimnis zu sehen, als einen einzigen Mega-Verstand – das Absolute. Für ihn ist die Welt ein Spiel göttlicher Energie (Chit-Shakti-Vilasa) und zugleich eine große Schule.
Ablehnung des Materialismus: Es geziemt sich für einen Schüler nicht, sich auf eine weltliche, materialistische Weltanschauung zu stützen oder Urteile auf der Grundlage weltlicher Wahrnehmung zu fällen.
Einstellung zum Samsara: Ein Sadhu sieht die Welt gleichzeitig als göttliche Realität und als materielle Falle, aus der man ausbrechen muss. Die Unfähigkeit, die Verderblichkeit des Samsara zu erkennen, ist ein Fehler für jemanden, der den Pfad beschreitet.
II. Hauptwerte und Ziele
Das Herz des Schülers gehört seinem Dharma. Er ist bereit, sich von allem zu trennen, außer von seinen spirituellen Idealen.
Höchste Prioritäten: Glaube, der spirituelle Weg, das Begreifen der Wahrheit und Sadhana (Praxis) sind die wichtigsten Schätze des Lebens. Sadhana wird nicht zur Verbesserung der „Lebensqualität“ durchgeführt; das Leben selbst wird dem Sadhana als Opfergabe gewidmet.
Lebensziel: Dem göttlichen Gesetz zu dienen, allen fühlenden Wesen zu helfen, sich von Leiden zu befreien, und absolute Weisheit zu erlangen.
Hingabe: Ein Sadhu ist ein Patriot seiner Lehre, seines Meisters und seiner gewählten Gottheit. Der Verrat an den eigenen Idealen aufgrund von mangelndem Glauben, Stolz oder Feigheit gilt als unzulässig.
III. Samaya – die heilige Verbindung
Samaya ist die reine spirituelle Verbindung mit dem Guru, der Lehre und den spirituellen Brüdern. Diese zu achten und zu bewahren, ist die wichtigste Pflicht.
Reinheit der Beziehungen: Man darf nicht in Konflikt mit seinem Wurzel-Guru oder der Lehre geraten, nicht einmal in Gedanken. Es ist auch nicht üblich, mit spirituellen Brüdern und Schwestern zu streiten, da dies ein Zeichen für schwache Selbstbeherrschung ist.
Wiederherstellung der Verbindung: Wenn das Samaya verunreinigt wurde, stellt der Schüler es sofort durch Reue und spezielle Praktiken wieder her. Es ist unzulässig, „spirituellen Schmutz“ lange im Herzen zu tragen.
Wählerisch im Umgang: Ein Sadhu meidet den Umgang mit denjenigen, die das Samaya verletzen oder beleidigen, da dies die spirituellen Verdienste zerstört.
IV. Ethik des Verhaltens (Handlungen)
Die Handlungen des Schülers sollten immer bewusst und auf das Wohl aller fühlenden Wesen ausgerichtet sein. Die Ethik basiert auf dem Prinzip von Ahimsa (Gewaltlosigkeit).
Was für einen Sadhu obligatorisch ist:
- Vegetarismus: Verzicht auf Fleischnahrung (Fleisch, Fisch, Eier).
- Verzicht auf Rauschmittel: Vollständiges Verbot von Alkohol, Tabak und Drogen.
- Brahmacharya: Kontrolle der sexuellen Energie. Für Mönche bedeutet dies Zölibat; für Hausväter die Ethik der vedischen Familie.
- Dienen: Die Bereitschaft, für andere zu sorgen, ohne Belohnung oder Lob zu erwarten.
V. Disziplin von Rede und Geist
Äußere Reinheit muss ein Spiegelbild innerer Reinheit sein.
Reine Sicht: Ein Sadhu kontrolliert seine Gedanken und versucht, das Göttliche in anderen Menschen zu sehen. Eine unreinliche Sicht (negative Bewertungen, Verurteilung) wird als dämonische Eigenschaft wahrgenommen, die der Weisheit beraubt.
Demut des Geistes: Der Schüler verlässt sich nicht auf seinen egoistischen Verstand, da er weiß, dass er angesichts des Großen Geheimnisses „nichts weiß“. Er ist immer bereit zu lernen und klammert sich nicht an erstarrte Konzepte.
Kontrolle der Rede: Die Rede sollte zurückhaltend und harmonisch sein. Die Verwendung von Slang, Schimpfwörtern, lauter Stimme oder einem gereizten Tonfall ist unzulässig.
VI. Lebensstil und Ernährung
Das tägliche Leben eines Sadhu ist so organisiert, dass es die spirituelle Praxis unterstützt.
- Ernährung: Mäßige vegetarische Kost. Zu scharfes und salziges Essen sollte vermieden werden, um das Gleichgewicht der Energien (Doshas) im Körper zu wahren.
- Zeitmanagement: Ein Sadhu verschwendet keine Zeit mit Müßiggang, Faulheit oder weltlichen Vergnügungen. Er strebt keine Ziele an, die nicht mit der spirituellen Evolution und dem Dienst (Seva) verbunden sind.
- Eifer: Das Leben des Schülers sollte von der Begeisterung für das Wissen erfüllt sein; er „brennt“ Tag und Nacht im Feuer des Glaubens.
Schlussfolgerung: Die Einhaltung dieses Kodex ist nicht bloß eine Formalität, sondern ein Weg, das eigene Bewusstsein zu reinigen und es auf die Wahrnehmung der Höchsten Wahrheit vorzubereiten. Ein Sadhu baut sein Leben auf spirituellen Autoritäten auf: den Schriften, den Heiligen und dem Inneren Lehrer.


